Reisfelder Tageblatt
Hersfelöer Kreisblatt" i
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis HersfelS [
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Nr. 130
Sonnabend, den 6. Juni
1925
Das WichtLgste.
— Unter dem Vorsitz des Reichspräsiden, i e n von Hindenburg fand am Freitag mittag ein Kabinettsrat über die Botschafternote statt.
— 3talten hat den Versailler Vertrag ratifiziert. Im Laufe der Debatte berührte S a l a n - d r a die ©arantiefragen Italiens.
— Die Unruhen t n China lassen deutlich erkennen, daß die Sowjets ihre Hand im Spiele haben. Der russische Botschafter in Peking hat den Chinesen seine Wünsche für die Befreiung Chinas ausgesprochen und Sowjetrußland als das Vorbild der Freiheit hingestellt.
Mas Feindschaft gegen Europa
Schanghai, 5. Juni. Der russische Generalkonsul in Peking und der Vertreter des chinesischen Außenministeriums haben ein Abkommen abgeschlossen, durch das alle Eisenbahnarbeiter in China, die weder Chinesen noch Russen sind, in dieser Woche entlassen werden müssen. Japan erblickt hierin einen Verstoß gegen das im vorigen Jahr mit der Sowjetregierung abgeschlossene Abkommen, nach dem sich Japan und Rußland verpflichteten, ihre gegenseitigen Interessen in China nicht zu untergraben. Rußland ist darüber entrüstet, daß Japan -den Marschall Tschangtsoliuunterstützt, der Peking mili- tätlich und politisch kontrollieren will, der den Abzug des Generals, Feng wünscht und die Zentralregierung von radikalen (Elementen säubern möchte. Rußland fürchtet dadurch, daß der Einfluß des Sowjetbotschafters Karachan gebrochen wird. Japan seinerseits hatte 'ben Vertrag mit Sowjetrußland nur abgeschlossen, weil es eine Isolierung fürchtete und hoffte, die russischen Agenten würden nicht weiter gegen die Japaner in China hetzen.
Der Bund der chinesischen Studenten in Peking hat kürzlich einen Beschluß angenommen, in «dem die Aufhebung aller ausländischen Verträge gefordert wird, und der panchine- sische Ziele verfolgt. Die Studenten gehören fast alle der Kuomintangpartei an, die von Moskau aus finanziert wird, man große Plakate mit der Inschrift: „Nieder mit den englischen und japanischen Imperialisten!^ Die Studenten haben folgende Forderungen erhoben: 1. Abberufung und Bestrafung des englischen Konsuls in Schanghai; 2. Todesstrafe für die Polizeiagenten in Schanghai, die auf die Aufständischen geschossen haben; 3. Entschädigung für die Angehörigen der Opfer; 4. Rückgabe der ausländischen Konzessionen und 5. Abbruch aller wirtschaftlichen Beziehungen mit England und Japan.
Bei dem großen Einfluß, den die Studenten in China haben, sieht man in Tokio auf die Lage mit ernster Sorge. Man glaubt wohl, daß der Aufstand in Schanghai bald unterdrückt werden wird, daß aber die Niederschießung von Studenten in China nachdrücklich ausgebeutet wird, und daß die Lage große Vorsicht erfordere.
Nach einer offiziellen Mitteilung wird die japanische Regierung keine Maßnahmen in Schanghai und dem übrigen China ergreifen, ohne sich mit den übrigen Machten vorher verständigt zu haben. Nach Berichten der Amerikaner sind Anzeichen vorhanden, daß sich die fremdenfeindliche Strömung auf ganz China ausdehnen werde. Nicht nur die Japaner, sondern auch die Vertreter der Großmächte fordern die Einberufung einer Konferenz nach der Wiederherstellung der Ordnung in Schanghai, um die Lage in China zu klären. Sobald Frankreich die Washingtoner Verträge ratifiziert habe, will man zu einer gemeinsamen Beratung schreiten, um an China gemeinsame Forderungen zu stellen. Die machtlose chinesische Regierung in Peking, die ein gemeinsames Eingreifen der Mächte fürchtet, hat an die Großmächte eine Note gerichtet, sie werde eine Commission von hohen Reg-ierungs- beamten nach Schanghai entsenden, um über dw gegenwärtige Lage einen Bericht auszuarbeiten. Auf die chinesische Note ist noch keine Antwort gegeben worden.
In Schanghai dauern inzwischen die Kämpfe an. Die Aufftändischen haben ihre Operationsbasis in dem Vorort Chapei. Dort wurden von ihnen Barrikaden. errichtet. Die Zahl der vor Schanghai liegenden Kriegsschiffe ist folgende: Drei amerikanische Torpedoboote und ein Kanonenboot, drei japanische Kanonenboote, ein französischer Kreuzer und ein Torpedobootszerstörer, ein englisches Kanonenboot und ein italienischer Kreuzer. Die Konsuln von Schanghai haben durch die Gesandtschaften in Peking dringend um die Entsendung weiterer Kriegsschiffe ersucht. Die Landung von Matrosen von den fremden Kriegsschiffen wird fortgesetzt. Die englischen Matrosen werden diejenigen Fabriken besetzen, in denen die Arbeit fortgesetzt wird. Bei den Wasserreservoirs, die bedroht sind, befinden sich Amerikaner. Es wurden Barrikaden errichtet. Die Truppen haben Anweisung, bei Angriffen scharf zu schießen. Die Zeitungen erscheinen nur teilweise. Die Licht- und Kraftversorgung leidet unter dem Streik. Alle Fremden wurden mit Waffen versehen, um sich verteidigen zu können. Auch die Frauen wurden organi- siert. An dem Streik in Schanghai sind nach neueren Meldungen ungefähr 300 000 Mann, in der Hauptsache Kulis, beteiligt. Anscheinend am wenigsten betroffen ist die französische Kolonie. Durch das Gintreffen des französischen Kriegsschiffes „Jules Fery" fühlt man sich anscheinend bei den Franzosen am meisten sicher.
Fremdenfeindliche Kundgebungen werden ferner aus Mukden und Kanton gemeldet. In Kanton ist der Eisenbahnverkehr der Stadt infolge der dort ausgebrochenen Unruhen lahmgelegt. Man nimmt bedeutende Truppen^bewe- gungen wahr und befürchtet einen kommunistischen Handstreich. Kanton ist bekanntlich das Kommunistenzen-trum von China. In Peking, wo man nach dem Beginn des Streikes der Studenten mit großen Protestkundgebungen rechnen muß, haben die auswärtigen Legat-ionen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und Posten ausstellen lassen. Nach amerikanischen Mitteilungen hat das amerikanische Staatsbepartement einen offiziellen Bericht erhalten, wonach die Unruhen in Schanghai von der Pekinger Sowjetbotschaft und dem Sowjetkonsulat hervorgerufen worden sein sollen.
Die Beratung der Botschafternoie.
4- Berlin, 6. Juni. Unter dem Vorsitz des Reichspräsidenten beschäftigte sich Freitag mittag zwölf Uhr das Reichskabinett mit der Entwaffnungsnote der Botschafterkonferenz. Reichsaußen-, Reichswehr-, Reichswirtschafts- und Reichsfinanzminister, denen eine Ueberfetzung der Note schon vor- liegt, nahmen in kurzen Referaten zu den Stellen des Schriftstückes, deren Inhalt sich auf ihre Refforts bezieht, Stellung.
Man darf wohl annehmen, daß der Kabinettsrat Anlaß zu weiteren Verhandlungen und Rückfragen nehmen wird und daß schließlich die Entscheidung von dem Ergebnis der Genfer Beratungen des Völkerbundrates abhängig sein wird.
Es ist das die erste offizielle Stellungnahme von deutscher Seite. Alle schon in ausländischen Blättern aufgetauchten Berichte über den Eindruck der Note in offiziellen deutschen Kreisen und, daß dieser Eindruck sehr ungünstig gewesen sei, sind deshalb freie Erfindungen. Auch sind authentische Mitteilungen über den Inhalt des Schriftstückes in Berlin noch nicht gemacht worden. Die Ministerpräsidenten der Länder sind für Anfang der nächsten Woche von der Reichsregierung nach Berlin berufen worden. Die gemeinsamen Beratungen werden auf Grund des Ergebnisses des Ministerrates fortgesetzt werden.
Der Kabinettsrat.
Berlin, 6. Juni. Der unter Vorsitz des Herrn Reichs- as^ W-;»
Inhalt des Memorandum2 sowie über die wei- tere Behandlung der Angelegenheit statt.
Die Veröffentlichung der Kontrollnote.
Die Kontrollnote ist veröffentlicht worden. Sie enthält folgendes:
L der deutschen Regierung im einzelnen die Verfehlungen Deutschlands und seine Verpflichtungen zur Kenntnis zu bringen, so wie sie nach den milstärischen Klauseln des Versailler Vertrages vorgeschrieben sind, und
2. die Maßnahmen vorzuschreiben, die das Reich ergreifen muß, um die festgestellten Verfehlungen wiedergutzumachen und um . dementsprechend nach Art. 429 die Räumung der Kölner Zone zu erlangen.
Die verbündeten Regierungen stellen fest, daß es allein von dem guten Willen der deutschen Regierung abhängt, die Verfehlungen in einem relativ kurzen Zeitraum wiedergutzumachen. Nach diesen Wiedergutmachungen, die nach Art. 429 getreulich erfüllt werden müssen, werden die verbündeten Regierungen unverzüglich bereit sein, den Befehl zur Räumung der Kölner Zone zu geben. Es hängt also lediglich von der deutschen Regierung der Zeitpunkt dieser Räumung ab.
Die Note bemerkt, daß, wenn diese Räumung nicht am vergangenen 10. Januar hat stattfinden können, die Schuld lediglich das Berliner Kabinett trifft, das bis zu diesem Datum ebensowenig wie bis heute seinen Abrüstungsverpflichtungen getreulich nachgekommen ist. Endlich weisen die alliierten Regierungen auf den (Ernst hin, den die Gesamtheit der deutschen Verfehlungen und seiner militärischen Verpflichtungen (?) dar- stellt: Militarisierung der Polizei, unvollständige Zerstörung der Fabriken, Depots und Werkstätten, überschüssiges Material, Re- Organisierung des Großen Generalstabes usw. Wollte man diese Verletzungen durchgehen lassen, so würden sie der deutschen Re- gierung gestatten, wieder eine ständige Armee in formellem Widerspruch zum Versailler Vertrag aufzurichten.
Der sogenannten Kollektivnote sind Anhänge beigefügt, welche betreffen:
1. den Stand der Ausführung der militärischen Klauseln des Vertrages,
2. die wichtigsten Klauseln, die Deutschland noch nicht erfüllt hat,
3. die Liste der notwendigen Wiedergutmachungen, damit die militärischen Klauseln des Vertrages als getreulich erfüllt angesehen werden können.
Die englisch-französischen Verhandlungen in der SicherheitSfrage.
❖ Paris, 6. Juni. Die französische Antwort auf die englische Note wurde, wie am Quai d'Orsay verlautet, Freitag abend nach London abgesandt. Da die französische Antwortnote an Deutschland erst bei Ausgang der Sitzung des Völ- kelbuudrates abgesandt werden soll, ist nicht vor dein 15. Juni mit der Eröffnung offizieller Verhandlungen zu rechnen. Im übrigen wird angenommen, daß Briand und Ehamberlain ihren Genfer Aufenthalt dazu bemchen werden,
um gewisse noch schwebende Fragen zu klären. Es wird erklärt, daß in Fragen der Abrüstung zwischen Frankreich und England nahezu völliges Einvernehmen herrschte. Die Blätter weisen darauf hin, daß Deutschland jetzt das Wort habe. Der „Temps" nimmt trotz der gereizten Kommentare in einem Teil der deutschen Presse nicht an, daß Deutschland unter dem Vorwand der Richträumung Kölns das Siche- ruugsangebot wieder zurückziehen werde. Die deuffche Re- giernug wäre sich klar, daß sonst sämtliche Vorteile seit An- nähme des Dawesgutachtens wieder r^rlorengehen würden. Schon wegen des Eindruckes auf die öffentliche Meinung Großbritanniens und Amerikas werde Stresemann sich vor einem übereilten Schritt in acht nehmen, um so mehr, als die Folgen einer neuen Auflehnung Deutschlands (!) denkbar ungünstig wären. Das bringe auch die heute abgesandte Ab- Tüftungsnote unzweideutig zum Ausdruck, indem sie ausdrücklich feftfteUe, daß die beschleunigte Räumung der Kölner Zone nur eine Frage des guten deutschen Willens sei. Man kann unmöglich annehmen, sagt der „Temps", daß eine deuffche Regierung durch Auflehnung eine weitere Hinaus- schiebung der Räumung der Kölner Zone auf sich zu nehmen gewillt ist.
Der Versailler Vertrag durch Italien ratifiziert.
- Rom, 6. Juni. In der italienischen Kammer fand am Donnerstag die Aussprache über die Ratifizierung des Versailler Vertrages statt. Der erste Redner, der Kommunist Riboldi, verwarf ben Friedensvertrag, weil er die Ursache neuer Konflikte sei. Salandra trat für die Ratifizierung ein. Er hob hervor, daß die Friedensverträge Italien das Recht gäben, alles zu tun, um einen Anschluß Oesterreichs an Deutschland zu verhindern. Der Sicherheitspakt wäre die beste Lösung. Wenn die Brennergreuze jemals bedroht wäre, würden alle Italiener dort stehen. Nachdem noch iÄr Referent, der Faschist Jimoli, in kurzen Worten zum Ver- sailler Vertrag Stellung genommen hatte, wurde der Vertrag ratifiziert. Mussolini, der an der Sitzung teilnahm, hat
Das neue Verfahren zur Regelung Danzig-polnischer Streitfälle.
£ Danzig, 6. Juni. Auf der letzten Tagung des Dölker» bundrates war dem Berichterstatter für die Danziger Fragen, Quinones de Leon, aufgegeben worden, dem Rat Vorschläge für ein Verfahren zur Behandlung von Streitfragen zwischen Danzig und Polen vorzulegen. Der Referent hat nunmehr einen Entwurf ausgearbeitet, über den der Rat voraussichtlich in der kommenden Woche entscheiden wird. Nach diesem Entwurf hat sich der Völkerbundkommissar bei Streitfällen zunächst davon zu überzeugen, ob sie sich durch direkte Der- Handlungen erledigen, lassen. Er hat das Recht, beide Teile vorzuladen und Verhandlungen zu führen, womit ihm das Amt eines Schlichters übertragen morden ist. Auch sollen die Vorladungen jetzt zwingend sein. Danzig ist mit dem Vorschläge ohne Vorbehalt einverstanden. Polen dagegen nimmt ihn zwar grundsätzlich an, ist aber gegen die Zwangs- vflicht des Erscheinens zu den Verhandlungen. Artikel 2 des Entwurfs setzt eine Frist fest, binnen der die Beantwortung eines Antrages der einen Partei von der anderen erfolgen muß. Erfolgt diese Beantwortung nicht, so hat der Hohe Kommissar das Recht, ohne diese Antwort die Vorladung zu verfügen. Polen wird auf diese Weise sein bisheriges Verführen der Verschleppung einer Angelegenheit vereitelt. Ferner wird die Mitwirkung von Sachverständigen von der ersten Instanz an geregelt. In der Kostenfrage wird vorgeschlagen, daß der Hohe Kommissar berechtigt sein soll, über die Verteilung der Kosten zu bestimmen. Der letzte Artikel bestimmt die Frist für etwaige Berufungen.
Kabinettsrat in Paris.
❖ Paris, 6. Juni. Der Ministerrat beschäftigte sich mit der Lage in Marokko. Nach dem offiziellen Kommunique spielen sich keine besonderen Kampfhandlungen ab. Die Lage gebe zu keinerlei Sorge Anlaß. Bei Ausgang der Sitzung erklärte Briand im Hinblick auf die Garantievertragsverhandlungen, daß er ein volles Einvernehmen mit Groß- britannien herbeiführen werde. Die Antwort auf das deutsche Sicherheitsangebot werde erst gegen Ende der Sitzung des Völkerbundrates nach Berlin gesandt werden. — Caillaux erklärte auf Befragen, daß die Devisenhausse sich durch die Rohstoffkäufe der Baumwollindustrie erklären lasse, welche zu dieser Zeit des Jahres große Geschäftsab- schlüsse vornehme. Es könne in diesem Augenblick keine Rede davon sein, Geldreserven zur Durchführung einer Stützungsaktion auf den Markt zu werfen, da die Hausse nicht durch Spekulation hervorgerufen worden sei.
Ministerpräsident P n i n l e v v hat sich vor den vereinigten Senatsausschüssen für auswärtige Angelegenheiten und für Heeresangelegenheiten über die Lage in Marokko ausgesprochen. Er erklärte, daß die ersten Truppen- verstärkungen schon im Monat Februar abgegangen sind, und daß damals Vorkehrungen getroffen wurden, neue Berstär- kungen schon im April abzusenden. Im März sei ein dringender Ruf des Marschalls Luauten nach Verstärkunaen einae-