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Hersfelöer Tageblatt

Hersfel-er KreisblaLt^

Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfeld

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Nr. 217

Mittwoch, den 16. September

1925

Das Wichtigste.

Der französische Bots chafter in Berlin hat dem Reichsaußenminister die Einladung zur Mi­nisterkonferenz überreicht.

Der russische Außenkommissar Tschi - tscherin wird am 22. Sep tember in B er l in ein­treffen, um mit dem Reichsaußenminister den Sicherheits- pakt zu erörtern

In Italien ist ein plötzlicher Wettersturz ein- getreten. Starke Hagelschauer sind über ganz Italien niedergegangen

Kampf den ausländischen Znflalions- Hansbeschekn.

Von Dr. Konrad Döring.

Die Annäherung der Wohnungsmieten an den Vor­kriegsstand macht weitere Fortschritte. Mit dem 1. Oktober ist für Preußen eine neuerliche Erhöhung des bisherigen Prozentsatzes zu erwarten, und mit dem 1. April 1926 wer­den voraussichtlich die vollen 100 Prozent der sogenannten Friedensmiete erreicht sein. Ob dann auf dem Wege der Mietsteigerungen haltgemacht wird, steht noch nicht fest; viele Anzeichen sprechen aber für die Möglichkeit einer Ueber- schreitung der Vorkriegsmieten.

In den Mieterkreisen wird darum immer mehr und mit Recht die Frage laut, wem diese erhöhten Mietzins-beträge eigentlich zugute kommen. Es ist wohl bekannt, daß große Bruchteile an den Fiskus abwanbern und von diesem großen­teils Beihilfen für den Hausbau ausgegeben werden, aber die Mehreinnahmen der Hausbesitzer sind doch angesichts der geringen Beträge für die Hypothekenverzinsung doch immer­hin nennenswert.

Ein großer Teil der rein fünfte der Hausbesitzer geht

, 1UU|VW.,,.,, ^^______-^..s als wertbeständige Investierung bezeichnen. Ein anderer, nach vielen Millionen zählender Teil der Mieten fließt aber wie aus einer offenen Wunde des deutschen Wirtschaftskörpers ohne jeden Vorteil für uns ins Ausland ab. Wenn unsere Miethäuser noch in deutscher Hand wären, so ist es als sicher zu bezeichnen, daß der Widerstand aus Mieterkreisen gegen die Mieterhöhungen nicht derart scharfe Formen annehmen würde, wie es jetzt der Fall ist. Dem alten deutschen Haus- besitz, als einem äußerst wertvollen Stück des Unterbaues der beutfdjen Volkswirtschaft würde jeder Gerechtdenkende ohne weiteres Mehreinkünfte gönnen, nicht aber den Elementen, die in der Inflation die Häuser mit einem Schein des Rechts an sich gebracht haben. Wie viele Prozente des städtischen Grundbesitzes in ausländische Hände geraten sind, wird an­scheinend nicht gern verraten. In Berlin z. B. haben die Stellen, denen Veröffentlichungen obliegen, immer noch nicht Farbe bekannt, obgleich nun bereits seit zwei Jahren die ausländische Spekulation aufgehört hat! Genaue Ziffern liegen für die Reichshauptstadt nur für die Zeit vom 1. Sep- tember 1922 bis 31. Januar 1923 vor. In diesen fünf Mo­naten sind nicht weniger als 9061 Miethäuser Groß-Berlins in Ausländerhände übergegangen. Ihre Gesamtzahl wird für Berlin auf 20 000 geschätzt, also etwa 25 Prozent der bebauten Grundstücke. Für das ganze Reichsgebiet kann man sicher mindestens 100 000 bis 20Ö 000 Miethäuser als von Ausländern verschoben annehmen.

Die Mehrzahl der neudeutschen Hauspaschas besteht aus allerlei östlichen Gestalten, aus Polen stammend, aus der Tschechei, aus Ungarn und Oesterreich. Viele Hausverkäufe find lediglich auf Grund einer Photographie in irgendeinem Schieberoafä Prags oder Budapests zustande gekommen. Oft waren die Käufer ganz armselige Schnorrer, die den ver­zweifelnden deutschen Hausbesitzern ihr wertvolles Gut für ein Lumpengeld abgaunerten. Auch den ruhigsten Staatsbürger und Mieter muß (Empörung und Wut packen, wenn er er­fährt daß der ausländische Hauswirt, dem man jetzt bald 100 Prozent und mehr Miete zahlen soll, seinem Vorgänger, dein deutschen ^animierter oder Kleinrentner, das Haus für sage und schreibe y2 Prozent des Vorknegswertes weg- gerissen hat.

Hierin muß Wandel geschaffen unb den Spekulanten der Raub wieder abgejagt werden. 2m Vorjahr ist eine Verordnung erlassen worden, die es den ehemaligen Haus- besitzern ermöglichen soll, ihre überstürzten Verkaufe wieder rückgängig zu machen. Leider besitzt diese Verordnung den schweren'Mangel, daß sie den schädigten Vorbesitzer zu einem langen und kostspieligeil Rechtsstreit zwingt unb auch nicht für alle Fälle dieser Art Inflatchnsgaunerei anwendbar ist. Trotzdem ist es bereits mehrfach gelungen, derartige Prozesse erfolgreich durchzufechten. In Hannover wurde vor kurzem ein Urteil gefällt, das einen vollen Sieg für den alten Hausbesitzer bedeutete unb hoffentlich recht viele Mchfolger finben wird.

Zu diesem Zwecke wäre zu empfehlen, daß sich an allen Orten die geschädigten Hausbesitzer zu gememschastlichem Vorgehen zusammentäten. Von dem SoU^nntatsgefühl der durch die Snflatum mit Heiler Haut hindurchgekommenen (Eigentümer muß erwartet werden, daß die -^ausbesitzerver-

bände überall den verarmten Standesgenossen mit Rat und dem bevorstehenden schweren Kampfe zur Seite stehen. >er auch an die Behörden muß die dringende Auffor-

Tat in

Aber auch an die Behörden muß die dringende Auffor­derung ergehen, an der Wiedererlangung der erschobenen Häuser mitzuarbeiten. Zunächst sollte einmal untersucht werden, in welchem Zustand sich die Ausländerhäuser be­finden. Wunderbare Entdeckungen sind dabei zu machen. Klaffende Risse, abgefallener Putz, qualmende Oefen, ver­schmutzte Treppen, Läufer, die nur noch als Lumpen zu be­zeichnen sind, seit Monaten unbrauchbare Beleuchtungs­anlagen, nichtfunktionierende Bade- und Spülvorrichtungen, verunkrautete und verwahrloste Haus- und Vorgärten! Der

neue Besitzer läßt die Mieten durch einen Verwalter oder Portier einziehen, mit dem sämtliche Mieter in bitterster Fehde leben, und verzehrt die erarbeiteten Groschen der deut­schen Mieter größtenteils jenseits der Grenze. Reparaturen erfolgen meist nur in Häusern mit alten Besitzern.

Die deutschen Behörden müßten mit aller Macht darauf hin,wirken, daß die Ausländer von unserer Miete die Häuser allenthalben in gebrauchsfähigen Zustand bringen lassen, denn die diesen Leuten zerfließenden Summen bleiben unverdiente Rente. Dann aber sind gegebenenfalls unter Mitwirkung der Parlamnte erleichterte Verfahren zur Wiedererlangung der Häuser zu ermöglichen. Wo der Vorbesitzer tot oder e? und seine Erben nicht in der Lage sind, den Kampf um ihr Recht aufzunehmen, sollte dies von Staats wegen geschehen.

Die Einladung zur Minrsterkonfekenz überreicht.

Berlin. Am Dienstag hat der französische Botschafter de Margerie dem Reichsaußenminister Dr. Strese­mann das angekündigte Memorandum übergeben. Es ist ein ganz kurzes Schriftstück der französischen Botschaft und trägt keinerlei Unterschrist.

In dem Memorandum wird lediglich festgestellt, daß nach

ng, es nunmehr wünschenswert erscheine, eine Ministerkonferenz über die Frage der Schaffung eines Sicherheitspaktes stattfinden zu lassen. Lins Ortsangabe, wo etwa diese Konferenz ab- gckhalten werden könnte, ist in dem Schriftstück nicht genannt. Ueber den Zeitpunkt heißt es, daß die Alliierten die Zeit um Ende September oder Anfang Oktober als ge­eignet erachten, und daß sie einer Antwort der deutschen Reichsregierung entgegensehen.

Was die d e u t s ch e A n t w o r t an langt, so sann sie natürlich erst erfolgen, nachdem das Reichskabinett sich mit der materiellen Lage befaßt haben wird. Bekanntlich hat der Kanzler die Minister zu einem Kabinettsrat für den nächsten Montag zusammenberufen, unb erst dann wird sich Näheres über das Materielle und Formelle sagen lassen. Selbstverständlich wird auch der Au swärtige 91 us = s ch u ß des Reichstages zu dem außenpolitischen Pro- Plem Stellung nehmen.

Wie aus der vorstehenden Skizzierung des französischen Memorandums hervorgeht, ist es ganz allgemein gehalten, infolgedessen kann man unter der einzuberufenden Minister- konferenz ebensogut eine Zcrsammenkunft lediglich der Außenminister wie aud) einer Konferenz von Ministern jeg­licher 9lrt verstehen. Im übrigen bürste im Laufe der näch­sten Tage ein weiterer reger Gedankenaustausch zwischen Paris, Öonbon und Berlin fortgesetzt werden. Dies ergibt sich bereits daraus, daß nach dem Besuch des französischen Botschafters auch der englische Geschäftsträger Mr. Edison sich bei Dr. Stresemann hat anmelden lassen, um mit ihm über die derzeitige Entwicklung der schwebenden außenpoli­tischen Probleme ^t sprechen.

Um die Zulassung Polens und der Tschechei zur allgemeinen Garantiekonferenz.

ch Paris. Bon Pariser Blättern hebtM a t i n" aus­drücklich hervor, daß endgültig beschlossen worden sei, gleich­zeitig zwei Konferenzen einzuberufen, die sich mit der Aus­arbeitung des Rheinpaktes und mit der Abfassung der Schiedsgerichtsverträge Deutschlands mit Polen und der Tschechoslowakei beschäftigen sollten. B e n e s ch und Skrzynski sollten von Fall zu Fall zu der Konferenz über den Rheinpakt zugelassen werden. Das sei um so ver­ständlicher, als die französische Regierung darauf bestehe, daß der Rheinpakt unb die Schiedsgerichtsverträge gleichzeitig unterzeichnet würden. Man erwarte, daß während der gan­zen Woche Verhandlungen zwischen Berlin und Paris ge­führt werden, da der französischen Regierung daran liege, jeder unangenehvien Überraschung aus dem Wege zu gehen und die Konferenz mit möglichst großer Aussicht auf Erfolg zu eröffnen. Gegenstand der deutsch-französischen Vvrver- Handlungen werbe in der Hauptsache die Zustimmung Deutsch­lands zu der Teilnahme Polens und der Tschechoslowakei an einer allgemeinen Konferenz bilden. Es sei anzunehmen, daß die Reichsregierung keine Bedenken dagegen vorbringen werde, zumal Chamberlain in vollem Einvernehmen mit Briand und Skrzynski von der dtotwendigkeit einer gemein­samen Aussprache überzeugt sei.

Briand hat seine Abreise nach Genf um einige Tage verschoben Am Mittwoch und Donnerstag wird er Be­sprechungen mit dem polnischen Außenminister Skrzynski haben.

Das Programm für die Sicherheitsverhandlungen.

£ London. Der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph" legt noch einmal ausführlich die gesamten Umstände der Sicherheitspaktverhandlungen dar. Er sagt, daß die deutsche Vertretung durch den Außenminister Dr. Stresemann, Dr. Luther und eventuell einen deutschnationalen Mini st er nur begrüßt wer- den könne. Ihre Anwesenheit würde die Entscheidungen der Konferenz in deutschen Augen repräsentativer und autori- tativer machen Die Entscheidungen der Konferenz könnten dann später nicht vom Reichstag in Frage gestellt werden Was die Einteilung der Materie anbelangt, so würde es sich zunächst um den Rheinlandpakt und seine Anhänge, nämlich einen franko-deutschen und einen belgisch-deutschen Schiedsgerichtsvertrag handeln Nach Erledigung des Rhein­landpaktes würde es möglich sein, das schwierigere Problem der deutsch-polnischen und der deutsch-tschechi­schen Verträge in die Hand zu nehmen. Chamberlain habe sich neuerdings zu der Ansicht bekannt, daß eine abso­lute Trennung von West- und Ostpakt praktisch nicht brauch­bar sei, sondern nur eine theoretische Lösung darstelle. Die östlichen Schiedsverträge würden besondere Bedeutung be­sitzen; denn sie bedingten für Deutschland wie für Polen und die Tschechei neue kontraktlicheVerpflichtungen, die zweifel­los die älteren Verpflichtungen des Versailler Vertrages wieder einschließen würden, gleichzeitig aber deren Inhalt, wenn auch nicht materiell, so doch im Geiste und in der Aus- legung, verändern müßten. In dieser Hinsicht würde eine neue Unterschrift durch das Deutsche Reich, die frei- willig unter den neuen Vertrag gesetzt würde, von un­schätzbarem Wert sein. Damit würde die gegenwärtige deutsche Behauptung, daß die Unterschrist unter dem gegen­wärtigen Versailler Vertrag erzwungen worden wäre, er­ledigt werden; doch würde die Ausarbeitung der neuen Ver. tantie der Ostverträge, einen Schutz deutschen Gebietes durch französische Truppen bedeute, hält der Korrespondent für ausgeschlossen.Daily Telegraph" berichtet zu dem gleichen Thema aus Paris, daß man nicht mit einer, sondern mit zwei bis drei Paktkonferenzen rechnen müsse, die wahr­scheinlich Ende dieses Monats beginnen würden.

Einberufung einer internationalen WirtschaftS- konferenz.

4- Paris. Nach einer Meldung aus Genf bestätigt es es sich, daß die französische Delegation dem Völkerbund rat eine Entschließung vorlegen wird, in her sie die Cinbe- beru f un g einer internationalen Wirt- schaftskonferenz in kürzester Zeit vorschlägt. Es ist sicher, daß der Völkerbundrat den Standpunkt der französischen Regierung teilen und die Einberufung einer internationalen Wirtschaftskonferenz für dasJahr 1926 vorbereiten wird.

Der russisch« Außenkommissar kommt nach Berlin.

ch Warschau. Der Gesandtschaftsrat der russischen Ge- sandtschaft in Warschau teilte dem Direktor der politischen Abteilung des polnischen Außenministeriums unerwartet mit, daß der russische Außenkommissar Tschitscherin am 20. September in Warschau eintreffen werde. Der polnische Außenminister wird daraufhin von Paris zurückkehren, um mit Tschitscherin in Warschau zusammenzutreffen. Am 2 2. reist Tschitscherin dann weiter nach Berlin, um, wie es heißt, mit dem Reichsaußenminister Dr. Strese­mann zu konferieren. Danach will er sich in einen teutschen oder österreichischen Badeort zur Kur begeben. Es ist sicher, daß die beiden Konferenzen Tschitscherins dem Sicherheitspakt gewidmet sind.

Das deutsche Finanz- und Kreditproblem.

Der sechste allgemeine Bankiertag in Berlin.

ch Berlin. Nach fünfjähriger Pause wurde in Berlin der sechste allgemeine deutsche Bankiertag eröffnet. (Erschienen waren u. a. Reichsaußenminister Dr. Strese m a n n, Innenminister Schiele, Reichsfinanz- minister Dr. von Schlieben, Reichswirtschaftsminister Dr. Neuha u s und Reichspostminifrer S t i n g l.

Geh. Justizrat Professor Dr. Rießer, der wieder zum Vorsitzenden des Bankiertages gewählt wurde, begrüßte in einer Ansprache die Gäste. Er führte dabei u. a. aus: Trotz der schweren Zeiten lag das Bedürfnis vor, den Bankiertag einzuberufen, weil von einer sachverständigen unb unpoliti­schen Stelle Näheres über die Voraussetzungen, Gründe und Ziele der Bankpolitik gesagt werden müsse. Gegenüber früheren Verwürfen, daß das deutsche Bankgerverbe zu viel und zu leicht Kredite gewähre, und späteren, daß die Banken die Kreditbedürfnisse,' speziell der Indchtrie, nicht ausrei­chend befriebigt hätten, bah man von einer Abdroffelmig der Kredit spreche, glaubt der Redner der Zustimmung weitester Kreise sicher zu sein, wenn er sagt, bah unser Banksystem als solches im Frieden wie im Kriege sich bewährt habe. Die großen Aufgaben der deutschen Bankwelt erheischten gebie-