Hersfelöer Tageblatt Hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfeld
Nr. 224 Donnerstag, den 24. September 1925
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Das Wichtigste.
— Am Freitag treten die Ministerpräsidenten zu einer Konferenz über die Sicherheitsfrage zusammen. Bis dahin werden die Seratungen des Kabinetts und der Deutschnatio- nalen beendet sein.
— Bei den deutsch-polnischen Verhandlungen haben sich neue Schwierigkeiten ergeben. Polen bereitet einen neuen Zolltarif als Verhandlungsbasis vor.
— Nach kurzer Pause ist in Berlin wiederum ein Dachstuhlbrand zu verzeichnen, bei dem einwandfrei Brandstiftung festgestellt wurde.
Die Teuerung in Deutschland.
Das scharfe Anziehen der Preise in Deutschland ist nicht nur aus äußeren, Verhältnissen und der deutschen Wirt- lchaftslage zu erklären, sondern muß in ursächlichen Zusammenhang mit der Teuerung der Welt im allgemeinen gebracht werden.
. Nicht Deutschland allein krankt an einer ungeheuren Preissteigerung aller Artikel des täglichen Bedarfs, sondern das Ausland und sogar die Siegerstaaten kämpfen ebenfalls verzweifelt gegen die hohen Preise. In England hat das Handelsamt, das auf dem Gebiete der Preisbildung zuständig ist, festgestellt, daß der Kleinhandel gegenüber der Vorkriegszeit seine Verdienstspanne um rund 100 Prozent, der Großhandel um rund 23 Prozent erhöht hat.
In den Vereinigten Staaten beschäftigt sich seit dem Jahre 1923 ein besonderer Ausschuß mit den Teuerungs- erscheinungen. Bei seinen Untersuchungen hat er festgestellt, daß die „Handelsunkosten" im Verhältnis zum Erzeugerpreis eine unverhältnismäßig große Spanne einnehmen. So wird für eine Packung Haferflocken, für die der Landwirt 3,5 Cents erhält und die bei 2,8 Cents für Verpackung und Fracht einen Geftehungspreis von 6,3 Cents hat, mit 13,7 Cents in den Hansel gebracht, d. h. zwischen Gestehungs- und Verkaufspreis liegt eine Verdienstspanne von 68,5 Prozent.
Die Gründe für die Steigerung der Weltpreise zu suchen, ist hier nicht angängig. Genügen mag, daßDerltiLand mehr als ein anderes Land von der allgemeinen Weltteuerung abhängig ist. Verschärfend für die Teuerung in Deutschland ist, daß wir unter den Folgen eines verlorenen Krieges zu leiden haben, da unsere Produktionsbasis auf den verschiedensten Gebieten der Wirtschaft verringert ist, daß wir infolge des Krieges ungeheure Verpflichtungen auf uns genommen haben, und daß unsere Wirtschaft und unser Volk durch den Krieg und die folgende katastrophale Inflation verarmt ist. Die Nachkriegszeit zeigte eine starke Steigerung der Nachfrage nach allen Erzeugnissen gegenüber einem bedeutend geringeren Angebot in der Vorkriegszeit. Schon allein dieses Mißverhältnis bringt den Ausgleich in der Preisgestaltung ins Wanken. Schließlich kam die Inflation und riß dem Kaufmann jegliche Basis zur Preisbildung fort. Um sich einigermaßen gegen Verluste zu decken, rechnete er in seine Preise eine Risikoprämie mit ein, die beim Durchlaufen der Ware durch die verschiedensten Hände zu unverhältnismäßig hoher Preissteigerung der Ware sich auswirkte. Dadurch verlor ver Kaufmann jede normale Berechnungs- möglichkeit seiner Ware.
Nun der Konsument. Er erlebte von Tag zu Tag eine Preissteigerung, und beunruhigt von den Schwankungen im Wirtschaftsleben, bemächtigte sich seiner eine Angst, die ihn dazu trieb, den verdienten Lohn auf schnellstem Wege in Waren umzusetzen. Dieses Moment aber bewirkte eine weitere Steigerung der Preise.
In diesen rein psychologisch erklärbaren Tatsachen liegt der Urgrund zur Teuerung. Daran konnte auch die Stabi- lisierung der Mark nichts ändern. So ist es begreiflich, daß diejenigen, die mit der Einführung einer festen Währung eine sofortige Preissenkung erwarteten, sich getäuscht sahen. Trotz- dem darf der Kampf gegen die Teuerung, wie er jetzt von der Regierung in verschärftem Maße aufgenommen wird, nicht nachlassen. Sucht man die Schuldigen, die die Teuerung herbeiführten, so wird man vergeblich suchen; denn jene psychologischen Nachwirkungen lassen sich nicht durch eine Aktion aus dem Volke beseitigen. Das schließt aber nicht aus, daß es trotzdem gewisse Faktoren gibt, die bei d" Preissteigerung mitwirkten und die sich bei nachdrücklicher Bekämpfung ausschalten lassen müssen.
Hier die richtigen Momente zu erfassen und zu beseitigen, ist immerhin eine dankbare Aufgabe, die, wenngleich sie auch niemals die Preise auf den Vorkriegsstand herabdrücken kann, immerhin eine nicht unerhebliche Senkung herbeizu- führen imstande ist.
Am Weites Konferenz der Ministerpräsidenten.
£ Berlin. Im Laufe des Mittwoch fand eine Reihe von Erörterungen zur Vorbereitung des Kalünettsrats statt. Der unter Vorsitz des Herrn Reichspräsidenten stattfindende Kabinettsrat findet an diesem Donnerstag statt. Zu Freitag sind die Ministerpräsidenten der Länder zu einer Konferenz in Berlin eingeladen. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages wird au Sonnabend «m zehn Uhz zusammentreten.
Die deutschnationalen Fraktionsberatungen.
^ Berlin. Die deutschnationale Reichstagsfraktion ist am Mittwoch vormittag einhalb elf Uhr unter dem Vorsitz des Grafen Westarp erneut zusammengetreten, um die Beratungen über den SicherheitspaLt fortzusetzen. Wie wir von gutunterrichteter Seite erfahren, wird Die endgültige Stellungnahme der Deutschnationalen die Note der Reichsregierung vom 20. Juli dieses Jahres zur Grundlage nehmen. Man erwartet, daß die Parteiberatungen bis zum Zusammentritt des Kabinetts zu (Ende geführt sein werden.
Die Beratungen des Völkerbundes über die Abrüstung.
^ Genf. Bei den Beratungen des Unterausschusses des Völkerbundes über die Abrüstungsfrage zeigen sich z w e i S tr ö m un g e n. Die e i n e S t r ö m u n g setzt sich oafür ein, daß zunächst der Ausgang der Verhandlungen über den Abschluß von Sicherheitspakten und deren Wirkung abgewartet werden soll, bevor der Rat in präziser Weise mit der,Vorbereitung der Abrüstungskonferenz befaßt wird. Der italienische Delegierte bezeichnete die vorbereitenden Arbeiten als unnütz, nahm aber seine Einwände schließlich zurück, obwohl er der Auffassung ist, daß eine Herabsetzung oder Einschränkung der Rüstungen nur auf politischer Grundlage durchgeführt werden'kann. Die zweite Strömung, die durch Dänemark, Belgien, Frankreich, Ungarn, Norwegen, Holland und, Schweden vertreten war, bestand dagegen "auf der Notwendigkeit der sofortigen Aufnahme der Vorbereitun- gen, die auf möglichst breiter Grundlage und unter Zusammenarbeit aller technischen Organisationen des Völkerbundes sowie des Arbeitsamtes in Angriff genommen werden sollen, so daß das Abrüstunasproblem technisch jederzeit einer konkreten Lösung zugeführt werden könne. Don französischer und polnischer Seite wurde jedoch festgestellt, daß diese Vorarbeiten nur das Programm einer eventuellen Konferenz betreffen und keine Prüfung der Abrüstungsmöglich- keiten irgendeines bestimmten Landes umfassen dürften? Es würde sich vielmehr um theoretische Vorarbeiten handeln.
Ohne Deutschland keine WeltwittschaftSkonferenz.
❖ Genf. In seiner Rede vor der zweiten Kommission Iüä ds«. -WeltnWtschaftstmperenz erklärte der französische Delegierte, L o u ch e u r , daß die Konferenz keinen Erfolg haben könnte, wenn nicht alle Völker an ihr teilnehmen würden. Seiner Meinung nach wäre es völlig wertlos, die wirtschaftliche Lage Europas zu untersuchen, wenn am Verhandlungstische nicht Deutschland sitze. Es wäre unumgänglich, daß bereits bei der Festsetzung der Studienkommission für die Weltwirtschaftskonferenz diejenigen Nationen berücksichtigt würden, die zu den Arbeiten der Konferenz hinzugezogen werden sollten.
Danzig protestiert gegen die Völkerbundungerechtigkeit.
^ Danzig. Am Mittwoch nachmittag fand auf dem Langen Markt zu Danzig eine Massenprotestkundgebung statt gegen die Entscheidung des Völkerbundes im Danzig-polni- schen Poststreit. Der Danziger Heimatdienst rief zu dieser Protestkundgebung auf. Die „Danziger Neuesten Nachrichten" schreiben hierzu: „Wenn man sich auch nicht der Erwartung hingeben darf, daß nachträglich der Rat seinen Beschluß um- stoßen wird, so wird dieser Protest doch keineswegs in Genf wirkungslos bleiben. Gilt es doch, zu beweisen, daß Danzig nicht widerspruchslos ungerechte Entscheidungen hinnimmt, die letzten Endes nur deshalb so ausfallen, weil der Völker- bund sich nicht zu jener Autorität durchgerungen hat, die erforderlich wäre, um ihn in seinen Entscheidungen unabhängig zu machen, sondern Rücksicht nimmt auf politische Machtgruppen, denen gegenüber der Völkerbund sich nicht durchzu- setzen vermag. Ebenso gilt es, zu zeigen, daß die Danziger Bevölkerung in dieser Frage einmütig hinter der Regierung steht und den Protest, den Senatsprüsident Sahm in Gens zum Ausdruck gebracht hat, als Protest ganz Danzigs empfindet und stützt. Endlich gilt es, zu zeigen, daß jene von Quinones de Leon als „untergeordnet" abgetane Fragen, die I in den Verhandlungen zwischen Danzig und Polen noch zu klären sind, keineswegs für Danzig belanglos sind, daß vielmehr die Danziger Bevölkerung ihre klare Regelung verlangt, um ernste Differenzen aus dem Nebeneinander beider Volksverwaltungen nach Möglichkeit einzuschränken."
Neue Schwierigkeiten in den deutsch-polnischen Wirtschaftsverhandlungen.
£ Warschau. Mehrere Mitglieder der polnischen Vertretung bei den deutsch-polnischen Handelsvertragsverhand- lungen sind aus Berlin in Warschau eingetroffen, um von der Regierung neue Informationen einzuholen. Sie er- klürten, daß ine deutschen Vertreter nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Fragen erörtert hätten. So seien von ihnen gewisse Forderungen in der Optanten- frage gestellt worden. Die deutschen Vertreter hätten ferner den Abschluß eines Wirtschaftsprovisoriums für ein Jahr verlangt, während die polnischen Vertreter ein solches nur für neun Monate bewilligen wollten. Deutschland verlange außerdem die Einräumung der Mcisil:egünstigui!gs- klausel und die Festsetzung von bestimmten Zöllen für die deutschen Waren. Die deutschen Vertreter waren andererseits bereit, in der Einfuhr polnischer Kohle gewisse Zugeständnisse zu machen. In politischen Kreisen Polens
herrscht die Ansicht, daß trotz dieser Differenzen eine Aussicht auf eine Verständigung mit Deutschland bestehe.
Wie wir hierzu von zuständiger Stelle erführen, haben zwischen der deutschen und der polnischen Delegation Verhandlungen stattgesunden, in denen die Grundfragen der beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen eingehend erörtert wurden. Hierbei stellte sich heraus, daß die polnische Regierung im Begriff ist, neue Zolltarife aus- zuarbeiten. Bei dieser Sachlage wurde daher von der deutschen Delegation vorgeschlagen, die weiteren Verhandlungen bis zur Bekanntgabe der neuen polnischen Zolltarifsatze aus- zusetzen. Die polnische Delegation hat zugesichert, sobald wie möglich die neuen polnischen golltarifsätze der deutschen Regierung bekanntzugeben.
Nach den letzten Meldungen aus Warschau wird im polnischen Finanzministerium an dem neuen Zolltarif gearbeitet, da er die Grundlage für die Handelsvertragsverhandlungen bilden soll.
Die polnische WirtschaftSkatastrsphe.
Gärung unter der Arbeiterschaft.
❖ Warschau. In der polnischen Arbeiterschaft macht sich eine starke Erregung über die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse bemerkbar. Die Arbeiter der Lodzer Textilindustrie hielten eine Versammlung ab, in der auf die Notlage der Arbeiterfamilien hingewiesen wurde. Die Arbeitgeber entlohnten ihre Arbeiter nicht mit Geld, sondern mit 'Textilerzeugnissen, mit denen sie nichts anfangen könnten. In verschiedenen Betrieben zwinge man die Belegschaft zu Ueber stunden, die nicht bezahlt würden. Es wurde der Beschluß gefaßt, nicht mehr Waren statt des Geldlohns anzunehmen. In einer Entschließung werden die Arbeiter zum Selbstschutz gegen die Arbeitgeber aufgefordert, die die große Arbeitslosigkeit und die schlechte Wirtschaftslage ausnutzten, um die Lohn- und Arbeitsbedingungen dauernd zu verschlechtern.
Der polnische Innenminister hat eine Verordnung er- tafsen, ckn ver vonallen Woiwoden eine erhebliche Ein- schränkun g ihrer bisherigen Ausgaben verlangt wird. Vor allem sollen die Personalausgaben verringert werden, auch dürfe nicht vor einem Beamtenabbau zurückgeschreckt werden.
Tschechische Schikanen gegen die Deutsche Hochschule in Prag.
ch Prag. Bon den 63 etatsmäßigen Professuren der deutschen technischen Hochschule in Prag sind zurzeit nur 46 besetzt. Für die Neubesetzung der 17 freien Lehrstühle sind bereits seit mehreren Jahr«: von der Hochschule dem Unterrichtsminister geeignete Vorschläge unterbreitet worden. Ferner wurde schon vor mehreren Jahren beantragt, verschiedene außerordentliche Professuren in Ordinariate umzuwandeln, da hierfür ein dringendes Bedürfnis vorliege. Auf alle Eingaben, Vorschläge und 9lnregungen ist das Unterrichtsministerium bisher mit keinen: Wort ein gegangen. In deutschen Kreisen wird dies Verhalten des Ministers um so verletzender empfunden, als die technische Hochschule im letzten Wintersemester mehr als die doppelte Hörerzahl wie vor dein Kriege hatte. Ein deutscher Abgeordneter hat bereits im Parlament eine Interpellation über diese Vorgänge eingebracht.
Frankreich bittet um Schuldennachlaß bei Amerika.
^ Paris. Die Pariser Blätter dringen lange Berichte aus New_ Park über die Vorbereitungen für die Ankunft der französischen Schuldendelegation. Ueber die Vorschläge, die der französische Finanz minister Caillaux unterbreiten wird, erfährt „New Park Herold" aus Washington: Der französische Finanzminister wird bei Eröffnung" der Ver- Handlungen mitteilen, daß Frankreich im besten Falle eine Jahresleistung von 25 Millionen Pfund Sterling aufbringen könne, in die sich England und die Vereinigten Staaten teilen müßten. Das von England erzielte Singebot von 12,5 Millionen Pfund Sterling habe provisorischen Charakter und könne vielleicht in weiteren Ser- Handlungen auf 10 Millionen Pfund Sterling ermäßigt werden. Dadurch werden für die Vereinigten Staaten jährlich 15 Millionen Pfund Sterling frei. Der amerikanische Senat sei allerdings der Ansicht, daß die genannte Summe für die Zeit nach Ablauf des in Aussicht genommenen Moratoriums zu niedrig bemessen sei. Die Hinweise amerikanischer PerfönlichLiten auf die günstige Wirtschaftslage Frankreichs und den günstigen Abschluß der Handelsbilanz würden von den massgebenden Finanzsachverständigen nicht in Betracht gezogen, da der Standpunkt vertreten werde, daß ein sicheres Urteil über die wirtschaftliche Lage Frankreichs erst nach der Stabilisierung des Frank abgegeben werden könne. In diesem Zusammenhang werde zugegeben, daß der französischen Regierung Vorschüsse zur Stabilisierung des Franken bewilligt werden könnten. Man fei der Ansicht, daß Frankreich mindestens 8 Milliarden Frank (400 Millionen Dollar) benötige um zu erreiche«, daß die französische Währung vor weiteren Schwankungen geschützt werde.