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Kersfel-er Tageblatt

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Nr. 16g

Mittwoch, Den 22. Juli

1925

Das Wichtigste.

Die französischen und englischen Presse­kommentare zur deutschen Antwortnote gehen in der Beurteilung des Inhalts weit ausein­ander.

Nach den Besatzungstruppen hat jetzt auch die französische Gendarmerie das Ruhrgebiet verlassen. Deutsche Schutzpolizei hat den Dien st wieder übernommen.

Nach bisher unbestätigten Meldungen haben die alliierten Regierungen beschlossen, auch die Sa n kt i o n sst ä dte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort z u r ä u m e n. ,

Sie Aussicht für ein Sicherheits-akt.

Der deutsche Botschafter in Paris, Herr von Hoesch, hat dem französischen Außenminister am Montag nachmittag Deutschlands Antwort auf die Briandsche Sicherheitsnote überreicht.

Noch ist uns aus dem Inhalt der deutschen Note nichts bekannt, und in der ausländischen Presse gehen die gröbsten Vermutungen um, die uns aber nicht berechtigen, aus den Auslassungen Londoner und Pariser Pressekommentare auf den Inhalt der deutschen Note zu schließen. Teils gehen die ausländischen Pressekommentare gehörig auseinander, teils hört man Auslassungen, aus denen hevoorgeht, daß die eigenen Wünsche die Mter der Gedanken sind. Aber das eine ist doch jetzt schon allen Kommentaren gemeinsam, näm­lich die Ueberzeugung, daß die deutsche Note den Anlaß geben wird zu weiteren Verhandlungen über den Sicher­heitspakt.

In London ist man wie gewöhnlich optimistischer und glaubt, daß eine Sicherheitskonferenz nicht mehr allzu fern sei. In Paris dagegen glaubt man sich zu langwierigen Verhandlungen rüsten zu müssen. Schon allein aus dieser Tatsache erkennen wir wiederum den Unterschied zwischen

Noch sprechen unsere Nachbarn im Osten, diese neuen Staatsgebilde, die aus dem Versailler Vertrag geboren und aus ihm genährt werden, eine zu unverschämte Sprache. Frankreich hat sie gut gedrillt und setzt sie gleich Skorpionen an den deutschen Volkskörper an, um ihn in steter Qual zu ^halten und ihm das Blut auszusaugen, das ihm zur Wie- dererstarkung nötig ist. Diese sogenanntenGroßstaaten" im Osten sind unmögliche Gebilde, die, abgesehen davon, daß sie wirtschaftlich nicht lebensfähig sind, auch politisch den Ver­hältnissen auf dem europäischen Kontinent kein Verständnis entgegenzubringen imstande sind. Was man vom deutschen Lande abtrennte und ihnen in den Rachen warf, das zer- malmen sie, ohne darauf eigene Kräftigung zu gewinnen. Diese Staaten aber muß und wird Frankreich stützen und hierin wird der wunde Punkt liegen, der bei allen künftigen Sicherheitsverhandlungen störend und zerschlagend wirkt.

Wenn nun heute schon Londoner Stimmen von dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sprechen, so erscheint uns das doch reichlich verfrüht, denn zu diesem Eintritt sind doch alle Vorbedingungen noch un­erfüllt. Geschähe er, ohne das Deutschland Aequivalente ge­boten würden, so bedeutete er nichts anderes als ein neues Versailles mit alten Bedingungen, bei denen man neue Er­fahrungen, die man aus der Zeit nach Versailles gesammelt hat, verwertete und mit denen man Deutschland von neuem und sicherer binden will. Dr. M.

pessimistischen Ton an und sieht langwierige Ver­handlungen voraus, bei denen Deutschland sicherlich den Versuch machen werde, die Alliierten zu übertölpeln. Diese Auffassung vertritt auch Pertinax imEcho d e Pari s". DerPetit P a r i s i e n" meint, die Bedenken Deutschland gegen den Artikel 16 des Paktes beweisen, daß dem Reiche daran liege, nicht in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen zu werden, bei dem Rußland der angreifende Teil sei. Die wahren Absichten Deutschlands würden sich erst bei Eröffnung der Verhandlungen beurteilen lassen. Zu der mündlichen Unterredung, die bei der Uebergabe der Note zwischen Herrn von Hoesch und Briand geführt wurde, erklärt das Blatt schließlich, daß der Botschafter durch feine mündlichen Erläuterungen den Eindruck der Ungenauigkeit, den das deutsche Schriftstück machte, verwischt habe. Die Erläuterungen ließen erhoffen, daß die Garantievertrags- günstigen Voraussetzungen fortgeführt werden könnten.E r e No u ve l l e" sagt, in diplomatischen zu­ständigen Kreisen habe nach Ueberreichung der Note b Eindruck vorgeherrscht, daß wahrscheinlich im Ok­tober eine Konferenz nach Paris einberu-

bald unter

er

fen werde.

Der Eindruck der deutschen Antwortnote in London.

Die Lteberreichung der deutschen Antwortnote.

£ Paris, 21. Juli. Botschafter von H o e s ch begab sich am Montag zum Quai d'Orsay und überreichte dem franzö­sischen Außenminister Briand die deutsche Antwort auf die letzte Note der französischen Regierung in der Sicher- Heitsfrage. An die Aushändigung des Schriftstückes schloß sich eine ungefähr dreiviertelstündige Unterhaltung. Eine Abschrift der deutschen Antwort ist nach Pariser Blätter- Meldungen auch in London von dem Botschfater S t h a m e r im Foreign Office überreicht worden. Der Tert des

der Auffassung Englands und der Frankreichs über einen Sicherheitspakt. Zweifellos hat Engia: 0 ein viel geringeres Interesse an einem Garantiepakt als Frankreich. Ihm ist es gar nicht so sehr erwünscht, daß es sich durch die Verhältnisse auf dem europäischen Kontinent bindet. Seine Interessen liegen ja ganz wo anders. Sie liegen in Indien, sie liegen in Aegypten und im Fernen Osten, und das europäische Fest­land gilt ihm mehr als nebensächlicher Faktor, der aber leider nicht außer acht gelassen werden kann. Deshalb ist England stets hoffnungsfreudiger und leichter überzeugt, daß die Garantiepaktverhandlungen zu einem Ergebnis füh> können. Zweifellos hat England recht, wenn es sich dar handelte, englische und deutsche Interessen gegeneinander

London, 21. Juli. Wie der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" berichtet, ist man in alliierten Kreisen der Ansicht, daß die deutsche Antwort­note wegen ihres versöhnlichen Tones und des Fehlens einer eingehenden Beweisführung in nicht allzu langer Zeit zu einem freien Gedankenaustausch am Konferenztisch fuhren werde. Der Bedarf des Deutschen Reiches an baldigen amerikanischen und britischen Krediten für industrielle und kommerzielle Zwecke und die gleichzeitige Anwesenheit der Gouverneure der Bank von England und der Federal Reserve Bank, in Berlin hätten augenscheinlich dazu beigetragen, gewisse deutsche Einwände gegen den Sicherheitspakt zu überwinden. Der Text der deutschen Note scheine in, zwölfter Stunde Aenderungen unterworfen worden zu sein, für die deutsche Partei­einflüsse und Ratschläge nicht allein verantwortlich gewesen

die deutsche Antwort-

ren

>rum

auszugleichen.

Aber der hindernde Faktor ist und bleibt Frankreich, das erstens viel mehr durch die Kontinentspolitik gebunden ist, und das zweitens durch feine Bündnispolitik, die allzu deutliche Ähnlichkeit mit einer Einkreisungspolitik hat, ver­pflichtet ist. Frankreich vertritt nicht nur feine Interessen an seiner Ostgrenze, d. h. an der Grenze nach Deutschland hin, sondern es vertritt mindestens ebenso sehr die Interessen der östlichen Randstaaten, die ihm zur Dasallität verpflichtet sind, dafür aber auch ihre Bedingungen stellen. Hinzu kommt, daß ein großer Teil des.französischen Geldes in oiefen öst­lichen Staaten festgelegt ist. Will Frankreich diese Riesen­anleihen aber nicht in den Rauch schreiben, so muß es darauf Schuldner zu stützen, und das tut es in

bedacht sein, seine Schuldner zu st feinen Sicherheitspaktbestrebungen.

Aus der Briandnote geht n

geht nur allzu deutlich hervor, daß Frankreich weniger die Sicherheit des europäischen Kon­tinents als feine eigene Sicherheit im Auge hat, und es paßt ja durchaus zu französischer Politik, wenn in erster Linie der Eigennutz dabei im Spiele steht. Frankreich will seine Ostgrenze geschützt sehen, will aber ebensogut eine Garantie dafür haben, daß die deutsche Ostgrenze immer gefährdet , bleibt, so daß der deutsche Nachbar stets beunruhigt ist und niemals auf den Gedanken kommen oder Ruhe dazu finden kann, sich wieder auf festen Boden zu stellen. Frankreich ahnt und fürchtet, >daß jede Konsolidierung der deutschen Verhält­nisse eine Bedrohung für die Grande Nation bedeutet. Frank­reich weiß auch ebenso gut, daß ein friedliches Zusammen- leben mit Deutschland ihm nicht möglich sst^nicht etoa, lveil " ^rank-

it Deutichland ihm nicht mogita) yr, nicht etwa, den Deutschen der gute Wille dazu fehlt, sondern weil F reich selbst viel zu'argwöhnisch ist, Umbaus dem friedl Zusammenleben dieser beiden Nati "f,P. f". . Zukunft zu erwarten. Für Frankreich wird jetzt und immer­dar das Gespenst bleiben, daß der Deutsche, wenn ihm die Möglichkeit zu friedlicher, ungestörter Arbeit gegeben ist, auch wieder Zeit und Gelegenheit findet, feine Revanchegedanken gegen Frankreich zu nähren und möglichst bald zur Aus- führung zu bringen. Nicht eher, als bis Frankreich von oiesem wahnwitzigen Standpunkte abgeht, werden Verhand­lungen über einen Sicherheitspakt von Erfolg gekrönt sein. Da es aber taum denkbar ist, daß Frankreich von heute auf morgen umlernt, so wird die Frage eines Garantiepaktes vor­läufig nicht restlos gelöst werden können. Es wird sich immer nur um Stückwerk handeln, und der deutsche gute Wille wird kaum auf der Gegenseite die Anerkennung erwecken, die nötig ist, um eine endgültige Befriedung Europas für die kommenden Jahrzehnte zu gewährleisten.

ist, um aus dem friedlichen innen Ersprießliches für die

Jn den politischen Kreisen des Quai d'Orsay heißt es Abgesehen von gewissen Vorbehalten wegen des Artikels 16 des Völkerbundes mache die deutsche Note weiter keine Einwendungen gegen die Punkte, die Briand in seiner Antwortnote auf das deutsche Angebot vom 9. Februar erwähnt habe. Im Gegenteil verbinde die Note im Gegensatz zu gewissen Informationen durch ver» schiedene Blätter die Frage des Sicherheitspaktes nicht mit der Räumung der Kölner Zone. Zugleich sei keine An­deutung über eine internationale Konfe­renz gemacht. Zwischen dem deutschen Botschafter von Hoesch und Briand sollen neue Besprechungen stattfinden. Der deutsche Botschafter soll Briand erklärt haben, daß sich das Reich entschlossen habe, der letzten Note der Bot­schafterkonferenz über die Abrüstung Genüge zu tun.

Die deutsche Antwortnote umfaßt sieben Druckseiten und ist von den zuständigen Stellen am Quai d'Orsay sofort einer ersten Prüfung unterzogen worden.

Offiziöse Pariser Kommentare zur Antwortnote.

Paris, 21. Juli. Während die gesamte Presse mit einem gewissen Mißtrauen die deutsche Note ausgenommen hat und zu wissen glaubt, daß die Verhandlungen noch sehr lange fortdauern werden, sind die offiziös inspirierten Nachrichten­agenturen anderer Ansicht. Es heißt dort, daß jetzt der x Weg geebnet sei, um Verhandlungen auf gesunder Basis zu führen. Die Note erwecke die Hoffnung, daß die Vorhand- hingen über den Sicherheitspakt zu einem guten Ende füh­ren'würden. Die Note sei in einem sehr herz­lichen Tone gehalten, so daß man den Eindruck ge­winnen könne, daß Deutschland den Willen habe, zu einem Ende zu kommen. Unter diesen Umständen sei es möglich zu hoffen, daß in nunmehr vierzehn Tagen das Terrain sondiert sei und die Hinzuziehung Deutschlands zum Sicher­heitspakt bald vollendete Tatsache werde. Man müsse Briand beglückwünschen, der die Seele des Sicherheitsgedankens sei.

Die Pariser Presse zur deutschen Antwortnote.

Paris, 21. Juli. Die Pariser Blätter veröffentlichen übereinstimmende Inhaltsangaben über die Antwortnote. Die Note geht im übrigen Punkt für Punkt auf b i c französische Note vom 16. Juni ein und behandelt dementsprechend die A u f n a h m e Deutsch- lanvs in d e n B ö lk erb u n d , die R ü ckw i rk u n g

_____,,.. ^^.. _______... _________ jmui Andeutung gemacht worden. Deutschland erläre, daß es sich in mehreren Punten, einschließlich dem der Schieds» gerichtsbarkeit, für künftige mündliche Besprechungen Vor- behalte machen müsse. Auf diese Weise seien einige der Argumente unterlassen oder verkürzt worden. Deutschland scheine weiter nicht eine völlige Aufhebung des Artikels 16 des Völkerbundpaktes fordern zu wollen, sondern lediglich seine Abänderung zu begrüßen, was auch schon von anderen Mächten, einschließlich' Großbritannien, vorgeschlagen sei. Die Vermutung, daß Deutschland die Frage einer allgemei­nen Herabsetzung der Rüstungen mit dem Sicherheitsproblem und seinem Eintritt in den Völkerbund verbinden werde, scheine damit wohlbegründet zu sein.

Die deutsche Sicherheitspaktnote.

Berlin, 21. Juli. Die deutsche Regierung hat die von Seiner Exzellenz dem französischen Botschafter, Herrn de Margerie am 16. Juni überreichte Antwort auf das deutsche Memorandum vom 9. Februar einer eingehenden Prüfung unterzogen. Sie entnimmt aus der Antwort mit Genugtuung, daß die französische Regierung und ihre Alli­ierten grundsätzlich bereit sind, die Festigung des Friedens gemeinsam mit der deutschen Regierung auf dem Wege der Verständigung herbeizuführen und hierüber in einen gegen­seitigen Meinungsaustausch einzutreten.

Die alliierten Regierungen wünschen indes vor der Ein­leitung sachlicher Verhandlungen eine weitere Klärung der in dem deutschen Memorandum berührten Fragen und machen ihrerseits eine Reihe konkreter Vorschläge, zu denen sie die Stellungnahme der deutschen Regierung erbitten. Diese Vor­schläge sind zwar auf den Anregungen des deutschen Me­morandums' aufgebaut, geben diesen Anregungen aber in wichtigen Punkten eine andere Richtung und fügen zu ihnen auch neue Vertragskonstruktionen hinzu. Die deutsche Re­gierung will in dem gleichen Geiste des Entgegenkommens und der friedlichen Verständigung, aus dem ihre eigenen An- regungen heroorgegangen sind, nachstehend ihre Ansicht über die alliierten Vorschläge darlegen. Sie glaubt sich dabei jedoch auf eine allgemeine Aeußerung zu einigen gtunbiag» lichen Fragen beschränken und ihre Stellungnahme zu den Einzelpunkten bis zu den endgültigen Verhandlungen vor- behalten zu sollen.

f d ie Besetzung ledsgerichtsver-

des Sicherheitspaktes auf die Besetzung des R h e i n l a n d e s, die E ch i e d s g e r i ch t s v er­trüge, die zwischen den Signatarstaaten des sattes ab­geschlossen werden können und etwaige Schiedsgerichtsver- träge zwischen Deutschland und seinen Nachbarn im Osten. Der Eindruck der Note auf die Blätter ist, nach den

vorliegenden Kommentaren zu schließen, fast durchweg u n g ü n st i g. Der höfliche Ton des Schriftstückes wird allgemein hervorgehoben. Nach demP e t i t I o u r n a 1" begnügt sich Herr Stresemann mit allgemeinen Anregungen uni) der Bitte um Ergänzung der Angaben in gewissen Punkten der letzten französischen Rote. DerM a 1 i n" schlägt im Gegensatz zu der übrigen Presse einen ziemlich

I.

Die alliierten Regierungen betonen in der Note vom 16. Juni, daß die Regelung der Sicherheitsfrage feine Aen- derung der Friedensverträge mit sich bringen dürfe. Dre deutsche Rgeierung vermag aus den Ausführungen der Note über diesen Punkt nicht ohne weiteres zu erkennen, welche Absicht die alliierten Regierungen damit verfolgen. Der Ab- schluß eines Sicherheitspaktes, wie er in den deutschen An- regungen skizziert wird, bedeutet keine Aenderung der be- stehenden Verträge. Die deutsche Regierung betrachtet es hierbei als selbstverständlich, daß nicht etwa für alle Zukunft die Möglichkeit ausgeschlossen werden soll, bestehende Ber-

ng betrachte» es i für alle Zukunft die Möglichkeit ausgeschlossen werden soll, bestehende Ver­träge auf dem Wege friedlichen Uebereinkommens zu gege- bener Zeit veränderten Verhältnissen anzuvaffen. Sie darf