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Reisfelder Tageblatt herssel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 235

Mittwoch, den 7. Oktober

1925

Das Wichtigste.

In Locarno haben sich die j u r i st i s ch e n S a ch- verständigen verschiedener Länder zusammengefunden, um strittige und schwierige Probleme der Konferenz zu klären.

Der Außenminister Dr. Stresemann ist in Locarno leicht erkrankt. Die Vormittagssitzung wurde aus diesem Grunde auf den Nachmittag vertagt.

Der Vizesekretär der faschistischen Parteiorganisation, Luparini, wurde von Freimaurern in Florenz erschossen.

Locarno und seine Gäste.

Man kann die Berichterstattung über die Konferenz nicht beginnen, ohne der schweizerischen Regierung und der Stadt­verwaltung von Locarno den Dank abzustatten für die blen­denden Empfangsvorbereitungen.

Daß eine Sonne von italienischer Pracht über einem Landesteil scheint, der seinesgleichen in der Welt sucht, daß ein tiefblauer Himmel und violettschimmernde Berge, daß die würzige Bergluft bei sommerlicher Wärme auf die Ge­müter einwirkt und eine Atmosphäre des Friedens und der Behaglichkeit schafft, der sich niemand entzieht, das alles ist nicht das Verdienst von Menschen, die hier wohnen, aber daß man alle Straßen und öffentlichen Gebäude der Stadt neu hergerichtet hat, daß Flaggen in den Farben aller Staaten der Welt die ganzen Privathäuser schmücken, die ganze Stadt aber in glänzender Illumination prangt, das war mehr, als man verlangen oder erwarten konnte. Auf der Estrade des Konferenzgebäudes und des Treppenhauses, auf den Tribünen der Hotels hängen die Fahnen der Kon­ferenzmächte friedlich nebeneinander. Die deutsche hat man sinnigerweise in die Mitte genommen. Sie wird würdig eingerahmt von der französischen Trikolore und dem Union Jack.

Den Sonntag hat der deutsche Reichskanzler dazu be­nutzt, um in Begleitung des Pressechefs und Herren von der schweizerischen Presse einen mehrstündigen Spaziergang durch die Berge zu machen. Er fleht wohl und braungebrannt aus. Man soll die wohltuende Wirkung der Sonne und Luft von Locarno auf die Nerven der Konferenzteilnehmer nicht un­terschätzen. Die körperliche und geistige Anstrengung ist ge­waltig, und es bedarf einer letzten Anspannung aller Nerven, um ihr voll gerecht zu werden. Von der Möglichkeit, im Lago Maggiore zu baden, werden außer dem Reichskanzler wohl sehr wenige Gebrauch machen; denn das Wasser ist eisigkalt, nimmt der See doch die kleinen und großen Bäche der nahen Schneeberge in sich auf. Aber Dr. Luther ist gegen Kälte unempfindlich.

Ehamberlain scheint in bester Laune und Verfassung zu sein. Für jeden Fragesteller hat er ein freundliches und witziges Wort, und man hat reichlich Gelegenheit, seine par­lamentarische Schlagfertigkeit zu bewundern. Ebenso wie Briand benutzt er die erste Gelegenheit, um seiner Dank­barkeit für die Schönl)«it des Landes und die Bemühungen seiner Behörden Ausdruck zu verleihen. Es war ein glück­licher Gedanke, nach Locarno zu gehen. Die einzigen Leid- tragenden sind eigentlich nur die geplagten Pressemenschen, die stundenlang vor Telephonzellen warten müssen und in Helle Verzweiflung geraten, während die knappe Zeit ver- rinnt, die bis zum Redaktionsschluß des Blattes zur Ver­fügung steht. Unerwartet ist es uns nicht gekommen, aber es wird hoffentlich mit der Zeit besser werden.

An Unterkunft fehlt es nicht trotz des gewaltigen An- dranges von Berichterstattern und Neugierigen. Aber die Stadt klettert in die Berge hinauf, und wer das Pech hat, im Tale kein Quartier zu finden, wird getrost einige Pfund seines Lebendgewichtes abschreiben. Es ist weder kalt, noch warmer Sommer hier.

Nie Berichtet staitung der Luristen.

^ Locarno. Im Laufe des Montagabends berichteten die Juristen ihren Delegationen über den Verlauf und ben sachlichen Inhalt der Beratungen.

Verschiebung der VormittagSsttzung in Locarno.

Leichte Indisposition Stresemanns.

Locarno. Die für Dienstag vormittag 10,30 Uhr an- gesetzte Sitzung der Konferenz ist verschoben worden. Von zuständiger Stelle wird dazu folgende Mitteilung aus- gegeben: Die Verschiebung der Dienstagssitzung von vor­

mittag auf nachmittag ist wegen einer leichten Indisposition des Ministers Dr. Streßemann erfolgt, die auf die Auswirkung des Klimawechsels zurückzuführen sein dürfte und voraussichtlich bald behoben sein wird.

Zuversichtliche englische Preffekommentare zu Locarno.

H London. DerTimes"-Korrespondent in Locarno glaubt, obwohl die Frage der Kölner Räumung endgültig von dem Programm der Konferenz gestrichen wurde, daß es für die deutsche Delegation bei ihren innerpolitischen Ver­pflichtungen schwierig sein werde, die Berührung dieser Frage zu vermeiden. Indessen brauche die Räumungsstage nicht notwendigerweise Schwierigkeiten mit sich bringen. Man könnte vielleicht eine Lösung dadurch erreichen, daß der Pakt so lange nicht unterzeichnet zu werden brauche, bis Köln ge­räumt ist, während die deutsche Regierung auf der anderen Seite sich gezwungen sehen würde, die Ausführung ihrer Verpflichtungen aus den Entwaffnungsbestimmungen zu be­schleunigen. Das Blatt versucht alsdann, die in verschiedenen Kreisen entstandenen Befürchtttngen in Zusammenhang mit der Reise Tschitscherins nach Warschau und Berlin zu zerstreuen. Es sei nicht notwendig, das Gebaren Tschi­tscherins zu ernst zu nehmen. Die Polen könnten nichts von Rußland gewinnen, mit Ausnahme einer vorübergehenden Einstellung der Unruhen an ihrer russischen Grenze.

Mussolini kommt nach Locarno?

Paris. Die französischen Sonderberichterstatter in Lo­carno bestätigen, daß Mussolini in etwa 4 bis 5 Tagen in Lo­carno eintrifft. Nach demPetit Parisien" wird sich der italienische Ministerpräsident aber nur 24 Stunden in der Stadt aufhalten.

Nie bevorstehenden Zotterhöhungen in Polen.

£ Warschau. Die Arbeiten des Zollkomitees bei der Neubearbeitung des Zolltarifs nehmen einen raschen Ver­lauf. Die Revidierung der gegenwärtigen Zollsätze erfolgt g d«v» echötz^m^SchMes- dse Jittait

Produktion, der Einschränkung des überflüssigen Imports

Wieder!

und andererseits unter dem Gesichtswinkel der Erleichterung des Imports derjenigen Rohwaren und Hilfsmaterialien, die für die Inlandsproduktion unerläßlich sind. Diejenigen Po­sitionen des Zolltarifs, für die Frankreich und die Tschecho­slowakei Konventionsermäßigungen erhielten, werden durch das Zollkomitee nicht geändert werden. In der Frage der

Herstellung der Zollerleichterungen für Maschinen, die im Lande nicht erzeugt werden, steht das Handelsministerium auf dem Standpunkt, daß mit Rücksicht auf die ab­geschlossenen Handelsverträge die Zollerleichterungen nicht wieder eingeführt werden sollen, dagegen können die Zoll- bettäge von Fall zu Fall gänzlich zurückerstattet werden.

Die Kosten der Stützung des Zloty.

Warschau. Ueber die Kosten der Stützungsaktion für den Zloty wird noch folgendes bekannt: Zur Erlangung von Interventtonskrediten sind 20 Millionen Zloty in das Aus­land gegangen und außerdem 2 Millionen Dollar zu dem gleichen Zwecke gekauft worden. Ferner hat die Regierung beim Schweizer Bankverein eine Anleihe von 20 Millionen Frank ausgenommen, von welcher Summe bereits 17 Millio­nen zu Interventtonszwecken abgegeben worden sind. 3m August sind allein für Interventionszwecke ungefähr 65 Millionen Zloty ausgegeben mortben.

Ein Freimaurer erschießt einen Faschisten.

- Rom. In Italien dauern bereits seit mehreren Tagen die Verfolgungen von Freimaurern durch Faschisten an. In Lucca haben die Faschisten zwei Rechtsanwaltskanzleien Über­fällen und zerstört. In Rom ist es zu schweren Ausschrei­tungen gekommen. Mehrere Menschenopfer sind zu beklagen. In Florenz versuchten der Vizesekretär der faschistischen Parteiorganisation Luparini und drei Faschisten in die Wohnung des hohen Staatsbeamten Bandinelli einzudringen. B a n d i n e l l i verteidigte sich mit einem Freunde gegen die Eindringlinge und machte von der Schußwaffe Gebrauch. Es entwickelte sich eine Schießerei, während der Luparini getötet und ein Faschist leicht verletzt mürbe. Ein Auf­gebot faschistischer Miliz umzingelte darauf das Haus und eröffnete das Feuer auf die Wohnung Bandinellis. Ban­dinelli gelang es, zu entkommen, während sein Freund ge­tötet wurde. Die Faschisten zerstörten darauf die Wohnung und zündeten das Haus an. In der Stadt herrscht große Erregung, da durch das Feuer auch die nebenliegenden Häu­ser gänzlich unbeteiligter Leute in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Sicherheitspakt und BesatzungSregime.

- Paris. Der Sonderberichterstatter desMatin", Sauerwein, hält es nicht für ausgeschlossen, daß die französisä>e Regierung in der Frage des rl)einifchen Be- satzungsvegimes gewisse Zugeständnisse an Deutschland ma­chen werde, vorausgesetzt, daß die Reichsrogierung ihre Be­denken gegen die französische Garantierung der Säfleds gerichtsverträge im Osten aufgebe. Vovaittflchtlich wurden

die deutschen Minister, wenn diese Frage zur Sprache komme, geltend machen, daß sie ohne Konzession in der Verwaltung des Rheinlandes und des Saargebietes unmöglich die Zu- stimmung des deutschen Parlaments zu dem geplanten Garantievertvag erhalten werden. Alles, was ein' französi­scher Minister den deutschen Delegierten sagen könne, sei, daß der Garantiepakt eine große moralische Tragweite habe und notgedrungen zu einer Entspannung führen werde, die sich in allen Fragen, daher auch in der Verwaltung der Rheinlande, kundtun werde.

Gefährliche deutsche Währungspolitik.

SchwereBedenkengegenüberdenAuslands. krediten der Gemeinden.

- Karlsruhe. Anläßlich seines Besuches bei der badi- fchen Regierung sprach Reichsbankpräsident Dr. Schacht vor geladenen Gästen über wirtschaftliche Fragen. Nachdem der badische Staatspräsident Dr. Hellpach den Reichsbank. Präsidenten begrüßt hatte, führte Dr. Schacht u. a. folgendes aus: Das hier und da auftauchende Gerücht einer neuen In­

flation zeugt von mangelnder Kenntnis der Währungs- gefetze. Es handelt sich lediglich um eine Teuerung. Ich hänge und dränge nach einer internationalen Währung, die den Austausch ermöglicht. Die Währung ist durch die Bank- und Münzgesetze geregelt. Die Deckung muß unbedingt auf- rechterhalten werden. Seit der Stabilisierung ist die Mark absolut festgeblieben. Es ist nun die Frage, ob die Wirtschaft so viele Devisen beschaffen kann, daß der zur Wirtschaft nötige Kredit herauskommt. Bisher bestand die Vor­stellung, daß man Geld künstlich schaffen könne. Die Inflation hat gezeigt, daß Deutschland vollständig ausgepumpt war. Die Rentenmark hat uns ein Mittel in die Hand gegeben, das auf die Psychologie des Volkes eingestellt war und eine Atempause geschaffen'hat. Kredit ist nur langsam und vor- sichtig zu gewinnen. Die Spar- und Erwerbskräfte stellen größere Kapitalquellen dar, als jeder Auslandskredit. Dringend nötig ist eine Beschränkung der Auslandskredite ' auf das geringste Maß. Die Anleihen der Kommunen im Ausland sind zu verwerfen, wenn nicht von vornherein die .SuEne-zr^Dechmtzf -sschevMkMi-^ftr -Der grosse-Fon,cheitt feit Jahresfrist geht dahin, daß an Stelle der Gewalt die ver­nünftige UÜberlegung getreten ist. Die Aufbringung der Daweszahlung ist möglich, wenn Deutschland durch eigene Kraft in den Vorkriegszustand kommt, doch läßt uns das Ausland nicht so weit gelangen. Europa muß als ein einziges wirtschaftliches Gebiet propagiert werden. Schutzzölle würden Deutschland die Airslanüsnrärkte verschließen, wo jetzt gerade eine Erweiterung der Wirtschaft nötig wäre.

Im Anschluß an die Rede des Reichsbankpräsidenten wurde in eine Aussprache eingetreten, in der Vertreter der Industrien, des Gewerbes, der Kommunen usw. zu den Er- fahrungen Dr. Schachts Stellung nahmen. Am Abend folgten die Gäste einer Einladung der badischen Regierung in das Staatsministerium.

Der Deutsche Industrie- und Handelstag zur handelspolitischen Lage.

$ Berlin. Mit dem gegenwärtigen Stande der Handelsvertragsverhandlungen be­schäftigte sich der Außenhandels-Außschuß des Deutschen In- dustrie- und Handelstags in seiner letzten Sitzung. Kom- merzienrat Schwarz (Bing-Werke in Nürnberg) berichtete über den Stand der deutsch-spanischen und der deutsch-italie­nischen Verhandlungen. Ministerialdirektor Posse vom Reichswirtschastsministerium ergänzte im Namen der Reichs- regierung diesen Bericht durch einige grundsätzliche Aeuße­rungen. Er betonte die Bedeutung, die die Reichsregierung dem Abschlüsse von Meistbegünsttgungsverträgen beimißt. Insbesondere sei die Reichsregierung bestrebt, die Meist- begünfttgungsvcrttäge durch Tarifabreden zu ergänzen, um auf diese Weise über den Rahmen der allgemeinen Meist- begünftigung hinaus Erleichterungen für die deutsche Aus­fuhr zu schaffen. Derartige Zollzugeständnisse, bei denen Japser für den einzelnen unumgänglich sind, liegen im Zwecke der Zollnovelle, die durch vertragliche BoHermägigungen erst ihren eigentlichen Inhalt bekommt, und müssen gemacht wer­den, damit der Preisstand im Inland« nicht über Gebühr durch ein Feschalten an den autonomen Zollsätzen hoä> gcfjalten wird. Ministerialdirektor Posse appellierte an die Unterstützung auch des Deutschen Industrie- und Handels­tags bei diesen Bestrebungen und fand damit den Beifall der Versammlung.

Am 5. Oktober hat die Anmeldefrist für Reichsanleihen begonnen.

£ Berlin. Amtlich wird mitgeteilt: Es ist bereits be­sannt gegeben worden, daß am ö. Oktober d. I. die Frist für die Anmeldung von Reichsanleihen alten Besitzes zum Umtausch in die Änleiheablösungsschuld des Deutschen Reiches und für die Stellung von Einträgen auf Gewährung von Auslosungsrechten begonnen hat. Wer ein Auslosungsrecht erhält, nimmt mit dem Betrage des Aus- losungsrechtes an oer Tilgung der Anleiheablöfungsschuld teil und erhält bei der Einlösung 12% v. H. des Nenn­betrages der alten Anleihen zuzüglich 4% v. H. Zinsen für jedes Jahr vom Beginn der Tilgung an.