Einzelbild herunterladen
 

Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö

Nr. 156 Dienstag, den 7. Juli 1925

Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzelle lO Pfg. für amilidie und ausmörtige Anzeigen 15 Pfg., die Reklamezelle so Pfg. Bei Wiederholungen Dadila&. + Für die Schrlflleltung oerantwortlldi Franz Funk In Bersfeld. + Fernsprecher Dr. 8.

Der Bezugspreis betrügt durch: die Poll bezogen monatlld) L— Mk., aussditleil. Bestellgeld, für Bersfeld 1.— Mir.'bei freier Zustellung,. Abholer —.80 mk * Druck und Verlag dod budolg Funks Budidrudceret in Bersfeld, (Dltglled des VDZV.

■*

Das Wichtigste.

— Im englischen Kabinett spielt, obwohl zurzeit unter den Alliierten keine Verhandlungen stattfinden, die Si cherheitsfrage eine groß« Rolle.

— Die französische Front in Marokko hat durch den Angriff Abd el Krims eine st a r k e E r s ch ü t t e. rung erfahren. Viele bisher franzosenfreundliche Stämme sind zu Abd el Krim übergegangen.

— Von feiten spanischer Großindustrie!- ler erhebt sich gegen den d eut sch-s p anis ch en Handelsvertrag starke Opposition.

Zur Frage der Agrarzölle.

Von Albrecht Graf zu Stolberg-Wernigero de.

Verschiedene wichtige Fragen werden sehr einseitig — und teilweise falsch beurteilt. Eimual die Frage des Ex­ports. Daß der Export der Industrie gesteigert werden muß, ist klar. Falsch wäre es aber, die Industrie einseitig auf Ex­port umWstellen. Sie würde dann voll und ganz den Kon- junkturschwankungen des Weltmarktes, auf die Deutschland politisch und wirtschaftlich heute noch weniger Einfluß hat als früher, unterworfen sein. Diesen wird sie nur dann nicht unterliegen, wenn sie auf einem starken Jn- laridsmarkt basiert. Und dafür ist die Landwirtschaft die Grundlage.

so steigt naturgemäß die Einfuhr an wirtschaftlichen Pro­dukten ins angemessene. 1924 sind für etwa 2,7 Milliarden Mark mehr Waren eingeführt, als ausgeführt wurden. Es , lehrreicher Fingerzeig, daß die Entfuhr von Lebens- ________n den Wert genau dieser Summe ausmachte. Für 1925 soll die Zahl noch höher sein. Nun wissen wir schon nicht, woher wir die 2,5 Milliarden Domes-Zahlungen in Form von Ausfuhrüberschüssen nehmen sollen. Woher sollen

ist ein , Mitteln den

schlisse für die Bezahlung von Lebensmitteln aus dem Aus­land kommen? Oder woher sollen wir sonst das Geld zur Bezahlung der Einfuhr nehmen? Aus der Ausfuhr von Mehprodukten, wie Professor Areboe es meint? Die Absatz- möglichkeit dafür im Auslande ist noch geringer als die der Indusivieprodukte. Man kann und muß die Viehproduktion stärken; man kann und muß eine stärkere Umstellung der Landwirtschaft auf diesen Zweig durchführen, aber die Stär­kung hat ihre Grenze in der Aufnahmefähigkeit des Inlandes, mips» rößt- fi<fi auf dem Weae der inneren Kolonisation, die

Rückgang des einheimischen Verbrauchs an diesen Produkten, der mit steigendem Wohlstände abnehmen wird. ,

Nein, es gilt, einen anderen Weg zu gehen, mcht nur den Export an Jndustrieprodukten zu heben, sondern mehr noch, die Einfuhr an Lebensmitteln zu verunnderm

Durchaus falsch wird der Einfluß von Zöllen auf die Lage der Industriearbeiter beurteilt. Wie es ein Irrtum ist, die Interessen der Landwirtschaft und Industrie als gegen- säMch zu behandeln, so ist es auch ein Irrtum, die Inter­essen der Industriearbeiter als losgelost von denen^ der Wirt­schaft zu betrachten. Stärkung der Landwirt, chaft bedeutet Stärkung der Industrie und. deren Stärkung schließlich die Besserung der Lage der Arbeiter. .

Das große Interesse des Kleingrundbesitzes an einer rentablen Viehzucht ist bekannt Ergänzend ft.ge .ch hinzu, daß die Landarbeiter, die auf Deputat gestellt sind und damit ihre Haupterwerbsquelle in der Vrchzucht (Schweine, Eier, Butter) haben, dasselbe Interesse haben. Es gibt in Deutschland etwas über 7 Millionen Landarbeiter, also bei Berücksichtigung der Zahl der Unverheirateten etwa 2 bis 3 Millionen Landarbeiterbetrlebe. Der Lohn hangt doch auch ausschließlich von der Rentabilität der Landwirt- schaft ab. Gute Preise für landwirt chastliche Produkte, hohe Löhne der Landarbeiter

Immer wieder wird behauptet, an G e t r e 11 e z ö l I e n habe nur eine kleine Minderheit von Landwirten Interc^e. 73 Prozent der gesamten Ackerfläche sind mit Brotgetreide bestellt; von 5,74 Millionen Betrieben entfallen aber 5,68 Millionen auf solche unter 50 Hektar; 80 bis 90 Prozent der Betriebe sind daher etwa am Getreideverkauf beteiligt. Es kommt hinzu, daß heute auch der Kleingrundbesttz weniger Roggen verfüttert als früher,weil er bei der Hohe der Steuern, Zinsen usw. nicht in der Lage M, ren Roqaen erst durch den Tievmagen zu schicken, wobei viel mehr Zeit vergcht, bis er ihn in Geld umfe^en kann, als wenn er ihn sofort verkauft. _ ^^ pro H^, 1909

1923

29,1 Doppelzentner

Me Durchschnitiserträgt bis 1913 und 1923 betragen

Dänemark . . . -

Holland .......

Belgien.......

Schweiz ......

England.......

Schweden..... •

1913 33,1 23,5 25,3

21,3 21,3

21,3

.........21,4

raus wird geschlossen, daß

in

26,7

25,0 ,

22,9

22,1

20,6

19,6

den Ländern

^/vlLvlUM1 Wlyv|’U/IUIIWS/ ^ rr < r. \ <«jr

Schutzzoll für Getreide (Dänemark, Holland "^^^ träge erzielt wurden als in dem Schutzsalland Deutsch!'

ohne

: Er- land.

Die den

der Äuslandskonkurr'

Böden m

weisen das Gegenteil. Me höheren Erträge in lsländern kommen nur daher, daß diese wegen

bstanturreng nur in der Lage sind, die besten it Getreide zu bestellen. Diesen Luxus

kann sich Deutschland nicht leisten. Es ist vielmehr gezwungen, auch die ärmeren Böden mit (betreibe zu bestellen, da es die Devisen für große Getreideeinfuhren nicht beschaffen kann, soll nicht die Rohstoffeinfuhr der Industrie und die (Erfüllung des Dawes-Abkomniens leiden. Die Zahlen beweisen also gerade das Gegenteil von dem, was die Gegner des Getreide- zolles meinen, daß Deutschland, will es nicht verhungern, auf Getreidezölle angewiesen ist.

Die Spanne zwischen den Erzeugerpreisen und den Kleinhandelspreisen ist sehr groß. Me Ackerbauprodukte haben einen Wert von etwa 2615 Millionen Mark, der Wert derselben Produkte nach Verarbeitung usw. beim Verkauf von Kleinhändlern an die Konsumenten beträgt 6849 Millionen Mark. Für die Viehzucht sind die Zahlen 5998 und 10 010 Millionen Mark. Dieser Mißstand wird in erster Linie durch den hohen Binnenzoll, Umsatzsteuer, hohe Frachten, hohe Zinseix, hohe Steuern usw. hervorgerufen, er läßt sich also nicht durch Ausschaltung des Zwischenhandels, sondern nur durch Abbau des Binnenzolles, der nach Lage der Mnge leider nur allmählich erfolgen kann, abschaffen. Zum zweiten trägt Schuld die starke Vermehrung der Zahl un­geeigneter Zwischen Händler, die bereits teilweise infolge der Währungsstabilisierung einer rückgängigen Bewegung Platz gemacht und dadurch nur ganz beseitigt werden kann, daß durch Zunahme der Produktion alle die, die sich nach der Revolution auf den Handel geworfen haben, wieder in die Produktion eingeschaltet werden.

Die Industrie geht in der Zollpolitik von dem Ge­sichtspunkte aus, Fertigfabrikate mit dem höchsten, Halbfabri­kate mit geringerem, Rohprodukte möglichst mit gar keinem Zoll zu belasten. Die Landwirtschaft muß ihre Zölle auf demselben Grundsätze aufbauen. Fertigfabrikate sind für sie Viehzucht, Garten, Tabak- und Weinbau, Halbfabrikate das Brotgetreide, Rohprodukte dien Futtermittel.

der Abbruch der Wirtschaftsverhandlungen mit den politi­schen Verhandlungen, die Frankreich führe, zusammenfalle. Der „Gaulots" bezeichnete die deutsch-französischen Wirtschafts. Verhandlungen als einen Kampf, der Deutschland für die Verhandlungen über den Sicherheitspakt sichern solle. Er würdigt das Verhalten Deutschlands und erkennt an, daß ernste Gründe beständen, wenn sich Deutschland mit ProhMtiv- zöllen umgebe. Ataßgebend für diese Wirtschaftspolitik sei vor allem das Deszit der deutschen Handelsbilanz.

Zu den deutsch - spanischen Wirtschaftsverhandlungen.

Opposition spanischer Großindustrieller.

£ Madrid, 7. Juli. Seitens der katalanischen Groß­industriellen und derjenigen von Bilbao macht sich eine ge- heüne Opposition gegen die bevorstehenden deutsch-spanischen Wirtschaftsverhandlungen geltend. Die aus Deutschland eingegangene Meldung über eine mögliche Kündigung des deutsch-spanischen Handelsvertrages hat einen ungünstigen Eindruck hervorgerufen.

armee.

£ Straßburg, 7. Juli. Zu der Meldung deutscher Blätter, daß ursprünglich die Absicht bestanden habe, die englische Gar­nison von Köln nach K e h l zu verlegen, wird in Stratzburg von bestinformierter Seite erklärt, daß augenblicklich über die Umgruppierung der Besatzungsarmee infolge der Ruhrräu­mung noch keine endgültige Entscheidung gefallen sei. Kehl kommt für die Engländer nicht in Frage. Koblenz wird von ihnen als neue Besatzungregion gewünscht, ist den Englän­dern aber von Frankreich bisher noch nicht zugestanden wor­den. Den Engländern wird dagegen eine pfälzische Region angeboten, für die sie aber uninteressiert zu sein scheinen. Als neuer Sitz der interalliierten Rheinlandkommission kommt be­kanntlich Wiesbaden in Frage. Es wird erwogen, ob der Sitz der Rheinlandkommission künftighin in gemischte Garni­sonen der Besatzungsmächte gelegt werden kann. Die eigent­liche Ruhrräumung wird einige Wochen vor dem Endtermin des 16. Augusts beginnen. Es wird ein ganzes französisches Armeekorps zurückgezogen wer- den, das divisions- oder etappenweise zurückverlegt wird, teils ins altbesetzte Gebiet, teils nach Elsaß-Lothringen. Ueber die internationale Umgruppierung und über die neue englisch« Besatzungszone wird der Oberste Kriegsrat sofort nach Rück- kehr des Marschalls Petain aus dem Rheinland endgültig be- schließen in Uebereinstimmung mit dem englischen Kriegsmi- nisterinm. Verhandlungen hierüber sind im Gange.

Die Pariser Presse zum Abbruch der deutsch­französischen Wirtschaftsverhandlungen.

£ Paris, den 7. Juli. Wie nicht anders zu erwarten, benutzt die Pariser Presse den Abbruch der Wirtschasts- verhandlungen zu einer Hetze gegen Deutschland. Es wird den Deutschen unterstellt, daß sie keinen Vertrag mit Frank­reich eingehen wollten, um gegenüber anderen Ländern stets reie Haird zu haben. Außerdem spekulierten die ®cutfd)en, o wird behauptet, auf einen wirtschaftlichen Niedergang Frankreichs. Der „Petit Parisien" beruhigt ferne Leser damit, indem er erklärt, daß der Abbruch nach 9mona- tiger Verhandlung durchaus nicht überraschend gekommen s« für die, die das deutsche Spiel mit genügender Aufmerksam­keit verfolgt hätten. Der Pariser „Exceisior" glaubt Deutschland darauf aufmerksam machen zu müssen, daß es, wenn es das Dawes-Gutachten erfüllen will, weniger ein- führen und mehr ausführen müsse. Außerdem könne Deutschland nicht verlangen, daß man bei ihm kauft, wenn es sich nicht dazu versteht, bei anderen zu taufen. Der „Ex- celsior" betont, daß durch den Abbruch der Verhandlungen der französische Export nach Deutschland ganz erheblich geschädigl werde, während Deutschland an den französischen Markten weniger großes Interesse habe. Die „Iournäe In­dustrielle" drückt ihre Verwunderung darüber aus, daß

Um die „Grundlinien der deutsche» Antwort".

^ Berlin, 7. Juli. Ein Berliner Blatt bringt in seiner Sonntagsausgabe eine Darstellung des Demokratischen Zei- tungsdienstes, in der behauptet wird, daß der Reichsaußen- minister sich den deutschnationalen Forderungen in bezug auf die Beantwortung der Briandnote gefügt habe. Wie von zuverlässiger Seite der Deutschen Volkspartei dazu mitgeteilt wird, ist diese Darstellung vollkommen unzutreffend. Die Grundlinien der deutschen Antwort sind von dem Reichs- außenminister schon in der ersten Kabinettssitzung, die am 24. Juni stattgefunden hat, vorgetragen worden, ferner find die Grundlinien einige Tage später auch in der Sitzung der Ministerpräsidenten am 27. Juni mitgeteilt worden. An diesen Grundlinien hat sich nicht das geringste geändert. In der letzten Kabinettssitzung wurde lediglich festgestellt, daß allgemeine Uebereinstimmung über diese Grundlinie» bestand. Me Darstellung des Demokratischen Zeitungsdienstes wider-

■RIWW||illt&ll!OI|B|ik^^ 1 1«»«»!--°-«W

Das englische Kabinett über die SicherheitSfrage.

4- London, den 7. Juli. Obwohl gegenwärtig keine rnterallierten Verhandlungen über die Sicherheitsftage statt, finden, werden die verschiedenen technischen Punkte, die sich aus deni Weißbuch und der Debatte im englischen Unterhaus ergeben haben, vom englischen Kabinett geprüft. Insbesondere urinb die Frage erörtert, ob die Regierung auf die Teilnahme an Arbitrage-Verträgen verzichten könne. Die Entescheidung gestaltet sich durch die Haltung der Dominien sehr schwierig. Es sei möglich, .schreibt der diplomatische Korrespondent des „Daily T e l e g r a ph", daß Großbritanien ohne Teilnahme der Dominien Wkommen dieser Art mit Ländern wie Schweden und der Schweiz abschließen. Bedeutend schwieriger sei es aber, solche Verträge ohne Zustimmung der Dominien mit Frankreich und Deutschland abzuschlietzen. Auf der an­deren Seite werde die einung vertreten, daß Großbritannien, falls es sich von Arbitrage-Verträgen mit anderen Mächten völlig fern hielte, nicht nur an Autorität einbüße, sondern auch den Schutz schwäche, den es als der hauptsächlichste Garant der französisch-deutschen und belgischen-deutschen Arbitrage-Verträge notwendigerweise besitzen müsse.

Siegreiches Vordringen Abd el Krims. Abfall frauzosenfreuudlicher Stämme. — Beunruhigung in Paris.

ch Paris, 7. Juli. Me Nachrichten aus Marokko lauten außerordentlich ungünstig. Nach einem Bericht der Radio­agentur sind weitere Stämme, die bisher noch auf feiten der Franzosen stände», zu Abd el Krim über- getreten. Die noch treuen Eingeborenen zeigen eine große Müdigkeit und Unentschlossenheit. Das französische Oberkommando wird von den Eingeborenen verdächtigt, seine Versprechen nicht gehalten zu haben, daß die von Abd el Krim besetzten Gebietsteile rechtzeMg zurück- erobert würden, damit die Erntearbeiten noch beendet -^er­den könnten. Statt des ungesagten Vormarsches feien hie französischen Truppen immer weiter zurückgegangen. Die mohammedanischen Führer erklären ganz offen, daß, wenn nicht durch eine große Offensive das verlorene Terrain wieder zurückerobert würde, sie für die weitere Franzosenfreund­lichkeit der Stämme keme Verantwortung übernehme» könnten.

Die Presseberichte über die ungünstige Kampflage in Marokko und die sich ständig ausbrettende Absallbewegung der bisher treugebliebenen Stämme hat in Paris grosse Er­regung hervorgerufen, so daß sich das Kriegsministerium z» einer Richtigstellung veranlaßt sah. Es heißt darin, daß der Verrat einzelner Stämme eine bei Kolonialkrieges »»vermeid- liche Episode sei, die keine Veranlassung zur Beunruhig«»« gebe. Der Feind sei besser bewaffnet als vor zehn Jahren, greife häufiger und geordneter auf einer sehr ausgedehnten Front an und beherrsche bei geschickt« Ausnutzung bes Geländes ganz moderne Kampfmethode». Es bestehe kein Grund, nrrvös zu sein, wenn lokale Rück- wärtsbewcgungen und Umgrurpieruugen vorgenommen wür­den. weil auf sie heftige Grg:.,stütze folgen würden.