Sersfelöer Tageblatt
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Reisfelder Kreisblatt'
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfels
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Nr. 159
Freitag, den 10. Juli
1925
Das Wichtigste.
— Da die Beratungen der Reichstagsausschüsse sich etwas verzögern, ist damit zu rechnen, daß der Reichstag noch bis in den August hinein tagt.
— Die englische Presse warnt den englischen Außenminister vor einem Abbruch der englischprussischen Beziehungen.
— Wd el Stint hat eine neue Offensive begonnen, durch die die Stadt Fez und Taza schwer bedroht sind.
polensKampf gegen das Deutschtum.
Daß Polen systematisch und auf Befehl Frankreichs den Kampf gegen das Deutschtum in den ihm durch den Versailler Vertrag zugesprochenen deutschen Grenzmarken mit aller Kraft führt, davon sprechen fast täglich eintreffende Nachrichten, die erkennen lassen, welche Mttel Polen zur Erreichung seines Zieles gebraucht. Polen gedenkt, das Deutschtum in der Wurzel zu treffen, wenn es vor allem seine Aufmerksamkeit dem deutschen Nachwuchs widmet und hier die Polonisievung der Deutschen mit allem Ilachdruck betreibt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Bericht über das Volksschulwesen in Polnisch-Obevschlesien, den die schlesische Wojewodschaft <der Schulkommission des polnischen Sejm vorgelegt hat. Der Bericht umfaßt bas Schuljahr vom 1. September 1923 bis zum L September 1924. In der Berichtzeit bestanden in den Gebieten 500 Volksschulen, darunter 45 deutsche. Von der Gesamtzahl der Schüler, die 178 362 betrug, sollen nach dem polnischen Bericht nur 13 622 deutsche Kind«, und zwar 6493 Knaben und 7129 Mädchen sein. Daß hieße also, daß die deutschen Schüler nur 7,5 Prozent der Gesamtschülerzahl ausmachen. Dieser Bericht spricht eine deutliche Sprache. Vergleicht man daneben einen Bericht der Wojewodschaft vom 1. Oktober 1924, der 17 855 deutsche Bolksschüler feststellt, so ergibt sich daraus, daß mehr ^^^^^^^^^^^^^aw^w^^ellimmm-mn^e^^enser Bemerkenswert in dem Bericht ist ferner, daß die Zahl der Schulmädchen größer ist als die der Schulknaden, woraus ersichtlich wird, daß den männlichen Schülern der Besuch der ^deutschen Minderheitsschule noch mehr erschwert wird als den Mädchen.
Einen besonders heftigen Kampf gegen das Deutschtum in der oberschlesischen Gvenzmark führt der sogenannte „Westmarkenverein", dessen Tätigkeit ausschließlich darin besteht, die Deutschen als die Unterdrücker hinzustellen und den Gedanken Großpolens den neuerworbenen Gebieten schmackhaft zu machen. Diese Bereinigung, die an der polnischen Regierung eine machtvolle Stütze hat, faßt alle ihre Kräfte zusammen, um von vornherein die durch die Erklärung des englischen Außenministers Ehamberlain angedeutete Kovrigierung der polnisch-deutschen Grenze zunichte zu machen. Die Furcht Polens, daß im Verlaufe der Berhand- lungen um den Sicherheitspakt doch noch die Frage der Greirzregulierung auftauchen könnte, gibt der polnischen Hetz- preffe eine willkommene Gelegenheit, eine Flut von Gemeinheiten gegen die Deutschen zu ergießen. Nicht genug, daß den Stolen die Herrschaft der Deutschen als Schreckgespenst an die Wand gemalt wird, werden auch die Franzosen gewarnt, dem Deutschen auch nur eine teilweise Aenderung zu gestatten, da Deutschland 20 bis 30 Jahre später nach Einverleibung der deutschen Teile der Tschechoslowakei und Oesterreichs seine Armee auf Frankreich werfen werde. Sehr scheu ist Polen England gegenüber, von dem es vermutet, daß es Deutschland zum Vertreter seiner Interessen im Nahen und Fernen Osten bestimmen könnte. Von England aus fürchtet Polen vor allem die Erörterung über eine Aenderung der polnischen West- grenze.
Recht unangenehm empfinden es die Polen, daß das Ausland sich mit der Zerreißung Oberschlesiens mehr und mehr beschäftigt. 91 us England kommen Stimmen, die das Urteil des Völkerbundes in der Sache Oberfchlesiens als geradezu verheerend für Oberschlesiens Wohlergehen bezeichnen. Dabei wird auf die hinreichend bekannte Tatsache hin- gewiesen, daß Polen keine eigene hochentwickelte verarbeitende Industrie besitzt, sondern beinahe jeden einzelnen Maschinenteil aus Deutschland beschaffen muß. Deutsche müssen als einzige Sachverständige die Reparaturen vornehmen, da Polen keine Sachverständigen hat. Mehr und mehr wird bem Auslande klar, daß der Machtspruch über Oberschlesien eine Lage geschaffen hat, die auf die Darrer nicht haltbar ist, unb einen Konfliktstoff in sich birgt, der früher oder später einmal zum Ausbruch kommen muß. Me jetzige Trennung Ost-Oberschlesiens vom Westen erkennt man für eine Unmöglichkeit, da hierdurch sowohl die Industrie im Osten wie im Westen Oberschlesiens zum Stillstand konnnt. Bisher hat Polen nicht bewiesen, daß es imstande ist, seinen Namen als Großmacht zu rechtfertigen. Unter seiner Regie ist bisher in den neu erworbenen polnischen Grenzmarken nur ein Verfall festzustellen, der mit einer völligen Vernichtung des Wirtschaftslebens enden muß. Dr. M.
Die deutsche Antwort auf die Briand-Note.
❖ Berlin, 10. Juli. Bisher liegt die Antwortnote
Deutschlands auf die Sicherheitsnote Briands noch im Auswärtigen Amt. Das Kabinett hat bisher keine Beschlüsse gefaßt und wird voraussichtlich, da der Reichsinnenminister
Schiele zur Tagung des Vereins Deutscher Zeitungsverleger nach Königsberg und der Reichskanzler nach Dresde« reisen, sich kaum vor Montag über den Wortlaut der Note schlüssig werden können. Die Aussprache im Auswärtigen Ausschutz des Reichstages über die Note dürste daher frühestens t” der Dienstagsitzung erfolgen, während das Reichstagsplenum, das sich erst nach der Absenkung und Veröffentlichung mit der deutschen Note befassen soll, die Aussprache voraussichtlich mit der dritten Lesung des Etats verbinden wird.
Beratungen der Regierungsparteien über Zoll- und AufwertungSfrage.
£ Berlin, 10. Juli. Der Reichskanzler Dr. Luther hatte am Donnerstag mit den Vertretern der Regierungsparteien eine Aussprache über die Zollvorlage. Ein endgültiges Ergebnis ist aus dieser Aussprache nicht zu erwarten, da man erst die Beschlüsse der zurzeit noch tagenden Agrar-Kommission abwarten will. Me Verhandlungen dieser Kommission werden voraussichtlich Mitte nächster Woche zum Mschluß kommen.
In der AufwertungSfrage liegt nunmehr ein Kompromißvorschlag vor, so daß das Plenum.des Reichstages noch in dieser Woche die Frage zur Erledigung bringen wird.
Da der Steuerausschuß erklärt hat, daß er seine Arbeiten nicht vor dem 21. Juli beenden kann, würden nach dem 15. Juli einige Tage für andere Materien zur Berfti- gung stehen. Wahrscheinlich ist, daß die Steuervorlagen und die Z ollv or läge in der Zeit vom 2 1. bis 25. Juli auf die Tagesordnung der Plenarsitzung kommen werden. Die Mehrheitsparteien glauben, daß es uuüuliib-lLlu—wird—.imdielen freien Steuervorlage und Zoll- dann die dritte Lesung des Etats erfolgen, und zwar in Verbindung mit der geplanten außenpolitischen Debatte.
Ob es tatsächlich gelingen wird, dieses Arbeitsprogramm zu den vorgesehenen Fristen zu erledigen, steht dahin. Me Sozialdemokraten und Demokraten haben bereits erklärt, daß sie auf einer eingehenden Erörterung der wichtigen Gesetzesvorlagen bestehen müssen. Es ist daher leicht möglich, daß die Fristen überschritten werden und die Tagung des Reichstages noch bis in den August hinein St, falls es überhaupt möglich ist, so lange ein beschluß- iges Haus zufammenzuhalten.
Aus dem Aufwertungsausschuß.
Die Ablösung öffentlicher Anleihen.
£ Berlin, 9. Juli. Der Aufwertungsausschuß des Reichstages vollzog die dritte Lesung des Gesetzentwurfs über die Mlösung öffentlicher Anleihen. Zu § 27 des Gesetzentwurfs, der den Anstalten und Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege, sofern ihnen ein Auslosungsrecht zusteht, das sie als Anleihebesitzer erlangt haben, auf Antrag 15 Jahre hindurch eine Wohlfahrtsrente gewährt, wurde folgender Absatz eingeführt: „In gleicher Weise ist den in Artikel 137 der Reichsverfassung bezeichneten öffentlich-rechtlichen Gesellschaften nach dem Maßstäbe der Konzessionsstatistik auf fünfzehn Jahre eine Wohlfahrtsrente von jährlich fünf Millionen Reichsmark zuzuweisen." Die Sozialdemokraten und die Kommunisten verließen bei Behandlung dieses Antrages der Regierungsparteien protestierend den Saal, indem sie auf die Notlage der Anleihezeichner Hinwiesen, für die nicht genügend Geld vorhanden sei, während für religiöse Gesellschaften eine jährliche Rente von fünf Millionen Reichsmark ausgeworfen werde. Bei den Schlußvorfchristen hatte der Ausschuß beschlossen, daß denjenigen Besitzern von Anleihen, die ins- gesamt weniger als 500 Mark haben, eine Barabfindung von 15 Reichsmark für jede 100 Mark des Nennbetrages zu gewähren sei. Hierzu erklärte Mnisterialdirektor von Brandt aus den, Reichsfinanzministerium, daß es für die technische Durchführbarkeit als eine unmögliche Belastung angesehen werden müsse, die Ablösung so kleiner Anleiheansprüche durchzuführen. Der Ausschuh beschloß deshalb, daß nur den bedürftigen Anleihebesitzern derart entgege «gekommen werden solle. Von dem hiernach verbleibenden Betrage solle den im A u s la nd wohnenden d e ut s ch en Reichsangehörigen, die eine Besitzanleche im Gesamtncnn- betraae von weniger als 1000 M. haben, auf Antrag eine Barabfindung von acht Reichsmark für jede 10 0 Mark des Nennbetrages gewährt werden, sofern i h r Jahreseinkommen den Betrag von 1500 Reichs- mark nicht übersteigt. Damit war die dritte Lesung des Anleiheablösungsgcsetzes erledigt.
Schwere Wirtschaftskrise im Saargebiet.
Die Folge des A b b r u ch s der d e u t s ch - f r a n - z ö s i scheu Wirtschaftsverhand lun gen.
- Köln, 10. Juli. Der Abbruch der deutsch-französischen Wirtschaftsverhaudlungen über den Mschluß eines gegen«
festigen Handelsvertrages hat für das Sacwgebiet eine erneute Gefahr heraufbeschworen. Es dreht sich jetzt um die Frage, ob die Verhandlungen des Unterausschusses über die Saarzollfrage weitergeführt, oder ob sie ebenfalls auf unbestimmte Zeit vertagt werden sollen. Unter der Arbeit«» schaft macht sich eine starke Gärung bemerkbar. Die Arbett« der Schwerindustrie haben ultimativ« Forderungen nach Erhöhung der Löhne gestellt. Die Betriebe erklären sich völlig außerstande, unter den gegenwärtigen Verhältnissen auch noch eine Lohnerhöhung ertragen zu können. Unter der Berg- arbeiMschaft ist die Gärung noch schlimmer. Die Dergarbet» ter verlangen die Einlösung des gegebenen Versprechens, demzufolge ihre Löhne der gesteigerten Teuerung entsprechend regelmäßig angepaßt werden sollen. Me französische Berg- ver wastung hat bisher jede Erhöhung abgelehnt, indem sie die Zuverlässigkeit der Indexzahlen beweisest. Weiter tratet über unerträgliche Arbeitsbedingungen geklagt. Vom französischen Arbeitsministerium weist gegenwärtig ein Vertreter hier, um über die Klagen der Bergarbeiter zu verhandeln. Ein Ergebnis ist bisher nicht erzielt worden. Me Sabotage machte sich in einem Förderausfall bemerkbar. Auf einzelnen Hütten ist auch schon ein Kohlenmangel eingetreten, der zu Betriebsstörungen führen kann. Kommt es zu einer Arbeitsniederlegung^ in größerem Umfange, so läßt es sich nicht er» messen, welchen Verlauf die Dinge hier nehmen werden.
Polens Vorschläge für ein Wirtschafts- abkommen.
Unannehmbare Forderunge«.
❖ Berlin, 9. Juli. Die polnische Delegation hat gest«» ihre Antwort auf die letzten deutschen Vorschläge zum vor- läufigen deutsch-polnischen Wirff^rftsabkommen überreicht. Obwohl die deutsche Delegation durch Erhöhung des Kohlew- tontingents von 60 000 auf 100 000 Tonnen, durch Garantie- rung des status quo hinsichtlich der Fleischeinfuhr, durch, den Vorschlag eines pactum de contrahendo für die Mehetrd- fuhr, und durch Zurückziehung der deutschen Forderungen in der Liquidationsfrage dchr polnischen Wünschen wett enh- Antwort nicht einmal den Versuch, durch Gegennorfd^äge sich dem deutschen Angebot zu nähern. Sie wiederholt nur chve früher abgegebenen Erklärungen, daß Polen die zolb tarifarische Meistbegünstigung und das Einvefferecht für Hand- lungsreisende nur zugestehen kann gegen
ein Kohlenkontingeut von 350 000 Sonnen
im Monat und gegen die Sicherstellung der Einftchr nicht nur von Fleisch, sondern auch von lebenden Rindern und Schweinen.
Die Forderung eines Kontingents von 350 000 Tonnen, die dem bisherigen, durch den Versailler Vertrag Deutsch- land aufgezwungenen Kontingent nahekommt, verkennt völstg die durch die Weltkohlenkrise auch für die deutsche Kohlen- produktton entstandenen Schwierigkeiten. Diese Forderung ist deshalb für Deuffchland völlig unannehmbar. Ebenso wenig trägt die polnische Forderung auf
Einfuhr von lebenden Rindern und Schweinen
dem deutschen Standpunkt Rechnung, daß die Einfuhr von Rindern überhaupt nicht in Frage kommt, und daß auch die Einfuhr von Schweinen in dem jetzt abzuschließenden Pro- visorium nicht geregelt werden kann, da mit Rücksicht auf Den deutschen Viehbestand dazu eingehende Verhandlungen und Vorbereitungen notwendig sind. Hat doch Deutschland außer, mit Oesterreich mit feinem seiner Nachbarländer ein Veterinärabko mmen geschlossen.
Polen erklärt weiter, daß es von diesen Forderungen nur dann absehen könne, wenn Deutschland bereit wäre, auf die
zolltarifarische Meistbegünstigung
zu verzichten und lediglich ein Abkommen zu schließen, dessen Jnhast nach Ansicht der polnischen Delegatton sich darauf zu beschränken hätte, daß der Wert der ausgetauschten Waren sich auf beiden Seiten entspricht. Me polnische Delegation kommt somit auf den bereits früher von ihr oft dargelegten Gedanken zurück, ihre als ausgesprochene Kampfmaßnahme ausschließlich gegen Deuffchland gerichteten und jeden Handelsverkehr unterbindenden Einfuhrverbote Dem feit einem Jahrzehnt und gegenüber allen Ländern bestehenden deutschen Kohleneinfuhrverbot gleichzustellen. Ein Abkommen auf dieser Grundlage, das die von Pol«: beliebte Taktik, wichvend der schwebenden Verhandlungen neue Einfuhrverbote zu erlassen, sanktionieren würdet ist für Deutschland unannehmbar und auch nicht geeignet, die durch die polnischen Einfuhrverbote hervorgerufene Störung im Wirtschaftsverkehr zu beseitigen.
Diese Antwort der polnischen Delegatton bietet daher keine Aussicht, zu einer Einigung zu gelangen.
Der Wirtschaftskampf der Pfalz.
Eine Rede Dr. Schachts.
£ Kaiserslautern, 9. Juli. Am Mittwoch hielt Reichs- bankpräsident Dr. Schacht anläßlich der Einwechung der Reichsbankstelle Kaiserslautern vor Vertretern der städtt- chen Behörden, des Handels, Gewerbes und der Landwirt- djaft eine Rede, in der er vor allem den Wirffchaftskampf >er besetzten Gebiete sapldertv. Gerade in dem nach Westes