Hersftlöer Tageblatt
die Reklamezelle 50 Pfg. Bei Wiederholungen hersfel-er Kreisblatt"
°L'i^ ^»E E?S,L°L'^ j Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels 'SKwAt
Nr. 250
Sonnabend, den 24. Gttober
1925
Das Wichtigste.
— Der deutsche Botschafter in Paris, Herr v. H o e s ch, hat der französischen Regierung eine deutsche Note in der Frage der deutschen Entwaffnung und der Räumung der Kölner Zone überreicht.
— Die Handelsbilanz für September zeigt eine erhebliche Besserung gegen die Vormonate. Sie weist eine Abnahme der Einfuhr und eine Zunahme der Ausfuhr auf.
— Der griechisch-bulgarische Konflikt hat zu offenen Kriegs Handlungen geführt. Die griechi- Fche Armee rückt weiter vor.
Polens Kampf gegen die deuische Schule.
Dr. Paul O st w a l d veröffentlicht den folgenden Artikel im „Heimatdienst", den Mitteilungen der Reichszentrale für Heimatdienst. Wir halten den Aufsatz für höchst beachtenswert und sind der Ansicht, daß die Ausführungen des Verfassers in die weitesten Kreise des deutschen Volkes getragen zu werden verdienen.
Wenn vor kurzem in Bromberg an den beiden dort bestehenden privaten höheren deutschen Lehranstalten den Direktoren, und zugleich einer größeren Anzahl von Lehrkräften, plötzlich die Unterrichtserlaubnis durch das Posener Schulkuratorium entzogen wurde, wenn schließlich nur unter dem energischen Drängen der deutschen Elternschaft und deutscher Abgeordneter diese Maßnahmen des Posener Schulkuratoriums wenigstens insoweit aufgehoben wurden, daß den Direktoren und Lehrkräften die Unterrichtserlaubnis bis zum 31. Dezember 1925 wiedergegeben worden ist, so beleuchten diese Vorkommnisse wieder einmal grell den Kampf des polnischen Staates gegen das deutsche Schul- Hort des Deutschtums, das m den uns entrissenen Gebieten so schnell und so gründlich wie möglich ausgerottet werden soll. Daß sich dabei die Warschauer Regierung in schroffen Widerspruch zu den Bestimungen des auch für sie maßgeblichen und von ihr feierlich anerkannten Minderheitenschutz- gesetzes stellt, daß sie die eigenen, den in unserer ehemaligen Ostmark verbliebenen Deutschen gemachten Versprechungen Lügen straft, kümmert sie dabei wenig.
Das deutsche B o l k s s ch u l w e s e n ist heute in Polen bereits halb zerschlagen, und das trotz der Bestimmung im Minderheitenschutzgesetz, wonach Polen bei einer „beträchtlichen Anzahl" von deutschen Kindern zu der Unterhaltung deutscher Dolksschulklassen verpflichtet ist. Erreicht hat Polen dieses Ziel vor allem durch folgende Methoden: Es setzt einmal die Schulkinderzahl, für die deutsche Volksschulklassen zu errichten waren, bei den vorwiegend ländlichen Verhältnissen Westpreußens und Posens ziemlich hoch an, nämlich auf 40. Wo diese Zahl nicht voll erreicht wurde, gab es dann auch keine deutschen Volksschulklassen, und wo diese Zahl aus irgendwelchen Zufällen dann einmal, auch vorübergehenderweise, nicht nachgewiesen werden konnte, wurden bestehende deutsche Volksschulklassen sofort eingezogen, ohne daß sie wieder eröffnet wurden, wenn die zahlenmäßigen Verhältnisse für sie wieder günstiger lagen. Dazu erfand man eine recht künstliche Kommunalgeometrie, welche städtische und ländliche Bezirke nach Möglichkeit so einteilte, daß die hauptsächlich von Deutschen bewohnten Bezirke in kleine Splitter zerrissen wurden, bte dann Bezirken mit einer überwiegend polnischen Bevölkerung zugeteilt wurden, so daß es eben schwer wurde, 40 deutsche Schulkinder zusammenzubringen. Weiter setzte man, ohne besondere Gründe zu nennen, die an solchen deutschen Volksschulklassen unterrichtenden Lehrer und Lehrerinnen ab und schickte deutschsprechende polnische Lehrkräfte an ihre Stelle. Die Folge Don diesen und ähnlichen Gewaltmethoden war denn auch, daß bereits im vorigen Jahr in den Bezirken Nord- und Südpommerellen und im Netzgau von 38 6 6 4 deutschen Schulkindern 12 804, also ein ganzes Drittel, nicht ordnungsgemäß beschult waren, denn entweder waren sie ganz ohne Schule, oder sie hatten nur einen recht dürftigen Unterricht, zwei- bis dreimal in der Woche, oder sie waren polnischen Lehrern in die Hand gegeben. Die Verhältnisse haben sich seitdem noch bedeutend verschlimmert, denn gerade in der letzten Zeit sind viele deutsche Volksschulklassen eingezogen oder deutsche Lehrer und Lehrerinnen abgesetzt worden.
Hat Polen sich bei der Einrichtung von deutschen Volks- sckuNassen von Anfang an überhaupt nur einem äußeren Zwänge gefügt, dein es nur widerwillig mit einer gewissen Rücksicht auf die öffentliche Weltmeinung folgte, so hat es bei der Behandlung des höheren deutschen Schulwesens keinerlei Rück sichren gekannt, obwohl auch hier das Minderheitenschutz- gesetz ausdrücklich vorschreidt, daß die Minderheiten Anteil haben sollen „an dem Genuß und an der Verwendung der •Senranex die in den öffentlichen Fonds der städnm)en oder sicherer Dubgets für die Erziehung usw. ausgeietzt werden". In schrofMem Gegeruatz hierzu hat der polnische Staat viel- n:chr der deutschen Mücherheit diese Gelder gesperrt und nuntüche Wuite« für rein polnische Schulen beichlagnahnrt. Das d-uff«^ höh« Schulwesen sollte so mit einem Schlag«
vernichtet werden, Lehrer und Kinder sollten in die polnischen Anstalten hineingezwungen werden, obwohl beide Teile doch einer ausreichenden Kenntnis der polnischen Sprache entbehrten. Doch die, Polen sollten sich in dem zähen Willen der deutschen Ostmärker, die von ihrer ererbten deutschen Kultur nicht lassen wollten, bitter getäuscht fühlen. Denn die Deutschen brachten auf privatem Wege jetzt die Mittel auf, mit denen sie deutsche höhere Lehranstalten einrichteten. Mußten zunächst auch Wohnzirnmer, Boden- und Kellerräume als Schulräume dienen, mußte zunächst auch ohne Lehrbücher und Lehrmittel unterrichtet werden, es ging doch vorwärts auf diesem Wege der Tat. So bestehen denn heute wieder in Bromberg, Graudenz, Thorn und einigen anderen Städten solche privaten höheren deutschen Schulen. Die Polen freuten sich natürlich nicht darüber. Denn das, was sie schon vernichtet glaubten, ist wieder erstanden, und da die höheren Lehranstalten Privateigentum der deuffchen Minderheit sind, so sind sie amtlichen Zugriffen, die sich mit einem Schein des Rechts decken lassen, weit mehr entzogen als die deutschen Volksschulklassen. Will man die deutschen höheren Privat- anstalten vernichten, so gibt es eigentlich nur den Weg der Gewalt für Polen, wie das ja auch die Bromberger Vor- fommnisfe deutlich genug machen. Wohlweislich verschwieg man polnischerseits die Gründe, aus denen den Leitern und Lehrkräften der Bromberger Schulen die Unterrichterlaubnis entzogen und nur bis zum Ende dieses Jahres weiterbewilligt wurde. Man hatte eben keinen anderen Grund als den, daß eben diese deutschen höheren Lehranstalten dem polnischen Chauvinismus im Wege sind.
Man geht taum fehl, wenn man das vorläufige Nachgeben von polnischer Seite überhaupt mehr politischen als sachlichen Gründen zuschreibt, und zwar aus Gründen, die besonders im engsten Zusammenhang stehen mit den fast gleichzeitig mit den Bromberger Vorkommnissen begonnenen Haüdelsvertragsverhandlungen.
Lteberreichung einer deutschen
EnLwaffnungsnote in Paris.
Berlin. Der deutsche Botschafter in Paris, Herr von Hoesch, ist. auf seinen Posten nach Paris zurückgekehrt und hat gleichzeitig eine Entwaffnungsnote der deutschen Regierung mitgenommen, die er der französischen Regierung persönlich überreicht hat.
Die deutsche Note in der Entwaffnungsftage ist eine Antwort auf die schon längere Zeit vor der Konferenz in Locarno überreichte Ententenote. Sie steht aber außerdem im Zusammenhang mit den in Locarno getroffenen Vereinbarungen über die Räumung der Kölner Zone.
Ob die Note bekanntgegeben wird, ist noch sehr ftaglich, weil das gesamte Locarnoer Vertragswerk nicht gefährdet werden soll. Zudem hat sich durch den Versailler Berttag und die Praxis in Paris gerade in der Entwaffnungsftage ein Instanzenkreis entwickelt, der außerordentlich formalistisch arbeitet. Es ist deshalb angebracht, Auslandsmeldungen, die schon jetzt den Termin der Entwaffnungsaufhebung mitteilen zu können glauben, mit größter Vorsicht entgcgenzu- treten, um sich vor möglichenfalls cintretenden Enttäuschungen zu bewahren. Die Reichsregierung ist bemüht, die Entwaffnungsftage in jeder Weise vorwärts zu treiben, da sie ja mit der Kölner Räumung im engsten Zusammenhänge steht.
Ergänzende diplomatische Verhandlungen zum Locamo-Vertrag
❖ Berlin. Der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses im Reichstage werden zunächst keine weiteren parlamenta- rischen Beratungen über die Ergebnisse der Konferenz von Locarno folgen. Nur einige Fraktionssitzungen sind noch in Aussicht genommen, so u. a. für nächsten Dienstag eine Sitzung der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei an der voraussichtlich auch die Landtagsfraktion dieser Partei teilnehmen wird.
Dem Charakter der Beratungen entsprechend hat der Auswärtige Ausschuß auf jegliche Beschlußfassung oder E n t s ch l i e ß u n g v e r z i ch t e t, da der Situation entsprechend eine solche endgültige Stellungnahme noch gar nicht möglich erschien. Der allgemeine Eindruck der Beratungen ging vielmehr dahin, daß zunächst das Ergebnis der diplo- mattschen Arbeiten abgewartet werden muß, die nunmehr zwischen Berlin, Paris und London einzusetzen haben, um eine möglichst weitgehende Verwirklichung der in Locarno gegebenen Zusagen in bezug auf die politischen Rückwirkungen der verschiedenen Verträge zu erreichen. In dieser Hin- ficht besteht zwischen der Reichsregierung und den Parteien v o I l k o m m c n e Uebereinstimmung. Niemand würde jetzt in der Lage sein, eine glatte Annahme der Ab- madjungen von Locarno ohne jegliche weiteren Voraussctzun- gen auszusprechen.
Die parlamentarische Arbeit wird Voraussicht- lich erst etwa am 20. November mit dem Zusammentritt des Plenums wieder ausgenommen werden, so daß rund vier Wochen für die diplomatischen Auseinandersetzungen zur Verfügung stehen.
Das Reichskabinett hat entgegen anderslauten- den Pressemeldungen keineswegs irgendwie materiell zu den Ergebnissen von Locarno Stellung genommen, sondern, wie
auch aus dem vielfach mißverstandenen amtlichen Kommunique hervorging, lediglich eine gemeinsame Stellungnahme gefunden, die aber unter keinen Umständen bereits als eine Zustimmung zu den Vereinbarungen von Locarno ausgelegt werden darf.
Auch die Reichsregierung steht nach wie vor auf dem Standpuntt, daß die Entscheidung über die Notifizierung der Abmachungen von Locarno sich lediglich nach dem Maße dessen richten kann, was in der Zwischenzeit auf diplomatischem Wege erreicht wird. Die B e s ch l u ß f a s s u n g des Kabinetts über eine Zusttmmung zu dem Vertrag von Lo- carno kann also überhaupt erst im November nach dem Abschluß dieser diplomatischen Verhandlungen erfolgen.
In der Auffassung, daß der Sicher he itspakt und die ihm angeschlossenen Verträge nur dann an nehm - bar sind, wenn andere Abmachungen hinzu- treten, durch die den bekannten deutschen Förderungen in den wichtigen Rheinlandfragen Genüge geleistet wird, stehen die Deutschnationalen keineswegs allein, sondern diese Auffassung wird von der großen Mehrheit der anderen Parteien ebenfalls geteilt
Der englische Ministerpräsident über Locarno.
£ London. Der englische Ministerpräsident B a l d w i n nahm in einer Rede Gelegenheit, sein Urteil über das Ergebnis von Locarno abzugeben, das man wohl mit einigem Recht als das Urteil der englischen Regierung ansehen darf.
Baldwin sagte u. a.: In Locarno habe man zum ersten Male seit dem Kriege in Europa den Willen zum Frieden gesehen. Wenn das Versprechen von Locarno erfüllt werde, was zu hoffen er allen Anlaß habe, dann werde der Friede, der in Westeuropa geschaffen wurde, die Einleitung für den Frieden in ganz Europa sein. Zum ersten Male sei eine Reihe von Vereinbarungen zustande gekommen, die in ihrem Charakter umfassend und nicht ausschließend seien, mit anderen Worten, in der Vergangenheit seien Vereinbarungen zwischen zwei Nationen im Grunde doch immer gegen ein» dritte Partei gerichtet gewesen, aber in Locarno habe es nichts derartiges gegeben. Die U ed erei n kü n fts feien ge - gen niemand gerichtet. Außerdem feien die Verträge eng und unlöslich mit dem Völkerbund verbunden. Hierdurch und durch den Einttitt Deutschlands in den Völkerbund werde dessen Macht stark vermehrt. Es bedeute dies einen Schritt vorwärts zu dem Ziel, wo der Völkerbund das vielleicht fein werde, was seine Urheber im Sinne hatten, nämlich eine Vertretung der Nationen der Welt.
Er wünsche aber dabei ein Wort der Warnung zu äußern. Es bestehe die Neigung, dem einen oder anderen Lande ein besonderes Verdienst an dem Zustandekommen des Vertrages zuzuweisen. Er glaube, es fei niemand in Locarno gewesen, der nicht anerkenne, daß niemand eine wesent. kichere Rolle beim Zustandebringen des Paktes gespielt habe als Allsten Chamberlain. Jedermann habe auf seine eigene Weise schwere Arbeit geleistet, um das gemeinsame Werk zustande zubringen. Es mache keinen Unter- schied, ob dabei auswärttge oder innere Fragen berücksichtigt würden. Der einzige Weg, auf dem ersprießliche Ergebnisse erzielt werden könnten, sei gemeinsame Arbeit.
Baldwin schloß mit dem Wunsche, daß das englische Volk sich diese Faktoren vor klugen halten möge. Außerdem solle man daran denken, daß dieses Ziel nur durch den guten Willen aller an der Konferenz Beteiligten zustande kommen könne. Wenn das englische Volk sich diese Lehren zu Herzen nehme, dann werde es dazu beitragen, die Zukunft Europas und auch Englands selbst glücklicher und schöner zu gestalten.
Eine Bestätigung der deutschen Bedenken.
£ Paris. Die Pariser Presse beschäftigt sich eingehend mit dem Beschluß des Reichskabinetts und mit den Verhand- lungen der Deutschnattonalen
Der „T e m p s" weist darauf hin, daß sich die Deuffchen im Irrtum befanden, wenn sie glaubten, daß die Alliierten irgendwelche bindenden Abmachungen gegenüber der deut- schen Delegation eingegangen wären. Das Blatt stellt fest, saß außer den Paktterttägen nichts vereinbart worden sei. Die beutst Presse spreche zu Unrecht von Versprechungen, die nicht gemacht worden seien.
Es heißt dann wörtlich: „Im Laufe der offiziösen Ver- Handlungen in Locarno, die der allgemeinen politischen Lage galten, wurden weder schriftliche Zusicherungen noch münd, liche Versprechungen gegeben. Es wurde lediglich festgestellt, daß eine neu Politik neue Methoden mit sich bringt und die zwischen Deutschland und den Alliierten schwebenden Fragen in einem neuen Geiste geprüft werden könnten." Es ent- fpred;e nicht den Tatsachen, daß die Räumung auf den 15. November festgesetzt fei. Ein Räumungsdatum sei überhaupt nid# vereinbart, und die Alliierten standen noch immer auf dem Standpuntt, daß die Räumung der ersten Rheinland- zone erst nach Erfüllung der deutsche» Bbrüftungsverpflich. hingen möglich sei. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde die Räumung jedoch Ende dieses Jahres vor sich gehen können, Vorbedingung fei jedoch unter allen Umständen die Haltung Deutschlands in der Abrüstungsfrage.
Schluß erhebt der „Temps" Einspruch gegen das von Dr. Sattes aufgestellte Programm und weist darauf hin,