Einzelbild herunterladen
 

Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfeld

Nr. 239 Montag, den 12. Oktober 1925

Der Bezugspreis bekägi durch die Pofl bezogen monatlich L (Dk, ausschlleBL Bestellgeld, für Bersfeld 1. (fik. bet freier Zustellung, Abholer .80 (Dk. * Druck und Verlag »on budinig Funks Buch druckerei in Bersfeld, (nltqUed des VDZP

Anzeigenpreis für die einspaltige Petffzelle 15 Pfg. die Reklamezeile 50 Pfg. Bei Wiederholungen Dadblab. + Für die Schdfileltung neranitnortlid)

Franz Funk In Bersfeld. + Fernsprecher Dr. 8.

Das Wichtigste.

In Locarno fanden wichtige Einzel- pefpredjungen zwischen Briand und Dr. Stresemann >tnb Chamberlain und Dr. Luther statt. Die Voll- Io nferenz ist auf Montag verschoben worden.

Wie verlautet, wird eine Zusammenkunft Mussolinis mit dem russischen Außenkommissar Tschitscherm in Streso vorbereitet.

Die deutschen Sozialdemokraten in der L s ch e ch o s I n w a k ei haben die Einheitsfront aller deutscher Parteien bei den kommenden tschechischen Wahlen abgelehnt.

Das neue Wehrpflichtgesetz in Rußland.

Wer heute noch in den sowjet-russischen Systemen das System sucht, das sich 1917 an die Stelle der Zarenherrschaft setzte, ist weit entfernt von der wahren Erkenntnis der heutigen Sowjetherrschaft.

Wie bei allen Revolutionen, so schlug natürlich auch die russische Revolution bei dem Umsturz des alten Systems in die Extreme aus. Mit blinder Wut rotteten die Sowjets all das aus, was nur die Erinnerung an das Zarentum wachhalten konnte. Man riß nieder, um sich schließlich hilf­los auf den Trümmern nach neuen Wegen des Wiederauf- baues umzusehen. Um aber einen Staat zu bilden oder ein Staatsgebilde am Leben zu erhalten, bedarf es größerer Mühe, als nur der, alles Bestehende zu vernichten. Auch den Sowjets kam bald die Erkenntnis, daß in den alten Sy. ,L eigen nannu;«?^^ war u»& sSy^L ^och-vrauch- bar fei für die sowjet-russische Republik. Die Radikalen sahen sich bald in den Hintergrund gedrängt und ersetzt von nüchtern Denkenden. Die Kreise, die man vorher mit aller Schärfe von der Teilnahme am Staatsleben ausgeschlossen hatte, mußte man bald wieder heranziehen und durfte sich nicht einmal scheuen, mit gewissen Kreisen derBourgeoisie", der doch im Anfang der schärfste Kampf galt, einen Pakt zu schließen. Mehr und mehr wandelte sich so das russische System, bis es heute kaum noch etwas von den im Anfang erstrebten Tendenzen hat. Wie das Wirtschaftssystem heute längst nicht mehr das ist, das man bei dem Umsturz in Ruß­land erstrebte, soist die Sowjetrepublik in jüngsten Tagen sogar dazu übergegangen, eine allgemeine Wehrpflicht ein- z»führen.

Kürzlich wurde von der Sowjetregierung der Wort- laut des Wehrpflichtgesetzes veröffentlicht, das mit dem 1. Oktober 1925 für alle Länder des Sowjetbundes in Kraft trat. Natürlich wird auch in diesem Gesetz wie­der eine Unterscheidung zwischen den Staatsbürgern vor­genommen. Die Vereidigung des Bundes ist Pflicht aller Staatsangehörigen, die Verteidigung mit der Waffe dagegen ein Ehrenrecht, das nur denWehrtätigen", d. h. den Wahlberechtigten, also vor allem Arbeitern und Bauern, zu­teil wird. Allen anderen Kreisen der Wahlberechtigten, die keine Wahlberechtigung haben, wird auch das Recht, dem Staate mit der Waffe zu dienen, nbgesprochen, und sie sollen nach dem neuen Gesetz ihren Dienst in Arbeiterabteilungen bei Lagerverwaltungen und dergleichen versehen. Von der Heerespflicht befreit sollen diejenigen sein, die aus irgend­welchen religiösen Gründen das Waffentragen ablehnen. Sie werden zwar auch im Kriegsfalle eingezogen, es wird ihnen aber nicht zugemutet, an Kampfhandlungen teilzunehmen. Den von jeglicher Wehrpflicht befreiten Männern wird eine Wehrsteuer auferlegt.

Die Wehrpflicht dauert vom 19. bis zum 40. Lebensjahr. Die aktive Dienstzeit, die mit dem 21. Lebensjahre beginnt, umfaßt fünf Jahre, wobei je nach der Waffengattung zwei bis vier Jahre aktiver Dienst zu leisten ist, während in der restlichen Zeit der Wehrpflichtige zur Waffenübung ein­gezogen werden kann. Sogar der einjährig-freiwillige Dienst lebt wieder auf, und zwar steht er allen den Wehrpflichtigen zu, die über eine höhere Schulbildung verfügen.

Nicht einmal die Frauen sind in dem neuen Wehrpflicht­gesetz übersetzen worden. Im Frieden sollen sie in der Ar­mee nur bei freiwilliger Meldung dienen, im Kriegsfalle ist aber sogar eine Wehrpflicht der Frau für besondere Dienste vorgesehen.

Das ganze Wehrpflichtgesetz, wie es in seiner neuen Form jetzt vorliegt, bedeutet einen weiteren wesentlichen Schritt zur Konsolidierung der Sowjetherrschaft und sichert

vor allem dem neuen Rußland ein Heer, das in Kürze wie­der das stärkste auf dem europäischen Kontinent sein wird.

Einzelbesprechungen der Oelegierien. vr. Luther-Ehamberlain. 0r. Stresemann- Briand.

- Locarno. Der englische Außenminister Eham- berlain besuchte den Reichskanzler Dr. Luther zu einer verabredeten Besprechung im Hotel Esplanade. Es ist an- zunehmen, daß dieser Unterredung im Rahmen der persön­lichen Fühlungnahme sehr erhebliche Bedeutung zukommt.

Zehn Minuten, nachdem Chamberlain das Espla- nade-Hotel verlassen hatte, fuhr der Wagen des Reichskanz­lers vor, um Herrn Dr. Luther zu einem Besuch beim englischen Außenminister ins Grandhotel zu bringen. Es verlautet, daß diese Besuche den Charakter eines Höflich- keitsaktes hätten, doch sind bei dem Ernst der Lage damit zweifellos auch sehr wichtige Unterhandlungen verbunden.

Es ist bekannt, daß auf deutscher Seite noch eine Reihe Forderungen vorhanden sind, auf die nicht verzichtet wer­den kann. Von ihrer Erfüllung hängt das Schicksal der Kon­ferenz ab; sie steht und fällt mit der Bereinigung des Artikels 16 der Völkerbundsatzung. Wenn die ernste Stimmung berechtigt ist, die nach der Unterredung zwischen Stresemann und Briand Platz griff, so kann man wohl an­nehmen, daß die Zusammenkunft zwischen dem englischen Außenminister und dem Kanzler mit den Zweck hat, den Faden der deutsch-französischen Unterhaltung aufzunehmen zu dem Versuch, eine Annäherung herbeizuführen. Da der englische Außenminister die Gelegenheit benutzt, um zum erstenmal im deutschen Hauptquartier zu erscheinen, ist es nicht schwer, zu erraten, daß England den größten Wert darauf legt, die Verhandlungen in Gang zu halten.

Zn gleicher Zeit mu juee^ ^ucqt«.«^ »». auujer» mir Chamberlain fand eine Begegnung zwischen Briand und Dr. Stresemann statt.

Nach einer Genfer Meldung ist anzunehmen, daß die beiden Staatsmänner im Verlaufe der einstündigen Unter­redung das gesamte Problem der deutsch-französischen Be­ziehungen erörtert haben. Die wirtschaftliche Wiederauf- richtung Europas sei ohne die Zusammenarbeit der Nationen, die noch unter den Nachwirkungen des Krieges leiden, nicht möglich. Das gelte besonders von Frankreich und Deutschland, die aufeinander angewiesen sind. Die Interessengemeinschaft beider Länder lege daher beiden Regierungen entsprechende Pflichten politischer Solidarität auf.

Was die Debatte über Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund anlangt, so haben die deutschen Vertreter, stets dem genannten Bericht zufolge, den deutlichen Eindruck ge­wonnen, daß Deutschland durch seine Vorbehalte bezüglich des Artikels 16 des Völkerbundpaktes isoliert ist. Dieser Eindruck habe die deutsche Abordnung nachdenklich gemacht.

Die Stellung Belgiens zum Sicherheitspakt.

Eine Versöhnungsarie Banderveldes.

H. Paris. Nach Telegrammen aus Locarno hat der bel­gische Außenminister Banderuelde auf Grund der ten­denziösen Gerüchte über die Stellungnahme Belgiens zum Sicherheitspakt eine Erklärung abgegeben, in der er sagte: Der franko-belgische Vertrag und der Garantie­pakt widersprechen einander nicht, sondern ergänzen sich. Beide verfolgen dasselbe Ziel und stehen im Einklang mit bet Völkerbundssatzung. Sie haben nichts mit militärischen Bündnissen und Vorkriegsverträgen gemein, im Gegenteil, sie stellen Etappen dar auf dem Wege zur völligen Befriedi- dung Europas. Was diejenigen anbelangt, die nicht die Lächerlichkeit scheuten, in der Presse das Ende der franko- belgischen Allianz zu verkünden, so haben sie vergessen, daß es zwischen unseren beiden Ländern etwas anderes gibt, als ein bloßes Abkommen, das durch den Garantiepakt im Inter­esse des europäischen Friedens ergänzt wird, nämlich Un- zerreißbarkeit der Sympathie, des gegenseitigen Vertrauens und herzlicher Freundschaft.

Italien und Polen zur Konferenz.

Presse-Interviews des italienischen und polnischen Delegierten.

- Locarno. Zuerst empfing der italienische Delegierte S e i a l o j a die internationale Presse. Politisch interessant war die ganz besonders betonte Wendung, Italien stehe bei Behandlung der Ostfrage ganz auf dem englischen Stand-- puntt und sehe nicht ein, warum die Westsrage nicht ganz für sich allein behandelt werden könne. Als schließlich direkt nach der italienischen 'Auffassung in bezug auf den Arti- sei 1 6 der Völkerbundsatzungen gefragt wurde, erwiderte Scialoja nur:Die italienische Regierung teilt in dieser Be­ziehung die Auffassung des englischen Kabinetts."

Eine Stunde später hielt der polnische Außenminister, ®>r^e Kkrrunsli. seinen Presseempfana ab.

Graf Skrzynski hielt zunächst eine kleine Ansprache, in der er die friedlichen Ansichten und Absichten darlegte. Er wiederholte dann in vielen sehr hübsch klingenden Wendungen die polnische Bereitschaft zur friedlichen Arbeit, die an allen Grenzen gleichmäßig respektiert wer­den müsse. Der Graf schloß mit der Versicherung, daß er außerordentlich optimistisch sei in bezug auf das Friedensziel, das zu erreichen sei. Er streifte die innerpolitischen Schwie­rigkeiten, die alle Länder hätten, die in Locarno vertreten seien, und wies darauf hin, daß Polen die große Politik be­treiben würde, für den Frieden Europas einzutreten. Auf die Frage, was er zu dem deutschen Angebot zu sagen habe, wich der Graf aus und sagte, er habe noch keine Gelegenheit gehabt, mit Dr. Stresemann zu sprechen. Als Skrzynfkj die Frage vorgelegt wurde:Sie Tschechoslowakei hat einen An­trag über einen Schiedsvertrag an Deutschland gerichtet. Hat Polen dieselbe Absicht?", antworetete er:Die deutsche Anregung ist die Note vom 7. Februar, und Polens Antwort dazu ist meine Ankunft hier in Locarno."

Sirenenklänge aus Paris.

Paris. Die französische Presse beurteilt den Stand der Verhandlungen in Locarno mit unerschütterlichem Opti- mismus. Auf jeden Fall, sagt derPetit Parifien", scheine es gewiß, daß die alliierten und deutschen Minister Locarno nicht verlassen würden, ohne eine Reihe von Ab­machungen unterzeichnet zu haben, die dann nur noch der Notifizierung durch die Parlamente bedürften. Daraus, daß es die deutsche Delegation für richtig gehalten habe, in Lo­carno zu bleiben, könne geschlossen werden, daß Luther und Stresemann eine Verständigung für möglich hielten. Die deutschen Minister, sagtPetit Parisien", müßten sich davon Rechenschaft ablegen, daß Frankreich durch einen Fehlschlag der Konferenz nichts verliere (?), für Deutschland aber würde er sowohl wirtschaftlich wie politisch katastrophale Folgen haben. Sie müßten zu der Erkenntnis kommen, daß Deutschland burd) einen Abbruch der Verhandlungen den Beweis der Unauftichtigkeit der deutschen Vorschläge er- sonstwo die finanzielle und moralische Unterstübung finde, deren es bedürfe.

Wenn die Fragen der Räumung der Kölner Zone und der Erleichterung des Besatzungs» Regimes auch nicht zur Sprache gebracht worden seien, so verstehe es sich von selbst, daß die Unterzeichnung des Ga­rantiepaktes und der vorbehaltlose Eintritt Deutschlands in den Völkerbund wesentliche Vergünstigungen für Deutschland nach sich ziehen würden. (?) Es wäre absolut unmöglich, Deutschland, wenn es durch Unterzeichnung des Paktes und den Eintritt in den Völkerbund den absoluten Beweis seines

guten Willens erbracht habe, noch länger in einem Zustand der Unterdrückung zu halten. DerMatin" schreibt, der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund werde zu einer völligen Aenderung der Vorsichtsmaßnahmen führen, die Frankreich und seine Alliierten gegenüber Deutschland er­griffen hätten.

Veränderte Haltung Italiens in Locarno. ^

Locarno. Das politische Hauptereignis des Tages ist die Erklärung des italienischen Delegationsführers, daß Italien bereit sei, die volle Garantie für den abzuschließenden West- pakt zu übernehmen, und zwar im gleichen Umfange wie Großbritannien. Die Erklärung kam nicht überraschend, weil sie durch die Aeußerungen Scialojas vor der Presse schon vor­bereitet war. Ueber die

Motive des italienischen Schrittes ist man sich noch nicht ganz im klaren. Mussolini hatte es bis dahin vermieden, sich in irgendeiner Form in die An­gelegenheiten der Westmächte hineinzumischen. Auch gegen den Völkerbund bewahrte er eine bewußte Zurückhaltung. Häufig genug hat er gerade am Völkerbund scharfe Kritik geübt und die Verständigungspolitik mit bitterer Ironie ge­geißelt. So lange die

Bemühungen, zu einer wirklichen Verständigung

zu gelangen, ohne Erfolg blieben, war die Isolierung Italiens mehr ein Vorteil als' ein Nachteil. Wenn allerdings die Ver­suche einer völligen Neuordnung der europäischen Machtver- Hältnisse feste Gestalt annahmen, mußte Italien an irgendeine der bestehenden Gruppen Anschluß finden. Mussolini hat lange die Welt im ungewissen gelassen, ob er eine Verbindung mit den Westmächten Europas suchen werde, oder ob er vor­ziehen werde, durch eine Annäherung an Rußland seinen Ein­fluß auf die östliche Welt zu verstärken. Man kann auch heute noch nicht entscheiden, wie die Beteiligung am West« Pakt sich für das italienische Volk einmal auswirken wird. Zu- nächst ist sie jedenfalls geeignet, die schon reichlich vorhandene

Spannung zwischen Italien und Frankreich

zu vermehren. Italien übernimmt Frankreich gegenüber nur die eine Verpflichtung, ihm im Falle eines deutschen Angriffs beizustehcn. Jedermann weiß, daß mit dieser Möglichkeit selbst bis in eine ferne Zukunft hinein nicht zu rechnen ist. Auf der anderen Seite aber bedeutet Italiens Garantie, daß die gesamte bewaffnete Macht Iatliens verpflichtet ist, jedem Versuch einer

Verletzung der deutschen Grenz« durch französische Truppen entgegenzutreten. Man braucht sich nur einmal zu veraeaenwärtigen, daß erst vor drei Jahren