Hersfelöer Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt^
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Nr. 152
Das Wichtigste.
— In den deutsch-französischen Wirt- schaf tsverhandlungen scheint eine ernste Krise entstanden zu sein. Eine Unter redung z w i s chen Trendelenburg und Chanmet soll die Entschei- d n n g bringen.
— Das Reichskabinett hat jetzt wirtschaftliche A b w e h r m a ß n a h m e n gegen P o l e n b e s ch l o s s e n.
— Im Mo s ka uer Studentenprozeß wurde für die drei deutschen Studenten T o de s st r a f e b e a n t r a g t.
Das Problem des deuischen Hausbesitzes.
Don Dr. Konrad D L r i ng.
In Berlin sind für notleidende Hausbesitzer zwei Ml- lionen Mark städtischer Gelder zur Verfügung gestellt worden, von welchem Betrage Eigentümer zu Wiedevinstandsetzungs- arbeiten Darlehen zu 6 Prozent Zinsen erhalten können. Die Höchstsumme der Leihbeträge betrügt in jedem Falle 5000 Mark. Vor Gewährung des Darlehns werden die Haus- besitzerorganisationen gutachtlich gehört.
Dieses an sich gewiß beachtenswerte und gutgemeinte Vorgehen ist bezeichnend für die traurige Tatsache des wirtschaftlichen Rückganges des deutschen Hausbesitzes. Vor dem Kriege befand sich ein gewaltiger Teil des Hausbesitzes in den Händen des alteingesessenen Mittelstandes. Unzählige ehezualige Handwerker und Kleinkapitalisten hatten chre in jahrzehntelanger schwerer Arbeit erübrigten Ersparnisse in Häusern angelegt, an deren Erhaltung und Pflege sie selbst ein ureigenstes Interesse besaßen. Reparaturen wurden häufig von den Besitzern eigenhändig ausgeführt und das Haus in sauberem' und bewohnbarem Stande erhalten.
In der Inflatiorrszeit ließen sich viele dieser oft wenig geschästsgewandten „kleinen" Hauswirte von dem Zahlen- taumel mitfortreißen. Ausländische Spekulanten und Schie-
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stauten, zogen die Häuser für ganz geringfügige Summen, oft durch juristische Kniffe für nichts an sich. Wer heute in größeren Orten die Ohren öffnet, hört allenthalben dasselbe Lied vom Verfall und der Verschmutzung der jetzt in auslän
dischen Händen befindlichen Mietshäuser.
Für diejenigen Besitzer, die den Lockungen des Millionen- und Milliardenschwindels widerstanden haben, ist die Lage keineswegs aber allzurosig geworden. Es ist schwer, angesichts der aus Mieter- und Hauswirtskreisen vorgvbrach^ ten Behauptungen, Statistiken und Berechnungen ein völlig klares Bild der Lage des deutschen Hausbesitzes zu schaffen. Gegen die Klagen der Hausbesitzer wird ins Feld geführt, daß die Hypothekenbelaftung der Häuser großenteils. geschwunden, daß also die jetzt gezahlten Mieten eine überaus hohe Verzinsung des einst in die Häuser gesteckten Kapitales bedeuten. Trotzdem die Hauswirte gezwungen seien, einen Teil der ihnen in der Miete zugeführten Beträge zu Reparaturen zu verwenden, unterblieben diese oftmals überhaupt oder wurden erst nach langem Zögern und dann auch nur in unzureichendem Maße ausgeführt. Die Hausbesitzer würden bei Aufhebung der ZwangsWirtschaft sofort ganz beträchtliche Mietssteigerungen vornehmen, die nach Ausführungen eines Alinisters eine Verfünffachung der heutigen Mieten bedeuten können. Die Eigentümerseite dagegen betont, daß zunächst die Zwangswirtschaft mit die Hauptschuld am allem Elend trage. Die ungeheuren Kosten der Zwangswirtschaft, die auf 250 Millionen Aiark zu bemessen seien, könnten besser für die Behebung der Wohnungsnot Verwendung- finden. Die Woh- nungsstatistiken seien irreführend und wertlos, da die vor- handenen Wohnräume für die Einführung der freien Wirtschaft völlig ausreichten. Durch das Mieterschutzgesetz werde auch nicht eine einzige Wohnung gewonnen.
Ganz besonders schwierig wird die Lösung der Frage des 'deutschen Hausbesitzes durch das Aufwertungs- probte m. Die Eigentümerseite behauptet, daß bei einer Auswertung in nennenswerter Höhe, wie sie der 25-Prozent- Vorschlag bringen soll, der Hausbesitz nur durch Aufhebung der Zwangswirtschaft in die Lage versetzt werden kann, seinen Verpflichtungen nachzukommen.
Zweifellos muß der umparteiische Beurteiler der Sachlage zugeben, daß das Großkapital den kleineren Grundbesitz stark zurückgedrängt hat, und daß bei Wiederaufnahme von Zinszahlungen für Hypotheken den Hausbesitzern Entgegen- kommen gezeigt werden muß. Die eingangs erwähnte Maß. nähme der Stadt Berlin kann als Auftakt hierzu angesehen mch nur als solcher, denn die Summe von zwei Millionen bedeutet für diese Riesenkommune nur einen Tropfen auf einen heißen Stein, und Höchstduvlechen von 5000 Mark wollen nichts besagen, wenn 'dem Hausbesitzer aus
werden, aber ai
gogengrinsen.
Die Frage der Erhaltung des Hausbesitzes in der Hand des deutschen Mittelstandes, soweit er sich überhaupt noch darin befindet, ist eines der allerwichtigsten und ernstesten derzeitigen volkswirtschaftlichen Probleme. Genau wie der Bauer auf dem Lande ist der Eigentümer in der Stadt die Grundlage der gesamten sozialen Struktur. Zu seiner Erhaltung müssen Opfer gebracht werden von allen Scleisien. Allerdings darf sich der Gru-> sitz -'' “' ^rnn auch
Donnerstag, den 2. Juli
seine Freunde verlangen, daß genaue Prüfungen der Verhältnisse stattfinden, ehe der Allgemeinheit diese Opfer zu- gemutet werden.
Ernste Kriss in den -euisch-sranzösischen Wirtschaftsverhandlungen.
❖ Paris, 2. Juli. Wenn man französischen Blättermeldungen Glauben schenken soll, so ist damit zu rechnen, daß die französische Wirtschaftsdelegation in Paris die letzten Vorschläge für einen deutsch-französischen Handelsvertrag machen will. Wenn auch keine Vollsitzung beider Wirtschaftsdelegationen in Aussicht genommen ist, so muß zu dieser Nachricht immerhin die Tatsache dienen, daß Staatssekretär Trendelenburg eine wichtige Besprechung mit dem französischen Handelsminister Ehaumet hat. Die deutschen Wirtschastskreffe haben selbst den Eindruck, als stünde die Entscheidung in den deutsch-französischen Wirtschastsver- Handlungen unmittelbar bevor. Sie weisen aber die Vermutung zurück, als sei mit einem Abbruch der Verhandlungen zu rechnen. Das größte Hindernis bei den Verhandlungen bietet das verwickelte französische Zollsystem, das eine obere und untere Zollgrenze kennt, während das einfachere deutsche Zollsystem viel leichter die Wünsche zum Ausdruck bringt. Hinzu kommt, daß der französische Export nur Interesse an wenigen Posten hat, während ber deutsche Export sämtliche Warengebiete umfaßt.
Die entscheioende Unterredung zwischen Trend«len- burg und Ehaumet fand am Mttwoch vormittag statt. Die französischen Morgenblätter vom Mittwoch' verbreiten die Nachricht, daß der französische Wirtschaftsminister, wenn irgend möglich, eine Verständigung sofort herbeiführen will, um noch vor dem 14. Juli dem Parlament den Vertragsentwurf zu unterbreiten. Von dieser Parlamentssitzung hängt das Weitere der Verhandlungen in Paris ab, denn (Haumet beabsichtigt, im Falle der Ablehnung des Vertragsentwurfes vor dem Parlament die Verhandlungen auf spätere Zeit zu vertagen.
Es wird sehr interessant sein, den Verlauf der Unterredung zwischen Trendelenburg und (säumet zu erfahren, MMWWWMMWWWMWWWMWWWWWMMMW wie weit Frankreichs Interesse an einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Deutschland geht. Was wir bisher aus den langwierigen Verhandlungen erfahren haben, läßt auf einen günstigen Ausgang kaum schließen. Es ist die Frage, wie weit und wann Frankreich einsieht, daß es selbst Interesse an einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit seinen Nachbarstaaten haben muß. Hier lassen sich keine Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland anwenden, denn auf dem Wirtschaftsgebiete sprechen ja nun einmal allein die wirtschaftliche Konstitution und die wirtschaftlichen Erfordernisse eines - Landes.
Beginn der Räumung.
£ Krefeld, 2. Juli. Nach bereits erfolgte: Freigabe der Homberger Brücke am Mittwoch ist nun auch vormittags um 5 Uhr die Brücke zwischen Rheinhausen und Hochfeld—Duisburg von den Vesetznugstruppcn freigegeben worden.
Noch keine Aaumung der Bochumer Zone.
- Köln, 2. Juli. Sämtliche Meldungen über bereits er- folgte Abtrarrspsrt französischer Truppen aus der Bochumer Zone sind unrichtig. Bisher sind in der Bochumer Zone noch sämtliche Offiziers- und Mannschaftsquartiere voll belegt, und es sind noch keinerlei Maßnahmen getroffen, die auf eine be- vorstehende Räumung schließen lassen. Bei den gemeldeten Truppentransporten handelt es sich um Truppen, die vom Manöver in ihre alten Quartiere zurücktehren.
Marschall Pätain traf am Dienstag aus dem Ruhr- gebiet in Koblenz ein und wird in Begleitung des Präsidenten der Rheinlandkommission, G 6 r a r d, die französischen Trup- pen in Kreuznach besichtigen. Aus Anlaß dieses Besuches ist jeder Wagen-, außer Straßenbahn- und Klenrbahnverkehr in den Straßen, die vom Holzmarkt über die neue Brücke zum Landratsamt führen, von 10^ bis 12 Uhr verboten.
Die deutsch-französischen Industrieverhandlungeu.
£ Paris, 2. Juli. "Iournee Industrielle" macht über das zwischen der französischen ynd deutschen Jndu- striegetroffeneAbkommen zuianmienfasiendeAngaben. <1:5 bestehe nur "ein grundsätzliches Uebereinkommen, dessen Ausführungs- modalitäten noch nicht endgültig festgesetzt seien. Die allgemeinen Linien des Mkommens könnten völlig umgeworfen werden, wenn die deutsch-französischen Mrtschaftsuerhand- lungen scheitern sollten oder auf einer anderen als der angenommenen Grundlage abgeschlossen würden. Das Ueber» einkommen beziehe sich' nicht auf die Einfuhr von Eisenerzen nach Deutschland. Es handle sich um eine Kontingentierung von Metallprodrttten, Sck;melzeisen, halbfertigen und Fertig. Produkten. Die G«samt;iffer des Kontingents sei auf 1 750 000 DsnWii. >Wh iW^H, tob d^r für Lothringen
1925
auf 530 300, für Luxemburg auf 427 280, für das Saargebiet auf 742 400 Tonnen. Die deutschen Industriellen, die diese Produkte entweder durch Vermittlung ihrer Abrechnungs- ämter oder einzeln für sich erhielten, hätten sich verpflichtet, die Hälfte der Zollsätze für die Produkte aus Luxemburg oder Lothringen zu übernehmen. Das Saargebiet werde seine Pro- dukte zollfrei ausführen. Da sich aus dieser Bestimmung ein gewisser Nachteil für Lothringen ergebe, sei durch ein beson- deres Abkommen zwischen der lothringischen und der saarlän- dischen Metallindustrie ein Ausgleich vereinbart worden. Eine besondere Kommission sei mit der Aufstellung des endgültigen Vertrages 'beauftragt. Trotz der langwierigen Verhandlungen, die zwischen Deutschland, Frankreich und England in der Schienenilerferungsfrage im Gange seien, seien die Grundlinien eines Uebereinkommens noch nicht aufgestellt.
Der deutsch-polnische Wirtschaftsstreit.
Die Folgen für Deutschland und für Polen.
$ Warschau, 2. Juli. Der „Robotnik" in Warschau beschäftigt sich in einem Leitartikel mit dem deutsch-polnischen Wirtschafts st reit. Das Blatt schreibt: Der Aufruf zum Zollkrieg mit Deutschland, zum wirtschaftlichen Boykott, ist unbedingt schädlich; denn ohne große ökonomische Schäden können sich Zollkrieg und Boykott nicht realisieren lassen. Man muß hier noch unterstreichen, daß der deutsche Import nach Polennur 7 Prozent der gesamten deutschen Ausfuhr in die europäischen Länder und nur 5 Prozent der gesamten Ausfuhr Deutschlands ausmacht. Wenn es dann also nur um die hermetisch« Schließung der Grenze geht, werden unzweifelhaft die Deutschen den Verlust des 15. Teiles ihrer Ausfuhr eher aushalten als wir, da wir sofort den Absatzmarkt für dir Hälfte unseres ausländischen Exports verlieren. — Das Blatt meint, man müsse danach streben, den Streit so schnell wie möglich zu beenden.
Wirtschaftliche Abwehr gegen Polen.
❖ Berlin, 2. Juli. Das Reichskabinett ist sich nunmehr über die gegenüber Polen anzuwendenden Abwehrmatznahmen
FOHUHÜT ffHWW ^-e zu «^E«r^eutt-ye» wcagnay- men werden bekannt gegeben, sobald die Zustimmung des Reichsrates vorliegt. Dies dürste im Laufe des Mittwoch der Fall fein.
Zur Errichtung der Mnieuhank- Krediianstalt.
Gefahr der Politisierung?
❖ Berlin, 2. Juli. Die Verhandlungen im Volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstages über die Errichtung der Rentenbank-Kreditanftalt haben einen in larrdwirtschaftlichen Kreisen außerordentlich befrembenben Eindruck erregt. Die Beschlüsse der ersten Lesung haben die mit Mühe hergestellte landwirffchastliche Einheitsstont zerstört und bringen vor allem abermals in erhöhtem Maße die Gefahr der Politisierung für die neue Agrarbank. Bekanntlich hatte die Anstaltsver- sammlung nach der Regierungsvorlage folgende Zusammen- setzung: Deutscher Landwirtschaftsrat 30 Sitze, Reichsland, bund 20, Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften 20, Generalverband der Deutschen Raiffeisengenossenschaften 20, Bereinigung der deutschen Bauernvereine 20 Sitze. Nunmehr hat der ^Zlusschuß beschlossen, die Sitze des Deutschen Landwirtschaftsrates auf zehn Herabzusetzen und dafür den Bauernvereinen weitere zehn Sitze zu geben, ferner die Organisation der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe sowie den Bayerischen Bauernbund und den Deutschen Bauernbund mit zusannnen zehn Sitzen in die Anstaltsversamm- lung neu aufzunehmen. Hierdurch wird der Einfluß der wirtschaftspolitischen Körperschaften in den Vordergrund gerückt zum Nachteil des Deutschen Landwirtschaftsrates, beson- ders aber auch der großen genossenschaftlichen Organisationen, die doch zu mehr als 60 Prozent die Träger des landwirt- schaftlichen Kreditgeschäfts sind. Wie wir hören, wird im Reichsernährungsministerium eine Besprechung mit den Frak- tionsfiihrern der Regierungsparteien stattfinden, in der über das Schicksal der 9ientenbant=KrebitanftaIt die Kompro» mißformel gefunden werden soll.
Klagen über das Mieterschutzgesetz.
ch Berlin, 2. Juli. In einer Kleinen Anfrage deutsch- nattonaler Landtagsabgeordneter wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß das Mieterschutzgesetz pvattisch als „Gesetz zum Schutze der Mietprellerei" wirke. Hieran wurden einige weitere Fragen geknüpft, auf die der Preußische Mnister für Polkswohlfahrt u. a. folgendes erwidert: Die Tatsache, daß in der Zuweisung von Ersatzräumen laut Meterschutzgesetz eine unbillige Härte für den Vermieter liegen kann, war wiederholt Gegenstand von Verhandlungen zwischen den zuständigen Reichsressorts und den Wohnungs- und Justizressorts der Länder. Die Reichsregierung hat bereits einen entsprechenden Gesetzentwurf in Vorbereitung, der, soweit bekannt, vor dem Abschluß steht. Die Möglichkeit einer Einwirkung auf die Gemeinden, zur Behebung der Ob- dachsplicht Alvte für Leute zu schaffen, die sich Löswü- figerweise ihrer Metzahlüstgsp'licht" entziehen, ist des