Reisfelder Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 209 Montag, den 7. September 1925
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Das Wichtigste.
— Pros. Nansen traf auf einer Reise nach Genf in Berlin ein, wo er mit Dr. Ecken er Besprechungen über die Pläne zur Erforschung des Nordpols hatte.
— Die Londoner Juristenkonferenz ist beendet. Ein amtlicher Bericht über das Ergebnis der Besprechungen ist nicht ausgegeben worden.
— Die Spanier haben bei Tetuan schwere Verluste erlitten. Es werden bereits Vorbereitungen für einen Winterfeldzug getroffen.
Deutsch-russische Handelsvertrags- verhandlungen.
< Don Dr. Konrad Döring.
Die deutsch - russischen Handelsvertragsverhandluttgen scheinen nicht mehr vom Fleck zu kommen. Die Wirtschaftspolitiker konnten von Anfang an ungeheure Schwierigkeiten bei Verhandlungen zwischen einem Staat mit privatwirtschaftlicher Grundlage und einem solchen mit staatsökonomischen Prinzipien voraussehen. Hierzu kamen die völlig auseinandergehenden Belange beider Staaten in der Frage der Einfuhr der russischen Agrarprodukte nach Deutschland. Die Ausfuhr seiner landwirtschaftlichen Erzeugnisse ist für Rußland aber eine Lebensfrage. Die russischen Vertreter verlangen zum Abschluß des Handelsvertrages Mindestzölle für die russischen landwirtschaftlichen Produkte und besondere Erleichterungen für die Getreide- und Vieheinfuhr.
Nachdem aber der deutsche Reichstag sich für ein, wenn auch gemäßigtes, Schutzzollsystem entschieden hat, konnten die deutschen Delegierten auf die russischen Forderungen nicht mehr eingehen. Hierin liegt der Hauptkernpunkt der Schwierigkeiten. Nun kommt Rußland obendrein noch mit der für uns höchst unangenehmen Erklärung, daß Deutschland nicht die Meistbegünstigung für das gesamte Gebiet der Sowjetrepubliken zugebilligt werden könne. Besonders für die Gebiete jenseits
Große eines Weltteils mit ganz unübersehbaren Zukunfts- aussichten, verlangen die Russen Sonderabmachungen. Dies würde eine schwere Schädigung unserer Exportindustrie darstellen und Engländern sowie Amerikanern das Eindringen in diese Wirtschaftsgebiete noch mehr erleichtern. Auch werden «Schwierigkeiten gemacht mit der Aufrechterhaltung der Zusagen betreffs umfangreicher Fischereikonzessionen an Reichsdeutsche.
Wie vielfach berichtet wird, steht die russische Regierung in diesem Augenblick vor einer Wandlung ihrer Wirtschaftspolitik. Die bisher geltenden außerordentlich hohen Zölle sollen allmählich abgebaut werden. Genaueres hierüber ist noch nicht heraus, jedoch geht die allgemeine Ansicht dahin, daß in Zukunft weniger finanzielle Momente als Gesichtspunkte des Schutzes der heimischen Industrie maßgebend sein sollen. Es scheint, als ob einige Gewerbezweige Rußlands allmählich wieder in eine ruhigere Entwicklung gelangen, und um diese vor der ausländischen Konkurrenz zu bewahren, will man sich mehr auf den Schutz der heimischen Industrie allein zurück- ziehen. Gleichzeitig aber wird sehr viel von der Beseitigung der russischen Ausfuhrzölle gesprochen. Rußland hätte daher alle Veranlassung, angesichts so schwerwiegender und weitgehender wirtschaftspolitischer Aenderungen möglichst bald zu einem- Handelsabkommen mit uns zu gelangen.
Man geht nicht fehl, wenn man das schleppende Tempo der desttsch - russischen Handelsvertragsverhandlungen auch mit den bevorstehenden außerpolitischen Entscheidungen bei uns in Zusammenhang bringt.
Der Sicherheitspakt wird von russischer Seite mit nicht allzu günstigen Augen betrachtet. Die Sowjetmachthaber befürchten mit dem Zustandekommen dieses Paktes eine An- gliederung Deutschlands an Westeuropa, aus dessen Interessensphäre es mit Abschluß des Weltkrieges großenteils ausgeschieden war. Rußland scheint uns bei den Friedensvertragsverhandlungen vor die große Schicksalsfrage stellen zu wollen: Ost oder West. Es war das Verhängnis früherer Jahrzehnte, daß wir aus diesem Dilemma keinen Ausweg gefunden haben, heute ist die Lösung dieser Frage für uns doppelt schwer. Auf der einen Seite Mächte, an deren feindseliger Gesinnung oder zum mindesten unzuverlässiger Gleichgültigkeit nicht zu zweifeln ist. Auf der anderen eine Staats- ftrut'iur, die in der Auswirkung ihrer Grundlagen andauernde Gefahren für unser Staatswesen mit sich bringt Es ist zweifelhaft, ob wir gut daran tun werden, uns schon jetzt aus unserer gegenwärtigen, mit Rücksicht auf unsere Entwaffnung gebotene Isolierung herausbringen zu lassen. Auch auf diesem Gebiete kann die Zeit und die Entwicklung nur für uns von Vorteil sein. Das augenblickliche russische Auftrumpfen sollte seinen Zweck verfehlen; Rußland ist mindestens ebenso stark aus uns angewiesen wir wir auf Rußland.
Polen verletzt die deutsche Grenze.
Manöverspionage oder Provokation?
■£ Königsberg. Nach übereinstimmenden Meldungen bet ostdeutschen Presse haben in den letzten Tagen drei schwer« Verletzungen der deutschen Grenze durch polnisches Militä«
stattgefunden. Wie die Königsberger Zeitungen aus zuverlässiger Quelle melden, ist am Mittwoch ein polnischer Offizier mit zwölf Mann bei Freystadt in Westpreußen ungefähr eineinhalb Kilometer weit in preußisches Gebiet geritten. Außerdem hat er in der vergangenen Woche eine kleinere polnische Truppenabteilung an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in der Gegend von Waldau im Lezirk Freystadt die Korridorgrenze überschritten. Es handelt sich um K a v a l l e r i e p a t r o u i l l e n, die einmal in Stärke von sechs, das andere Mal in Stärke von elf Mann etwa einen Kilometer weit über die Grenze nach Osten ritten, dort Uebungen veranstalteten und nach etwa einstündigem Aufenthalt auf deutschem Boden wieder über die Grenze zurückgingen. — Da die Grenzüberschreitungen sich in der Nähe des Raumes Stuhm—Marienwerder ab- ipieften, in dem augenblicklich die ostpreußischen Manöver abgehalten werden, so lassen sich die Zwischenfälle nur als Manöverspionage oder als Provokation und Händelsucht rrklären.
Ein polnischer Graf preußischer Amtsvorsteher.
Wie man polnische Propaganda unterstützt.
H Königsberg. Die Bestätigung des polnischen Grafen Doniemirski zum preußischen Amtsvorsteher im Kreise Stuhm ist von den ostpreußischen Zeitungen aller Parteirichtungen als ein Mißgriff bezeichnet worden, da man mit Recht eine Stärkung der polnischen Propaganda in Ostpreußen durch derartige Maßnahmen befürchtet. Wie berechtigt diese Bedenken sind, geht aus der Meldung eines zu den Manövern der ersten Division, die im Raum Stuhm— Marienwerder stattfinden, entsandten Berichterstatters hervor, in der es heißt: Die geringe polnische Minderheit im Kreise Stuhm, der man preußischerseits durch die Bestätigung des polnischen Grafen Doniemirski zum preußischen Amts- vorsteher Wasser auf die Mühlen geleitet hat, fühlt sich be- reits so stark, daß sie anläßlich der Reichswehrmanöver vor schiedenen Stellen Drahtseile über die Straßen gespannt wor- den. Man hat die Autofallen jedoch rechtzeitig entdeckt, so daß Unheil verhütet werden konnte. Immerhin werfen diese und ähnliche Vorgänge ein bezeichnendes Licht auf die drin- gend der Abhilfe heischenden Zustände der polnischen Ver- Hetzung in Ostpreußen.
Sie Londoner Zuristenlonserenz beendet.
^ Paris. Die Pariser Blätter stellen übereinstimmend fest, daß die Londoner Sachverstandigenbesprechungen einen günstigen Verlauf genommen haben. Eine letzte Zusammen- kunft der Sachverständigen hat am Sonnabend vormittag im Foreign Office stattgefunden, jedoch wurde die Aussprache bereits abends beendet. Es werden nur noch redaktionelle Fragen erörtert. Der belgische Delegierte Rollin brach nach Genf auf, wo er mit V a n d e r v e l d e Zusammentreffen wird. Auch Fromageot ist nach Paris zurückgekehrt.
Times melden zur Londoner Konferenz der juristischen Sachverständigen: Die Erwägung der größeren politischen Fragen war nicht Aufgabe der Juristen. Der nächste Sdjritt ist, wie allgemein erwartet wird, die geplante Fusammen- kunft der ^lu^enminifter der fünf in Bettacht kommenden Staaten, wahrscheinlich an einem ^Orte in der Schweiz.
Morning Post schreibt zur Iuristenbesprechung: Es kann angenommen werden, daß Dr. Gaus jetzt gut mit den zwischen Großbritannien und Frankreich vereinbarten Vorschlägen bekannt ist. Dadurch, daß auf die in Betracht kommenden Fragen Licht geworfen worden ist, ist der Zweck der Besprechungen der Sachverständigen erfüllt. Ihre Entschlüsse sind für die Regierungen nicht im geringsten bindend. Unter diesen Umständen wäre es unverständig gewesen, den Verlauf der Besprechungen zu enthüllen, während sie noch im Gange waren. Daher ist auch das strengste Stillschweigen beobachtet worden. Es scheint jedoch kein Grund zu Zweifeln zu bestehen, daß es den Juristen gelungen ist, die Hmiptschwierig- keiten, die vor der Konferenz bestanden, zu beseitigen.
Eine englische Stimme gegen Italiens Teilnahme an der Sicherheitskonferenz.
-H- London. Der „News States man* schreibt an leitender Stelle, daß man den Fortschritt in den Verhand- Tungen über den Sicherheitspakt bezweifeln müsse. Selbst Italien habe einen Experten gesandt, obwohl es schwer einzu- sehen wäre, was Italien mit der ganzen Frage zu tun halv. Wenn Italien befragt würde, warum solle nicht Japan und Portugal und Serbien befragt werden? Italien habe keine gemeinsame Grenze mit Deittfchland; es habe überhaupt kein direktes Interesse an der französisch-deutschen Front, und sein einziger Anspruch, bei einer solchen Konferenz vertreten zu sein, sei vielleicht die Tatsache, daß es im Weltkrieg einer der Verbündeten der Alliierten gewesen sei. Die bloße Tatsache, daß Italien vertreten sei, lasse daraus schließen, daß der Pakt wieder einmal eine neue Bestätigung der Solidarität
^ e r Alliierten gegen Deutschland werden solle. Wenn das der Fall sei, dann sei es bedeutend besser, wenn überhaupt kein Pakt zustande kommen würde.
Wichtige Besprechungen bei Chamberlain.
^ G e n f. Bei Chamberlain hat eine längere Aussprache der drei Außenminister stattgefunden. Anlaß dazu gab ein Telegramm aus London, das den Abschluß der 6 adj- oerständigenverhandlungen meldete. Der Zu- sammenkunst wird die größte Bedeutung beigemessen und man glaubt, daß endgültig beschlossen wurde, für Ende dieses Mo- nats eine Konferenz der alliierten Außenminister unter Hin- zuziehung Strefemanns einzuberufen.
Der Stand der deutsch-russischen Handelsvertrags- Verhandlungen.
^Moskau. In einer amtlichen Erklärung des russischen Außenkommiffariats wird die Behauptung, daß die deutsch- russischen Handelsvertragsverhandlungen auf den toten Punkt gelangt seien, ausdrücklich widerlegt. Die deutschen Unterhändler hätten lediglich eine Aeußerung des russischen Delegierten mißverstanden. In den meisten Fragen, mit Aus- nähme einiger Puntte wie z. B. des Fischereiabkommens, habe man sich bereits geeinigt. Nur in der Meistbegünsti- gungsfrage sei noch keine Einigung möglich gewesen, da Rußland einem Industriestuate wie Deutschland unmöglich die gleichen Handelsvorzüge einräumen könne, wie der Türkei und Persien.
Der deutsch-dänische Paßkrieg.
£ Hamburg. Wie gemeldet, hat die dänische Regierung die Erteilung eines Sammelvisums für deutsche Schüler anläßlich des Knivsbergfestes verweigert. „Berlingske Tidende" in Kopenhagen Ast nun in der Lage, den Standpunkt der dänischen Regierung in dieser Angelegenheit mitzuteilen. Danach sind zwei Gründe für die Ablehnung des «Sammet- schast nicht möglich gewesen. Dann gibt aber die dänische Regierung selbst zu, daß politische Gründe maßgebend gewesen sind. Man würde den Angehörigen der deutschen Minderheit niemals Hindernisse in den Weg legen, um nach Süden zu reifen, aber hier handle es sich um einen deutschen Besuch mit demonstrativem Charakter. Dafür könne man keine außergewöhnlichen Vergünstigungen gewähren. In ähnlichem Sinne äußert sich auch der^diinische Iusttzminister. Hierzu ist zu bernerten, daß es sich bei dem Knivsbergfest nicht um eine politische Demonstration handelt, sondern um ein deutsches Spiel- und Sportfest, daß die Rede auf dem Knivsbergfest von dem Folketingabgeordneten Pastor Dr Schmidt gehalten wird, dessen Loyalität über alle Zweifel erhaben ist, und daß es ferner auf dem Knivsbergfest niemals zu Zwischenfällen irgendwelcher Art gekommen ist.
Zusammenkunft Eckener-Nansen in Berlin.
- Berlin. Am Sonnabend vormittag 9,30 Uhr traf Professor Nansen auf dem Stettiner Bahnhof in Berlin ein. Er wurde von Vertretern des Reichsverkehrsministe- riums, u. a. von Herrn Ministerialdirektor Brandenburg, empfangen. Um 11 Uhr begann im Reichsverkehrsministe- rium in Anwesenheit des Ministers Krohne eine Besprechung, die bis gegen zwölf Uhr dauerte. Im Anschluß daran war ein Frühstück vorgesehen, an dem auch Dr. Eckener teil- nimmt. Professor Nansen und Dr. Eckener werden hierbei sich über die Pläne zur Erforschung des Nordgebietes mit Luftschiffen unterhalten. Professor Nansen befindet sich auf der Durchreise nach Genf.
Preisbildung und Sieuern.
Eine Erklärung des Reichsfinanzministers.
$ Berlin. In einem Interview, das der Reichsfinanzminister von S ch l i e b e n einem Vertreter der „Schlesischen Zeitung" in Breslau gewährte, äußerte sich dieser zu der Frage, ob der gegenwärtige hohe Preisstand in Deutschland mit auf die Gestaltung der Steuern zurückzuführen sei, wie folgt: „Die Reichsregierung ist diesen Behauptungen schon zu wiederholten Malen mit Nachdruck entgegengetreten. Bei der Einkommensteuer sind die «Sätze erheblich ermäßigt. 9tach dem bis zur letzten Reform noch in «Leitung gewesenen «Einkommensteuergesetz betrug der Höchstsatz 60 Prozent, während er jetzt mit 40 Prozent endet. Bei der L o h n st e u e r ist der monatlich steuerfrei bleibende Betrag von 60 auf 80 Mark erhöht worden. Außerdem sind für die kinderreichen Familien weitgehende Erleichterungen vorgesehen. Die K ö r p e r s cha f t s st e u e r beträgt setzt einheitlich 20 Prozent, während bisher von dem ausgeschütteten Gewinn noch eine Zusatzsteuer von 15 Prozent erhoben wurde. Eine Steuer, die das Kapitaleinkommen weiter vorausbelastete, nämlich die K a p i t a l e r t r a g s st e u e r, ist aufgehoben worden. Die Vermögenssteuer betrügt für die nächste Zeit allgemein 5 vom Tausend, und die Vermögenszuwochs- fteuer ist bis zum 31. Dezember 1927 außer Kraft gesetzt. Schließlich weise ich auf die bedeutende «Senkung der Um»