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Hersfelöer Tageblatt

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Nr. 129

Freitag, den 5. Juni

1925

Das Wichtigste.

— Die Kontrollnote ist am Donnerstag mittag in Berlin überreicht worden. Die Note wird am Sonnabend früh veröffentlicht.

— Die Lage in Schanghai ist ernst. Die Zahl der Streikenden nimmt zu. Es ist zu blutigen Kämp­fen in i t den Fremden gekommen.

— Nach offiziellen Mitteilungen 'aus Washington ist Amerika an den europäischen Fragen unin - t e r e s s i e r t; es beabsichtigt nicht, in Eruopa irgendwie ein- zugreifen.

Die Hof der deMmMmdecheilen.

Bon Dr. Konrad Döring.

Die gewaltigen großdeutschen Tagungen in Münster und Kufstein haben wieder einmal die allgemeine Aufmerksamkeit auf die vielen Millionen Deutschen jenseits unserer Grenzen gelenkt. Bor dem Weltkrieg waren die deutschen Minderheiten in den Nachbarländern zahlenmäßig gering. Da man die österreichisch-ungarische Monarchie trotz mancher übler Vor­kommnissen in Sachen Pflege des Deutschtums im ganzen als zu uns gehörig betrachten konnte, blieb als Hauptland mit einer starken deutschen Minderheit Rußland übrig. Hier hatte nach der Ermordung Alexanders II. eine brutale Rufsi- fizierung in den Ostseeprovinzen eingesetzt, die aber keine all­zu verheerende Wirkung hatte, da tieserstehende Kulturen die höherstÄ)ende Grenzzivilisation nur dann aufsaugen können, wenn deren Hinterland versagt, was glücklicherweise nicht völlig eintrat. Eine kleine deutsche Minderheit gab es dann vor dem Kriege noch in Belgien, wo man sie aber ziemlich in Ruhe ließ. Außerdem existierten vorgeschobene deutsche Außenposten in Norditalien und Rumänien, wahrend das Deutschtum der Schweiz und Luxemburgs seine eigenen Wege ging und uns innerlich vielfach entfremdet war. Ein Blick auf historisch Karten lehrt, daß man uns seit Jahrhunderten von Westen nach Osten aufzurollen sucht. Zur Zeit der sali- schen Kaiser und der Hohenstaufen gehörten roch Holland, zu Deutschland, aber schon seit 1300 ist ein Vorschreiten Frankreichs feststellbar. Um 1500 war es bereits bis an die Maas vorgerückt, im Westfälischen Frieden von 1648 schluckte es den Sundgau bei Basel, dann kam das weite Gebiet „Französisch"-Lothringens an die Reihe, ferner die Freigraf- schaft oder Franehe-Comtch wie wir dieses Gebiet leider jetzt nennen und viele andere Distrikte, deren einstige Zugehörig­keit zu Deutschland man schon vergessen hat. Daß die Nie­derlande ebenfalls erst 1648 dem Deutschen Reiche verloren gingen und auch die Schweiz bis dahin wenigstens noch, dem Namen nach zu uns gehörte, ist ebenfalls nicht ohne Be­deutung.

Mit dem Diktat von Versailles nun ist neben dem Auf­rollen von West nach Ost ein ähnlicher Prozeß von Ost nach West, Süd nach Nord und Nord nach Süd eingeleitet worden. Spätere Geschichtsschreiber werden für die Verblendung un­serer Generation, auf derartigen Rassenselbstmord durch Unterschrift einzugehen, nur ein Kopfschütteln Haben. Mit dem Zerschlagen des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs ist trotz aller seiner Mängel erst dessen riesenhafte germanische Kulturmission klar geworden. Wie hat allein die deutsche Heeres- und Verkehrssprache bei den zwei Dutzend Nationen des Donaureiches in unserem Sinne erzieherisch gewirkt. Welch eine Bedeutung hatte die Handelsflagge des Oesterreichischen Lloyd, der die deutsche Sprache nach Ostasien und Afrika trugl Nun haben SUdslaven, Polen, Rumänen und Italiener dieses Erbe angetreten. Keiner dieser Staats kümmert sich um den Minoritätenschutzvertrag vom 28. Juni 1919, und wir Deutsche im Rumpfdeutschland ahnen nicht, welches Glück wir eigentlich immer noch im -freien Gebrauch uns erer Sprache genießen dürfen. In den Nachfolgestaaten Oesterreich-Ungarns werden die «deutschen Schulen unterdrückt, die Presse verfolgt, unkundige und unfähige Beamte aus kulturell finsteren Lan­desteilen in deutschsprachige Orte gesetzt und unsere Jugend zum Militärdienst unter uns feindliche Fahnen gezwungen. Der einzige Staat, der dem deutschen (Element auf geistigem Gebiet Bewegungsfreiheit eingeräumt hat, ist Estland; Lett­land dürfte vielleicht folgen, nachdem die Deutschen größten­teils dort ihrer Habe und ihres Gutes beraubt und wirtschaft­lich lahmgelegt worden sind. Die anderen Länder aber haben bei uns ein langes Konto auflaufen lassen. Es bleibt das Verdienst des Deutschen Schutzbundes und des Vereins stur das Deutschtum im Ausland, immer wieder durch wuchtige Atassenkundgebungen der Welt zu zeigen, daß dre 30 Mil­lionen Stammesbrüder draußen nicht vergehen sind, und «daß wir im Geiste bei ihnen ausharren. Nach innen haben diese Tagungen «die erfreuliche Wirkung, beruhigend auf den elen­den Parteihader zu wirken und den Blick hinauszulenken von dem beengten Kreise der Heimat. Zu den vielen Opfern, die uns von unseren Feinden auserlegt worden sind, muß das freiwillige Opfer für die Erhaltung des Deutschtums im Aus­lande treten. Ein jeder Teil germanischen Dolkstums, «der jenseits der augenblicklichen willkürlichen Stengen zertreten wird, geht uns hier im eigenen Lande verloren. Denn allent­halben drängt der Raffenfremde noch, immer enger soll sny der eiserne Gürtel um das uns noch verbliebene wehrlose we- biet ziehen. Leisetreterei und übergroße RUcksichtnahnie auf materielle Belange ist bei der Wichtigkeit des auf dem Spiele

Stehenden nicht angebracht. Es wäre durchaus vonnöten, daß auch von maßgebenden deutschen Stellen aus Schritte getan wurden, um die derzeitigen Gewalthaber der von uns Gerissenen zur Jnnehaltung ihrer friedlich übernom­menen Verpflichtungen schon im eigenen Interesse anzuhalten, denn «das Rad der Weltgeschichte geht weiter seinen unauf- haltsamen Gang. Es werden, wenn auch vielleicht erst in Jahrzehnten, Zeiten kommen, da wir Rechenschaft fordern können für die Seelen der Deutschen in der Jrredenta.

Die Konirollnoie überreicht.

£ Halbamtlich wird mitgeteilt:

Die Botschafter Englands, Frankreichs, Italiens und

Japans sowie der belgische Gesandte haben Donnerstag mit­tag dem Reichskanzler die Kollektivnote übergeben, in der die Alliierten Regierungen der Reichsregierung die Blaß- nahmen mitteilen, von denen sie die Räumung der nördlichen

Rheinlandzone abhängig machen.

Der englische Botschafter erklärte dabei:

„Entsprechend dem am 5. und 26. Januar befolgten Ver­fahren habe ich die Ehre, Eurer Exzellenz im Namen meiner Kollegen und in eigenem Namen eine gemeinsame Note un­serer Regierungen über die Voraussetzungen der Räuniung der Kölner Zone auszuhändigen."

Der Reichskanzler nahm die Note mit folgender Antwort entgegen:

„Seit der Uebergabe der alliierten Noten am 5. und 26. Januar, auf die Eure Exzellenz soeben Bezug genommen haben, hat die Reichsregierung sowohl bei der «Beantwortung jener Noten, als auch bei anderer Gelegenheit wiederholt Anlaß genommen, ihren Standpunkt in der Frage der Räu­mung der nördlichen Rheinlandzone darzulegen. Ich nehme auf diese Erklärungen Bezug. Die mir übergebene Note wird von der Reichsregierung unverzüglich geprüft werden. Die Reichsregierung wird sodann Entscheidungen über ihre wei­teren Maßnahmen treffen." ; morgen veröffentlicht werden.

Die Militärkontrollnote stellt ein sehr umfangreiches Do­kument dar. Sie besteht aus einer Mantelnote im Um­fange von wenigen Seiten, in der, wie bereits aus auslän­dischen Meldungen bekannt wurde, im wesentlichen die poli­tischen Voraussetzungen erörtert werden, unter denen die al­liierten Regierungen zur Räuniung derKölnerZone schreiten wollen. Den größten Teil der Note nehmen die Anlagen in Anspruch, die den Niederschlag des Berichtes der Militärkontrollkommission bilden. Hier sind in aller Aus­führlichkeit alle Beschwerdepunkte aufgezählt, welche die Kon­trollkommissionen in ihrer monatelangen Tätigkeit gesammelt haben. Die wichtigsten Beschwerden gruppieren sich um die Fragen der Polizeiorganisation, der Umstellung industrieller Werke und den angeblichen deutschen Generalstab. Die Note wird zunächst im Auswärtigen Amt aus dem französischen Urtext übersetzt, was angesichts des Umfanges und der Schwie­rigkeiten des viele technische Einzelheiten betreffenden Textes bis zum Freitag dauern wird. Dann werden die in erster Linie beteiligten Ressorts, also das Außenministerium und das Reichswehrministerium, in eine Prüfung der Note und ihrer Forderungen einzutreten haben, und erst dann kann das Reichskabinett in einer gemeinsamen Sitzung zu diesem Dokument Stellung nehmen. Eine Kabinettssitzung in dieser Frage ist noch nicht angesetzt, abgesehen davon, daß gegen­wärtig noch vier Minister, nämlich von Schlieben, Geßler, Krohne unb Graf Kanitz, außerhalb Berlins weilen. Eine Beantwortung der Note kommt selbstverständlich erst nach sehr eingehenden Prüfungen und Beratungen und auch erst nach einer Fühlungnahme der Regierung mit den Reichstags­fraktionen bzw. den Parteiführern in Betracht. Die Bespre­chungen mit den Parlamentariern werden voraussichtlich erst in der nächsten Woche vorgenommen werden.

Die Botschafternote eine Antwort Frankreichs.

^ London, 5. Juni. Die Note an Deutschland wird technisch den Charakter einer Antwort Frankreichs tragen, aber gleichzeitig die Billigung sowohl Englands wie Italiens und Belgiens erhalten. Auch die englischen Dominions sind über die englische Anschauung unterrichtet worden, jedoch sind die Verhandlungen noch nicht als endgültig abgeschlossen zu bezeichnen.

Englands Bedenken zum Sicherheitspakt.

^ London, 5. Juni. Obwohl die amtlichen Stellen nach wie vor eine außerordentliche Zurückhaltung in ihren Aeuße­rungen über den gegenwärtigen Stand der Dinge zeigen, kann dennoch alles, was insbesondere aus Paris über angeb­liche Zugeständnisse Englands berichtet wird, als verfrüht oder unrichtig bezeichnet werden. Nachdrücklich wird hier darauf hingewiesen, daß die englische Regierung keinerlei Vereinbarungen oder Verträge abschließen könne, die Eng­land zu einer Teilnahme an einem europäischen Konflikt ver­pflichten würden.. Der Pariser Korrespondent der „Man­chester Guardian" teilt mit, England habe auf die Frage, ob

der Begriff der Gegenseitigkeit in dem Sicherheitspakt den

Sinn habe, daß ein französischer Einmarsch in das neutrali­sierte Rheinland in Erfüllung der militärischen Verpflichtung Frankreichs gegenüber Polen und der Tschechoslowakei als ein Bruch eines Sicherheitsvertrages betrachtet würde, die Ant­wort erteilt, daß eine solche Möglichkeit keinen Bruch be­deuten würde. Diese Antwort habe die gegenwärtige allge­meine Erleichterung und Freude in Frankreich verursacht. In London wird jedoch, wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, nach wie vor an dem Standpunkt festgehalten, daß man über derartige Einzelheiten zurzeit noch keinerlei Meinung kundgeben könne, da die Verhandlungen bisher lediglich akademischer Natur gewesen seien. Die Ansicht gutunterrich­teter Beurteiler der Lage geht dahin, daß gegenwärtig weder die Pariser, noch die Londoner Aeußerungen viel Glauben verdienen. Zweifellos handelt es sich hierbei meist um Versuchbal­lons. Der leitende Gesichtspunkt der englischen Politik be­steht, wie immer wieder betont wird, darin, die europäischen Verpflichtungen Englands nach Möglichkeit zu vermindern, nicht aber sie zu vergrößern.

Briands Antwort an England.

Paris, 5. Juni. Wie die Pariser Blätter melden, hat Briand mit Berthelot und Laroche an der Abfassung der Note gearbeitet, die wahrscheinlich Donnerstag abend als Antwort auf «das britische Garantievertragsmemorandum nach London abgegangen ist. Trotz der Zusammenkunft mit Cham- berlain in Genf beabsichtigt Briand, das britische Memoran­dum so ausführlich wie möglich zu beantworten. Die Ant­wortnote wird besonders ausführen, weshalb Frankreich in seinem Antwortentwurf auf das deutsche Angebot betont, daß Schiedsgerichtsverträge auf keinen Fall die Territorialver- tragsbestimmungen zum Gegenstand haben dürfen.

Chamberlain und Briand Sonnabend in Genf.

Genf. 5. Juni. Nach einer Londoner Meldung^M_LLL EltfchMMMWiWWWmSerim!-, der seine Reise zur Genfer Völkerbundtagung am Sonnabend abend an tritt, sie von Paris aus gemeinsam mit Briand fortsetzen. Beide Außenminister werden Sonntag abend in Genf erwartet.

Die Rheinlandkommiffion schützt Vaterlandsverräter.

^ Koblenz, 5. Juni. Die Rheinlandkommission hat eine Verordnung erlassen, die sich mit der Ueberführung von Ge- fangenen aus den deutschen Gefängnissen des besetzten Ge- bietes in Gefängnisse im unbesetzten Gebiete befaßt. Die Verordnung hat in der Hauptsache folgenden Wortlaut: In­nerhalb einer vom Tage dieser Norankündung ab zu berech­nenden Frist von zwei vollen Tagen (Sonn- und Feiertage ausgenommen) kann jeder Gefangene, der die in den Ver­ordnungen der Hohen Kommission Nr. 27, 70 und 90 vor­gesehenen Vorrechte beansprucht, oder behauptet, daß seine Ueberführung ins unbesetzte Gebiet den Zweck hat, ihn des Vorteils dieser Vorrechte zu berauben, der Gefängnisbehörde ein an die Hohe Rheinlandkommission gerichtetes Gesuch über­mitteln. Die Verordnungen 9lr. 27 und 70 sichern den Schutz der Personen, die im besetzten Gebiet Finanz-, Handels- oder Bankgeschäfte mit der ausdrücklichen oder stillschweigenden Genehmigung der Besatzungsbehörde während des Waffen- ftiUftgnbes ausgeführt sowie verwaltungstechnische oder po- litische Handlungen während desselben Zeitabschnittes vor­genommen haben. Die Verordnung Nr. 90 schützt die Per- fönen, die etwa Gegenstand von Strafmaßnahmen wegen der den Besatzungsbehörden geleisteten Dienste oder der zu den genannten Behörden unterhaltenen Beziehungen sind. Jede unbegründete Eingabe setzt den Gesuchsteller einer Strafe bis zu 1000 Reichsmark und im Falle der Nichtzahlung einer Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten aus. Die Gefängnis- direktoren müssen den Delegierten in den Kreisen die Erfül­lung dieser Formalität durch Vorlegung eines von dem be­treffenden Gefangenen gekennzeichneten Exemplars der An­zeige nachweisen.

Die Forderungen der deutschen Bauernschaft.

^ Trier, 5. Juni. Unter dem Vorsitz des Präsidenten des Badischen Bauernvereins, Staatsrats Dr. Weiß- Haupt, wurde in Trier der diesjährige Deutsche Bauern- tag eröffnet. In mehrstündigen Verhandlungen wurden die wichtigsten Fragen erörtert, die gegenwärtig die deutsche Wirtschaft bewegen. Die von den behördlichen Kreisen er- strebte Verlängerung dkr Pachtschutzordnung über das not­wendige Maß hinaus wurde entschieden abgelehnt, während in bezug auf die Sozialversicherungsgesetzgebung in Zukunft allen Bestrebungen, die auf eine weitere Belastung der Wirt- schaff hinarrsliefen, entgegenzutreten verlangt wurde. Die Deutschen Bauernvereine lehnen es nach wie vor ab, sich zu parteipolitischen Wahlorganisationen herabwüicktigen zu lassen; sie seien Berufsorganisationen, die grundsätzlich zu allen politischen Parteien, soweit sie auf rechtlicher Grundlage stünden, Beziehungen unterhielten. Im Mittelpunkt der wei­teren Beratungen stand die Z o l l v o r l a g e, wobei sich die Versammlung einstimmig zu der Auffassung bekannte, daß Das Dorkriegsverhältnis zwischen landwirtschaftlichen und in­dustriellen Zöllen unbedingt in vollem Umfang wiederherge»