HersfelöLL Tageblatt hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö
Nr. 187 Mittwoch, den 12. August 1925
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Das Wichtigste.
— Es hat ein Notenwechsel zwischen Deutschland und Polen in d-erOptantenfrage stattgefunden.
— Briand ist in London angekommen, die Besprechungen haben begonnen.
— Ein Schiedsgerichtsvertrag zwischen Deutschland und Estland ist unterzeichnet worden.
Arbeit und Kapital.
Das wirtschaftliche Leben Deutschlands wird zurzeit durch eine furchtbare Krisis erschüttert, die ihren Ausgangspunkt bei ben Exponenten jeder Wirtschaft, dem Kapital und der Arbeit, nimmt. Das Kapital ist bekanntlich die Voraussetzung der Wirtschaft. Es stellt nach der übereinstimmenden Anschauung aller Wirtschaftstheoretiker die Summe der Arbeit dar, die ein Volk leistet oder in voraufgegangenen Perioden geleistet hat, in denen es als Ueberschuß des Verbrauches der Allgemeinheit in Form von Ersparnissen und sogenannten Kapitalrücklagen angelegt öder vorübergehend festgelegt wurde. Kapital ist sonach kein Kunstprodukt, sondern einzig das Ergebnis einer folgerichtigen Rechnung, die sich aus dem Haushalt und der Wirtschaft eines Volkes ergibt.
Wenn in Zeiten wie den unseligen ein allgemeiner Kapitalmangel herrscht trotz größten Fleißes des Volkes und einer, man kann wohl sagen aüfgvzwungenen, Sparsamkeit, dann gibt es nur die eine Erklärung für einen derartigen Krisenzustand, und das ist die, daß der Neübildungsprozeß des Kapitals durch starke Hemmungen unterbrochen wird. Jedes Volk wirtschaftet mit seinen Ersparnissen genau so wie der Landwirt, der nur denjenigen Teil seiner Ernte und seiner Viehbestände veräußert, der ihm als Ueberschuß verbleibt, so wie er die Aussaat und den Grundstock seines Viehstapels sich erhält, um im kommenden Jahre wieder neu wirt- -NNfrrn-TWMMMMMMMMMMMMMWMMMWMMM— Wirtschaftslebens dar. Wenn die Zahl der Kopfe, die in einem Bauernhause Unterkommen finden, zu groß wird, wenn die Aussaat des Landwirts vermahlen wird, um Brot für die große Zahl der Insassen zu schaffen, dann tritt die Gefahr für den Landwirt ein, daß er im neuen Jahre die Aussaat kaufen muß. Um -das bewerkstelligen zu können, muß er in seinen Viehbestand hineingreifen; dieser lichtet sich, und die Folge davon ist die, daß er nunmehr verarmt. Achulich liegen die Dinge, mit unserer Wirtschaft. -Auch die Wirtschaft muß sozusagen die Aussaat taufen; denn in Gestalt unserer „passiven Handelsbilanz" tritt klar vor Augen, daß wir nicht die Kräfte besitzen, mit eigenen Mitteln unsere Wirtschaft ausrechtechalten zu können. Auf der anderen Seite sind wir genötigt, unsere Jndustrieerzeugnisse, die wir, wie sonst üblich, an das Ausland preiswert und billig abgegeben haben, unter diesen Umständen teurer zu verkaufen, damit wir die Kosten der Verschuldung an das Ausland decken können. Im Frieden war es umgekehrt, da überschwemmten wir mit -unseren billigen Jndustrieerzeugnissen den Weltmarkt, und -wir kauften gewissermaßen mit diesen billigen Jn-dustrie- erzeugnissen alle Rohstoffe und sonstigen Bedürfnisse der Wirtschaft ein. Heute müssen mir umekehrt zu enorm teuren Preisen einkaufen und, um überhaupt auf die Rechnung zu kommen, erst-recht zu teuren Preisen verkaufen. Anderer- feite tritt das Problem der Arbeit heute mehr denn je in den Vordergrund. Wir haben heute mit einer «ußergewöhn- lich großen Zahl von Arbeitslosen der sogenannten industriellen Reservearmee zu rechnen; denn viele Industriezweige, besonders solche, die lediglich auf den Export eingestellt waren, finb der herrschenden Krisis erlegen öder sümpfen mit der Ungunst der Konjunktur. Andererseits treten fortgesetzt die Arbeiterorganisationen mit Lohnstelgerungen hervor, die sie damit begründen, daß eine ständig wachsende Teuerung im Lande diefe ihre Lohnforderungen recytfertige. Während alle übrigen Kreise unter dem Joch der Teuerung zu seufzen haben, können sich die Arbeiterorganisationen den Luxus leisten, in einer Zeit mirtschnftltichen Niederganges „Riesen- ftrcits" zu inszenieren. Es sammt noch hinzu, daß der Staat, besonders aber das Reich, nachdem ihm durch die raffinierten «Bestimmungen des Dawesgutachtens der Weg vorü-bergehe-n- der Kroditentnahmen bei der Reichsbank verrammelt worden ist, und nachdem die rigorosen ‘Bestimmungen ebendesselben „Gutachtens" auf lange Zeit den Weg geordneter Anleihewirtschaft ab geschnitten haben, daß nunmehr Reich und Län- der zu' einer geradezu überstürzten Steuergesetzgebung über, gehen mußten. Die Steuer trifft aber Kapital und Arbeit gleichzeitig und gleichmäßig, und das Kapital um so heftiger, als jede neue Bildung des Kapitals damit unterbunben wird, und daß die in die Staatskassen fließenden Kapitalien eigent- lich nur noch die einzige Kapitalquelle darstellen, über die das verarmte Deutschland zurzeit verfügt.
Diese Kapitalien nutzen aber der Wirtschaft nichts, da sie nur vorübergehend zur Verfügung stehen und von bem in das Riesenhafte gewachsenen Staatsbedarf in laufender Staatswirtschaft rasch verbraucht werden. Wir sehen also, daß -der unglückselige Verfailler Vertrag, der wie eine „Gottesgeißel" über dem deutschen Volke hangt, erneut die aUei- nige Ursache dieser fortgesetzten Störung der deutschen Wirt- schuft darstellt. Während der Juflationsperiode haben wir
die drückende Last dieser fortgesetzten Beraubung unserer Volkswirtschaft nicht so sehr empfunden, jetzt aber, da wir mit Volldampf ,/Erfüllungspölitik um jeden Preis" treiben, wirken sich die Daumenschrauben, die man uns unter Vor- spiegek-ung falscher Tatsachen in so geschickter Weise angelegt hat, Wirtschaftlersirrend aus. Kapital im Sinne von Ueber« schußkapital der Wirtschaft gibt es überhaupt nicht mehr in Deutschland, das alte Sparkapital hat aufgehört zu existieren, an seine Stelle ist das Trugbild vorübergehender Ueber« schliffe auf einzelnen Gebieten- der Wirtschaft getreten. Diesem steht aber der riesenhafte Verbrauch des Staates selbst und der komplizierten Wirtschaft gegenüber, die heute Löhne zahlen muß, die bereits das Dreifache der Friedenslöhne übersteigern Umgekehrt sind die Zinssätze derart ins Märchen-Hafte gewachsen, daß man nicht mehr von Zinsen, sondern von systematischer Dewucherung der Volkswirtschaft sprechen muß. So konnte es nicht ausbleiben, daß die beiden großen Kräfte der Volkswirtschaft, „Kapital und Arbeit", so groß ihre Gegensätze auch sonst sein mögen, nunmehr in entgegengesetzter Richtung auf die Volkswirtschaft einwirken. Beide Kräfte beengen den Körper der Volkswirtschaft und pressen ihn wie eine Zitrone aus. Die hieraus entstandenen Konflikte und Folgeerscheinungen sind aber ganz naturgemäße und sicherlich auch gewollte im Sinne unserer ehemaligen Feinde, die in erster Linie wirtschaftliche Feinde Deutsch, lands waren und es auch heute noch sind. Wenn sonach die deutsche Volkswirtschaft wiederum festen Boden unter den Füßen gewinnen will, dann muß sie ihre Aufmerksamkeit zunächst ^darauf richten, die Fesseln zu sprengen, die der Ber- sailler Vertrag ihr auferlegt hat.
Die VerfassungSfeier der Reichsregierung.
Der Auftakt.
Berlin, 11. Aug. In den frühen Morgenstunden des Verfassungstages ging über Berlin eine Reihe schwerer Gewitter nieder, die besonders in den nördlichen Vororten zu zahlreichen Betriebsstörungen führten. Der Blitz zündete an ^ummlr'tourbe6®^ UeberfchwenM alarmiert. Kurz nach 10 Uhr heiterte sich der Himmel auf, und die wenigen Unentwegten, die schon in den frühen Morgen- stunden vor dem Reichstagsgebäude Posten gefaßt hatten, wagten sich langsam aus ihrem schützenden Unterschlupf hervor. Um 10,30 Uhr rückten starke Kolonnen Schutzpolizei, zu Fuß, zu Pferde und auf Lastautos, vor den Reichstag. Der Zustrom des Publikums verstärkte sich rasch, und gegen 11 Uhr war der Königsplatz von einer dichten Menschen- menge belagert.
Die Stadt zeigt Flaggenschmuck. Die diplomatischen Vertretungen des Auslandes haben ihre Landesfarben gehißt. Auf dem Präsidentenpalais wehte die Standarte des Reichs- Präsidenten.
Die Feier im Reichstag.
Der Reichstagssitzungssaal ist zur Verfassungsfeier festlich geschmückt. Die Prästdententribüne und die dahinter- liegende Wand sowie die Emporen sind mit Lebensbaum und Tannengrün reich behängt. Gelbe Blumen unterbrechen hier und dort das satte Grün. Von den Tribünen hängen bunte Wappen der Länder und der großen Städte herab. Der Saal ist stark gefüllt. Abgeordnete aller Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten, haben sich eingefunden. Auch Geryart Hauptmann wohnt der Feier bei. Auf den Regierungsbänken haben mit dem Reichskanzler Dr. Luther sämtliche in Berlin anwesenden Reichsminister Platz genommen. Auch die Vertreter der Länder sind zahlreich vertreten.
Um 12 Uhr pünktlich erscheint Reichspräsident Hinden- burg, gefolgt von dem Reichstagspräsidenten Lobe und dem Vizepräsidenten Dr. Bell und Graef, begleitet vom Innenminister Schiele, in der früheren Hofloge und begrüßt die Versammelten, die sich von den Plätzen erheben, mit einer Verbeugung.
Die erste Symphonie von Johannes Brahms, erster Satz, erfüllt den Raum.
Die VrrfaffungSrede im Reichstag.
Prof. Platz- Bonn führte aus:
Ein festlicher Tag ist wie ein warmes Leuchten, das den grauen Alltag erhellt. Das Schwere tritt zurück für einen Augenblick, das Dunkel schwindet die Umrisse der geistigen Welt, in der unser Arbeiten allein sinnvoll wird, werden wieder deutlicher, die Kräfte, die dumpf gebannt schienen in dem Triebwerk der drängenden Arbeit, werden plötzlich wieder frei und leicht, fluten in ihre Quellgründe zurück und richten sich neu aus nach dem klaren erschauten Ziel. Das ist der Sinn des Tages, den das deutsche Volk heute an dieser hehren, bedeutungsreichen Stätte begeht.
Das Hauptinstrument, das diesen vollen Akkord deutschen Lebens einspielen soll, ist eben die Verfassung. Trotz all der scharfen U in b i e g u n g e n, die sie vorgenom- men hat, t r o tz a l l e r A n l e h n u n g e n i m $ o r m a I e n an fremde Vorbilder, troß all der Unzulänglich- feiten, die es zu gegebener Zeit auszumerzen gilt, ist sie doch ein echtes deutsches Erzeugnis, genährt von der Substanz unseres Wesens, wie gerade nichtdeutsche Beurteiler bezeugen, geboren im Mittelland, zwischen östlichem Kommunismus und
wepncyem rmoivwualismus gestellt, und in wesentlichen Punkten nicht untreu, der alten Ueberlieferung.
Die Zeit schreit nach Menschen, die dem Geist dienen. Die Schwierigkeiten, die einer stärkeren Einstellung auf den Menschen im Wege stehen, begründet teils in unserer, an furcht- baren Rückschlägen und Verdunkelungen so überreichen Ge- schichte, teils in unserer so überrasch entwickelten Großstadtzivilisation, die Zurückhaltungen, die aus anderen geschichtlich nicht unverständlichen Einstellungen hervorgehen, berechtigen niemanb zu dem allgemeinen Vorwurf, daß es uns mit dieser neuen Ordnung nicht ernst sei, daß wir nicht aus echter Empfindung mitarbeiten wollten, an der Erneuerung der Stoff- und Leistungskultur, daß unsere Besten nicht aus religiösem ergriffenen Geist ihre Kraft einsetzen wollten, da. mit Glück und Frieden werde.
Es sei gestattet, bei dieser Gelegenheit auf zwei Quellen hinzuweisen, aus denen diese Gläubigkeit stets neue Kraft sich holen kann.
Die deutsche Jugend und den deutschen Rhein.
Wer in dem wirbelnden frischen Leben der heutigen Jugend steht, wird sich immer dankbar des Zustroms an Frisch- heit, innerer Lebendigkeit und Gläubigkeit bewußt bleiben. Möge sie uns immer die Kraft der Hoffnung spenden, wenn der Unglaube dem Geiste und dem Guten gegenüber uns übermannen will. Leichter als den Aelteren, die im nüchternen Gewerke des Alltags wandeln, spannt sich ihnen der goldene Bogen, der Ideal und Wirklichkeit eint. Wie regsam sucht gerade die deutsche Jugend aller Lager auf neuen
Wegen ihrer Sehnsucht Ziel — auch das Ziel ihrer politischen Sehnsucht — den erneuerten Staat —, zu erreichen.
Wie gläubig eilt sie in die Morgenfrische des deutschen Eichenwaldes, bohrt sie nach den Quellen der alten Kraft und Herrlichkeit, um dem Wahnsinn des sich amertanifierenben Lebens und des sich asiatisierenden Denkens zu entrinnenI
Man mag vieles verstiegen, anderes vertrauest finden, als jubelnde Hingabe an das zu erneuernde Lebe.., an das zu erneuernde Vaterland, gehört ihr Sein, ihr Streben zum Besten, was wir haben. Begegne mit Vertrauen und Freundschaft .^„
legnen wir daher dieser Jugend chaft und nicht mit dem nüch-
uns in
irangung
Brücken nach rückwärts abzutragen unternimmt.
Wie die Jugend dem Ursprung nahe ist, so steht der Rhein heute fast einem Mythus gleich da. Er ist uns m den kaum verflossenen Zeiten der Not und der mehr denn je eine unausschdpfbare Quelle deutschen Glaubens und ein Sinnbild unverjährbaren Rechtes auf volle nationale Selbstentfaltung geworden.
Er, den wir haben und halten fest und treu,
er der gerade in diesem Jahre der Jahrtausendfeier die Blicke aller Deutschen so magisch auf sich gelenkt hat, .
er heißt uns immer wieder glauben und hoffen, daß mir trotz allem noch im Morgenrot stehen.
Notdurchwühlt lauschten wir inniger und hingegebener als sonst seiner tiefen, mahnenden Stimme, spürten in sternklaren Nächten die Gewalt des Sturmes auf ben Hohen, den Zauber des rauschenden Stromes in der -tiefe, standen wie Ergriffene zuhauf inmitten unserer Land- und Volkschaft und segneten den Augenblick der Gnade, da aus Wahn und Wehe Heil wuchs, H “»-«•- - ^ «*«•" Selbst er«
inniger und hingegebener
d segneten den Rugenvlm oer wnave, uu
che Heil wuchs, da Menschen zu ihrem tiefsten Selbst er« „,.chten und kühn einen deutschen Neuanfang fehlen; gingen wie Ergriffene zu Tal und sahen doch im Geiste immerfor um uns herum alle, die je am Rhein bodenständig gelebt und tatendurstig gewirkt haben, alle, d,e in avendlandischer Bewußtheit Menschen waren und Schurken haßten, kleine Leute und große Herren, Weitgereiste und Schollegebundene, ernste Ringer und heitere Sänger, sahen, wie alle beschwö- rend die Hände zum Himmel erhoben, dorten, wie sie mit räum- und zeitdurchdringender Stimme das Wort sprachen, das ihres Blutes sicherer Takt ihnen gab, das ihres Geistes reines Wollen umschreibt.
um
Deutsch. , , ,
Freilich tiefer als in Geschickte und Ueberlieferung hat die Verfassung in die Bereiche des uns umflutenden not- vollen Lebens und der drangvoll nahenden Zukunft gftchaut. Nicht immer, ohne die BrilledesDüktrmars^ kcrs, doch so, daß im Lichte der Erfahrung sich Spreu und Weizen werden sondern lassen.
Der Zweck aller kulturellen Bemühungen, die Machte des Abgrunds zu bannen und die Kräfte des Guten zu sinnvoller Zusammenarbeit zu bringen, wird angeftrebt. ^a- Wort Goethes:
„Der Deutsche, als einzelner so tüchtig, als Ganzes so miserabel/
wird so doch immer mehr eine Wahrheit, die der Geschichte ^"^Die^'unitaristischen Kräfte wirkten in ihrer Ausbalauft er ung nicht unorganisch, denn sie ließen die foderalyn che Tendenzen, die aus der deutschen Geschichte nicht wegMdenken am Werke. Der starke Einheitswille aber ist kein von
Himmel gefallenes Geschenk, sondern das ^ngiamausNo! und Erfahrung sich durchdringende Wolle« der Deutschen. Mag er sich im konkreten Falle auch noch so stürmisch äußern als politische Grundtendenz ist er da, bedeute er em starkes Positivum und ist bildsamer Einwirkung nicht unzugänglich Allen Deutschen, die im Geiste der Verfassung dieser staatspolitischen Linswerdung