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Hersfel-er Tageblatt

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Hersfetöer Kreisblatt"

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Nr. 195

Freitag. den 21. August

1925

Das Wichtigste.

— Mf der Stockholmer Kirchenkonferenz ist die erste deutsche Rede gehalten worden.

— Die Franzosen haben- sich mit den Spaniern zu gemeinsamer Offensive gegen Abd el Krim vereinigt.

— Auf Grund der günstigen belgischen Schuldenregelung hoffen Frankreich und Ita­lien gleichfalls eine entsprechende Schulden- regelung mit Amerika zu erreichen.

Voikseinkommeo und Siemlast.

Die Höhe des deutschen Volkseinkommens wird zurzeit noch umstritten. Trotzdem gibt erst ihre Beantwortung ein Bild über unsere wirtschaftliche und steuerliche Lage. Die heutigen Schätzungen über das Volkseinkommen dürften etwa mit 45 Milliarden Mark zutreffend sein. Diese Ziffer wird neuerdings auch durch den Moiratsbericht der Dresdener Bank und die dortige Berechnung gestützt. Der Bericht kommt zu einem Gesamteinkommen des deutschen Volkes unter Zugrundelegung der Steuererträgnisse von 1924 von 44 Milliarden Mark; das entspricht einem Vorkriegswert von rund 33 Milliarden.

Angesichts dieser feststellenden Ziffer deutschen Volks- einkommens ist die Frage berechtigt: Wie verhält sich dem­gegenüber die Steuerlast, die wir zu tragen haben? Neuerdings haben die „Wirtschaftlichen Nachrichten aus- dem Ruhrbezirk", das amtliche Organ der Handelskammer von Bochum, Dortmund, Duisburg und Essen, eine außerordent­lich interessante Statistik über die Steuerlasten in Deutsch­land veröffentlicht, die an die Ergebnisse der Steuerergeb­nisse des Jahres 1924 anknüpft. Danach haben die Steuern nahezu 10 Milliarden Mark betragen. Demgegenüber be­trugen die Steuern in Friedenszeiten insgesamt zirka 4498 Millionen Mark. Von dieser Endsumme zieht die Statistik noch 10 Prozent ab, um die Verringerung der deutschen Be- durch den Fr.srbeysvertroa und die Kriegsverluste minhellens 5% Milliarden Mark mehr Steuern 1924 gejault wurden, als in der Zeit eines reichen Deutschland 1913.

Nun wissen wir alle, daß die Steuerbelastung jedes ein­zelnen weit größer ist. Es wäre eine sehr verdienstvolle Arbeit des Reichsfinanzministeriums, durch statistische Er­hebungen, nicht nur Lohnsteuerpflichtige und Veranlagte nach ihrer Steuerleistung zu scheiden, sondern insbesondere auch innerhalb der einzelnen Gruppen der Lohn-steuerpflich­tigen die Höhe des Steueraufkommens festzustellen. • Zweifel­los wird -dabei auch in den höheren Gruppen der Lohnsteuer- pflichtigen im Verhältnis zur Friedenszeit eine außerordent­lich starke Steigerung der Steuerleistung fest-gestellt werden.

Im allgemeinen dürften die Berechnungen der „Wirt­schaftlichen Nachrichten aus dem Ruhrbezirk" zutreffen. Die genaue Berechnung ergibt zwar nur 975 Milliarden, also rund 250 Milliarden weniger als die Bergleichssumme von 10 Milliarden. Bei den Berechnungen über die Gemeinde­steuern vor 1919 ist die Schätzung sehr schwierig. Sie dürfte aber in der erwähnten Statistik eher etwas zu niedrig ge­griffen sein. Im übrigen wird man das Verhältnis zwischen der Steuerbelastung der Vorkriegszeit und der des Jahres 1924 mit 4,5 bis 10 annehmen können- Gerechterweise wird man aber auch auf die Ursachen der Steigerung Hinweisen müssen.

Da ist einmal als wichtiger Grund die allgemeine Geld­entwertung, die als Goldentwertung in der ganzen Welt ein­getreten ist und mit mindestens ^, nach anderen Schätzungen sogar mit 50 Prozent, gegenüber dem Wert der Friedenszeit angenommen wird. Weiter kommen hinzu die Lasten aus dem Kriege, die Zahlungei: für Kriegslasten und Reparatio- nen, die allerdings für 1924 mit kaum mehr als 500 Gold- millionen berechnet werden dürften. Wichtig sind besonders die Zahlungen an die Kriegsbeschädigten, die im Jahre 1924 905 Millionen betragen haben. Was dawider hinausgeht, ■ unterliegt der berechtigten Kritik. ,

Im Jahre 1924 sind mehr als 2 Milliarden Gold über den Voranschlag hinaus in die Steuerkassen geflossen. Allein den Säubern und Gemeinden ist mehr als 1 Milliarde über den veranschlagten Betrag überwiesen worden. , Es ist ein offenes Geheimnis, daß in vielen Gemeinden eine Finanz- wirtschaft getrieben wird, für die selbst das Wort „großzügig" nicht mehr ausreicht. Man sehe sich einmal manche feuern, lagen in Berlin an. Köln hat das Bestreben, Weltstadt von Europa zu werden, München taufte Hotels an, auch bei den Ländern könnte gespart werden. Die Besserung, die der Fi- nanzarrsgleich hätte bringen sollen, tritt nicht in der wün= sehenswerten Weise ein, denn notwendige Mchgaben in letzter Stunde, verständlich aus politischen Gründen, fördert ss weit nicht die Sparsamkeit, wie es wünschenswert gewesen wäre 1924 hatten Länder und Gemeinden bannt gerechnet, auf sehr knappe Einnahmen angewiesen zu sein. Sie haben an den Ueberschüssen des Reichs am meisten profitiert. Ihre Ein­nahmen waren durch den Schlüssel festgelegt. Statt Reser­ven zu schaffen, wurde aber aus dem Vollen gewirtschaftet. Zweifellos hätte manches eingespart werden können, ohne das soziale und Werwaltungsmaßnahmen in ihrer Wirksamkeit nmureidjenb gewesen wären. Die Sfwrsamkeit scheiterte vielfach an einer Bureaukratie, die nur ihre eigenen Ressorts

sieht und nicht die wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Dazu kam die Popularitätshascherch großer und kleiner Parlamente. Hier wäre ein Sparkommissar notwendiger als im Reich. Nun sind allerdings erfreulicherweise in der neuen Gesetzgebung durch die Dierteljahresberichte Ansätze geschaf­fen, um einen Ueberblick über die Einnahmen der Gemeinden zu bekommen. Wir könnten mit 8 bis 9 Milliarden jährlich auskommen. Das wäre unter Berücksichtigung aller Kriegs­folgen und der Geldentwertung immer noch genug- Bis wir aber erst so weit sind, wird noch manche Hemmung beseitigt werden müssen. Die genannte Summe wird auch nur aus­reichen, solange die Gesamtbelastung aus dem Dawesgut- achten noch nid# ein getreten ist. Da aber diese Leistungen sich Jahr um Jahr steigern, wird der Zwang zur Sparsam keit in der Verwaltung des Reichs, der Länder und Ge­meinden bald -keirke Redensart mehr sein dürfen.

Ende der Woche Uebergabe der französischen Antwort.

❖ Paris. (Telegramm.) Am Quai d'Orsay ist die Zu­stimmung der belgischen und der italienischen Regierung zu der französischen Antwort an Deutschland eingetroffen. Der französische Botschafter in Berlin wird die Antwortnote Ende der Woche dem Reichsaußenminister übergeben. Die Ver­öffentlichung der Note erfolgt 24 Stunden nach der Ueber­gabe. Die Pariser Blätter sind der Meinung, daß Deutsch­land als ersten Schritt nach Erhalt der französischen Antwort den Antrag auf Aufnahme in den Völkerbund stellen müsse. „Journal des Debets" glaubt, daß die Aufnahme im Laufe des September erfolgen könne. Der „Temps" dagegen hält eine vorläufige Aufnahme Deutschlands, die erst nach Er­füllung der Wrüstungsbestimmuugen in Kraft tritt, für ver­fehlt, weil dann die Gefahr bestehe, daß die Entwaffnungs- ftage nicht mehr ernst genommen wird. Auch würde die Ermächtigung des Völkevbundrates, in einem beliebigen Augenblick zur Beschlußfassung über die Aufnahme Deutsch­lands zusammenzutreten, einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Der „Temps" ist jedoch der Ansicht, daß Deutschland vor der Räumung Kölns keinen öffentlichen Antrag stellen werde, und das könne erst sein, wenn Deutschland sämtliche Abrüstungsklauseln erfüllt hat. Verhandlungen in dieser

Die Stellungnahme Italiens zur französischen Antwortnote.

^ Paris. Mussolini hat der fianzöstschen Note an Deutschland zugestimmt. Ueber das Verhalten Italiens zur Frage des Garantiepaktes heißt es: Man geht kaum fehl mit der Annahme, daß Italien trotz des Ausdrucks platonischer Wünsche für das Zustandekommen des Sicherheitspaktes noch nicht aus seiner bisherigen Zurückhaltung herausgetreten ist, sondern abwartet, was aus den Beratungen der direkt Be­teiligten herauskommt- Kurz gesagt, Mussolini will es ver­meiden, seinerseits sich vorzeitig festzulegen, andererseits sich einer Isolierung auszusetzen.

Die erste deutsche Rede auf der Stockholmer Konferenz.

4- Stockholm. (Sonderbericht.) Zu dem ersten Ver- hanblungsgegenftanb der Weltkonferenz, der nur in Form von Portrügen, nicht in Diskussionen behandelt wird, „Die Aufgabe der Kirche gegenüber den Zielen, die Gott der Welt bestimmt Hot", nahm in der Eröffnungssitzung von deutscher Seite Landesbischof D. Ihmels-Dresden das Wort. Seine Ausführungen gestalteten sich zu einer bemerkenswerten Darlegung der deutsch-lutherischen Auffassung vom „Reiche Gottes" und von dem Verhältnis der religiösen Aufgabe der Kirche und ihrer sozialen Verpflichtungen. Bischof Ihmels führte aus: Unter Gottes Reich ist nichts anderes zu verstehen als die Herrschaft Gottes. Es ist nicht eine ethische Gemeinschaft, die durch einen Zusammenschluß von Menschen entstünde. Gottes Reich tritt notwendig zu den natürlichen Lebensordnungen in Beziehung. Es ist weder ethisierte noch f unliniierte Welt, sondern durch und durch Mufchöpfung in der Welt. Die Eigen-gesetzlichkeit der natürlichen Lebens­ordnungen erkennt -das Reich Gottes an, will sie aber mit seinem Geist sauerteigartig durchdringen. Es ist nichts als Schwärmerei, wenn man das Reich Gottes sich in dieser Weltzeit in allmählicher Entwicklung vollenden läßt. So kann die Kirche nur eine Aufgabe haben: die Botschaft von Christus -den Alenschen zu bringen. «Dabei kann sie aber unmöglich ignorieren, daß diese Botschaft die Menschen in ganz bestimmten Lebenslagen trifft. Hier erwächst für die Kirche die Verpflichtung zu einer Sozial-Ethik. Für eine solche Sozial-Ethik liegt aber die eigentliche Schwierigkeit darin, -daß, von der christlichen Ehe und Familie abgesehen, niemals in einem Gemeinwesen alle Glieder persönliche Christen sein werden. Dann muß sich freilich die Kirche sorgfältig -davor hüten, Fernstehenden christliche Ordnungen äußerlich aufzwingen zu wollen. Wohl aber bleibt die Ver­pflichtung, pädagogische Ordnungen zu schaffen. Es gilt hier, -daß die Kirche nur zu einer Durchdringung des Ge­meinschaftslebens auf wirtschaftlichem Gebiet anleiten kann, während sie sich vor aller Einmischung in die rein tech­nischen Fragen sorgfältig zu hüten hat. Auch bei all dieser Arbeit der Kirche darf aber keinen Augenblick verleugnet werden, daß das Cöhriftentum Religion und nichts als Re­ligion ist. Die Kirche darf mit Freuden einen Er­

folg ihrer Arbeit darin sehen, wenn ursprünglich christliche Gedanken im öffentlichen Leben auch von solchen vertreten werden, die persönlich dem Christentum fernstehen. Aber sie darf sich nicht darüber täuschen-, daß bei dem einzelnen wie in der Gemeinschaft wirklich christ­liches Leben doch nur aus dem Glauben erwächst. ______

Amerika - der Weltbankier.

^ Paris. (Sonderbericht.) Der „New Park Heralb" meldet aus Washington, daß Belgien eine Anleihe von 50 Millionen Dollar aufzunehmen versuche. In amerika­nischen Finanzkreisen ist man der Ansicht, daß die belgische Regierung diesen Betrag mühelos zusammenbringen wird. Neben Frankreich und Italien wird auch Jugo­slawien im Oktober eine Kommission nach Washington entfertben, die über eine Anleihe mit den Großbanken ver­handeln wird.

England und die belgisch-amerikanische Schuldenregulierung.

London. (Pr-ivatbericht.) „Daily Mail" ist mit der belgisch-amerikanischen Schuldenregelung wenig zufrieden. Sie könne kaum mit dem Geist in Uebereinstimmung gebracht werden, der die anderen alli­ierten Regierungen beseelt habe, als der Vertrag von Ver­sailles unterzeichnet wurde, oder mit dem Ergebnis der Pa­riser Konferenz im vergangenen Januar, bei der die end­gültigen Abmachungen für die Teilung der deutschen Re- parattonszahlungen unter dem Dawespian getroffen wurden. Während die Bereinigten Staaten gegenwärtig von Groß­britannien, Belgien und Deutschland bezahlt würden und ferner mit Frankreich über die französische Schuldenregu­lierung in Verhandlungen stünden, erhielte Groß­britannien von seinen Schuldnern außer seinen Einsiahmen aus dem Dawesplan nichts.

Frankreich und der belgisch-amerikanische Schuldenausgleich.

Paris. Obwohl von offizieller amerikanischer Seite ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß das amerikanisch-

frais

Frankreich in Anspruch nehmen zu können. „Oeuvre" meint, der Weg für die französisch-amerikanischen Verhandlungen sei durch das Abkommen zwischen Amerika und Belgien genau vorgezeichnet, insbesondere müsse der Unterschied zwischen den Kriegs- und Nachkriegsschulden beibehalten werden. Auch sonst verdiene die Zahlungsfähigkeit Frank­reichs dieselbe Rücksichtnahme, die Belgien zuteil wurde. „Petit Parisien" stellt fest, daß sich Frankreich Amerika ge­genüber in derselben Lage befindet wie Belgien. Auch Frankreich wurde während des Krieges verwüstet und mußte genau wie Belgien die verwüsteten Gebiete aus eigenen Mitteln wieder aufbauen. (?) Die Artikel der übrigen Blätter vertreten ähnliche Gedanken-gänge.

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Frankreich Schuldenverhandlnugen mit Amerika.

New Park. (Drahtbericht.) Die amtlichen Stellen in Washington wurden von Frankreich verständigt, daß die französische Schulden komuässion sich iDtitte September nach Amerika begibt, um dort die Verhandlungen über die Schul- denregelmig Frankreichs an Amerika aufzunehmen. In Washingtoner maßgebenden Kreisen erhärt man, daß sowohl Italiens als auch Frankreichs eventueller Versuch, die Schul­den vor und nach dem Waffenstillstand zu trennen, scheitern würde.

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Italienische Anleihehoffnungen in Amerika.

Rom. (Telegramm.) Die Besprechungen Mussolinis mit dem- italienischen- Botschafter in Washington, de Mar­tina, über die schwebenden Kreditverhandlungen mit Ame­rika haben begonnen. Vorläufig soll bei einer Bostoner Privatbank eine "Anleche von' 100 bis 200 Millionen Dollar aufgenommen werden. Größere Anleihen können erst nach Regelung der Kriegsschuldenftage erwogen werden.

Wiederaufnahme der deutsch-spanischen Handels­vertragsverhandlungen.

- Madrid. (Telegramm.) Die Blätter beschäftigen sich eingehend mit den deutsch-spanischen Handesvertragsver- hanblungen und rechnen kpmit, daß oiefe im September wieder ausgenommen werden. Man werde versuchen, ein Proviso- rium zu schaffen, um einen Zollkrieg zu uermerben.

Planmäßige Räumung Düsseldorfs.

£ Düsseldorf. (Telegramm.) Ein weiterer großer TeU der Besatzung in Misseldorf ist abgerückt und zwar haben die Traintruppen, die Pioniere und der letzte Rest der noch verbliebenen Artillerie die Stadt geräumt. Samt- liche öffentlichen Gebäude sind frei geworben. Auch^in den umliegenden Gemeinden vollziel;t sich der üMyug der Franzo­sen planmäßig, so daß voraussichtlich die Rämnung zu dem vorgesehener: Termin durchgeführt sein wird. Es sind Pov- bereitungen getroffen, um sofort nach der Räuunrng Düssel­dorf dein internationalen Rundfunkverkehr ar^uschließen und auch die beabsichtigte Vereinigung mit dem Ruhrflugnetz burchzuftihren. . .