Hersftl-er Tageblatt
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z s^^ttüi 9^tvjKivvi nmwwwi at^TÄSSM Franz^Funk In Berskli + Fernsprecher Dr. 8. j Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld [ Budidructrerel lo ßersfeld, Sliglled des &DZV.
Nr. 158
Donnerstag, den 0. Juli
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Das Wichtigste.
— In der Sitzung des Auswärtigen Ausschusses im Reichstag teilte der Reichskanzler Dr. Luther mit, daß der Wortlaut der deutschen Antwort auf die Sicherheitsnote vor der Absendung nicht im Plenum des Reichstages zur Erörterung gestellt werde.
— Im Falle Kutisker sind neuerdings wieder Anträge auf Haftentlassung Iwan Kutis- k e r s gestellt worden. Auch der Generalstaatsan>walt befürwortete die Haftentlassung gegen eine Kaution von 300000 M.
— Auf Grund der Gnadengesuche der Angehörigen der in Moskau verurteilten deutschen Studenten wurde d i e Vollstreckung des Todesurteils vorläufig ausgesetzt.
Frankreichs Marokko-Fiasko.
Der marokkanische Kriegsschauplatz ist für Frankreich eine harte Nuß geworden, die zu knacken ihm vorläufig noch nicht gelungen ist. Mit dem den Franzosen eigenen Größenwahnsinn brach man die Streitigkeiten mit Abd el Krim vom Faune, um nun erkennen zu müssen, daß man einem Gegner gegenübersteht, der französische Taktik und Kriegserfahrung aus dem Weltkriege gelernt hat und nun eine Probe davon ablegt, was Tüchtigkeit, Selbstvertrauen und der Haß gegen fremde Unterdrücker vermögen. Vielleicht hat Frankreich seinen ' Gegner unterschätzt, als es damals bei dem Streit um den Uerghafluß leichtsinnig die Waffen zum Schiedsrichter machte, vielleicht aber hat es auch seine Annexionsund Expansionsgelüste dabei sprechen lassen in der Hoffnung, mit einem Volke, das ja nicht zu den Kulturvölkern gerechnet wird, leicht fertig zu werden und obendrein noch einen ansehnlichen Zuwachs an Land zu seiner französischen ^äjiiiijM
setzlich verrechnet und sieht sich nun in ein Abenteuer verwickelt, das furchtbare Folgen nach sich ziehen kann und den Franzosen gleichzeitig einen Beweis dafür liefern könnte, daß auch ihrem Machtbereich einmal eine Grenze gesetzt ist. Die französischen Truppen in Marokko, verstärkt durch die Fremdenlegionen, in denen sogar verschleppteDeutsche kämpfen, sind einem Gebirgs- und Kleinkrieg, wie er in Marokko nur in Frage kommt, nicht gewachsen. Zwar beteuern sämtliche Kommuniques vom Kriegsschauplatz immer wieder, daß die Verluste gering und die Kampfhandlungen durchaus günstig zu beurteilen sind. Doch gerade das nachdrückliche Hervorheben des günstigen Standes der Kampfhandlungen gibt dem, der die französische Psyche kennt, die volle lleber- zeugung, daß in dem Gegenteil die Wahrheit zu finden ist. Die mehrfachen Marokkodebatten im französischen Senat und der Kammer haben mit unverkennbarer Deutlichkeit bewiesen, daß aus dem Marokkofeldzug Frankreich unabsehbare Schwierigkeiten in seiner Innen- und Außenpolitik erstehen. Bedeutsam ist dabei jedesmal, daß bip Kommunisten in den Debatten das große Wort führen unb gar kein Hehl daraus umchen, daß sie in Marokko die Hand im Spiel haben und bemüht sind, den französischen Truppen nach Möglichkeit die Niederlagen leicht zu machen. Der französische Kommunismus beginnt in Marokko seine Machtprobe und versteht es geschickt, das mißlungene Marokkoabenteuer gegen die jetzige französische Regierung und damit gegen die französische Staatsordnung überhaupt auszuspielen.
lieber Frankreich liegt weiterhin wie eine dunkle, schwere Wolke, aus der jederzeit der vernichtende Todesstrahl herniederzücken kann, die gespannte Finanzlage. Frankreich ist mitten in einer Inflation. War es schon früher nicht imstande, seine unermeßlichen Schulden an Amerika und England zurückzuzahlen, so rückt die Möglichkeit jetzt in unabsehbare Ferne, denn der Marokkofeldzug verschlingt Millionen französischen Franken, für die eine Deckung kein Finanzminister, auch nicht Herr Caillaux, findet.
Zu Frankreichs größtem Verdruß haben aber die Gläubigerstaaten gar kein Verständnis für Frankreichs Finanzlage. Unentwegt drängen sie auf die Begleichung der Schulden, und Amerika läßt in seinen Regierungs- erklürungen sogar deutlich erkennen, daß es, wenn nichts hilft, auch nicht davor zurückschrecken würde, auf andere Weise die Schulden einzutreiben.
Wenn Frankreich jetzt versucht, mit Spanten in nähere Fühlung zu kommen und mit ihm gemeinsam tn Marokko eine Front gegen die Rifleute aufzurichten, so fet nochmals daran erinnert, daß vor Beginn des Marokkoabenteuers Frankreich Spanien gegenüber ein ganz anderes Gesicht zeigte. Erinnert sei an die Unruhen in Nordspanien in den Gebieten an der spanisch-französischen Grenze, die, wie damals zweifellos nachgewiesen werden konnte, auf französisches Intrigenspiel zurückzuführen waren. Damals hielt Frankreich' damit gar nicht hinter dein Berge, daß ihm die Regierung unb die Politik Spaniens nicht genehm war und daß es keine Mühe scheue, die Regierung zu erschüttern unb Spanien auf eine franzosenfreundliche Politik hinzuweisen. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Frankreich sitzt arg in der Klemme und braucht Spanien, um die Kastanien aus
dem Feuer zu holen. Da versucht man es auf andere Art, gibt sich als Freund 'des noch eben bekämpften Nachbarn aus, macht ihm Versprechungen und hofft auf seine Unterstützung. Die französisch-spanische Marokko-Konferenz, die ein gemeinsames Vorgehen Frankreichs und Spaniens in Marokko sichern soll, dauert schon längere Zeit, als man für sie anfänglich angesetzt hatte. Kein Wunder wäre es, wenn Spanien sich nicht von Frankreich einwickeln ließe und der Zeiten gedenkt, in denen Frankreich eine andere Sprache führte. Es scheint in Madrid doch nicht alles so nach dem Kopfe Frankreichs gehen zu wollen, und greifbare Ergebnisse der Konferenz lassen sich nicht feststellen.
Inzwischen wird die Lage Frankreichs auf dem marokkanischen Kriegsschauplatz immer beängstigender, und das Kabinett Painleve steht und fällt mit dem Ausgang des Marokkofeldzuges. Die Sicherheitsfrage und was sonst noch die Franzosen in den letzten Monaten bewegte, ist längst in den Hintergrund getreten. Frankreichs ganze Aufmerksamkeit ist Marokko gewidmet, und wieder, wie schon so oft, treten Frankreichs Große zusammen, um die Berichte aus Marokko entgegenzunehmen und ihre Maßnahmen zu erwägen. Welchen Erfolg sie haben, das wird die Zukunft zeigen. Lange hält Frankreich diesen Kampf, der ihm täglich Millionen Franken und wertvolle Stücke Landes kostet, nicht mehr aus. Vielleicht kommt von Marokko aus der Dämpfer für Frankreichs imperialistische UnterdrUckungspolitik. Dr. M.
Sitzung des auswärtigen Ausschusses.
^ Berlin, 9. Juni. Der Auswärtige Ausschutz des
Reichstages trat am Mittwoch zu einer außerordentlich stark besuchten Sitzung zusammen. Vom Reichskabinett waren mit dem Reichskanzler Dr. Luther Außenminister Dr. Stresemann, Innenminister Schiele und Reichswehrminister Geßler erschienen, ferner zahlreiche Vertreter der Länder. Die Ausschußmitglieder selbst hatten sich fast vollzählig eingefunden; auch der Reichstagspräsident L o e b e wohnte den Verhandlungen bei. Vor MWWWWDMWWWWWWWWWWWWWDW örterung über die Frage einer politischen Debatte im Reichstagsplenum statt.
Vor Eintritt in die Tagesordnung machte der Vorsitzende Abg. Hergt (Dn.) Mitteilung von einem Schreiben des Abg. Müller-Franken (Soz.), worin unter Hinweis auf die Vorgänge - im Plenum am Schlüsse der letzten Woche der Wunsch ausgedrückt wird, die Frage zu klären, ob eine außenpolitische Aussprache im Plenum des Reichstages statt- finden solle.
Reichskanzler vr. Luther erklärte hierzu: Die Reichsregierung beabsichtige, vor Absendung der Antwortnote auf die französische Note mit dem AusÄürtigen Ausschuß in nochmalige Fühlung zu treten. Dies soll erfolgen, sobald ein Text für die Antwortnote in der Regierung selbst durchberaten sei. Obgleich diese Note nach dem Stande der internationalen Erörterung des gesamten Problems noch nicht einen abschließenden Charakter tragen werde, so könnte^ doch immerhin wesentliche Vorfragen darin bereits zur praktischen Entscheidung kommen. Die Regierung halte eine Erörterung im Plenum des Reichstages vor Absendung der Note nicht für zweckmäßig, halte dagegen an der Auffassung fest, daß nach der Absenkung eine Erörterung im Plenum angezeigt sei. Bei einer Aussprache im Plenum vor der Absendung müsse die Reichsregierung befürchten, daß dann im Laufe der Erörterung sich ein Eingehen auf die Einzelheiten der Note doch nicht vermeiden lasse, wodurch dann der diplomatische Brauch, derartige Noten vor der Ueber- reichung nicht bekanntzugeben, verletzt werden würde. Die auch der Regierung bei der Gesamtlage und bei der Bedeutung erwünschte parlamentarische Mitwirkung sei ja durch die in Aussicht genommene Fühlungnahme mit dein 91us- würtigen Ausschuß gesichert.
Eine Paktkonferenz im Herbst?
^. London, 9. Juli. Die Londoner Blätter melden, in politischen Kreisen Londons halte man es für möglich, daß eine internationale große Konferenz über die Sicherheits- frage im kommenden Herbst in Brüssel stattfinden wird.
Am teilweise Räumung des Ruhrgebiets
- Frankfurt a. M., 9. Juli. Die seit einigen Tagen ausgenommenen Abbaumaßnahmen der französischen Be- satzung im östlichen Teil des Ruhrgebietes werden fortgesetzt
In Witten, Hattinge n und Bochum sind die Familie« der Besatzungsangehörigen zum Teil bereits abtransportiert
Einzelne Wohnungen und Kajinoräume sind zurückgegcben
und transportable Gebäude und größere Lager abgebrochen worden. Die Vermutung, daß die Räumung bereits am 15. und 16. Juli beginnen wird, dürfte nicht zutreffen. Bis zu diesem Termin sollten vielmehr im östlichen Ruhrgebiet die Vorbereitungen zur Räumung durchgeführt sein. Merk
würdigerweise sind in dem zur Rheinprovinz ge- hörenden Teil des Ruhrgebietes die Vorbereitungen bisher in keiner Weise ausgenommen worden.
Der Magistrat der Stadt Kaiserslautern ist von den Besatzungsbehörden angewiesen worden, für 100 französische Offiziere Wohnungen zu beschaffen. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die Ruhrtruppen in das altbesetzte Gebiet geführt werden sollen. Es würde sich also nicht um einen Abtransport der französischen Truppen nach Frankreich, sondern nur um eine Umgruppierung handeln.
Der Reichslandbund zur Agrarpolitik.
^ Berlin, 8. Juli. Der Reichs-Landbund ver- anstaltete am Dienstag einen Presse-Empfang, bei 'dem der Präsident H e p p zu den aktuellen agrarpolitischen Fragen, insbesondere zu ebn Fragen der Zollpolitik, Stellung nahm. Präsident Hepp bemerkte einleitend, daß der Reichs-Land- bund nicht den Optimismus gewisser Kresse über die gegenwärtige Wirtschaftslage teilen könne, und wies auf die andauernde Passivität der 'deutschen Handelsbilanz hin, zu deren Beseitigung der Reichs-Landbund eine Denkschrift ausgearbeitet habe, die dem Reichskanzler seinerzeit übermittelt worden sei. Bezüglich der weltwirtschaftlichen Lage betonte er, daß es nach der Auffassung des Reichs-Landbundes das Ziel der Entente sei, Deutschland nach dem Abschluß des Versailler Friedens nunmehr auch weltwirtschaftlich zu entwaffnen. Aus dieser Tatsache müsse gefolgert werden, daß Deutschland nicht mehr durch Freihandel seinen Platz behaupten könne, sondern als Waffe gegen die Zollschranke der anderen Länder ebenfalls Zölle zum Schutze der heimischen Erzeugnisse einführen müsse. Zu der Frage: Export oder Freihandel? führte Präsident Hepp aus, daß der Reichs- Landbund nicht die Notwendigkeit eines Exports verkenne.
Die Ausfuhr müsse gestärkt und gepflegt, aber demgegenüber auch die Einfuhr auf das notwendigste beschränkt werden. Sodann betonte er die Zusammengehörigkeit von Industrie und Landwirtschaft, die ein gemeinsames Schicksal verbänden. Für die Lairdwirt- gjtlÄlÄ
Nahmefähigkeit für industrielle Erzeugnisse. Die Tatsache, daß der Reichs-Landbund versucht habe, feinen Einfluß bei der Gestaltung der Steuer-, Handels- und Zollpolitik geltend- zuimachen, geschehe nicht aus wirsschastsegoistischen Gründen, sondern der Reichs-Landbund sei sich seiner Verantwortung voll bewußt. Präsident Hepp ging dann auf die kleine Zoll vorlage über und erklärte, daß es sich nicht darum handele, jede Konkurrenz auszuschalten und den gesunden Wettbewerb auszufchliehen und daß durch die, Zölle nicht etwa einem Berufsstand eine „Faulheitsprümie" gegeben werden solle, sondern daß es darauf ankomme, daß bei dem Wettbewerb die Waffen gleich stark verteilt werden müßten. Dies sei im Augenblick nicht der Fall, und die Landwirtschaft werde nach dem jetzigen Stande der Dinge in dem Kanepfe erliegen müssen. Es sei nicht wahr, daß nur ein kleiner Teil der Landwirtschaft an den Getreidezöllen Interesse habe, da die Mehrzahl des Getreides in mittleren bäuerischen Betrieben erzeugt werde. Daneben handele es sich aber auch bei der Zollvorlage um eine staatspolitische Angelegenheit, da es notwendig sei, der Regierung ein wirksames Instrument bei ihren Handelsvertragsverhandlungen in die Hand zu geben. Die bisherigen Verhandlungen auf diesem Gebiete seien nur aus dem Grunde gescheitert, weil Deutschland bisher keine Zollpolitik getrieben habe. Präsident Hepp kam zu dem Schluß, daß die Einführung von Mindestzöllen notwendig sei, um der Landwirtschaft wieder Sicherheit und Beruhigung zu verschaffen
Diesen Ausführungen schloß sich eine Aussprache an, tn der hauptsächlich die Frage erörtert wurde, ob nicht auch die Einführung von Bereitschafts- oder gleitenden Zöllen, zu denen sich auch Professor Gering bekannt hat, vom Land- bund akzeptiert werden könnte. Herr v. I a ck l i n betonte dabei, daß bei der wechselnden politischen Lage in einem parlamentarischen Staate die Einführung von Bereisschasts- zöllen der Landwirtschaft nicht die genügende Sicherheit bieten würde, und Graf Kalckreuth machte darauf auf. merksani, daß die Bereisschaftszölle spekulativ wirken wurden. Aruh würde es sehr schwierig sein, einen gleitenden o^tartf mit den Handelsverträgen in Einklang zu bringen. Abg^ ordneter S ch i e l e - N a u m b u r g wies dann schließlich noch darauf hin, 'daß der Staat die Zollvorlage als Verhandlungs- objekt dringend nötig habe und daß die Z o l l v o r l a g e nicht nur eine Angelegenheit der Landwirsschaft, sondern vielmehr eine Angelegenheit der allgemeinen Politik sei.
Prof. AereboeS Gutachten über die Agrarzölle.
^ Berlin, 9. Juli. Nach den vertraulichen Mitteilungen des Regierungsverteters im Agrarausschuß des Reichstages erstattete der besonnte landwirtschaftliche Betriebslehrer Professor Aereboe ein Gutachten zur Frage der Agrar- Zölle. Er führte u. a. aus: Wenn die ganze Welt freihan-. lerisch wäre, könnten auch wir freihändlerisch sein. Solange das nicht der Fall ist, würde man gewisse Kampfzölle nicht entbehren können. Gegen die gegenwärtige Zollvorlage muffe man sich aber wenden, weil sie die Intensität der Landwirt-