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Reisfelder Tageblatt

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Nr. 194

Donnerstag, den 20. August

1925

Das Wichtigste.

In Stockholm hat der König von Schwe­den die Weltkonferenz für praktisches Christentum eröffnet.

. Die französische Antwort an Deutschland ist bereits in Händen der französischen Botschaft in Berlin.

Die Franzo sen scheinen im Rifgebiet Erfolge gehabt zu habem .....

polnischer Größenwahnfinn.

Von Dietrich M a y d o r n.

Als vor fünf Jahren der zweite polnische Ausstand in Oberschlesien losbrach und wilde polnische Banden, unterstützt und geleitet von regulären polnischen Truppen, allenthalben die oberschlesische Grenze überschritten, da war es keinem ein­sichtigen Deutschen, der sich durch die politische Umwälzung nicht -den klaren Blick hatte trüben lassen, mchr schleierhaft, wohinaus die polnischen Pläne zielten. Trotz allen Ablsug- nungsversuchen stand hinter dieser neuen Aufstands- bewegung, die am 20. August 1920 mit der Besetzung des oberschlesischen Rand-bezirks zuni offenen Ausbruch kam, die Regierung in Warschau, die treibende Kraft war der allbe­kannte Herr Korfanty, und die Franzosen mit ihrem General Le Rond an der Spitze unterstützten die polnischen Raub­absichten, wenn auch nicht offensichtlich, so doch um so besser ini geheimen. Die deutsche Regierung war in diesem unver­antwortlichen Treiben gegenüber mehr oder weniger macht­los, die eigentliche Gewalt übten im Abstimmüngsbezirk unsere Feinde aus.

Wenn trotzdem dieser Aufstand nicht zu dem -von den Polen ersehnten Erfolg geführt hat, so ist das nicht zum wenigsten dem musterhaften Verhalten der deutschen Bevölke­rung zu danken, die allen Drangsalierungen, allen Schikanen zum Trotz, aushielten, um an dem damals immer noch nicht festgesetzten Abstimmungstage ihrer wahren Meinung Aus- druck zu geben und Korfanty und seinen

*WWigfcji*iW^^ auf ihre Verbrechen auszustellen. Die polnische Absicht, durch die Schaffung der bekannten vollende­ten Tatsachen ganz Oberschlesien einfach einzustecken und da­mit eine ^lbstimmung überhaupt überflüssig zu machen, ist ja glücklicherweise nicht zur Wirklichkeit geworden. Was ihnen aber eigene Verdrehungskünste, Nachlässigkeit und heim­liche Hilfe der Franzosen und die vollkommene Unkenntnis des Völkerbundes eingebracht haben, ist doch reichlich genug gewesen, um dem deutschen Volke eine auf die Dauer uner­trägliche Schmach zuzufügen. Die Verhältnisse, wie sie zur Zeit in Oberschlesien bestehen, verlangen gebieterisch nach einer anderweitigen Lösung. Darin kann uns kein noch so großes Geschrei der Polen irre machen; das deutsche Volk muß immer wieder nach einer Rückgabe -der geraubten ober- schlesischen Gebietsteile und nach einer Berücksichtigung der in der gesamten Abstimmung unzweideutig zutage getrete­nen Volksmeinung streben!

Der Erfolg, den die Polen nach der vorangegangenen Niederlage im ost- und westpreußffchen Abstimmungsgebiet in Oberschlesien erzielten, ist ihnen mächtig in den Kopf ge­stiegen. Ihr Länderhunger und ihre Raubgier nahmen immer größere Formen an. Eine zielbewußte Propaganda setzte im ganzen Lande ein und peitschte die Leidenschaften der Be­völkerung bis zum äußersten auf. In hervorragendem Maße hat sich hierbei der polnische Westmarkenverein beseitigt, dem die Regierung bei allen seinen Forderungen ein williges Ohr bis auf den heutigen Tag geliehen hat. Wirkungsvoll versteht es außerdem die polnische Presse aller Parteischattie­rungen, in dasselbe Horn zu blasen-

Wie weit sich der polnische Größenwahn schon verstiegen hat, zeigt neben der nie verstummenden Forderung nach der Einverleibung des noch bei Deutschland verbliebenen Teils -von Oberschipsien vor allem der in der letzten Zeit laut ge­wordene Ruf nach einer Verbreiterung d-es Korridors, dieses unsinnigsten Gebildes politischer Engstirnigkeit. Hinter dem lauten Geschrei verbirgt sich aber doch für den Kenner pol­nischer Verhältnisse unzweideutig die Sorge um den Bestand der jetzigen Grenzen, deren Aenderung ja über kurz oder lang einmal kommen muß. Oder sind die folgenden Sätze derGazeta Warszawska" nicht deutlich genug? Diese Zei­tung schrieb anläßlich der kürzlich verunstalteten Pommerellen- Ausstellung in Graudenz u. a.:Die Deutschen haben die Dreistigkeit, Tag für Tag nach der Einziehung des Korridors zu brüllen. Die einzige Antwort auf dieses Gebrüll ist die entschiedene Forderung nach Verbreiterung des Korridors. Wenn wir mit dieser Idee nicht gleich hervortreten und zugleich mit dem Bajonett auf der Karte zeigen, wo der Korridor verbreitert werden muß, so wird das Gebrüll der deutschen Presse über den pommerellischen Korridor nicht stille werden." Uns wie steht es mit Danzig? Auch hier wollen die Polen am liebsten durch eine plötzliche Besetzung voll, endete Tatsachen schaffen, um den heiß ersehnten guten Zu- gang zum Meere zu gewinnen, den sie sich in Gdingen trotz aller Prahlerei über die bisherigen Fortschritte niemals wer- den schaffen können.

Polen irrt sich aber gewaltig, wenn es glaubt, jemals durch irgendwelche Maßnahmen in Deutschland die Förde- rung nach einer Aenderung der Ostgrenzen zuni Schweigen

bringen zu können. Das deutsche Volk wird sich niemals damit einverstanden erklären, daß chm die von Polen geraub­ten weiten Gebiete für immer verloren bleiben sollen. Es -hat in diesen Landstrichen in den Jahrhunderten deutscher Herrschaft wertvollste Kulturarbeit geleistet, die das Land überhaupt erst zu Wohlstand und Blüte gebracht hat. Der polnische Außenminister Skpzynski hat zwar auf seiner Amerikareise in einer Rundfunkrede behauptet, daß die letzte Teilung Polens einhistorisches Verbrechen, das sich niemals mehr wiederholen wird, darstellt" und -daßder Wieder­aufbau Polens ein Beweis für den Sieg der göttlichen Ge­rechtigkeit" (!) sei, aber selbst die damaligen Zeitgenossen, die Polen günstig gegenüberstanden, waren anderer Meinung. Sagte doch der stark polnisch eingestellte sächsische Gesandte, daßmangelnder Gemeinsinn niedrigste Habgier, Partei­fanatismus uckd Unfähigkeit" die Gründe -für -die Auflösung des polnischen Staates gewesen seien.

Wenn man heutzutage durch den polnischen Blätterwald wandert, dann hört man es allerdings ganz anders schallen- Da sind die Deutschen die Räuber gewesen, und erst die Wie- deraufrichtung des Polenreiches (geschah das nicht auch durch Deutschland?) hat Ordnung und Ruhe in den ehemals preu­ßischen Gebieten geschaffen. Wie diese Ordnung aussieht, haben uns ja zur Genüge das Stargarder Unglück, der Weichseldamm-bruch bei Scharnau und nicht zuletzt auch die mittelalterlich anmutende Behandlung der Optantenfrage ge­zeigt.

Die augenblickliche Ohnmacht des Deutschen Reiches und die Unterstützung des großen französischen Freundes erlauben es Polen heute noch, mit unverhohlener Frechheit und Offen­herzigkeit feine vom Größenwahn diktierten Ziele zu ver­folgen. (Einmal muß aber der Tag kommen, an dem das ganze Gebilde polnischer Großmannssucht und Prahlerei zu- sammenstürzen wird. Für uns aber ergibt sich aus der Ent­wicklung der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ver­hältnisse in den geraubten Gebieten die unabweisbare For- berung, zielsicher und unablässig ihre für uns lebensnot­wendige Wiedergewinnung zu betreiben. Das ganze deutsche Volk muß in einmütiger Geschlossenheit der Regierung in diesem schweren Kampf den Rücken stärken, damit nicht nur auch das heißumstrittene Oberschlesien in seiner Gesamtheit zum Deutschen Reiche zurückfällt.

Eröffnung der Welökonferenz für praktisches Christentum.

-£ Stockholm. (Drahtbericht.) Die Weltkonferenz für praktisches Christentum wurde nach einem Festgottesdienst in der Stockholmer Kathedrale durch König Gustav von Schwe­den im Königlichen Schloß eröffnet. Nach einführenden Wor­ten des Erzbischofs von Upsala, Dr. Soeüerbl- om, hielt der König folgende Ansprache:Eure Heiligkeit, meine Da- men und Herren! Mit großer Freude heiße ich Sie, die Vertreter der Kirchen in der alten und neuen Welt, des orthodoxen und evangelischen Christentums, in Schwedens Hauptstadt willkommen. 16 Jahrhunderte sind seit dem Kon­zil von Nicäa verflossen. Die jetzt hier nach mehr als ein­einhalb Jahrtausenden tagende Versammlung hat keine weni- ger wichtige Aufgabe. Sie soll angesichts der dringenden Fragen unserer Zeit, deren Lösung der bewußten und ge­meinsamen Bemühungen aller Kräfte bedürfen, versuchen, es klar herauszustellen, was das Christentum tun kann und tun soll. Soziale Fragen und internationale Probleme beschäf­tigen ständig diejenigen, denen die Gesetzgebung und die Re­gierung in den verschiedenen Völkern anvertraut sind. Aber selbst wenn sie gute Gesetze geben, bedeutet das nicht, daß sie wirklich ihr Ziel erreicht haben, denn Gesetze und Ver­fügungen bleiben mehr oder minder wirkungslos, solange sie nicht in den Herzen der Menschen auf echtem Willen und auf einer Gesinnung gegründet sind, die Liebe und Gerechtigkeit über Selbstsucht stellt- So müssen wir in die Herzen der Menschen den Grund für Frieden und gegenseitiges Ver- trauen in die Gesellschaft und zwischen den Völkern legen. Ich möchte meine besten Wünsche für ein gutes, glückliches Ergebnis ihres Werkes aussprechen. Möge es Ihnen während Ihrer Verhandlungen in Stockholm gegeben fein, deutlicher als bisher den Weg zu sehen, den die Kirche zu gehen hat, um den Geist Christi in unserer gegenwärtigen, von Unruhe und Streit zerrissenen Welt zur Herrschaft zu bringen. Noch wichtiger ist es, daß durch Ihre Zusammenkunft hier durch Sie die Kirchen einander näher gebracht werden. Mchts dient mehr der Einigkeit, als daß Männer, beseelt von hohen Idealen, mit aufopferndem Eifer ihr Denken und Leben an ihre Verwirklichung setz-eir. Mit diesen Wünschen und Hoff­nungen erkläre ich'die ökumenische Konferenz für praktisches Christentum eröffnet."

Der Reichspräsident an die Kirchen- konferenz in Stockholm.

$ Berlin. (Drahtbericht.) Reichspräsident von Hin- dekkburg hat an die in Stockholm tagendeA H g e m e i n e K o n fe cenz bet Kirche Christi für prak- t Ische s Christentum" folgendes ®egrü|juiigstcle> gramm gerichtet:Hunderte von offiziellen Vertretern der .chistlichen Kirchen haben sich in diesen Tagen in Stockholm zusammen^efnnden, um die großen Lebensfragen der Gegen­

wart nach den Grundsätze» christlicher Sittlichkeit gemeinsam zu behandeln, die ungeheuren Ausgaben der Weltgestaltung vom Standpunkt des christlichen Gewissens aus anzufassen und die schweren Nöte des sozialen, wirtschaftlichen und polttischen Lebens der Völker im Geiste des Evangeliums zu lindern. Ich begrüße mit herzlicher Freude diese Zusammen­kunft als ein besonders wertvolles Glied in der Reche der vielen Bemichungen, die um den wahren Frieden der Menschheit ringen, und hoffe, daß dieser Konferenz für praktisches Christentum zu chrer großen und wichtigen Arbeit Gottes reicher Segen beschieden sei; mögen ihre Beratungen in dem Geist der Liebe und des Sichverstehens der Völker sich vollziehen, und möge von ihnen eine Kraft zur inneren Gesundung der Menschheit ausgehen."

Frankreichs Antwort.

^ Paris. Eine halbamtliche Mitteilung besagt, daß die ftanzösische Antwort auf die deutsche Ritte vom 20. Juli sich bereits in den Händen des Berliner ftanzösische« Botschaf­ters befindet und der Reichsregierung sofort überreicht wer­den wird, wenn in Paris die Antworten der belgischen und der italienischen Regierung eingetroffen sind.

Belgien mit der französischen Antwort an Deutschland ein­verstanden.

Brüssel. Die belgische Regierung hat ihre Zustimmung zu der Antwort der ftanzösische« Regierung auf die deutsche Note in der Sicherheitsfrage übermittelt Es ist anzu- nehmen, daß die französische Antwort Sonnabend in Berlin überreicht wird. Vandervelde wird am 7. September mit Briand und EhanlLerlain in Genf Zusammentreffen. An der Völkerbundtagung wird er nicht teilnehmen.

Die Unterdrückung des Deutschtums in Südtirol.

es Im neuen Schuljahr wird in Deutsch-Südtirol in allen drei Klaffen der deutschen Schulen der Unterricht ausschließ. lich in italienischer Sprache erteilt werden. Aus diese Weise J||M|yi|iLMi^ ,..e»iinn mmfiMNig um» wehcht werden. Gleichzeitig bereiten die Italiener die voll- ständige Unterdrückung auch der bescheidensten deutsche« Pri­vatunterrichte vor, die etwa bn kommenden Schuljahr von den Deutschen versucht werden sollten. Dabei hatte das offiziöse OrganPopolo d'Jtalia" vor einigen Tagen die Unverfroren­heit zu behaupten, daß Italien den deutschen und flämischen Minderheiten jede kulturelle Freiheit gewähre.

Auflösung deutscher Schulklaffen in der Tschechek.

- Troppau. (Telegramm.) Der Landesschulrat für Schlesien hat beschlossen, 112 Schulflassen, darunter 59 deut­sche, aufzülösen.

Neue ZeitungSverbote im besetzten Gebiet.

Mainz. (Telegranun.) Der Oberdelegierte der Rhein- landkommission der Provinz Rheinhessen hat die Beschlag­nahme derDeutschen Uederfeeze'itung" und der illustrierten Beilage zumHamburger Fremdenblatt" wegen eines Ar­tikels zur Befreiung des Ruhrgebietes im gesamten Hessischen Gebiet verfügt. Die Besatzungsbehörde hat das Erscheinen der illustrierten ZeitschriftUlk", Beilage desBerliner Tageblattes" auf die Dauer von drei Mönchen vom 14. Au- gust 1924 an verboten. .........

Die Optanienfrage.

Grabfkis Rückzug vor den Rechtsparteien.

$ Warschau. (Drahtbericht.) Ministerpräsident Grabfli empfing Vertreter der Rechtsparteien, die an ihn in der vorigen Woche die Frage richteten:Wie kam der Innen­minister dazu, die Wojewoden von Posen und Pommerellen telegraphisch zu beauftragen, die Ausweisungen der deutschen Optanten einzustellen?" Er beruhigte die Abordnung und erklärte, daß der Innenminister diese Telegramme tat­sächlich abgeschickt habe. Er habe jedoch nur beabsichtigt Zeit zu gewinnen, um sich genauer über die Zahl der noch in Polen verbliebenen deutschen Optanten und über ihre Zugehörigkeit zu den verschiedenen Kategorien zu unter­richten. Nach Erledigung der technischen Arbeiten würden die noch verbliebenen Optanten unter allen Umständen und unverzüglich Polen verlassen müssen. Da zu erwarten sei, daß auch Deutschland daraufhin die polnischen Optanten abschicken werde, habe das Ministerium alle Maßnahmen zur Aufnahme der Optanten getroffen und zu diesem Zwecke zwei Millionen Zloty zur Verfügung gestellt.

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Eine Abfuhr für den polenfreundlichen General- superintendenten Bursche.

Lodz. In derFreien Presse" wurde über das u n - rühmliche Hervortreten des Generalsuperinten­denten Bursche aus Warschau auf dem internationalen Kirchenkongreß in Stockholm berichtet. Er, der in Polen an der Spitze der fast ansschließlich deut­sche» lutherischen Kirche st e h t, k o n n t e e s s i ch nicht versagen, auch in der schwedischen Hauptstadt gegen seine eigenen Stammes-