Hersfelöer Tageblatt
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Nr. 154
Sonnabend, den 4. Juli
1925
Das Wichtigste.
-- Nachdem im volle Einmütigkeit über die deutsche Antwort auf die französische Sicherheitsnote festgestellt worden ist, ist mit der baldigen A b s e n d u n g der deutschen Note z u rechnen.
— In dem Moskau'er Studentenprozeß fällte der Oberste Gerichtshof das Todesurteil für alle drei Angeklagte.
— Nach den letzten Meldungen aus Paris sind die Aussichten für den Abschluß eines modus v i v e n d f in den deutsch-französischen Wirts chafts- Verhandlungen günstig.
Oestnreichs
ins Reich.
Don Dr. Konrad Döring.
Der neue österreichische Gesandte Dr. Frank hat dem Reichspräsidenten sein Beglaubigungsschreiben überreicht. Bei dieser Gelegenheit hat der Reichspräsident von Hin. d e n b u r g zwar, nicht mit direkten Worten den Anschluß- gedanken unterstrichen, wohl aber ziemlich deutlich von dem im Herzen jedes Deutschen beiderseits der politischen Grenzen tief verankerten Gemeinschaftsgefühl gesprochen, das ein unzerreißbarer Band bilde.
Der Anschlußgedanke aber ist der äußere Ausdruck dieses Gemeinschaftsgefühles. Me ganze Welt mit Ausnahme einiger leitender Staatsmänner und journalistischer Schreihälse hat längst begriffen, daß das durch den Frieden von St. Ger- main ^schaffene Rumpfösterreich stets ein lebensunfähiges Gebilde bleiben wird. Im alten Oesterreich wohnten 12 Millionen Deutsche in einem geschlossenen Sprachgebiet, außerdem noch mehrere Millionen in großen Enklaven. Von der Bevölkerung des geschlossenen Sprachbezirkes sind nur etwa 6% Millionen in einem auf deutscher Kulturgrundlage auf- gebautem Staatswesen von der Fremdherrschaft verschont ge- gebieten abzuschneiden. Hierin zeigt sich der Hauptunterschied zwischen den Friedensschlüssen, die der zwar nicht sieg- aber erfolgreiche Feindbund im Gegensatz zu den Mittelmächten abschloß. Während wir z. B., im Frieden von Brest- Litowsk, Völker, die von Rußland abdrängten, wie die Polen, Litauer, Letten, Esten und Finnen befreiten, schniiien wir Rußland nicht von seinen Rohstoffquellen ab. Die Entente dagegen setzte abdrängende Völker zu Herrren über die deutsche Kulturschichten und verstopfte den beiden deutschen Staaten die Rohstoffquellen. Man hat den Oester- reichern das felsige, wenig fruchtbare Gebirgsmassiv der Alpen gelassen und die Zweimillionenstadt Wien, deren Dasein auf ein Wirtschaftsgebiet von 50 Millionen Menschen gegründet war, zum Wasserkopf eines kaum ein Siebentel so starken Körpers verschandelt.
Als die ersten Nachrichten über die Zerstückelunasab- sichten des Feindbundes am 2. Juni 1919 in Oesterreich bekannt wurden, ging eine furchtbare Aufregung durch das deutsche Volk der Südmark. Man empfand den Spruch der Entente nach den Worten des Präsidenten Seitz in der deutschösterreichischen Nationalversammlung wie „ein Todes- urteil, das iiberdies, an einen orientalischen Brauch erinnernd, von dem Betroffenen an sich selbst vollzogen werden soll".
In dieser Not erhob sich mit erneuter Stärke der laute Ruf nach dem Anschluß an das deutsche Mutterland. Die deutschösterreichische Nationalversammlung erklärte in einer großen Kundgebung am 7. Juni 1919 feierlich ihren Anschlußwillen. Und seit diesem Tage haben die Kundgebungen nach dieser Richtung nicht aufgchört. Sängerfahrten und Stu- dententagungen, Feste unb Zusammenkünfte voll erschütternden Ernstes, spontane Aeußerungen, von der Entfernung des Grenzstein durch begeisterte junge Patrioten bis zu der durch die Welt hallenden wuchtigen Demonstration der 10 000 von Kufftein; sie alle gipfelten in einem Aufschrei: „Hinein ins Reich!"
Der Tag wird kommen! Iuf die Dauer kann keine Macht der Erde die Vereinigung dessen verhindern, was mit aller Gewalt zueinander drängt. Die Geschichte Europas entrollt sich erfahrungsgemäß nach großen kriegerischen Katastrophen nur in langsamer Zeitfolge, aber ihr Gang geht nach ehernen Gesetzen. Und unter diesen Gesetzen befindet sich das Streben nach nationaler Zusammen- ballung, die Richtung ines Zentripetale! Wie einst das erwachende Italien Jahrzehnte brauchte, ehe es Rom zur Hauptstadt der Schöpfung Eavours ausrufen konnte, wie die Griechen eines Jahrhunderts bedurften, ehe sie den größten Teil des Hellenentumcs vereinen konnten, so wird sich auch die Vereinigung der Deutschen nicht durch Kabinettsbeschlüsse und brutale Gewalt auf die Dauer verhindern, lassen. Unsere Zeit wird mehr denn frühere Jahrhunderte von rein wirtschaftlichen Erwägungen beeinflußt. Dynastische und religiöse Beweggründe sprechen bei allen Entscheidungen von politischer Tragweite heute erst in zweiter unb dritter Reihe mit. Staatengebilde, die wirtschaftlich nicht leben und nicht sterben können, die also als tote Gewichte mitgeschleppt werden müssen, werden sich unweigerlich auflösen. Die gemtschtnatio.
nalen Schöpfungen dieser Art werden zerfallen, die nationalen sich dem größeren Nachbar anschließen.
Die deutsche Antwort auf die Sicherheitsnote bevorstehend.
^ Berlin, 4. Juli. Halbamtlich wird gemeldet: Das
Reichskabinett setzte am Donnerstag nachmittag die Beratungen über die außenpolitische Lage fort. Der Reichsminister des Auswärtigen berichtete über den Stand der Vorarbeiten für die Beantwortung der französischen Sicherheitsnote. Es besteht über die Grundlinien dieser Antwort Einverständnis, und es ist die Vorlage eines Entwurfes im Kabinett ehestens zu erwarten.
Die deutsche Volkspartei zur Außenpolitik.
£ Berlin, 4. Juli. Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei hat zu der durch die Briand-Note vom 16. Juni d. J. geschaffenen außenpolitischen Lage Stellung genommen. Sie stimmte der Initiative der deutschen Regierung zu, die im gegebenen Mbment eingesetzt hat, um die Lösung der Sicherheitsfrage mit Deutschland nicht gegen Deutschland herbeizuführen. Sie fordert, daß die in Gang gebrachten Erörterungen in den Grundgedanken des deutschen Memorandums vom 9. Februar d. J. fortgesetzt werden, jedes Hineinziehen der militärischen Bündnispolitik aber abgelehnt wird. Dabei ergibt sich die Aufgabe, folgende Richtlinien zu berücksichtigen und auf ihre Sicherung, zu dringen: Ein Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ist vor der Räumung nicht nur der Ruhr und des Sanktionsgebietes, sondern auch der ersten Rheinlandzone undenkbar. Er setzt Einigung über das Sicherheitsproblenr, Ausschaltung der für Deutschland im Artikel 16 der Völkerbundsatzungen — VölkerbundsMillionen — liegenden besonderen Gefahren sowie Festhaltung der des Völkerbundrates über die Militärkontrölle des Völkerbundes führen, soweit sie über den Versailler Vertrag hinausgehen, insbesondere, soweit sie örtliche ständige Kontrollorgane im Rheinland in Aussicht nehmen. Wenn auch der Sicherheitspakt selbst den Versailler Vertrag nicht abändert, so darf doch darüber kein Zweifel bestehen, daß Deutschland keine Verschlechterung der sich aus dem Versailler Vertrag ergebenden Lage hinnehmen kann, und daß es auf die in diesen selbst gesetzten, sowie die durch fortschreitende friedliche Entwicklung herbeizusührenben Wänderungsmöglichkeiten nie verzichten wird. Wird das nächste Fiel des Paktes, Lösung der Sicherheitsfrage, erreicht, so wird sich die Notwendigkeit aufdrängen, Besatzung und Rheinlandabkommen den veränderten Verhältnissen anzupassen. Alsöaldige Beseitigung des Delegiertensystems, Unterstellung aller Streitigkeiten aus dem Versailler Vertrag, insbesondere auch über die Entinilitarisierung des Rheinlandes, sowie über das Rheinlandabkommen unter ein Schiedsverfahren, Ablehnung jeder Wiederaufnahme früherer Sauk- tionsmsthLden muß erreicht werden. Beim Mschluß von Schiedsverträgen ist von dem deutschen Typus auszugehen. Nur als Subjekt seiner Politik in voller Freiheit darf Deutschland östliche Schiedsverträge abschließen. Garantie und Entscheidung über die Verletzung durch den Bundesgenossen eines Vertragsteils ist mit völkerrechtlichen Grundsätzen unvereinbar. Eine Zusicherung friedlicher Lösung östlicher Konflikte wird durch diese Zurückweisung des französischen Garantieplanes nicht abgeschwächt. Mit Rußland hat Deutschland den R a p a l l o - V e r t r a g geschlossen. Dieser wird durch die von Deutschland eingeleiteten Verhandlungen mit den Westmächten nicht verletzt. Deutschland hält an ihm fest und darf sich in keiner Weise gegenüber Rußland in eine vie deutschen Interssen schädigende Polink treiben lassen. Ebensowenig dürfen die Beziehungen Deutschlands zu anderen Mächten durch Abschluß eines Westpaktes getrübt werden. Nur bei Wahrung der vorstehenden Grundsätze scheint der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei der Abschluß eines Sicherheitspaktes mit Deutschlands Interessen und Europas Neuordnung vereinbar. Das letzte Ziel muß ein wirklicher Frieden nach dem Grundsatz von Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit durch Schiedsverträge, Sicherheit und allgemeine Entwaffnung sein.
Die R e i ch s t a g s f r a k t i o n der Deutschen Volkspartei veröffentlicht folgende Erklärung: „Nach- dem der Herr Reichskanzler in seiner Besprechung mit Ber- 1 tret ern der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei diesen heute die Erklärung abgegeben hat, daß eine Aussprache über die außenpolitische Lage im Reichstag noch in dieser Tagung stattfinden werde, ist die Absicht der Fraktion, eine älobaldige Klärung der politischen Lage herbeizuführen, erreicht. Die Reichstagsfraktion behält sich eine neue Initiative vor, sobald die von der Reichsregierung angekündigte Beantwortung der französischen Note vorliegt." Dementsprechend hat die Fraktion von der Einbringung einer Inter pßWtion zunächst abgesehen.
Der deuisch-polnische Wirtschaftskrieg.
H Berlin, 4. Juli. Der Reichsrat nahm eine Verordnung über Zolländerungen für Boden- und Gewerbeerzeugnisse polnischen Ursprungs an. Die Verordnung ist die Ge- genmatznahme gegen die Verordnung der polnischen Regierung vom 20. Juni über Einfuhrverbote, die die meisten wichtigen deutschen Ausfuhrerzeugnisse betreffen. Die polnische Maßnahme bedeutet den Beginn des Wirtschaftskrieges. Die Reichsregierung hält es für erforderlich, gegen dieses, die deutschen Interessen schwer schädigende Vorgehen Polens unverzüglich Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die bestehenden allgemeinen Einfuhrverbote werden Polen gegenüber aus- nahmslos durchgeführt werden. Dazu sollen neue gegen Polen gerichtete Einfuhrverbote für Waren treten, die sonst einfuhrfrei sind. Die Verordnung über die Zollsätze wird am 6. Juli in Kraft treten. Die Kampfzollsätze gegenüber Polen sind u. a. folgende: für den Doppelzentner Roggen 10 Reichsmark, Gerste ebenfalls 10 Run, frische Kartoffeln in der Zeit vom 15. 2. bis zum 31. 7. 5 Rm., vom 1. 8. bis 14. 2. 2 Rm., Küchengewächse 20 Rm., lebende Schweine 40 Rm., frisches und gefrorenes Fleisch 70 Rm., einfach zubereitet 90 Rm., zum feineren Tafelgenuß zubereitetes 180 Rm., Schweinespeck 500 Rm., Eier 25 Rm., Mehle 25 Rm.
Belgien und der Sicherheitspakt.
4- Brüssel, 4. Juli. Der ehemalige belgische Außenminister Iasper richtete an den jetzigen Außenminister Van- betreibe eine Anfrage über den Sicherheitspakt, die Van- dervelde folgendermaßen beantwwortete: 1. Belgien setzt sich mit den alliierten Regierungen wegen der Veröffentlichung der hauptsächlichsten Dokumente in Verbindung, die sich auf den Meinungsaustausch über das deutsche Sicherheitsangebot beziehen. 2. Die belgische Regierung hat der deutschen, fran- zösischen und englischen sofort mitgeteilt, daß Belgien in dem deutschen Memorandum vom 9. Februar nicht erwähnt sei. Es hat darauf die formelle Zusicherung erhalten, daß Belgien gemeinsam mit ben anderen interessierten Nationen an dem Sicherheitsangebot beteiligt ist, und daß die vorgesehenen
Wfqefeafen (Trensen bezögen. 3. Die belgische Neuerung hat im Verlauf der Verhandlungen wiederholt erklärt, daß sie im Prinzip geneigt sei, einen Schiedsgerichtvertrag mit Deutschland einzugehen. Die Modalitäten der vorgesehenen Abkommen sind während der Verhandlungen »och nicht festgelegt worden. 4. Die französische Antwortnote auf das deutsche Sicherheitsangebot ist im vollen Einverständnis mit Belgien abgeschickt worden. 5. Don Anfang an ist Belgien zu den Besprechungen zwischen Alliierten zugezogen worden und hat die Versicherung erhalten, daß dies auch bei zukünftigen Verhandlungen der Fall sein werde.
Abschluß eines modus vivendi bei den WirtschaftS- verhandlungen in Paris?
ch Paris, 4. Juli. Die französische Presse berichtet, daß sich Staatssekretär Trendelenburg nach seiner Unter- redung mit Ehaumet telephonisch mit der Reichsregierung in Verbindung setzte. Eine Antwort der deutschen Dele- gation auf die französische Note, die am Freitag vormittag ubergeben wurde, wird nicht vor Sonnabend erwartet. Im übrigen wird zugegeben, daß sich die Aussichten auf eine Verständigung erheblich verbessert haben. „L'Avenir" weist darauf hin, daß in Kreisen der französischen Wirtschaftsdelegation unverkennbarer Opti- mismus vorherrschte. Ehaumet hofft, daß in der für Sonn- abend in Aussicht genommenen Vollsitzung die Unterzeichnung des provisorischen modus vivendi erfolgen wird.
Unterzeichnung des deutsch-italienischen Handels- Vertrages.
£ Mailand, 4. Juli. Die Unterzeichnung ded seutsch- italienischen Handelsvertrages soll nunmehr bevorstehen. Wie der „Sortiere della Sera" mitteilt, wird die Unterzeichnung in Rapallo stattfinden.
Moskauer Justizmord.
Die drei deutschen Studenten zum Tode verurteilt.
£ Moskau, 4. Juli. Nach fünfeinhalbstündiger Beratung verkündete der Oberste Gerichtshof in Moskau gegen die drei angeklagten deutschen Studenten, Dr. Kindermann, Wolscht und von Dittniar, das TodesurteU.
Das Urteil muß als endgültig angesehen werden, da eine Berufung gegen eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes nicht eingelegt werden kann. Lediglich die Möglichkeit, ein Gnadengesuch beim Zentral-Exekutivkomitee der Sowjetunion einzureichen, bleibt den Angeklagten frei. Mit dein Todesurteil in Moskau will Rußland seinen Rachedurst gegen den deutschen Tschekaprozeß stillen und gedenkt damit ein Gegengewicht zur Befreiung des im Leipziger Tscheka- prozeß viel genannten Groß«: Unbekannten, der sich als Skoblewf ki ausgab, zu haben. Sck)on damals verlautete, daß jener Russe in der sowjetrussischen Politik eine gewisse Rolle spielt, und daß das Geheimnis, das ihn umgab, seine offizielle Sendung in Deutschland verschleiern sollte. M«