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yersfelöerTageblatt

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Hersfelöer Kreisblatt*

Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS

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Nr. 203

Montag, den 31. August

1925

Das Wichtigste.

— Die Blätter in London, Paris und Brüssel äußern sich sehr pessimistisch über die Aussichten der bevorstehenden Paktkonferenz.

— Generaldirektor Oeser ließ sich in einer Unter­redung über die Wirtschaftslage der Reichs­bahn aus und schilderte die Schwierigkeiten, mit denen das Unternehmen zu kämpfen hat.

— Frankreich und Spanien bereiten eine General- offensive gegen Abd el Krim vor.

Das Handeln kann beginnen.

Die deutsche Regierung hat mit ihrer Antwort auf die letzte Briandnote nicht lange auf sich warten lassen. Wozu hätte sie auch noch Zeit unnütz vergehen lassen sollen^, wo doch in der französischen Note selbst am Schluß gesagt war, daß es das Vernünftigste sei, den ganzen Komplex der Sicher- Heitsfrage in persönlichen Besprechungen zu verhandeln Es ist daher nur allzu verständlich und der einzig richtige Weg, daß die deutsche Regierung alle noch in der Briandnote an« gedeuteten Gegensätze in ihre Antwortnote nicht noch einmal aufnahm, sondern, fußend auf dem letzten Wsatz der Briand­note, neben der offiziellen Bestätigung die Einladung zu der nunmehr bereits in London begonnenen Juristenkon fereirz annahm.

Lange genug hat es gedauert, ehe die Alliierten zu der Einsicht kamen, daß man eine so wichtige Frage, wie die Sicherheit Europas, von der doch letzten Endes die ganze Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse aller europäischen Staaten abhängig ist, nicht durch ein Hin und Her von Noten zu einem befriedigenden Ergebnis bringen könne. Leider ist schon viel kostbare Zeit verflossen, die zu etwas besserem als zu unfruchtbarem Schriftwechsel zwischen Paris und Berlin hätte verwendet werden können. Denn schließlich ist ja bei dem ganzen Notenwechsel herzlich wenig hevausgekommen. Zwischen den beiderseitigen Wun- schen ist kaum eine Einigung erreicht worden..

«wtw'rw-geute schließlich immer noch da, wo wir bei Ausnahme des Sicherheitsgedankerrs uns befanden. Vielleicht mag man es als einen Vorteil ansehen, daß die Bedingungen der Alliier­ten für einen Sicherheitspakt sich schärfer als am Anfang herauskristallisiert haben und daß ihnen heute die deutschen Bedingungen in voller Unzweideutigkeit gegenüberstehen.

Die Londoner Besprechungen werden zeigen, wie weit die Basis, die durch den Notenwechsel für die Erörterung der Sicherheitsfrage geschaffen wurde, tragfähig ist. Vermutlich wird es sich in London nur um eine kurze Verhandlung zwischen den Juristen Londons, Paris' und Berlins han­deln, die als Vorbereitung für die weit wichtigere politische Konferenz der Außenminister anzusehen ist. Der Pariser „Temps" will sogar wissen, daß diese Konferenz in Lausanne stattfinden wird, ohne daß der Zeitpunkt der Konferenz schon bestimmt ist.

Nach den vorliegenden B l ä t t e r m e l d u n g e n aus den Ländern der Alliierten zu der deutschen Antwortnote sieht man den bevorstehenden Verhandlungen nicht mit allzu großem Optimismus entgegen, in Paris sagt man viel­mehr schon jetzt voraus, daß sich sehr bald unüberwindliche Schwierigkeiten einstellen werden, da Deutschland in den Kar­dinalfragen vorn französischen Standpunkt völlig abgehe. Framreiech könne niemals über die Sicherheitsfrage sprechen, wenn nicht Deutschland vorher seinen bedingungslosen Ein­tritt in den Völkerbund erkläre. Aus London kommen schon jetzt starke Bedenken zu der Entwicklung der ganzen Sicher- Heilsfrage. Immer und immer wieder drängen sich die Be­fürchtungen in den Vordergrund, daß England durch seine Zustimmung ;um Garantiepakt, wie er von Frankreich ge­wünscht wird, leicht in europäische Verwicklungen hinein­gerissen werden könnte, an denen England nicht das geringste Interesse haben kann. In B r U s s e l steigert sich die Ableh- nung des von Deutschland gewünschten Garantiepaktes ge­radezu zur Empörung,. Die deutsche Antwortnote wird recht abfällig kritisiert und darauf hingewiesen, daß Deutschland die Frage der Räumung der Kölner Zone mit dem "Abschluß des Sicherheitsbündnisses verbinden wolle. Dabei wird in der üblichen Weise Deutschland neuerdings unterstellt, daß es sich seinen Abrüstungsbosttminungen zu entziehen suche, die die notwendige Vorbedingung für die Räumung seien. Schließlich bedrückt die Belgier eine neue Angst, und sie werfen ein neues Moment in die Debatte, wenn sie ihrer (Empörung darüber Ausdruck geben, daß Deutschland Ko- lonialmandate fordert, wie sie auch den anderen Mitgliedern des Völkerbundes zugestanden sind. Mit einem unverständ­lichen Mißtrauen sieht Belgien in dieser Frage einen An­schlag Deutschlands auf die belgischen Kolonien. Es ist nicht rechtbegreiflich, wie man in Brüssel zu dieser Auslegung der deutschen Note kommt. Aber es zeigt immerhin, daß es ge« nirgend Punkte gibt, an denen die Sicherheitsfrage scheitern kann.

Ereignisvolle Wochen stehen dem deutschen Volke bevor. Die deutschen Unterhändler, die in London und auf ,dcr kom­menden politischen Konferenz das deutsche Volk zu vertreten haben, werden eine schwere Verantwortung auf ihre Schul­tern zu nehmen haben. Sie sind zu großen Aufgaben be­rufen-, sie können sich ein großes Verdienst um den Wieder- auf stieg unseres geknechteten deutschen Volkes erwerben, sie können aber auch vieles verderben, ja alles verderben, wenn

sie jetzt nicht zu einem Ergebnis kommen, das der Bedeutung des deutschen Volkes entspricht und seine Achtung wieder- herstellt. Dr. M.

Die Aussichten für Die Pattverhandlungen

Widerspruch in Paris. — Bedenken in London. — Protest in Brüssel.

■£ Paris. Der „Temp s" bespricht in einem Leitartikel den Stand und die Aussichten der Garantievertragsverhand- lungen. Das Blatt sagt große innerpolitische Schwierig­keiten für das Kabinett Luther voraus. Einer der Gründe, aus dem die Deutschnationalen heraus eine Kabinettskrise vermeiden würden, sei der, daß sie selbst sehr stark im Kabi­nett vertreten seien. Vorläufig sei die Frage noch die, ob Deuffchland den Pakt tatsächlich abschließen wolle. Festzu­stellen sei, daß Deutschland auf Verhandlungen eingeht, jedoch keine positiven Zugeständnisse gemacht habe. Es sei anzu- nehmen, daß es gewisse Einwendungen gegen einige Stellen der französischen Note aufstellen werde, und besonders die gegen den Eintritt in den Völkerbund geltend gemachten Vorbehalte aufrechterhalte. Zudem versuche Deutschland die Räumung der Kölner Zone und die Unterzeichnung des Paktes in Zusammenhang zu bringen, es werde auch einen Antrag auf Revidierung des Dawesgutachtens und die Forderung der Aufgabe v o n K ö l n st e l l e n. Es fei also falsch, anzunehmen, daß bereits alles abgetan sei und man sich nur noch über den Pakt und die Pakteinzelheiten zu einigen brauche. Die Tat­sache aber, daß man bereits in Verhandlungen eintreten könne, bedeute einen großen Fortschritt und günstige Mög­lichkeiten für die nächste Zukunft.

London. Der Pariser Korrespondent des „M a n ch e st e r Guardian" beschäftigt sich mit den kommenden Paktbe- sprechungen und schreibt in bezug auf die Aufsicht über die entmilitarisierte Rheinlandzone durch den Völkerbund, daß es vielleicht für die juristischen Mitarbeiter am Montag, ge­wiß aber für die Außenminister notwendig sein werde, mit Genf in Sühluna au bleiben. Der. Wortlaut des-Bulle», au dem Chamberlain vor einigen Wochen seine Zustimmung ge­geben habe, gebe Frankreich das, wonach es schon lange aus- schaut, was es aber kaum erhofft hatte, nämlich die Gewiß­heit, daß Großbritannien automatisch in einen europäischen Krieg eintreten würde im Falle einer deutschen Invasion, und zwar nicht nur in bezug auf die östlichen Grenzen Frank­reichs, wie dies auf der Friedenskonferenz besprochen und später von Lloyd George angeboten wurde, sondern auch in bezug auf rein deutsches Gebiet längs des Rheins, welches neutralisiert worden sei.

Paris. Wie der >,T e m p s" aus Brüssel meldet, heißt die belgische Presse vorbehaltlos den Text der französischen Antwortnote an Deutschland gut, macht aber Aussetzungen an dem Berliner (Kommunique, in dem die Auffassung der Reichsregierung dargelegt wird. Die Brüsseler Blätter weisen besonders darauf hin, daß Deutschland den Sicherheitspakt und die Frage der Räumung Kölns unter gleichzeitiger Ablehnung der Abrüstungsverpflichtungen mit« einander verknüpft. Die belgische Presse protestiert ein­mütig gegen diese Haltung der Reichsregierung. Andere Blatter weisen darauf hin, daß Deutschland einen Teil der Kolonien zurückverlangt, wodurch Belgien sich in seinen In­teressen bedroht fühlt. Allgemein herrscht in Brüssel die Auffassung vor, daß Deutschland im Grunde genommen seine ursprüngliche Haltung in der Sicherheitsfrage nicht aufgibt.

Ministerrat in Paris.

^ Paris. Der Ministerrat hat sich vornehmlich mit der Lage in Marokko und Syrien und mit dem Problem der auswärtigen Politik befaßt. Der Außenminister verlas die deutsche Antwortnote, die in der Frage des Garantiepaktes überreicht worden ist. Der Finanzminister gab eine um­fassende Darstellung der Londoner Verhandlungen. Der Ministerrat sprach Caillaux erneut den Dank dafür aus, daß es ihm gelungen sei, den französischen und britischen Stand­punkt einander zu nähern. Der Arbeitsministcr berichtete schließlich über den Stand des Bankbeamtenstreiks.

Nach Schluß des Ministerrates lehnte Finanzminister C a i l l a u x es ab, irgendeine Auskunft über die Londoner Besprechungen sowie über seine bevorstehende Reise nach Amerika abzugeben. Painlev 4 erklärte, daß die Mit­glieder der Delegation, die unter Führung Caillaux' nach Washington gehen werden, am Donnerstag, dem Tage des nächsten Minffterrats, bestimmt würden. Dann würden auch die interalliierten Schulden behandelt und eine offizielle Er­klärung abgegeben werden. Der letzte Zwischenfall in Syrien könne nur als ein räuberischer Ueberfall bezeichnet werden. Mit der Anleihe habe sich der Ministerrat nicht befaßt, da Caillaux Vollmacht in dieser Angelegenheit habe.

Die Miwen-igkeitenzum Wiederaufbau der -eutscheu Wirtschaft.

^ Düsseldorf. Auf der- 55. Hauptversammlung des Ver­eins Deutscher Eisengießereien in Düsseldorf gab der Land- tugsabgeordnete, Regierungsrat Prof. Dr. Leidig- Berlin eine eingehende Darstellung der deutschen Wirtschaftslage. Er

wies darauf hin, daß mit der Freigabe des Sanktionsgebietes von frember Besatzung die Sanktionspolitik Poincares ihr Ende erreicht habe, und daß in diesen Tagen das erste Jahr i»s Dawesp laues zu Ende gehe. Beide TÄsachen zeigen, wie gewaltig die große Politik die deutsche Wirtschaft heute be- stiimnt. Die deutsche Wirtschaft wird nicht gedeihen, wenn Europa nicht betriebet wird. Ohne eigene Wehrmacht in« mitten waffenstarrender Staaten kann Deutschland nur mit den Mitteln kluger Diplomatie und wirtschaftlicher Tatsachen seinen Einfluß in der Welt geltend machen. Dr. Leidig ging bann auf die veränderte Stellung Amerikas in der Weltwirt, schast ein. Er wies auf die Bedeutung Englands, des er­wachenden Asien, die zunehmende Bedeutung der englischen Dominions hin, dem gegenüber das bakkanisterte Europa stche, in dem Rußland nach wie vor wirtschaftlich als Erzeuger und Käufer eine sehr bescheidene Stellung entnimmt. Er schilderte die handelspolitische Situation, wie sie sich für Deutschland seit dem 10. Januar 1925 entwickelt habe. Die Notwendigkeit eines verstärkten deutschen Zollschutzes ergebe sich aus dem Vorgehen der übrigen Staaten. Der Zollsatz, soweit er nicht Ziele der schutzbedürftigen Wirtschaft angehe, soll in erster Linie ein Derhandlungsmittel zur Herbeiführung günstiger Handelsverträge sein. Voraussetzung jeder weiteren zukunftsreichen Gestaltung unserer Wirtschaft sei die Aufrechterhaltung unser Währung. Dieser Notwendigkeit müsse sich die Wirffchast beugen, auch wenn die Diskont- und Kreditpolitik der Reichsbank dem ein« zelnen große Schwierigkeiten bereitet. Entscheidend für den inneren Markt sei aber die Entwicklung der deutschen Land­wirtschaft, von deren Intensivierung die wirtschaftliche und politische Zukunft Deutschlands abhänge. Nur dann sei es möglich, die Handelsbilanz auszugleichen. Der Ausgleich der Handelsbilanz sei die Voraussetzung für die (Erfüllung des Dawesabkommens. Der Berichterstatter ging dann auf die Entwickelung der Preise, auf ihren Zusammenhang mit Wah­rung und Wirffchast ein. Notwendig, um die Industrie aus der gegenwärtigen Krisis herauszubringen, feien verschiedene Mittel. Ein gefährliches Mittel fei die Heranziehung aus­ländischer Kredite. durch die, leicht Liue^U^ersrerudnus d«» deutschen Wirffchast entstehen könne. Es sei Aufgabe der maßgebenden Stellen, das Eindringen fremden Kapitals mit Sorgfalt zu verfolgen. Das beste wäre die Unterstützung der Industrie durch Kapitalsbildung innerhalb des deutschen Vol­kes selbst, aber dies gehe nur sehr langsam vor sich. Not- wendig ist das Zusammenarbeiten von Unternehmern und Arbeitern.

Der Existenzkampf der Reichsbahn.

^ Berlin. Der Generaldirektor der Deutschen Reichs» eiscnbahngesellschaft, Dr. Oeser, äußerte sich anläßlich der neuen Lohnforderungen der Eisenbahnarbeiter über die schweren Lasten, die der Deutschen Reichseisenbahngesellschast aufgebürdet sind, wobei er vor allem auf die Schwierigkeiten hinwies, die dem Unternehmen durch die Dawesgesetze entstanden sind. Er führte u. a. aus:

„Mit einigem Befremden muß ich feststellen, daß oft die­selben Kreise, 'die vor Jahresfrist der Deutschen Reichsbahn durch Bewilligung der Gesetze so schwere Lasten auferlegt haben, jetzt der Reichsbahn das Tragen der Lasten schwer­machen. Wir gehen, wenn nicht alles täuscht, im deutschen Wirtschaftsleben voraussichtlich einer verstärkten Depression entgegen. Der Güterverkehr wird eher einen Rückgang als eine Steigerung erfahren, so daß zu befürchten ist, daß die Einnahmen der Reichsbahn abfaUen werden. Die Kapitals- armut lastet schwer auf den deutschen Unternehmungen. Es ist zuzugeben, daß die Preisentwicklung der letzten Zeit hart drückt auf die Verbrauckerkreise. Jedoch kann die Reichsbahn nur im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Mittel helfen. Die Reichsbahn befindet sick in einer Zwangslage. Sie ist ein Unternehmen, das ohne jede Reserven, ohne Rück­halt an den Reichshaushalt dasteht. Es kann nicht eindring­lich genug betont werden, wie stark die Reichsbahn zu

Reparaffonslasten

herangezogen ist und wie starke weitere finanzielle Verpflich­tungen ihr durch die Dawesgesetze obliegen. Das erste Ge­schäftsjahr (laufend vom 1. Oktober 1924 bis zum 31. De­zember 1925) ist mit 510 Millionen Mark belastet; eine Last, die sich in späteren Jahren nahezu bis auf eine Milliarde Mark im Jahre steigert. Wenn heute gesagt wird, etwa 70 Millio- nen Mark „Betriebsüberschuß" sei monatlich vorhanden, dann kann nur von einem Laien wirklich von einem Ueberschuß gesprochen werden. Dieser angebliche Ueberschuß stellt lediglich die rechnerische Differenz zwischen Monatseinnahme- und -ausgabe dar, die aber durch laufende Verpflichtungen ab­sorbiert wird. Das Pseudoplus verschwindet leider, wenn die erwähnten Reparationslasten und die Aufwendungen für die Unterhaltung der Reichsbahn in Betracht gezogen werden. Leider ist die Reichsbahn der Gesellschaft nicht in dem tech- nisch einwandfreien Zustand übergeben worden, den die Oeffentlichkeit voraussetzt. Der Oberbau und die Brücken müssen in dringendstem Betriebsinteresse einer vollständigen Durcharbeitung, Erneuerung und Verstärkung unterzogen werden. Diese Arbeiten dulden keinen Aufschub, wenn an« ders die Betriebssicherheit im Interesse des reisenden Publi- kums weiter gewährleistet werden soll. Volles Verständnis wird die Oeffentlichkeit dafür haben, daß Mittel aufgewendet werden müssen für die beschleunigte Durchführung der eleti