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Hersfelörr Tageblatt hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Mnzeiger für -en Kreis Hersfels

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Nr. 191

Montag, den 17. August

1925

Das Wichtigste.

Die englische Presse kritisiert -die Ver­handlung über den Garantiepakt mit ungewohn­ter Schärfe.

' . Polen hat anscheinend mit den Aus­weisungen der Optanten aufgehört.

Aus Syrien kommen kaum Meldungen. Man schließt auf für die Franzosen peinliche Vor­gänge.

Nach der Räumung der Ruhr.

Von Dr. Konrad DöriNg.

Die Leidenszeit des Nuhrgebietes und der sogenannten Sanktionsstädte hat nach menschlichem Ermessen in diesen Tagen ihr Ende erreicht. Ob noch im letzten Augenblick seitens des französischen Militärs neue Derschleppungsvor- wände beim Aufgeben von Düsseldorf, Duisburg und Ruhr­ort zu befürchten sind, vermag man im Augenblick noch nicht zu übersehen.

Die Bevölkerung der bisher geräumten Ruhrstädte atmet auf.. Jahrelanger unerhörter Druck und Terror haben ihnen gezeigt, was es bedeutet, unter der Fremdherrschaft dahinzuleben. Manchen von ihnen mag erst nach dem Ein­rücken der französischen Soldateska klar geworden sein, daß die so oft gehörte Redensart:Mir ist-es gleichgültig, ob ich unter französischer oder deutscher Herrschaft existiere", eitler Unsinn ist. Als die Franzosen im Januar 1923 wegen Nicht­lieferung von einigen tausend Telegraphenstangen mit schwe­ren Tanks und Feldgeschützen ins Ruhrgebiet einrückten, be­fürchtete man, daß ihre Armeen sich auf viele Jahre dort ein­nisten würden. Es herrschte allgemein die Auffassung, daß Frankreich. sich der Bodenschätze und der Industrieanlagen Rheinlands und Westfalens dauernd bemächtigen wollte, um im Falle eines zweiten europäischen Krieges von dort aus seine Truppen mit Kriegsmaterial zu versehen. Die erste ^nttmMMc^erlebte^nmn in Paris schon durch die einmütige möglich gehalten, daß sich alle Schichten des Ruhrgebiets vom Großindustriellen bis zum letzten Grubenarbeiter in einer derartig festen Abwehrfront zusammenfinden werden. Dieser energische Widerstand verfehlte seinen moralischen Eindruck nicht. Hätte man damals von Berlin aus die aufopferungs­vollen Helden von der Art eines Schlageter wirkungsvoller unterstützt, so wäre den Franzosen noch mehr das Herz in die Hosen gefallen, als es im ersten Jahre der Ruhrbesetzung der Fall war, als durch ihre Reihen bereits der Schrecken zu schleichen begann. Dann tarn der Zusammen beuch des Ruhr­widerstandes. Inzwischen hatte sich aber die Sachlage in anderer Beziehung zugunsten Deutschlands verschoben. Das wüste und brutale Auftreten der Franzosen hatte seinen Ein­druck in der Welt nicht verfehlt. Der moralische Gegendruck wurde derartig stark, daß es gelang, unter schweren Opfern Deutschlands endlich die Wiederräumung des Nuhrgebietes durchzusetzen, und nun sind die letzten französischen Truppen unter dem Schutz von deutschen Polizeibeamten endgiiltig abgerückt. Was sie hinterlassen haben, ist unauslöschlicher Haß, Widerwillen und Verachtung. Die von ihnen bewohnten Quartiere sind den deutschen Behörden als Schweineställe und Schmutzhöhlen zurückgegeben worden. Zerstörte Tiiren und Wände, gewaltsam ruinierte Abwüsseranlagen, Millionen von Fliegen, Flöhen, Ratten und Mäusen, über deren Quar­tiere bisher die blastweißrote Fahne geflattert hat, werden noch auf lange die Spuren der Besetzung künden. Es wird nun Ausgabe der maßgebenden deutschen Reichsbehörden sein, festzustellen, wohin eigentlich die Truppen aus dem Ruhr- gebiet geschafft worden sind. Es liegen Nachrichten vor, daß mindestens ein Teil von ihnen den schon schwer genug be- drückten Bewohnern der Rheinpfalz aufgehalst worden ist. Ein anderer Teil der Ruhrftanzosen soll sich immer noch innerhalb der deutschen Reichsgrenzen auf bem linken Rhein­ufer befinden. Sollte es sich also nur um eine Truppenver- schiebung großen Stiles zwischen dem alt- und neubesetzten Gebiet handeln, so sind die deutsch-französischen Abmachungen über die Ruhrräumung schon wieder von französischer Seite nicht innegehalten worden. Wir müssen mit aller Energie darauf bringen, daß auch nicht ein Mann aus den Scharen der Ruhrbesatzung weiterhin auf deutschem Boden verbleibt. Hand in Hand damit aber erscheint es nun an der Feit, auch in London wiederum unsere Stimme zu erheben, um die nun­mehrige Räumung der Kölner Zone durchzusetzen. Man hat uns vor einigen Monaten wissen lassen, daß der Weiter- aufenthalt der Engländer in Köln geschehe, damit die Ruhr- franzosen sich nicht in diesem nunmehr frei gewordenen Ge- biete einnisten könnten. Dieser Vorwand der Weiterbesetzung des Kölner Gebietes ist nunmehr hinfällig geworden, und mit Fug und Recht können wir verlangen, daß die Metropole am Rhein nunmehr endgültig von England an uns zurückgegeben wird.

Das deutsche Volk ist einig in feiner Freude über die Be- freiung der Ruhr und die bevorstehende Räumung der Sank- tionsstädte, eine Veranlassung, irgendeiner Macht hierfür aber Anerkennung oder gar Dank auszusprechen, liegt nicht vor. Der Abzug der Franzosen und der hoffentlich bald bevor­stehende Mzug der Engländer ist nichts als eine schwer er- kämpfte Gegenleistung für die von uns bezahlten Tribute und nichts anderes als einfache Rückgabe geraubten deutschen Eigentums.

EnMche Kritik an den Londoner Verhandlungen.

£ London. In wenig freundlichen Worten bespricht ein

Teil der großen politischen Zeitschriften die Londoner Pakt- besprechungen. Die bedeutende konservative ZeitschriftNew Statesman" kritisiert die Geheimniskrämerei der englischen Außenpolitik und greift die Stellung Chamberlains im engli­schen Kabinett in nicht mißzuverstehender Weise an.Wir sind," so schreibt das Blatt,nicht sehr optimistisch über die Berichte von einer vollkommenen Uebereinstimmung der beiden Staatsmänner, aber wer kann sich erinnern, daß jemals seit des Kriege amtlich eine Nichtübereinstimmung zwischen englischen und französischen Staatsmännern berichtet worden wäre?" Es heißt dann weiter, daß die britischen und die französischen Ansichten über das Pakt-Projekt so vonein­ander verschieden seien, daß man sie beinahe als unüberbrück­bar bezeichnen könne. In England betrachtet man den Pakt als einen großen Schritt nach vorwärts für die Befriedung Europas und die Wiederaufnahme Deutschlands in die Ge­meinschaft der Großmächte auf der Grundlage der Gleichbe­rechtigung. Frankreich betrachte ihn als eine Gelegenheit, um die britische Unterstützung für seine Politik zu gewinnen, die die dauernde Machtlosigkeit Deutschlands zum Ziele habe. Chamberlain hätte Briand klar machen sollen, daß die Ver­handlungen die letzten sein würden, die Groß-Britannien jemals wieder in der Sicherheitsfrage mit Frankreich führen würde. Wenn dieser dritte Paktversuch nicht zustande käme, werde es nicht möglich sein, den Plan in irgendeiner Form wieder auferstehen zu lassen. Frankreich müsse an den knap- pen Sieg erinnert werden, den es nur mit Hilfe der Alliier­ten habe erringen können. Es handele sich jetzt um die fundn- weiter dem Abgrund entgegenzuführen. Der Friede sei in Europa nicht eher hergestellt, als Deutschland nicht wieder die Stellung einnehme, auf die es auf Grund seiner großen Energien und seiner hohen Kultur Anspruch habe. Sieben Jahre seien seit dem Kriegsschluß vergangen, aber noch immer bezeichnete man Deutschland als eine minderwertige, räube­rische, verbrecherische und kriegerische Nation. Diese Schilde- rung Deutschlands sei wohl während des Krieges angebracht gewesen, um die Hilfe der Amerikaner zu erhalten,' jedoch seien diese Ausdrücke im Jahre 1925 nur als lächerlich zu bezeichnen. Der Quai d'Orsay sei bestrebt, noch immer die Kriegsstimmung in Europa zu erhalten. Der englischen Re­gierung scheine der Mut zu fehlen, ihre eigene Ueberzeugung zum Ausdruck zu bringen. (!) Chamberlain sei dafür verant­wortlich, daß die englische Politik eine so unwürdige Rolle spielt. Seine Anwesenheit im Kabinett behindere es, eine klare und unabhängige Politik zu treiben. Ebenso übt die bekannte große politische Zeitschrift dieNation" eine scharfe Kritik an Chamberlain. Es heißt dort, daß sich schon ver­schiedentlich Strömungen gegen Chamberlain^ bemerkbar ge­macht hätten.

HmauSschiebnng der Sicherheitskonferenz?

£ London. In Londoner diplomatischen Kreisen wird neuerdings darauf hingewiesen, daß es wahrscheinlich' nicht möglich sein werde, noch vor der Völkerbundtagung Deutsch­land zur Sicherheitskonferenz einzuladen. Es habe sich her­ausgestellt, daß doch noch große Gegensätze zwischen der fran­zösischen und der englischen Auffassung beständen, die erst durch eingehende Verhandlungen beigelegt werden könnten. Die Sachvec-ständigen müßten für den Sicherheitspakt erst eine Formel gilben, die für alle beteiligten Staaten annehmbar sei. Auch Deutschland müßte erst genau über die Stellung Frankreichs und Großbritanniens in der Sicherheitsfrage um terrichtet werden, damit es hierzu Stellung nehmen könnte Erst müßten alle Meinungsverschiedenheiten zwischen der Alliierten ausgeglichen sein, bevor man Deutschland Hörer könne. Ebenso gingen die Meinungen über den Ort der Kon­ferenz noch weit auseinander. England wünsche London als Tagungsort, was jedoch von Frankreich abgelehnt worden sei, da schon das Dawesabkommen hier abgeschlossen worder sei. Von anderen Alliierten sei Genf, Brüssel und der Haac vorgeschlagen worden.

Der polnisch« Außenminister über die Garaptieverhandlungen.

£ Paris Der polnische Außenminister erklärte nach seiner Unterredung mit Briand Pressevertretern, daß er den französischen Außenminister zu den Ergebnissen seiner Lon honet Abmachungen l^eglückwünscht habe. Aus den Lon­doner Verl)andlungen ergebe sich, daß England, ohne beson dere Verpflichtungen einzugehen, das Prinzip der gegen­wärtigen Garantie anerkannt habe. Polen bleibe bei ferner

Auffassung von der gegenseitigen Hilfe, die allein eine wirk­same Aufrechterhaltung des Friedens gewähre. Bei der Auf­nahme Deutschlands in den Völkerbund handle es sich nur um eine Frage der Innenpolitik. Wenn sich die öffentliche Meinung in Deutschland beruhigt habe, werde die Reichs­regierung die Aufnahme in den Völkerbund beantragen. Für Polen liege das Sicherheitsproblem Nar. Das erste Land, das die Waffen ergreife, um Frankreich zu helfen, werde Polen fein, weil es auf Grund des Artikels 16 dazu ge­zwungen sei. Der Sicherheitspakt werde große moralische Vor­teile mit sich bringen. Jeder Staat werde bis zu einem ge­wissen Grade aus Furcht vor der öffentlichen Meinung (?) davon abgehalten werden, einen anderen anzugreifen.

Die Opiantenfrage.

Einstellung der Optantenausweisung.

£ War'schau. Der polnische Innenminister hat durch dringende Telegramme die polnischen Behörden in Posen und Pommerellen angewiesen, die Ausweisung der deutschen Optanten einzustellen. Nach Bekanntgabe dieser Anordnung in den Abendblättern versammelten sich die Sejmabgeord­neten der Rechtsparteien und entsandten eine Abordnung zum Ministerpräsidenten, die die sofortige Aufhebung der Verordnung des Innenministers verlangt. Die Antwort des Ministerpräsidenten steht noch aus. In den Rechtskreisen herrscht im Zusammenhang« damit große Auftegung.

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Eine schwedische Stimme über die Optantenausweisung.

Stockholm. Zu den polnischen Ausweisungen deutscher Optanten schreibt die schwedische ZeitungAllehan-da": Wie bekannt, hat sich das ökumenische Konzil dieser Tage be­sonders scharf über die rachgierige, unchristlichs und un­menschliche Ausweisungspolitit rusgesprocljen, die Millionen von Griechen, Bulgaren und Türken einem furchtbaren Schick­sal aussetzte. Ihr Elend kann mit ^Worten nicht beschrieben werden. Es gereicht der europäischen Zivilisation zur Schande, und man sollte glauben, daß die Regierungen, die Kulturvölker repräsentieren wollen, diesem unerhörten wagen. Mit"WMem ^ebauenF^ koMM steten, daß die polnische Regierung keinen Anspruch darauf erhebt, die Gebote des Christentums und der Humanität zu achten. Mit rücksichtsloser Unbarmherzigkeit vertreibt sie 30 600 in Polen seit langem ansässige Deutsche, die kein an­deres Verbrechen begingen, als daß sie aus Liebe zu ihrem alten Vaterlands ihr Deutschtum nicht aufgeben wollten.

Die polnische Regierung kann zwar diese Ausweisungen mit dem Wiener Mkommen rechtfertigen, aber die deutsche Regierung hat wiederholt Polen zu bewegen versucht, auf das formelle Ausweisungsrecht zu verzichten, weil seine An­wendung unmenschlich wäre und für die Optanten schwere wirtschaftliche Verluste mit sich brächte. Pojen blieb dagegen hart und wendet jetzt das Ausweisungsrecht als grausame Waffe in seinem Wirtschaftskrieg mit Deutschland an. Man möchte beinahe glauben, daß dieser Politik zielbewußt die Absicht zugrunde liegt, die Bestrebungen der europäischen Großmächte zur Stabilisierung des Friedens zu sabotieren, und man kann verstehen, daß England höchst unwillig die polnischen Ausweisungen betrachtet und Briands Zusage er­beten hat, ein ernstes Wort mit Polen zu reden.

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Hilfe Berlins für die Optanten.

Berlin. Der Berliner Magistrat hat beschlossen, für die aus Polen geflüchteten deutschen Optanten über die vom Staat aufgewenbeten Mittel hinaus einen Betrag bis zu 30 000 M. zur Verfügung zu stellen.

Ministerpräsident Grabslis Ansicht in der Optantenfrage.

Warschau. Ministerpräsident Grabski gab in der Op- tanteufrage seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß es gelingen werde, eine Verständigung zwischen Deutschland und Polen herbeizuführen, wenn beide Länder loyal ihre Pflichten und Rechte (!) wahrnehmen würden. Die Gegensätze müßten im Interesse beider Staaten sowohl aus politischem wie auf wirt­schaftlichem Gebiet überbrückt werden. Der Ministerpräsident betonte, daß gute nachbarlich« Beziehungen für beide Teile von grösster Wichtigkeit seien. Der europäische Friede sei ge- fährdet, wenn dauernd ernste Gegensätze zmiftben Deutschland und Polen beständen. Polen sei aufrichtig bestrebt (?), dem europäischen Frieden zu dienen.

Die Optantenausweisungen gehen weiter.

£ Berlin. Die Nachricht, wonach der polnische Innen­minister die polnischen Behörden in Posen und Pommerellen angewiesen hat, die Ausweisung der deutschen Optanten ein­zustellen, scheint sich nur zu einem Teil zu bestätigen. Nach­richten aus Beuthen zufolge hat der dortige Woiwode tat- lächlich eine solche Anweisung erhalten. Meldungen aus Danzig zufolge ist aber diese Anweisung wieder rückgängig gemacht worden, und zwar aus den energischen Einspruch des polnischen Westmal keuvercins hin, dem der Innenminister Die beruhigende Erklärung abgegeben hat, die Ausweisungen würden weiter erfolgen. Es handelt sich in dieser Angelegen- Heit nur um diejenigen Optanten, die am 1. August trotz der Aufforderung das Land nicht verlassen und am 5. August eine erneute Aufforderung erhallen haben; es können also