Hersfelöer Tageblatt
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Hersselöer Kreisblatt'
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Nr. 167
Montag, den 20. Juli
1925
Das Wichtigste.
— Die deutsche Antwort auf Briands Sicher« Heitsnote ist nach Paris abgesandt und durch den Botschafter von Hoesch überreicht worden.
— Der französische Oberbefehlshaber Guillau- mat hat die amtliche Bestätigung der Räu« mung des rechtsrheinischen Gebietes gegeben.
— In der'Zollvorlage ist es zwischen den Regierungsparteien noch immer nicht zur Einigung gekommen. Das Zentrum wird jedenfalls erst bei der dritten Lesung seine Entscheidung treffen,
Englands Sicherung der Ostsee.
Von Wilfried Diehard.
Trotz der Gründung des Völkerbundes erleben wir in allen Weltteilen, daß die Natur ihr Recht behalten will, — in den verschiedensten Ländern wird Krieg geführt. Eben ist ein großes Weltringen beendet, in dem Deutschland durch eigene Schuld auf der Strecke blieb, und schon deuten sich die Formen eines neuen gigantischen Ringens an.
In aller Stille bereitet sich die Auseinandersetzung zwischen Sowjetrußland und England vor. Auch hierbei wird es nicht bei einem Ringen der beiden Staaten bleiben, sondern beide werden die Welt aufzubieten versuchen. Das britische Weltreich will unter allen Umständen den umstürz- lerischen Störenfried Sowjetrußland vernichten.
Die Verteilung der Kräfte erscheint sehr ungewiß. Wäh- rend wir im Britischen Reich ein sich in starker Gärung be- indendes Gebilde sehen, wo teilweise der Bolschewismus chon Fuß gefaßt hat, sehen wir bei Sowjetrußland, daß es rotz seiner Unkultur, trotz des aus seiner Methode ent-
In Englands Hauptinteressengebiet im Stillen Ozean, in China, wühlt und hetzt der Russe so offensichtlich gegen England, daß, zumal Englands Gegenspieler, Frankreich, im Augenblick selbst gebunden ist, es mit aller Macht auf eine Auseinandersetzung drängt. Während wir Deutsche dabei sind, uns innerpolitisch immer mehr zu zerreißen, ballen sich an unseren Grenzen Gewitterwolken zusammen, deren Blitze mit Leichtigkeit unser ganzes Haus in Brand stecken können. Der Deutsche beschäftigt sich nicht gern mit Außenpolitik, er ist von früher her gewöhnt, daß sein Land regiert wird; so ist er auf ein Erbübel verfallen, daß nur einzig und allein innerdeutsche Fragen für ihn von Interesse sind.
Wir träumen trotz der furchtbaren Erfahrungen noch immer vom Völkerbünde, und gerade hier liegt für die Auseinandersetzung mit Rußland die große Gefahr für unser Land. Wenn wir auch ein Interesse an ber, Vernichtung des Sowjetsystems haben, unser Blut und unser Land für englische Interessen opfern wollen wir denn doch nicht.
Während Deutschland noch immer träumt, handelt England. Ueber die Entwicklung bei uns ist es noch nicht klar. So sollen vor allem Stützpunkte geschaffen werden, von denen aus der Angriff vorgetragen werden kann. Einer der Hauptstützpunkte scheint die Ostsee werden zu sollen.
Mit der Vernichtung der deutschen und russischen Flotte ist die Ostsee ein freies Meer geworden. Der Ausgleich in dem Gleichgewicht der Kräfte ist zerstört und die jetzt kleinen Flotten der Anliegerstaaten können es nicht mehr verhindern, daß eine Seemacht wie England ungestörten Zugang zur Ostsee hat. Rußland beteiligte sich in der trügerischen Hoff- nung' am Weltkriege, der unumschränkte Herr der Dardanellen zu werden, und dadurch gleichzeitig im Mittelmeer mitreden zu können. Die Hoffnung ist nicht nur zunichte geworden, sondern es hat auch durch Loslösung der baltischen Staaten vom russischen Mutterlande den freien Zugang zur Ostsee bis auf eine kurze Strecke verloren, die sogar von einer kleinen Flotte gesperrt werden kann.
Aug.nblicklich befindet sich nun eine englische Flottille im Gebiete der Ostsee, die die Anliegerstaaten besuchen soll. Der Besuch hat aber wohl einen tieferen Grund, der in der englischen Sicherung der Ostsee zu suchen ist. Schon vor einigen Jahren wären Gerüchte vm Umlauf, die von englischen Absichten auf Bornholm wissen wollten. Jetzt wird von einer Pachtung der Inseln Oesel und Dagö vor Estland gemeldet, die zwar immer wieder dementiert wird, als sei diese Meldung als sowjetrussischer Versuchsballon losge- laffen, daß aber eine ernste Unterlage dafür vorhanden ist, beweist die Mitteilung aus London, daß England im großen Umfange Munition an Lettland liefert.
England ist eifrig bemüht, den baltischen Staatenbund für seine Interessen zu gewinnen, um im Kriegsfalle die , baltischen Häfen besetzen und gegen Rußland vom Land aus vorstoßen zu können. Rußland ist unterdessen eifrig dabei, seine Seestreitkräfte wieder instand zu bringen.
Die Ereignisse drängen und können sich, wie 1914, über- Sein Alles spricht dafür, daß der Angriff gegen Sowjet- _ and von der Ostsee aus vorgetragen wird. Sollte es für Deutschland nicht an der Zeit sein, den innerrwlitischen Rumpf einz »stellen und an Sammluntz aller Kräfte zu denkend
Die Räumung -es rechtsrheinischen Gebietes.
Düsseldorf und Duisburg bleiben vorläufig noch besetzt.
Düsseldorf, 18. Juli. Nach einer Mitteilung des Oberbefehlshabers der alliierten Befatzungstruppen, General Guillaumat, an den Regierungspräsidenten in Düsseldorf haben die französische und die belgische Regierung beschlossen, die seit dem 11. Januar 1923 rechtsrheinisch besetzten Gebiete zu räumen.
Am 20. Juli vor 12 Uhr Mitternacht wird geräumt sein: Das gesamte belgisch besetzte Gebiet, das seit dem 11. Januar 1923 besetzt ist, das französisch besetzte Gebiet, das seit dem 11. Januar 1923 besetzt ist, soweit es in der Provinz Westfalen liegt.
Am 2 1. Juli vor 12 Uhr Mitternacht wird g e r ä u m t s e i n: der Rest des französisch besetzten Gebietes, das nach dem 11. Januar 1923 besetzt ist. Düsseldorf und Duisburg bleiben demnach weiter besetzt.
Nach diesen Räumungen werden die Gr e n z e n des Gebietes folgendermaßen festgesetzt: Vom Rhein ab die Nord- und Ostgvenze der Gemeinde Walsum bis zum Nordosten der Kolonie Wehofen, die Trennungs- grenze der Gemeinde Holten und Hamborn, im Nordwesten von Mollenburghof bis zur Südspitze des Friedhofes von Holten, im Osten von Madlerbusch, die Straße von Holten nach Mülheim einschließlich des Emscher Kanals bis zur Ei sbubahnbr ücke von Oberhausen - Sterkrade, dann eine fingierte Linie, die diesen Punkt mit dem äußersten Ostpunkt des Bahnhofes in Oberhausen-West verbindet. Die Eisenbahn von Styrum nach Kettwig, die Verwaltungsgrenze des Kreises Düsseldorf bis zur Grenze des Brückenkopfes Köln.
In dem Schreiben ist zum Ausdruck gebracht, daß auf Grund von Besprechungen der beiderseitigen Regierungen erwartet wird, daß gelegentlich der Ruhrräumung alles ver- mieden wird, was der Politik der Befriedung zuwiderlaufen —mürbe.
der Truppen oder gelegentlich dieses Abmarsches stattfinden. In Ausführung dieser Mitteilung hat der kommandierende General des 32. Armeekorps in Düsseldorf zum Ausdruck gebracht, daß die Kontrolle der franzöisischen Besatzungsbehörde in den geräumten Zonen mit folgenden ©aten ihr Ende erreicht: 9lm 20. Juli mitternach für die besetzten Gebiete der Provinz Westfalen, am 31. Juli für den Rest der seit dem 11. Januar 1923 besetzten Gebiete.
Die Räumung des Bochumer Gebietes.
Münster, 18. Juli. General Franck hat an die Oberbürgermeister von Bochum, Gelfenkirchen, Reck- linghausen und Herne und an die Landräte von Bochum, Gelfenkirchen und Recklinghaufen sowie an den Bürgermeister von Castrop folgendes Schreiben gerichtet: Ich habe die Ehre, zu Ihrer Kenntnis zu bringen, daß die fron- zösische Regierung die Räumung der auf dem rechten Rheinufer seit dem 11. Januar 1923 besetzten Gebiete beschlossen hat. Das Gebiet von Bochum wird am 20. Juli vor Mitternacht geräumt sein. Herr von Schubert, Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, hat der französischen Regierung die Mitteilung zukommen lassen, daß er sich bemühen werde, im Augenblick der Räumung des Ruhrgebietes zu vermeiden, was der Bernhigungspolitik zuwiderlaufe. Ich bitte Sie, im Geiste dieses Einvernehmens alle nützlichen Maßnahmen zu treffen, um im Augenblick dieses Abmarsches und aus Anlaß dieses Abmarsches jede Kundgebung zu vermeiden. Gemäß dem Befehl des kommandierenden Generals der Armee hört die Kontrolle des geräumten Ge- bietes von Bochum mit dem 2 0. Iuli 12 Uhr nachts auf. gez. Stand.
Werden Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort doch geräumt?
Paris, 18. Juli. Die belgische Regierung hat im Einvernehmen mit der frnazösischen und der englischen Regie- rnng beschlossen, daß die Städte Düsseldorf, Duis- bürg und Ruhrort geräumt werden. Die Räumung wird, wie verlautet, so bald wie möglich stattfinden, so daß die französischen Truppen gleichzeitig mit denen des Ruhrgebietes die besetzten Gebiete verlassen werden.
Endgültige Fertigstellung der Sicherheitsnote.
Berlin, 19. Juli. Das Reichskabinett trat am Sonnabend zusammen, um nach der Zustimmung des Auswärtigen Ausschusses und der Ministerpräsidenten die endgültige Re- digierüNg der Sicherheitsnote an Frankreich vorzunehmen. Die Note ist am Sonnabend nach Paris gesandt, und wird dort vom deutschen Botschafter von Hoesch im Quai d'Orsap iibei'geben werden.
Deutschlands Stellung zum Sicherheitspakt.
Eine verständige Ansicht aus London.
-$• London, 19. Juli. Der liberale Londoner „New Statesman" beschäftigt sich erneut mit der möglichen Stellungnahme Deutschlands zum Sicherheitspakt. Aus- gehend von dem Schulbeispiel eines Krieges zwischen Ruß. land und Polen, schreibt das Blatt in diesem Zusammen- Hang: Wenn wir Deutsche wären, dann wurden wir bei der gegenwärtigen Berfassnna Deutschlands sicherlich einer Unterschrift unter Artikel 16 des Völkerbundsstatuts nicht zu- stimmen. Die Wahrheit ist, daß man auf beiden Seiten im Recht ist und daß der tote Punkt fckst unüberwindlich erscheint. Die wahre Schwierigkeit ist fundamentaler Natur. Der Völkerbund kann nur als ein Bund von gleichgestellten Nationen nützlich und wirksam funktionieren. Solange Deutschland als einzige Macht besetzt und entwaffnet ist, solange man sagen kann, daß Deutschland unter besonderen Benachteiligungen leidet, solange kann Deutschland praktisch keinen gleichberechtigten Platz in der Völkerbundsverkamm- lung und noch sehr viel weniger im Völkerbundsrat einneh- m*t. Das ist keine sehr angenehme Schlußfolgerung; aber wir sehen nicht, wie man ihr aus dem Wege gehen kann.
Noch keine Einigung über die Zollvorlage.
£ Berlin, 19. Juli. Zwischen den Regierungsparteien ist es noch nicht zu einer Einigung über die Zolloorlage gekommen. Die Hoffnung, daß das Zentrum seine lang hin- ansgeschobene Entscheidung in dieser Frage nunmehr treffen würde, hat sich nicht verwirklicht. Wie wir erfahren, hat sich zwar die Zentrumsfraktion des Reichstages mit der Zollvorlage befaßt, doch ist ein Beschluß nicht gefaßt worden. Die Zentrums sührer wurden, auftragt, noch einmal mit b^en Führer» der übrigen Parteien Fühlung zu nehmen. Das Zentrum selbst dürfte, da eine einheitliche Stellungnahme der Fraktion aus den Beratungen nicht ^rvorging, die zweite Lesung vorläufig ohne Entscheidung vorübergehen lassen und sich erst kurz vor Beginn der dritten Lesung über ihre Stellungnahme schlüssig werde«.
„Das Barometer steht auf Sturm."
Die Schulpolitik Frankreichs in Elsaß-Lothringen.
^ Berlin, 19. Juli. „Wie ein dumpfes Murren, wie ein unheimliches Donnergrollen geht's durch die kirchlich empfindenden Kreise unseres Volkes hindurch, das Barometer stehtaufSturm!" — Mit diesen Worten charakterisiert der „Lvang. luth. Friedensbote aus Elsaß-Lothringen" die durch die Schul- und Sprachenpolitik der französischen Regierung, insbesondere die jüngst in verschiedenen Fällen er- gangene Weisung, auch den Religionsunterricht in französischer Sprache zu erteilen, geschaffene Lage. „Keinem Missionar", bemerkt das Blatt, „würde es einfallen, den Religionsunterricht etwa in der Sprache der jeweiligen kolonialen Großmacht zu erteilen. Was den Negern in den Kolonien recht ist, muß uns im Elsaß billig sein. Will man Im Elsaß um jeden Preis eine neue Jrredenta schaffen? Wir raten der Regierung, noch einmal im guten, aber doch recht dringend, eine vernünftige Sprachenpolitik zu betreiben. Nachgeben werden wir nie!"
Schon sei eine unterelsässische Gemeinde aus der französischen Föderation ausgetreten, weil diese in der Sprachen- frage völlig versagt hat. Im Fall neuer Enttäuschung könnte nicht verhindert werden, daß andere Gemeinden, vielleicht die gesamte elsässische Landeskirche, aus der FLdöration austreten.
Zur Kündigung des deutsch-spanischen Handelsvertrags.
- Madrid, 18. Juli. Bei der Kündigung des deutsch- spanischen Handelsvertrages sprachen der deutsche Botschafter und Graf Lerchenfeld im Außenministerium vor und ersuchten um die sofortige Eröffnung neuer Handels- Vertragsverhandlungen. Eine Antwort ist noch nicht erteilt worden. Die deutsche Delegation bleibt vorläufig in Madrid.
Die Enteignung der Deutschen in Oberschlefien.
4- Genf, 18. Juli. Wie dem Völkerbundsekretariat aus dem Haag gedrahtet wird, begannen am 16. Juli vor dem Internationalen Gerichtshof die Verhandlungen über den Einspruch der polnischen Regierung gegen die Zuständigkeit des Haager Gerichtshofes bei den von Deutschland erhobenen Klagen, die sich gegen die ungesetzliche Enteignung deutschen Eigentums durch die polnische Regierung in Oberschlesien richten. Deutschland ist im Richterkollegium durch Professor Nabel, Polen durch den Grafen Nochworowsky vertreten, da das Statut jeder Partei je einen Sitz einräumt Die Verhandlungen werden durch den schweizerischen Richter Max H u b e r als Vorsitzenden des Gerichtshofes ge'