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Hersfelöer Tageblatt

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^ m i^ * r«^ nr. 11 Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelü Budidrutfeerel in Bersleld, (Slfglled des $DZP. |

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Nr. 22g Mittwoch, den 30. September 1925

Das Wichtigste.

Das Neichskabinett hielt am Dienstag abend eine Sitzung ab, in der der Schritt der deutschen Botschafter in Paris und London behandelt wurde.

Dr. Eckener weist entschieden die Angriffe von Ame­rikanern zurück, daß bei dem Bau des für Amerika gebauten Zeppelin schlechtes Material verwendet sei.

Tschitscherin ist von Warschau abgereist und in Berlin eingetroffen.

Tschitscherin in Berlin.

Während die Augen aller Deutschen heute nach dem Westen gerichtet sind, wo sich die Geschicke Deutschlands, die durch den Dersailler Vertrag keineswegs geregelt wurden, zu einem neuen Stadium entwickeln, während jeder vorausfieht auf die Konferenz in Locarno, bei der die seit langem schwe­benden Sicherheitsfragen nun endlich einmal zur mündlichen Erörterung stehen werden, währenddessen ist in Warschau der russische Außenkommissar Tschitscherin eingetroffen. Er, der Vertreter der sowjetrussischen Republik, die gegen Polen unentwegt den Krieg im Frieden führte, der allerdings von polnischer Seite mit ebensolcher Inbrunst erwidert wurde, er reist ganz plötzlich in die polnische Hauptstadt, meldet sich bei den polnischen Ministern an und hält mit ihnen Kon­ferenzen über russisch-polnische Fragen so heißt es.

Ohne Frage muß zwischen Rußland und Polen der seit Kriegsende bestehende Zustand ein Ende erfahren. Es gibt wohl kaum erbittertere Feinde als den Russen und den Polen, es fei denn, daß man die polnische Feindschaft gegen Deutsch­land zum Vergleich heranzöge. Wir erinnern an die immer wiederkehrenden Grenzzwischenfälle an der polnisch-russischen Grenze, die mit einer Erbitterung ausgetragen wurden, die

Wir erinnern an die haßerfüllten Artikel der polnischen Presse gegen den sowjetrussischen Nachbarn. Und nun dieser plötz­liche Besuch Tschiffcherins, nun diese Hrzlichkeit, mit der der Russe bei seinem Einzug in die polnische Hauptstadt emp­fangen wird. Er ist schwer krank) muß gestützt werden, um überhaupt vorwärtskommen zu können, aber seine Mission in Warschau duldet keinen Aufschub. Das beweist zur Genüge, daß Tschitscherin mit Plänen kommt, die nicht nur die russisch- polnischen Verhältnisse betreffen. Die polnische Presse hat mit Ausnahme der nationalistischen ihren Ton gegen Ruß- land und seinen hohen Außenkommissar geändert, sie hat ihn willkommen geheißen in ihrer Hauptstadt.

Herr Tschitscherin ist, wenn wir diese Zeilen lesen, bereits in Berlin. Hierhin hat er eine Konferenz der russischen Bot­schafter bei den Großmächten berufen, er hat also mit ihnen Fragen zu besprechen, die die europäischen Mächte angehen nicht nur Polen. Tschitscherin wird zweifellos auch an die deutschen Regierungsstellen herantreten, wird mit deutschen Ministern Besprechungen haben und ebenfalls auch mit dem Reichsaußenminister. Dann wird sich zeigen, zu welchem Zweck er diese Reise unternommen hat.

Fraglos birgt Herr Tschitscherin im Bausche seiner Toga Vorschläge zur Sicherheitsfrage. Er sieht, daß in allerkürzester Zeit die europäischen Mächte sich zusammensetzen werden, um das bisher ungelöste Problem der Sicherheit in Europa zu lösen oder doch wenigstens der Lösung näherzubringen. Rußland ist zu einem Teil auch noch europäischer Staat. Durch die Sicherheitsverhandlungen, wie sie aber jetzt auf­gezogen werden sollen, sieht es sich beiseite gedrängt. Außer­dem wird Herr Tschitscherin in Berlin zweifellos an den Vertrag von Rapallo erinnern und wird die Frage aufwerfen, wie sich dieser Vertrag zwischen Rußland und Deutschland mit dem Sicherheitspakt vereinen läßt, den Deutschland jetzt abschließen will oder vielmehr abschließen soll. Dann taucht ein neues, schweres Problem auf, das kurz heißt:West- oder Ostorientierung Deutschlands; ein Problem, das auch zur Zeit Bismarcks die deutsche Außenpolitik be­herrschte. Schon diese oder jene Partei in Deutschland hat die Frage der Stellung Deutschlands zu Rußland im Zu­sammenhang mit der Sicherheitsfrage angeschnitten. Dabei ist bereits gewarnt worden, daß unsere Unterhändler, was auch immer sie in Locarno vereinbaren mögen, eine Ver- uneinigung Deutschlands mit Rußland oder auch nur ein« Mißstimmung Rußlands gegen uns vermeiden müssen.

Die Sicherlieitsfrage bekommt hier wieder eine neue Seite, die nicht übersetzen werden darf und die, wenn sie uirberück- sichtigt bleibt, recht unangenehm für die deutsche Außen­politik in Erscheinung treten kann. Dr. M.

Der deutsche Schritt in Paris und London.

Der Besuch des deutschen Botschafters bei Briand.

^ Paris. Die Pariser Blätter berichten ausführlich über den Besuch des deutschen Botschafters am Quai d'Orsay. Es wird behauptet, daß Herr von H o e s ch eine Verbalnote hinterließ, die folgende Punkte behandelte:

1. Erleichterungen der Militärkontrolle.

2. Abgabe des formellen Versprechens, daß Köln vor der Unterzeichnung des Sicherheitspaktes geräumt wird.

3. Protest gegen die Kriegsschuldparagraphen.

In verschiedenen Fragen ist noch keine Einigung erzielt worden. In unterrichteten Kreisen glaubt man, daß der deutsche Botschafter noch weitere Besprechungen mit Briand haben wird.

Die Blätter legen großen Wert auf die Feststellung, daß die vom deutschen Botschafter erhobenen Vorstellungen keineswegs als Voraussetzungen für die Eröffnung der Kon­ferenz zu betrachten seien. Die Verhandlungen würden einen raschen Verlauf nehmen. Von zuverlässiger Seite er­fährtPetit P a r i s i n", daß nur noch eine Frage zu regeln sei, damit der Entwurf des Rheinpaktes, wie er in London ausgearbeitet wurde, von sämtlichen Unterhändlern angenommen werde. Ueber die Schiedsgerichts­verträge Deutschlands mit Polen und der Tschecho­slowakei, die Frankreich zu garantieren gedenke, seien die Verhandlungen noch lange nicht so weit fortgeschritten. Man wisse nur soviel, daß sich Skrzynski und Benesch in Locarno aufhalten würden.

Ein bei Ausgang der Unterredung des deutschen Bot­schafters mit dem Außenminister Briand Herausgegebencs (Kommunique besagt, daß eine Einigung in den mit der Ministerkonferenz zusammenhängenden Rebenfragen nicht erzielt wurde. Man erklärt, daß die alliierten Regierun­gen beschlossen haben, sich zunächst über den Sinn der von den deutschen Botschaftern gegebenen mündlichen Erklärun­gen zu verständigen. Man rechnet entsprechend damit, daß ber festgesetzten Konferenz eintreten wird. Der Londoner Havas-Bertreter erfährt, daß die Veröffentlichung der deutschen Antwortnote auf die Einladung der Alliierten auf Donnerstag verschoben wurde. Die Antwort stellt, wie von amtlicher englischer Seite offiziell bestätigt wurde, eine bedingungslose und vorbehaltlose Annahme der Einladung dar. Entgegen der von englischen Blättern vertretenen Auffassung, steht die Regierung auf dem Stand­punkt, daß die mit dem Sicherheitspakt zusammenhängenden Fragen, mag es sich um den Rheinlandpakt oder um die öst­lichen Schiedsgerichtsverträge handeln, in Locarno gelöst wer­den können. Es besteht kein Grund, wurde von einer maß­gebenden Seite erklärt, Fragen, die besonders Polen und die Tschechoslowakei interessieren und zudem auf dem Programm der Konferenz eingeschrieben stehen, in Locarno nicht zur Sprache zu bringen.

Der Besuch bei Lhamberlain.

Die Beurteilung der Aussichten der bevorstehenden Pakt- konferenz in Londoner maßgebenden Kreisen ist, wie wir hören, nach wir vor recht o p t i m i st i s ch. Man hält es in­dessen nicht für zweckmäßig, auf die nach Ueberreichung der deutschen Antwort stattgefundene Unterhaltung zwischen dem deutschen Botschafter unb Austin Chamberlain näher einzu- gehen. Die Frage, ob es sich bei der gegenwärtigen Kon­ferenz um eine ' Präliminarkonferenz oder um eine Kon­ferenz, auf der endgültige Beschlüsse gefaßt werden sollen, handelt, wird in London als eine Frage von untergeordneter Bedeutung bezeichnet. Gelänge es jetzt, eine wirkliche Eini- gung herbeizuführen, so käme es bei der möglicherweise statt- findenden zweiten Konferenz nur noch auf formale Dinge an. Gelänge es jetzt nicht, eine Einigung zu erreichen, so würde eine zweite Konferenz unbedingt notwendig werden. Zum Schluß verdient die Tatsache hervorgehoben zu werden, daß sich keiner der leitenden Minister zurzeit in London be­findet. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß im Laufe dieser Woche auch nur eine Kabinettssitzung stattfinden wird. Offen­sichtlich stehen die nicht im Ausland befindlichen Minister mit­einander in Verbindung; von einer verantwortlichen Stellungnahme der englischen Regierung zu irgendeiner großen Frage kann zurzeit schon aus dem Grunde keine Rede sein, weil dazu die formalen Voraussetzungen fehlen.

Aachtsitzung des Neichskabinetis.

Erörterung der Botschafterdemarche.

£ Berlin. Reichskanzler Dr. Luther berief Montag spät abends das Reichskabinett zu einer Sitzung zusammen. Die Beratung dauerte bis 2 Uhr nachts. Wie wir hören, haben die von unseren Botschaftern aus London und Paris eingelaufenen Mirteilungen über das Ergebnis ihrer Be- sprechung mit dem englischen bzw. französischen Außen­minister den Grund zu der Nachtsitzung des Reichskabinetts gegeben. An unterrichteter Stelle wird hierzu erklärt, daß der Kanzler lediglich einige Minister in später Stunde zu sich gerufen habe, um mit ihnen einige über das Pakt- problem zusammenhängende Fragen zu besprechen. Ueber den Inhalt dieser Ministerbesprechung lasse sich ebensowenig

Näheres mitteilen wie über Ort und Zeitpunkt der Konfe­renz. Die noch immer ungeklärte Lage sei zwar an sich be­dauerlich, biete aber keinerlei Anlaß zu Pessi­mismus. Im übrigen wurde Dienstag nachmittag Herr von Hoesch abermals vom Außenminister Briand empfangen, und es werde dann auch voraussichtlich die Veröffentlichung der deutschen Antwortnote erfolgen können.

In parlamentarischen Kreisen wird die Tatsache der Nachtsitzung des Reichskabinetts eifrig erörtert. Man ist der Ansicht, daß Briand in feiner Unterredung mit dem deutschen Botschafter den deutschen Wunsch nach innerer Gleichberechtigung und das Anfchneiden der seinerzeit er­zwungenen Anerkenntnis der alleinigen Schuld Deutschlands am Kriege außerordentlich un­gnädig ausgenommen und eine Zurückziehung dieser deutschen Erklärung verlangt habe. Außerdem sollen in der Kabinetts­sitzung eine ganze Reihe weiterer Differenzpunkte zur Sprache gekommen sein, über die schon auf der Iuristen- besprechung in London Uneinigkeit herrschte und die auch jetzt in derselben Schärfe fortbeständen.

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Auch in Paris trat am Dienstag mittag ein Ministerrat zusammen, der sich mit den Erklärungen des deutschen Botschafters zur deutschen Antwortnote be­faßte. Eine offizielle Erklärung über das Ergebnis des Mi­nisterrats ist jedenfalls nicht zu erwarten. Vermutlich, wer­den sich die Beratungen auch über mehrere Tage hinziehen. Jedenfalls ist man in Paris der Meinung, daß die Konferenz am 5. Oktober kaum schon wird zusammentreten können. Auch die Veröffentlichung der deutschen Antwort, die für Mittwoch vorgesehen war, wird dann jedenfalls hinausge­schoben werden.

Das französische Auswärtige Amt hat die Pariser Presse ersucht, die ganze Paktangelegenheit in möglichst ruhigem Tone zu behandeln. Vor allen Dingen soll sie sich irgend­welcher Angriffe auf die deutsche Regierung wegen der Ein­beziehung der Kriegsschuldfrage in den Komplex des Sicher- heitsproblems enthalten.

Der PariserMatin" bringt in seiner zweiten, Morgen­ausgabe vom Dienstag eine anscheinend offiziös be- ^j,»ii4u$-ie?^^ der Unterredung des deutschere Botschafters mit Briand. Darin heißt es: , Der deutsche Botschafter hat gestern Briand besucht, um ihmoffiziell" die Annahme der Einladung zu der Konferenz von Locarno bekanntzugeben. Herr von Hoesch hatte am Sonnabend diese Annahme dem General,ekretär des Ministeriums des Auswärtigen, Berthelot,offiziös" mitgeteilt. Es scheint gewiß, daß der deutsche Botschafter im Verlaufe der offiziösen Zusammenkunft mehr gesagt habe als bei der offi­ziellen Unterredung mit Briand. Der deutsche Vorbehalt beziehe sich tatsächlich auf den Kriegsschuldpara­graphen des Versailler Vertrages. Es ver­stehe sich aber, daß die Besprechungen von Locarno nicht dazu führen dürften, daß der Versailler Vertrag nur um ein Jota geändert werde. Namentlich darauf bezügliche Vor- behaltc seien sowohl vom juristischen wie vom, praktischen Standpunkte aus wertlos. Die französische Regierung habe sich bereit erklärt, über einen Sicherheitspakt als Ergänzung des Vertrages von Versanlles zu verhandeln.

Tschitscherins Besuch in Warschau.

Zur Verhinderung eines Sicherheitspaktes?

$ Warschau. Am Montag abend fand ein Essen zu Ehren Tschitscherins statt, bei dem der russische Botschafter in Warschau und der polnische Gesandte in Moskau zugegen waren. Skrzynski erklärte in seiner Rede, er betrachte den Besuch Tschitscherins in Warschau als eine Anerkennung des polnischen Streben s nach Frieden. Er hoffe, dieser Besuch werde neue Klärung der Verhältnisse zwischen Polen und Rußland auf politischem, und auf wirt- schriftlichem Gebiete herbeiführen. Auf alle Fälle werde diese Zusammenkunft viel zur B e r u h i,g u n g Europas bei- tragen. Darauf antwortete Tschitscherin, daß er der pol­nischen Regierung sehr dankbar für den freundschaftlichen Empfang sei. Die russisch-polnische Annäherung dürfe nickst als eine Aktion gegen irgendeine Macht angesehen werden. Die Zusammenkunft solle nur dem Frieden dienen.

Tschitscherins Besuch in Warschau hat tu d e n politischen K r e i s e n -E n g l a n d s großes Aufsehen erregt und Anlaß zu verschiedenen Vermutungen gegeben. Vorherrschend ist die Annahme, daß Tschitscherins Reffe den letzten verzweifelten Versuch zur Verhinderung eines Friedens in Westeuropa darstelle. Dtoskau versuche ein gegen Deuffchländ gerichtetes russisch-polnisches Bündnis zustandezudringen für den Fall, daß Deuffchländ mit den Westmächten einen Sicherheitspakt abschließt. Dieses Bündnis würde die Geheimklausel des Rapallo - Vertrages endgültig auflieben. Die Geheimklausel besteig angeblich in der Abmachung, daß weder Deuffchländ noch Rußland ohne gegenseitiges Einverständnis in den Völkerbund eintreten dürfen und sich im Falle eines französisch-polnischen An­griffes gegenseitig zu unterstützen verpflichten. Es verlautet, daß Großbritannien der polnischen Regierung einemilde Warnung vor einem Bündnis mit Sowjetrußland hat zu- kommen'lassen und darauf hingewiesen hat, daß Polen in diesem Falle der finanziellen Unterstützung Englands und Amerikas verlustig gehen würde. Frankreich dagegen schein« das Bündnis zu unterstützen, da es hoffe, daß auf dies«