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Kersirlöer Tageblatt

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Hersfetöer Kreisblatt^

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

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Nr. 205

Mittwoch, den 2. September

1925

Das Wichtigste. '

— Durch das nachträgliche Eintreffen des italienischen Delegierten Pilotti ist die Londoner Iuristen - kvnferenz am Dienstag eröffnet worden.

— Am 2. September begann in Genf die Völ­te r b u n d t a g u n g, auf der u. a. auch die D a n z i g - polnischen Streitfragen zur Erörterung stehen.

— Die Spanier und Franzosen haben mit der Be­schießung der Rifküste die Offensive gegen Abd el Stirn begonnen.

Danzig und der Völkerbund.

Von Dietrich Maydorn.

Wenn am 2. September der Völkerbundrat in Genf zu seiner neuen Tagung Zusammentritt, dann werden auch für Danzig wieder entscheidungsschwere Tage kommen. Auf der Tagesordnung steht nämlich unter vielem anderem auch die Behandlung der Streitfrage wegen der polnischen Post in Danzig. Seit dem eigennrüchtigen und vertragswidrigen Vorgehen der Polen, das im Dezember vorigen Jahres durch die öffentliche Anbringung polnischer Briefkasten im Danzi- ger Stadtgebiet einen berechtigten Sturm der Entrüstung in allen deutschen Kreisen hervorrief, ist diese Frage noch nicht zur Klärung oder gar zu einer einwandfreien Entschei­dung gekommen.

An sich ist das Recht vollkommen auf der Seite Danzigs. Senat und Bevölkerung dieses rein deutschen Freistaats konnten verlangen, daß die Bevorzngung der verschwindend geringen Anzahl Polen, die dort leben, unverzüglich wieder rückgängig gemacht würde. Polnische Frechheit vermochte aber auch diesmal, wie immer, den für die Regelung der­artiger Streitfragen zuständigen Völkerbundrat für sich zu gewinnen, der solchen Forderungen nur ein zu williges Ohr leiht. So setzte man denn großartig erst eine besondere Sachverständigenkommission ein, bei der es von vornherein i klar war, daß sie den polnischen Wünschen weit als irgend ' möglich entgegenkommen würde.

Mit erschreckender Deutlichkeit hat der erst jetzt nach langem Zögern veröffentlichte Bericht dieser Sachverständi­genkonimission gezeigt, wie wenig Sachverständnis bei den ganzen Verhandlungen gewaltet hat. Wenn man auch not­gedrungen gezwungen war, eine Berechtigung Polens zum Betrieb einer eigenen Post im geformten Freistaatgebiet nicht anzuerkennen, da die Danziger Postverwaltung dem vcnhan- denen Bedürfnis vollauf genügt unb ihre Tätigkeit zu all­seitiger Befriedigung ausübt, so hat man doch den polnischen Forderungen so weit nachgegeben, daß im Grunde genommen nichts anderes als eine unverständliche Bestätigung des eigen - mächtigen Vorgehens herausgekommen ist. Die Abgrenzung des „Hafengebiets", die jetzt in ihren Einzelheiten besännet* geworden ist, ist nichts weiter als eins verschleierte Einb> ziehung der wichtigsten Stadtteile in den Bereich des poln»- fchen Postdienstes. Zum eigentlichen Hafengebiet gehören sie nicht mehr. Oder wiL ntan etwa behaupten, daß z. B. der Hauptbahnhof, der innerhalb der Umgrenzung liegt, mit dem Hafen direkt in Verbindung steht? Nach dem Vorschlag der Sachverständigenkommission soll aber auch an ihm die An- - bringung polnischer Briefküsten und die Poftzustellung durch Polen in dieses Gebäude gestattet sein.

An der ganzen Ungeheuerlichkeit dieses. Vorschlags > ändert es nichts, wenn in dem Bericht gesagt wird, daß die bezeichnete Hafenlinie „keine endgültige" sein soll, und daß ' eine Veränderung der Grenze alle fünf Jahre porgenoinmen * werden könne. Im Gegenteil, gerade dieser Punkt wird Polen die Möglichkeit geben, bei der bekannten Einstellung des Völkerbundes nach den ersten fünf Jahren schon eine Aenderung zu seinen Gunsten zu beantragen und auch durch- zusetzen, um auf diese Weise doch allmählich sein Postgebiei auf den gesamten Freistaat auszudehnen. Danziger Wünsch« werden auch hierbei vermutlich wie bisher kaum Berücksichti- gung finden. Haben es doch die Sachverständigen nicht ein­mal für nötig gehalten, bei der Festsetzung der Grenzlinie sich von den tatsächlichen Verhältnissen durch persönliche Un­tersuchungen zu überzeugen.

Neben der Behandlung des Danzig-polnischen Poststreitt wird aber auf der kommenden Tagung des Völkerbund rate« noch eine andere Danziger Finge zur Sprache kommen. bü für die Zukunft des Freistaats und vor allem für die Sicher­heit der Bevölkerung von größter Bedeutung ist Polen ha! bekanntlich in Westerplatte eine Munitionsniederlage ein­gerichtet. Obwohl es dazu nicht ohne weiteres berechtigt war und obwohl Danzig sofort gegen diesen Plan Verwahrunc eingelegt hatte, wurde die Errichtung dieses Munitionslagers doch durchgeführt. Polen scheute sich nicht einmal, den schönen Wald auf Westerplatte zu diesem Zweck größtenteils abzw holzen, obwohl er als Schutz für die _ dahinter liegenden Hafenanlagen unentbehrlich war. Danzigs energischer Pro­test beim Völkerbund hat auch hierbei wenigstens die Ein­setzung einer Sachverständigenkommission durchgesetzt, du nunmehr ihren Bericht dem Völkerbundrat vorgelegt hat Die Gefahr, die durch die Anhäufung gewaltiger Munitions-. Massen in unmittelbarer Nähe der Stadt für die gesamte Bevölkerung liegt, ist so groß, daß in dieser Migetlegenheü eine sofortige Abhilfe dringend geboten erscheinst, wenn man die begreifliche Erregung und Beunruhigung Der Bewohner

beseitigen will. Die Anlage solcher gefährlichen Plätze im nächsten Bereich menschlicher Wohnungen verstößt gegen alle allgemein anerkannten Sicherheitsmaßnahmen. Dabei besteht in diesem Falle sogar die Befürchtung, daß bei der bekann­ten polnischen Wirtschaft nicht einmal mit der notwendigen Vorsicht vorgegangen wird, und daß die Gefahr eines Un­glücks mit unübersehbaren Folgen dadurch vergrößert wird.

Das letzte Wort in diesen beiden genannten Fragen wird jetzt der Völkerbund zu sprechen haben. Es muß unbedingt gefordert werden, daß die berechtigten Wünsche der Danziger Bevölkerung in vollem Maße erfüllt werden, und daß man nicht wieder die ganz ungerechtfertigten polnischen Forderun- gen allem voranstellt. Don der Entscheidung des Völkerbund­rates wird es abhängen, ob man ihn wirklich für eine un- teiliche Stelle zur Schlichtung politischer Streitfälle halten kann, oder ob er das ist, wofür man ihn nach feiner bis­herigen Tätigkeit ansehen mußte: ein lächerlicher Spielball in den Händen der Feindbundmächtel

Die Londoner Zunstenkonferenz.

$■ London. Die Londoner juristische Konferenz hat die Rechtsachverständigen lediglich zu einer kurzen Sitzung im Außenministerium vereinigt, um die Tagesordnung für die erste offizielle Sitzung festzufetzen. Die Rolle des italieni­schen Vertreters Pilotti wird indessen nicht die eines Beobachters, wie der „Daily Telegraph" meldet, fein. Es wird vielmehr mit einer regelrechten Beteiligung des italieni­schen Juristen an den Besprechungen gerechnet. Bereits vor einigen Wochen schon hat eine derartige Zusammenkunft zwischen den juristischen Sachverständigen des englischen und französischen Auswärtigen Amtes Sir Cecil H u r st und Fromageot ftattgefunben. Die Teilnahme Pilottis wird in maßgebenden Kreisen als ein Zeichen des Interesses Italiens an dem Sicherheitspakt sehr begrüßt. In Londoner unterrichteten Kreisen glaubt man, daß ein

deutsch-polnischer Schiedsgerichtsvertrag

vorgeschlagen werden wird, dessen vom Völkerbund ernannter Garant Frankreich sein soll. Me gegenwärtige juristische Konferenz soll oder kann, wie versichert wird, weder etwas an den festgelegten Prinzipien ändern, noch die in dem kürz­lich fertiggestellten englisch-französischen Paktentwurf enthab tene Politik in irgendeiner Weise berühren. Die Aufgabe der Konferenz bestehe lediglich darin, Slusbrüde klarzulegen und Auffassungen, über die man verschiedener Auffassung sein könne, auf eine juristische Formel zu bringen, so daß, wenn die eigentlichen Paktbesprechungen zwischen ben betei- ligtn Regierungen selbst beginnen werden, über keinen we­sentlichen Punkt mehr verschiedenerlei juristische Meinungen bestehen werden. Alan glaubt nicht, daß die Konferenz die ganze Woche über andauern werde. Man erwartet, daß nach Beendigung der juristischen Konferenz von deutscher Seite eine internationale Konferenz vorgeschlaaen werden wird, die voraussichtlich während der letzten Septemberwoche in Lausanne beginnen soll. Das Gerücht, daß auch Baldwin an der Konferenz teilnehmen werde, hält man an maßgeben­der Stelle noch für verfrüht.

England für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund.

£ London. Die Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund ist seit dem Tage der Entsendung der fran­zösischen Note, in der die deutsche Mitgliedschaft als Vor­aussetzung für einen westeuropäischen Sicherheitspakt gefor­dert wird, der Punkt, von dem aus die englische Oesfentlich- keit all ihre politischen Zukunftsberatungen anfteHt. Man glaubt in Suglang in weiten Kreisen, daß sich eine wirkliche "Befriedigung Europas und die Ueberbrückung zahlreicher «Gegensätze viel eher erreichen ließen, wenn Deutschlaich erst einmal im Völkerbund sei.

\ Völkerbundtagung in Genf.

Mar f d e r Suche nach einem f r a nz o s e n fr e u n d - l ichen Präsidenten.

4- Genf. Die Vollversammlung des Völkerbundes wird jedes Jahr durch den derzeitigen Vorsitzenden eröffnet. Da der Vorsitz im Völkerbundsrat zurzeit Frankreich zufüllt, wird Pain lev e die Eröffnungsrede halten. Der erste Gegen­stand der Beratung ist die Neuwahl des Präsidenten. Im letzten Jahr war dies der schweizerische Bundesrat Motta. Mit großer Spannung wird der diesjährigen Wahl entgegen- gefeliew. In franzosenfreundlichen Kreisen wird stark Stimmung für den ersten Delegierten der kanadisäfen Dele­gation, den Senator Dandurand, gemacht, der französischer Herkunft ist und trotzdem er ein englisches Dominion vertritt, feine Rcrde stets in französischer Sprache auf der Vollver­sammlung hält, um sie danach selbst ins Englische zu über* setzen, stoandurand weilt bereits seit längerer Zeit in Europa und hat letchin der Danziger und der polnischen Regierung einen Besuch nbgestattet In f r a n z o s e n f r e u n d - l i che n Kreifen glaubt man, daß er deswegen seiner F r a n - zosenfy mpathie und als Vertreter eines englischen Dominions- der geeignete Mann sei. Von anderer Seite wird die tfiandidätur Fridtjof Nansens angeregt, der als

-lange selbstlose Arbeit für die durch sein mannhaftes und wahr- fat er sich die Sympathien weiter

wirklicher Friedensfreund und als namhafter Forscher und Gelehrter überall in der Welt Verehrung und Vertrauen ge­nießt. Durch seine jahrelange selbstlose Arbeit für die russischen Flüchtlinge und durch sein mannhaftes und wahr­haft neutrales Auftreten hat er sich die Sympathien weiter Völkerbundskreise erworben. Wie erinnerlich, begab er sich während der vorjährigen Vollversammlung zum Reichs­kanzler Marx, um diesen zu überreden, noch während der Vollversammlung die Aufnahme Deutschlands in den Völker­bund zu beantragen. In Nansen hätte die Vollversammlung des Völkerbundes zweifellos den besten Vorsitzenden, denn niemand kann ihm Abhängigkeit von irgendeiner Mächte­

gruppe nachweisen.

Die französische Wittkürherrschaft im Saargebiet.

Ein englisches Blatt für Abberufung R a u l t s.

4 London. Der liberale „M a n ch e st e r G u a r b i a n" schreibt zu der noch immer andauernden französischen Miß­wirtschaft im Saargebiet, es fei zu hoffen, daß die Saar­frage sobald wie möglich in Genf von neuem erörtet würde. Alle Welt wisse, daß der Völkerbund in den Gebieten, die unter seiner Herrschaft ständen, für eine einwandfreie Ver­waltung verantwortlich sei. Zu Beginn dieses Jahres hätte von Rechts wegen eine Wendung in der Verwaltung des Saargebietes eintreten müssen. Es fei wahr, daß noch immer der Franzose R a u l t der verantwortliche Übertreter des Völkerbundes im Saar gebiet sei. Als ein Franzose, der nicht die deutsche Sprache spreche, sei er an die Spitze eines Gebietes gestellt worden, daß strikt neutral sein und das' Gleichgewicht zwischen Deutschland und Frankreich aufrecht erhalten sollte. Gegen alle vernünftigen Erwartungen fei er zu Beginn dieses Jahres ohne ein Wort des Wider­spruchs seitens des britischen Außenministers wieder gewählt worden. Aber man habe geglaubt, daß sich die Saar­regierung während des Sommers gebessert habe. Indessen bewiesen die aus dem Saargebiet kommenden Nachrichten, saß Sie Regier«,igsMmiukjjwit wen davon entfernt sei, neu­tral zu fein. Die erwartete Zurückziehung der ftanzofischen Truppen habe noch nicht ftattgefunben. Während die Saar­länder an der Iahrtaufendfeier des Rheinlandes nicht teil­nehmen durften, hätten Rault und zwei andere der fünf vom Völkerbund eingesetzten Konimissare an der am 14 Juli stattgefundenen Parade ftanzösischer Truppen teilgenomnien, die "in rechtswidriger Weise im Saargebiet ftattgefunben habe. Derartige Abweichungen vom Pfade der Neuttalität müßten unmöglich gemacht werden, wenn die Saarfrage den Völkerbund nicht diskreditieren und nicht noch mehr böses Blut zwischen Deutschland und Frankreich hervorrufen wer­den solle.

Ende des Lohnftreiis bei der Reichsbahn.

4 Berlin. Die Schlichtungsverhandlungen in bem Lohn­streit zwischen der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft und den Gewerkschaften, die sich um die zum 31. August gekündigten Lohnbestimmungen des Tarifvertrages drehen, waren am Donnerstag vergangener Woclie dadurch gescheitert, daß die Arbeitnehiner vor der entscheidenden Abstimmung die Ver­handlung verließen. Um die Reichsbahnarbeiter nicht unter der Verzögerung des Streits leiden zu lassen, hat die Deut­sche Reichsbahn-Gesellschaft von sich aus zum 1. September dieses Jahre alle die Lohnmaßnahmen zugunsten ihrer Ar­beiter angeordnet, die sie im Rahmen dessen, was nach ihrer Ansicht der Betrieb finanziell tragen kann, durchzuführen, sich bei den Verhandlungen bereit erklärt hatte. So treten am 1. September dieses^ Jahres an einer großen Zahl von Orten und Wirtschaftsgebieten für die Reichsbahnarbeiter zum Teil

«icht unwesentliche Lohnerhöhungen

ein, wie in Berlin, Groß-Hamburg, Leipzig, Dresden, Eheni- nitz, Zwickau, München, Nürnberg, Augsburg, Würzburg, Groß-Frankfurt (Main), Hannover, Bremen, Wefermündung, Köln, Ludwigshafen, Mannheim, Württemberg, Baden usw. Für die im Betrieb und Verkehr beschäftigten Arbeiter wird die Schichtzulage erhöht, die Lohnbcziigr einzelner Berufs- klussen wie Mechaniker usw. werden verbessert. Auch wird die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft vorausstästlich schon am 1. Oktober dieses Jahres die Rangierzulagen für im Rangier- dienst beschäftigte Arbeiter und Beamte wesentlich verketzern. Die ab 1. September dieses Jahres fälligen Mehrbezüge sollen den Arbeitern beim ersten Zahlungstermin gezahlt werden, um sie möglichst halb in den Genuß der ihnen zugedachten Verbesserung zu bringen, und um jeden Zweifel daran zu beseitigen, daß der Ablauf des Streites selbst an der Bereit- Willigkeit der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft, ihre Zusagen einzülösen, nichts ändert.

Abschluß der Tagung des AuSlandSdeutschlumS.

Der Gruß der Reichsregierung.

4 Berlin. Die Tagung des Auslanddeutschtums in Berlin fand ihren Abschluß in einer gewaltigen öffentlichen Kundgebung, die im Herrenhaus stattfand und von Vor- tragen des Doppelquartetts des Berliner Domchors.»WvMt