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Hersfel-ee Tageblatt

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Reisfelder Kreisblatt"

Amtlicher Anzeiger für -en kreis tzersfel-

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Nr. 150

Dienstag, den 30. Juni

1925

Das Wichtigste.

— Reichspräsident von Hinodenb ur g empfing am Vlontag vormittag den neuen amerikanis chen Botschafter in Berlin, Schurman, der ihm sein Beglauibigungsschveiben überreichte.

— Der englische Kriegsminister Evans wind deinnächst die englische Garnison in Köln besuchen.

— Der Vizekönig von Indien, Lord Birkenhead, sprach über die '„bolschewistische Seuche". Die Auslassungen eines englischen Kabinettsmitgliedes stärken in England die Vermutung, daß England bald die diplomatischen Beziehungen zu Sowjet- Rußland a b b r e ch e n werde.

Hinter den Kulissen in China.

Französisches Falschspiel.

Schanghai, 28. Juni. Selbstverständlich geht hinter den Kulissen in China vieles vor sich, wovon die allgemeine Oef- fentlichkeit keine Ahnung hat, noch haben soll. So besteht nicht nur im diplomatischen Korps in China keine Einigkeit, was schließlich schon längst klar zu sehen war, sondern es scheint, daß dort ein sehr erbitterter Kampf sich abspielt. Einige Nationen, geführt durch die Franzosen, versuchen Kapital aus der Tatsache zu schlagen, daß sich die chinesische Bewegung immer mehr gegen England und Japan wendet. Sie versuchen, diese beiden Länder zu allen möglichen Konzessionen zu veranlassen, und bis solche Kon­zessionen bewilligt sind, möglichst viele Schwierigkeiten in den Weg der Engländer und Japaner zu legen. Gleichzeitig geht die Methode darauf aus, sich bei den Chinesen gut Kind zu machen und so den beiden anderen für zukünftige Zeiten möglichst das kommerzielle Feld abzugraben. So versuchen sie jetzt zum Beispiel, England und Japan zu veranlassen, ihre Zustimmung zu einem llntersuchungskomitee zu geben, das nur aus Franzosen, Italienern und Amerikanern zusam­mengesetzt^ sein soll. Dieses Komitee soll nicht nur etwa die e^eäSÄÄ

Hebung der Exterritorialität die Hauptforderung Chinas ist, so kann man sich denken, wie dankbar die Chinesen den an­deren sein werden, wenn in dem Komitee, das über diese Frage zu verhandeln hat, die verhaßten Engländer und Ja­paner nicht sitzen werden.

Die Folge ist, daß die englische Kolonie in Schanghai, wie überhaupt die Engländer in China, wütend sind. Sie haben bereits der Regierung nach London gekabelt, daß sie unter keinen Umständen ein solches Komitee gebildet sehen wollen. Nach allem, was man heute hört, dürfte dann auch die englische Regierung ihre Einwilligung zur Bidung eines solchen Komitees äblehnen. Die Kommission, die in Schanghai die Gründe, die zu dem Ausbruch führten, untersuchen sollte, ist, wie erinnerlich, unverrichteter Sache nach Peking zurück- gekehrt. Jetzt hat das diplomatische Korps die Kommission aufgefordert, die Ergebnisse ihrer Untersuchung schriftlich niederzulegen, „so daß der diplomatische Körper diese Nieder­schrift dann am Montag gründlich untersuchen und besprechen kann". Auch hierin wird in Londoner Kreisen ein Versuch gesehen, die Lage für die Engländer und Japaner so unan­genehm wie nur möglich zu gestalten. Die Niederschrift ist in der Hoffnung verlangt worden, daß man darin irgend­einen Grund finden könnte, den Druck, der jetzt ausgeübt wird, noch zu verstärken.

Was die weiteren Nachrichten aus China betreffen, so besagt die bedeutendste, daß infolge des andauernden Streiks in Chungking die Nahrungsmittel der Engländer unb Ja­paner fast aufgebraucht sind. Fremde Frauen und Kinder sind aus dem Hafen von Hoihon auf der Hainaninsel ent­fernt worden, und eine britische Schaluppe und japanische und amerikanische Zerstörer sind unterwegs nach Amoy, wo die Lage infolge der Studentendemonstrationen in der inter­nationalen Niederlassung sehr akut geworden sind. Die chi- nesischen Matrosen der Hongkong—Kowloon-Fährboote strei­ken, sind aber von den Mannschaften des englischen Kriegs­schiffes „Titania" und von U-Bootbesatzungen ersetzt worden, so daß ein Teil des Dienstes aufrechterhalten werden kann. Auch die Mannschaften der Kowloon-Dockkompagnie-Dampf- boote streiken sowie die Besatzung der Taikoo-Werftendampfer. Europäer sind an ihre Stelle getreten. Aus Schanghai wird berichtet, daß 20 Prozent der Läden geöffnet sind, die ge­schlossenen sind anscheinend infolge des Streiks bankerott ge- worden. Der Frachtstreik verursacht schwere Verluste an Zöllen und unterbindet gleichzeitig die englische und japa­nische Nahrungszufuhr. Russische und japanische Zollbeamte haben Ningpo verlassen, um nach Schanghai und anderen Städten zu gehen, wo die Situation nicht so schwierig ist.

Der Rhein kein Trennungsstrich.

Eine Rede des Reichskanzlers in Mainz.

^ Mainz, 30. Juni. Am vergangenen Sonntag weilte der Reichskanzler Dr. Luther in Mainz. Er überbrachte der Stadt, der Provinz Rheinhessen und dem ganzen, Lande Hessen des besetzten und unbesetzten Gebietes die Grüße des Reichspräsidenten und der Reichsregierung zur Jahrtausend- feier. Bei dieser Gelegenheit nahm er das Wort zu ein«

Ansprache, in der er folgendes ausführte: „Es gibt mir eine besondere Befriedigung, daß ich in der Mitte der Bewohner des besetzten Gebietes weilen und hier an der Feier teil- nehmen kann. Eigentlich sollte ein deutscher Reichskanzler überhaupt nicht Eiligeres zu tun haben, als Mainz zu be­suchen; denn hier in Mainz findet er den Zusammenhang mit seinen Amtsvorgängern in alten Zeiten, mit den Erstkanz- lern des Reiches. Noch ein anderer Grund sollte die Schritte jedes Kanzlers nach Mainz lenken: die Huldigung vor dem großen Genie, das die Duchdrrrckerkunst ins Leben gerufen hat, vor Gutenberg. Was am stärksten beachtet werden muß, ist die Lage, die die Stadt Mainz geographisch im Deutschen Reiche hat. Mainz, am Zusammenfluß von Main und Rhein gelegen, war einst der große Umschlagsplatz Deutschlands, der die Vermittlung darstellte zwischen der Nordsee, dem Welt- meer und dem Kontinent. Das hat sich heute geändert. Aber Mainz am Zusammenfluß der beiden (Ströme: da denke ich an das Wort Mainlinie, das eine so große Rolle gespielt hat und nach meinem Gefühl stets mißbraucht worden ist. Unter diesem Wort stellt man sich etwas Trennendes vor. Flüsse find aber überhaupt nie trennende Teile; wie der Rhein kein TrennunMttijch ist, so auch nicht der Wi Mj Main und Rhein sind vielmehr eine alte deutsche Kultur- und Wirtschaftsstraße. Ich habe stets das Gefühl gehabt, daß in der Mainlinie das kulturelle Mittelglied ganz Deutschlands zum Ausdruck kommt. Die Lage von Mainz bedeutet für Deutschland die positive Und wtrtlidje Verbindung zwischen Süd und Nord.

Das Fest der Jahrtausendfeier ist hier gestimmt auf die feinsten Töne der Kunst. Aber größer noch und mit gewalti­gerem Empfinden uns packend ist doch die politische Grund­tatsache des Rahmens dieser Feier. Wenn wir heute uns zu Volk und Vaterland bekennen, dann ist es immer wieder der gedämpfte Aufschrei eines Volkes in Not. Und vielfach wird die Not am drückendsten empfunden, wo die Lasten für unser ganzes deutsches Volk unmittelbar getragen werden. Hier in Mainz, das ja in der dritten Besatzungszone liegt, ist sicherlich die Last besonders groß. Doch wir alle sind nur ein Volk Und ein Vaterland. Und, sehr verehrter Herr Ober­bürgermeister, in die Hand, Ue Sie dem ganzen deutschen.

Ihnen, daß das deutsche Volk in immer steigendem Maße davon durchdrungen ist, wie stark fein Schicksal verbunden ist mit dem Schicksal der Lande am Rhein. Die deutsche Re­gierung wird darum auch alles tun, um das Los der Rhein- lande zu mildern. Alle unsere Arbeit wird getragen werden von der großen Hoffnung, daß dem deutschen Volke eine wahrhaft glückliche Zukunft in nicht allzu ferner Zeit er­wachsen möge. Ich möchte ausklingen in den Leitgedanken des Liedes, das jetzt gesungen wird: Frühling am Rhein."

21m Nachmittag fand ein Festbankett statt. Um 6 Uhr nahm der Reichskanzler an einer Rheinfahrt teil und ist am Sonntag abend wieder abgereist.

Empfang des amerikanischen Bsischafters beim Reichspräsidenten.

Berlin, 30. Juni. Der Reichspräsident empfing am Montag vormittag den neuernannten Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Schurman, zur Entgegennahme seines Beglaubigungsschreiben und des Abberufungsschreibens des bisherigen Außerordentlichen und Bevollmächtigten Bot­schafters der Vereinigten Staaten, Herrn Houghton.

Botschafter Schurman hielt hierbei folgende An­sprache an den Herrn Reichspräsidenten:

„Eure Exzellenz! Der bisherige Außerordent­liche und Bevollmächtigte Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Herr Alanson B. Houghton, ist auf einen ande­ren Posten versetzt worden und außerstande, sein Abberu- fungsschreiben persönlich zu überreichen. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat mid) daher beauftragt, dasselbe Eurer Exzellenz einzuhändigen.

Gleichzeitig habe ich die Ehre, Eurer Exzellenz mein Be­glaubigungsschreiben als Außerordentlicher und Bevollmäch- iiglet Botschafter bei der Regierung Eurer Exzellenz zu übergeben.

Es ist der Wunsch meiner Regierung, in dem vollsten Maße gegenseitige Freundschaft zwischen unseren beiden Län­dern zu pflegen. Persönlich von herzlichen Empfindungen beseelt, die in gemeinsamem Leben und kurz gemeinsamen Studien ihren Anfang nahmen und durch fortgesetzte gesell- schaftliche Beziehungen genährt worden sind, wird es mir eine besondere Genugtuung sein, die Instruktionen meiner Regierung auszuführen. Ich bitte angelegentlichst, daß die Regierung Eurer Exzellenz mir Vertrauen und Zusammen­arbeit gewähren möchte, wie sie meinem Amtsvorgänger in so reichem Maße und mit so glücklichem Erfolge gewährt wor­den sind. Alsdann werden wir zusammen das Wieder­erstehen der alten Beziehungen herzlicher Freundschaft zwi­schen dem deutschen und dem amerikanischen Volke fördern, die in der Vergangenheit in so hervorragender Weise zum Frieden und zum Wähle der Menschheit beigetragen haben.

Wiewohl sich die Welt heute im Friedenszustande be­findet, genießt sie nicht die Früchte des Friedens. Die Ge? ipenfter der Furcht und des Mißtrauens gehen unter den Rationen um u -d stehen ihrem besten Streben nach wirffchast- licher, sozialer und moralischer Wiederherstellung entgegen.

Wenngleich es die Politik Amerikas ist, an der Lös ung europäischer Fragen nicht teilzun ehhmen , und wenngleich es mir daher nicht anstehen würde, hinsichtlich des Wertes der polittschen Aktion, die jetzt erwogen wird, eine Meinung zu bekunden, so sei es mir doch verstattet, es als ein glückliches Omen für den Frieden und die Gesundheit der Well zu begrüßen, daß Deutschland eine neue Anwen­dung der vitalen Grundsätze der Verständigung und des genseitigen Vertrauens vorgeschlagen hat. Mit tiefer Be­wunderung für das, was Deutschland in der Vergangenheit für die Zivilisation beigetragen hat, und mit festem Glauben an die Fähigkeit des deutschen Volkes, seine derzeittgen Schwierigkeiten zu überwinden, habe ich die Ehre, Eurer Ex­zellenz die besten Wünsche des Präsidenten und der Regie­rung der Vereinigten Staaten von Amerika für das Wohl und das Gedeihen Deutschlands zu übermittlen."

Reichspräsident von Hindenburg erwiderte mit folgenden Worten:

„Herr Botschafter! Ist freue mich, aus den Händen Euer Exzellenz zugleich mit dem Abberufungsschreiben Ihres verehrten Herrn Amtsvorgängers das Beglaubigungs­schreiben entgegenzunehmen, durch das der Herr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika Sie beim Deutschen Reidje als Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter beglaubigt.

Für die freundlichen Worte, die Sie soeben an mich ge­richtet haben, spreche ich Ihnen meinen aufrichtigsten Dank aus. Ich habe daraus mit großer Genugtuung entnommen, daß Ihre Hohe Regierung den Wunsch hegt, auch fernerhin die zwischen dem Deutschen Reich und den Vereinigten Staa­ten von Amerika bestehende wechselseitige Freundschaft in weitestgehen'dem Maße zu pflegen. Seien Sie versichert, Herr Botschafter, daß ich und die Reichsregierung, eingedenk der zahlreichen Freundschaftsbeweise, die Deutschland in den letzten schweren Jahren von Ihrem Lande empfangen hat, von den nämlichen Bestrebungen geleitet sind, wie Ihre Regierung. Wir werden tun, was in unseren Kräften steht, um Ihnen die Erfüllung der mit Ihrem verantwortungsreicheu Amt verbmrdenen Aufgaben zu erleichtern.

Vereinigten Staaten von Amerika wechselseitig verbinden, sind unsere beiden Länder von jeher durch starke geistige Bande verbunden. Ich zweifle nicht, daß Sie, als ehemaliger Student dreier deutscher Universitäten, als Gelehrter von Weltruf und als langjähriger Präsident der berühmten Cornell-Universität, die uns schon einmal in Ihrem Herrn Amtsvorgänger Andrew D. Whithe einen her­vorragenden Vertreter Ihres Landes gegeben hat, gerade für die amerikanisch-deutschen kulturellen und geistigen Be­ziehungen volles Verständnis besitzen werden.

Eurer Exzellenz Hinweis auf das ««befriedete Europa und Ihre sympathische Würdigung der neuen Schritte, die die Reic^regierung unternommen hat, um eine gegenseitige und aufrichtige Verständigung herbeizuführen, beweisen, daß sie, Herr Botschafter, warmherziges Verständnis für die polittschen Nöte und die ehrlichen, auf einen wirklichen Frie- den gerichteten Absichten des deutschen Volkes besitzen.

Für die guten Wünsche des Herrn Präsidenten und der Vegierung der Vereinigten Staaten von Amerika, die Sie mir gütigst übermittelt haben, spreche ich Ihnen meinen an­gelegentlichsten Dank aus.

Im Namen des Deutschen Reichs heiße ich Sie, Herr Vot- schafter, herzlich willkommen."

Bei bem Empfang waren der Reichsminister des Aus­wärtigen Dr. Stresemann sowie der Staatssekretär im Auswärtigen Amt von Schubert zugegen.

Amerikanischer Protest gegen die Berliner Anleihe in Amerika.

- Paris, 30. Juni. Der bekannte Washingtoner Rechts- anwalt Lewis Mc.Gowan hat an den Generalstaats- anwalt des Staates New Park einen sehr energischen Bries gerichtet, in dem er ihn auf Grund eines Staatsgesetzes er- sucht, die Auflegung der Anleihe der Stadt Berlin in Höhe von 15 Millionen Dollar zu untersagen. Goman behauptet, von amerikanischen Inhabern gegenwärtig entwerteter Schatzanweisungen des Berliner Magistrats zu seinem Schritt ermächtigt worden zu sein. Der Washingtoner Rechts- anwalt gibt in seinem Brief die Auffassung bekannter In- risten wieder, die dahingeht, daß die Stadt Berlin verpflichtet ist, vor der Unterbringung der neuen Anleihe ihre frühere Schuld abzutragen.

Die rheinische Landwirtschaft zur Zollvorlage.

^ Köln, 30. Juni. Die vereinigten rheinischen Bauern- vereine (Rheinischer und Trierer Bauernverein) faßten zur Zollvorlage eine Entschließung, in der es u. a. heißt: Die Zollvorlage der Reichsregierung hat in der Landwirtschaft tiefe Enttäuschung und Besorgnisse ausgelöst. Die Zoll­vorlage ist als eine Jndustrie-Zollvorlage anzusprechen, da der Jndustrieschutz eine offensichtliche Bevormundung erfährt, während der Schutz der Landwirtschaft demgegenüber völlig zurücktritt. Die Zurücksetzung der Landwirtschaft wirb vor­nehmlich darin erblickt, daß der Industrie weitere bedeutend« Zollerhöhungen bis zu vielen 100 Prozent der Vorkriegszöll« zugestanden werden, während der Landwirtschaft ein auch nur annährend gleicher Schutz versagt bleibt, da nicht einmal