Hersfelöer Tageblatt hersfel-er Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfelö
Nr. M Mittwoch, den 13. Mai 1925
Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzelle 10 Pfg. für crntlidie und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., die Reklamezelle so Pfg. Bei Wiederholungen Dadilah. + Für die Sdirlftleituna nerantwortlich Franz Funk in Bersfeld. + Fernsprecher Dr. 8.
Der Bezugspreis beträgt durch die Pol! bezogen monatlich 1.— (Dk., ausscbiieBL Bestellgeld, für Bersfeld L— Mk. bei freier Zustellung, Abholer —.80 Mk. * Druck und Verlag non hudwlg Funks Buchdruckerei in Bersfeld, (Ditglied des VDZV.
Das Wichiigsie.
— Im Reichstage fand am Dienstag mittag die feierliche BereidigungHindenburgs statt. Der neue Reichspräsident hat einen Aufruf an das deutsche Volk und einen Erlaß an die Wehrmacht ergehen lassen.
— Die E n t s ch e i d u n g der Alliierten über die Entmaffnungs- und Räumungsfrage scheint wieder verschleppt zu werden.
— Frankreich zieht in Marokko große Truppenmassen zusammen und bereitet eine große Operation gegen die Rifkabylen vor.
HindeilbUgs Einzug in Jerlin.
Am Ausgang des Bahnhofes Heerstraße wartet das Auto des Reichspräsidenten. Neben dem Chauffeur uW seinem Begleiter liegt zusammengerollt die Reichsstandarte. Zwei Minuten vor der fahrplanmäßigen Zeit rollte der v-Fug Hannover—Berlin in die Halle des Bahnhofes Heerstraße. Der erste Wagen nach dem Gepäckwagen war der Salonwagen des Reichspräsidenten. Sofort nach der Ankunft entstieg Generalfeldmarschall von Hindenburg dem Wagen, zuerst begrüßt von Reichskanzler Dr. Luther. Zur Linken des Kanzlers stand sein weißgekleidetes zchnjähriges Töchter- chen, das mit einem kleinen Gedicht dem neuen Reichspräsidenten einen Blumenstrauß überreichte.
Die nach unzähligen Tausenden zählende Menschenmenge geriet in. fieberhafte Aufregung, und nur mit aller Mühe kann die absperrende Schupokette das Ueberschwemmen der breiten Straße verhindern. In einem offenen Auto fahren der Berliner Polizeipräsident Dr. Friedensburg und Oberst Kaupisch, der Kommandeur der Schupo, voraus. Neben dem Reichspräsidenten saß der Reichskanzler Dr. Luther. Hindenburg lüftete seinen Hut und dankte so den andauernden Willkommengrüßen. In einem dritten Wagen folgten der Sohn des Reichspräsidenten und seine übrigen Angehörigen. Zwölf Flugzeuge begleiteten das Auto des Reichspräsidenten, Brandenburger Tor ließ ein Flieger einen großen Lorbeerkranz mit einer Schleife in den Landesfarben nieder- fallen. Bei der Einfahrt in die Wilhelmstraße verlangsamte das Auto des Reichspräsidenten die Fahrt. Nach wenigen Augenblicken bogen die Autos in den Vorgarten des Reichskanzlerpalais ein.
Mit dem Generalfeldmarschall von Hindenburg waren seine Tochter und sein Schwiegersohn, Herr von Brockhusen, sowie sein Sohn, Major von Hindenburg, im Salonwagen angekommen. Der Generalfeldmarschall trug schwarzen Mantel, hohen Hut und Stock. Nach dem Reichskanzler begrüßte er den Reichsinnenminister Dr. Schiele, Reichswehr- minister Dr. Geßler, Staatssekretär Dr. Meißner, General von Seeckt, zog Oberbürgermeister Dr. Böß in ein kurzes Gespräch und ließ sich dann Admiral Zenker, den Stadtkommandanten von Berlin, und den Vertreter des Wchr- kreiskommandos vorstellen. Als letzten begrüßte er den stellvertretenden Polizeipräsidenten Dr. Friedensburg.
Ruhiger Verlauf der kommunistischen Gegendemonstrationen.
Die von den Kommunisten einberufenen Kundgebungen gegen Hindenburg sind ohne Zwischenfälle bei geringer Beteiligung verlaufen. Auch die Unfallziffer ist trotz der ungeheuren Menschenansammlungen beim Einzug des Reichspräsidenten verhältnismäßig niedrig geblieben. Etwa 40 Ohnmächtige wurden auf den Unfallstellen abgeliefert.
Die ausländische Presse zu Hindenburgs Einzug. Die englische Presse.
Die Londoner „Times" benutzen den Einzug Hindenburgs zu einer nochmaligen Würdigung der Persönlichkeit des neuen deutschen Reichspräsidenten und heben hervor, daß er ein pflichttreuer Soldat gewesen sei, der die Stärke und Aufrichtigkeit seines Charakters am meisten daduLch gezeigt habe, daß er nach der Niederlage inmitten der Revolution und mit dem Schauspiel der Flucht aller Symbole des alten Reiches vor Augen, die deutsche Armee heimgeführt habe. Es sei nicht überraschend, daß er sich den Respekt und die Dankbarkeit des deutschen Volkes bewahrt habe. Die Wahl Hindenburgs sei erklärlich und an sich nicht beunruhigend-. Die übrigen Blätter beschränken sich lediglich auf die Wiedergabe der Berichte ihrer Berliner Korrespondenten. „D a i l y E x p r e ß" schreibt, daß Hindenburg auf seinem sechs englische Meilen langen Wege mit großer Begeisterung begrüßt worden sei, und daß die Straßen von 30 Reihen Zuschauern umsäumt gewesen seien.
Die Pariser Presse.
Die Pariser Blätter veröffentlichen spaltenlange Berichte Wer den Einzug Hindenburgs in Berlin. Der Berichterstatter des „I o u r n a I" schreibt, man hätte den Eindruck gehabt, daß sich die Gefühle der Menge in einer tiefen Verehrung für den Marschall äußerten, der dem Volke das Symbol des Wiedererwachen's deutscher Kraft bedeute.
Die New-Zorker Presse.
Die Berliner Berichte über den Einzug Hindenburgs sind zwar in der New-Porker Presse groß aufgezogen, aber
sämtliche Zeitungen enthalten sich der Kommentare. Sie stellen lediglich den ruhigen Verlauf der Einzugsfeierlichkeiten fest, was sie in den Ueberschriften zum Ausdruck bringen-.
Eine Verletzung der diplomatischen Gepflogenheiten.
Der Quai d'Orsay teilt mit: Frankreich, England und Italien haben beschlossen, an den General- feldmarschall von Hindenburg anläßlich bet Uebernahme des Amtes als Reichspräsident keine Glückwünsche zu richten und es bei dem bloßen HösliWeitsbesucht ihrer Berliner Botschafter bewenden zu lassen. ‘
Auf dem Wege zum Reichstag.
Wo man hinhört, auf der-Straßenbahn, auf den Wegen, die zum Reichstag führen, klingt dieses eine Wort. Alt« Herren, manche noch mit dem Eisernen Kreuz von 1870, alte Frauen, rüstige Leute, und die Jugend, alles strömt dem kurzen Wege zu, der von der Wilhelmstraße nach dem Reichstag führt, auf dem Hindenburg fahren wird.
Auf dem Reichstagsgebäude sind die Fahnen in den Farben des Reiches hoch-gezogen. Auch am Haupteingang flattern Flaggen, vor allem die Reichskriegsflagge mit dem Eisernen
Am Brandenburger Tor.
Der Raum um das BrandeWurger Tor ist in weitem Umkreise abgesperrt. Me eine Längsseite des Pariser Platzes ist von der Reichswehr flankiert. Auf der anderen Seite können die glücklichen Besitzer von Passierscheinen ungestört flanieren. Im Hintergründe berittene Sicherheitswachen. Die Fenster und Balköne der umliegenden Häuser sind dicht besetzt; selbst auf das Brandenburger Tor haben sich einige Neugierige verstiegen. Um %11 Uhr taucht ein Aeroplan auf, der um das BrandeWurger Tor beständig seine Kreise zieht. Plötzlich geht ein Ruck durch die Massen. Brausende Hoch- und Hurrarufe ertönen, und man ficht an der Wilhelm- >i|!gaHlMMWgfMM nach den
biegen. Hoch und aufrecht ragt die ehrwürdige Gestalt Hin- denburgs in die Höhe, umbraust von den Iubelrufen der Zu- schauer. Die Fahrt zum Reichstage gleicht einem Triumphzuge sondergleichen.
Im Reichstag.
Der große Sitzungssaal des Reichstags ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Mehr als 2000 Personen wohnen im Sitzungssaale und auf den Tribünen dem feierlichen Akt der Vereidigung des Reichspräsidenten vonHin den bürg sei. In der Diplomatenloge hatten sich die Vertreter der fremben Länder eingefunden. Am Regierungsiisch hatte Reichs- kanzlervr. Luther mit sämtlichen Reichsministern Platz genommen. Alle Reichstagsfraktionen sind fast vollzählig vertreten. Bei den Völkischen sieht man auch Luden- dorff. Die meisten Abgeordneten haben feierliches schwarzes Gewand angelegt.
Die Vereidigung des Reichspräsidenten.
Eine Minute nach zwölf Uhr betritt Reichstagspräsident Löbe und hinter ihm Reichspräsident v. Hindenburg die Präsidialtribüne des Sitzungssaales im Reichstage. Als der Reichstagspräsident das Wort zu seiner Ansprache nehmen will, brüllen die Stommuniften, an der Spitze der Abg. Höllein: „Nieder mit dem Monarchisten!", ein Ruf, der in der Mitte und auf der rechten Seite des Hauses zunächst Entrüstungsrufe, dann aber ein allgemeines „Hoch"-Rufen auslöst.
Reichstagspräsident Lobe:
„Herr Feldmarschall!
Das deutsche Volk hat in seiner Abstimmung am 26. April d. J. Sie zum Präsidenten des Reiches gewählt, und Sie damit auf den höchsten und ehrenvollsten Platz der deutschen Republik berufen. Der Artikel 42 der Reichsver- fassung von Weimar schreibt vor, daß der Reichspräsident vor der versammelten Volksvertretung den Eid auf die Verfassung ablegt. Zu dieser feierlichen Handlung habe ich den Reichstag heute zusammenberufen. Ich überreiche Ihnen die Eidesformel und bitte Sie, den vorgeschriebenen Eid abzulegen."
Reichspräsident von Hindenburg übernimmt nun die Mappe mit der Eidesformel aus den Händen des Reichstagspräsidenten nud leistet, neben Präsident Löbe stehend, den Eid in folgendem Wortlaut: „Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, feinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die Verfassung und die Gesetze des Reiches wahren, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen Jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe!"
Der Reichspräsident sprach den Eid langsam, mit besonderer Betonung der einzelnen Worte, wobei er die Wen- dung am Schlüsse des Eides „Gerechtigkeit gegen Jedermann" mit erhobener Stimme zum Ausdruck brächte. Die Kommunisten hatten inzwischen den Saal verlassen. .
Nach Ablegung des Eides ergriff Reichstagspräsident Löte das Wort zu einer Ansprache:
„Herr Reichspräsident!
Durch die Leistung des Eides sind Sie dem deutschen Volke soeben verpflichtet worden. Ich begrüße Sie namens der Volksvertretung und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß während Ihrer Amtszeit es Ihnen gelingen möge, den in den letzten Jahren unter Ihrem Vorgänger, dem Reichspräsidenten Ebert, begonnenen wirtschaftlichen Wiederaufbau unseres Landes fortzusetzen, und die mit Erfolg ungebahnte außenpolitische Befriedung weiterzuführen, damit die furchtbaren Nachwirkungen des Krieges und der Rach- folgezeit, unter denen noch heute Unzählige unserer Landsleute leiden, allmählich beseitigt werden. Vielerlei Hoff» nnngen verbinden sich, wie Ihnen, Herr Reichspräsident, bekannt ist, mit jedem Wechsel in den leitenden Stellen des Reiches. Möge es dem Zusammenwirken der berufenen Personen und Körperschaften gelingen, wenigstens das er- ullbare Maß aller Wünsche ihrer Verwirklichung näher zu uhren, und auch nach außen hin das Deutsche Reich als riedliches und gleichberechtigtes Glied in die europäisch« Völkerfamilie einzureihen. Von diesen unseren Wünschen begleitet, übernehmen Sie, Herr Reichspräsident, Ihr hohes Amt."
Reichspräsident v. Hindenburg erwiderte hierauf: „Sehr geehrter Herr Reichstagspräsident!
Nehmen Sie meinen herzlichen Dank für die Worte der Begrüßung entgegen, die Sie zu mir soeben im Namen der deutschen Volksvertretung gesprochen haben, nachdem ich gemäß der republikanischen Verfassung vom 11. August 1919 den Eid als Reichspräsident geleistet habe. Reichstag und Reichspräsident gehören zusammen, denn sie sind beide unmittelbar aus den Wahlen des deutschen Volkes hervorgegangen. Aus dieser gemeinsame« Grundlage allein leiten sie ihre Machtvollkommenheiten her. Beide zusammen erst bilden die Grundlage unseres gesamten heutigen Verfassungslebens. Das ist der tiefe Sinn der Verfassung, auf die ich mich soeben ourch mein Manneswort feierlich verpflichtet habe. Während jedoch der Reichstag die Stätte ist, wo die Gegensätze der Weltanschauungen und der politischen Meinungen miteinander ringen, soll der Reichspräsident der überparteilichen Zu- s a m m e n s a s s un a al k e r a r b_e_it aufbanbereiten Kräfte unseres Volkes diene». Auch an dieser Stelle spreche ich es daher noch einmal ausdrücklich aus, daß ich mich dieser Aufgabe der Sammlung und Einigung unseres Volkes mit besonderer Hingabe widmen will. Diese große Aufgabe wird mir dann wesentlich erleichtert werden, wenn auch in diesem hohen Hause der Streit der Parteien nicht um Vorteile für eine Partei oder einen Berufsstand gehen wird, sondern vielmehr darum, wer am treuesten und erfolgreichsten unserem schwergeprüften Volke dient. Ich hoffe zuversichtlich, daß der edle Wett st reit um treueste Pflichterfüllung die sichere Grundlage bilden wird, auf der wir uns immer wieder nach dem Streit der Geister und Meinungen zu gemeinsamer, ver- trauensvoller Arbeit zusammensinden werden."
Präsident des Reichstages: „Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, mit mir in den Ruf einzu- stimmen: „Das Deutsche Reich, das in der Deutschen Republik geeinigte deutsche Volk, es lebe hoch!" Das Haus stimmt dreimal begeistert in den Hochruf ein.
Damit war die feierliche Handlung beendet.
Die Abfahrt vom Reichstag.
Nach der Feier erfolgte die Abfahrt vom Reichstag, die sich zu einer geradezu überwältigenden Ovation für Hindenburg gestaltete. Als das Auto mit dem neuen Reichspräsidenten vor der Freitreppe anfuhr, lösten sich die Menschen- mengen, die die nähere und weitere Umgebung des Königs- Platzes umfäumten, auf und stürmten die Abfährtsstraße der Friedensallee zu, um von dort aus Hindenburg noch einmal aus nächster Nähe zu sehen. Der Reichspräsident mußte für die ihn immer wieder umbrausenden Hoch- und Heilrufe und sonstige Ovationen durch Hutziehen danken. Erst »ach Schluß der heutigen Feier zeigte sich, wie groß die Menschenmassen waren, die zu dem historischen Schauspiel herbeigeeilt waren.
Aufruf Hindenburgs an das deutsche Volk.
Reichspräsident v. Hindenburg hat aus Anlaß der heutigen Amtsübernahme folgende Kundgebung an das deutsche Volk erlassen:
Am 26. April hat mich das deutsche Volk zu seinem Reichspräsidenten gewählt. Am heutigen Tage habe ich das neue, bedeutungsvolle Amt angetreten. Getreu dem von mir geleisteten Eide, will ich alle meine Kräfte daransetzen, dem Wohls des deutschen Volkes zu dienen, die Verfassung und die Gesetze zu wahren, Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben.
In dieser feierlich-ernsten Stunde rufe ich unser ganzes deutsches Volk zur Mitarbeit auf. Mein Amt und mein Streben gehören nicht einem einzelnen Stande, nicht einem Stamm oder einer Konfession, nicht einer Partei, sonder« dem gesamten, durch hartes Schicksal verbundenen deutsche« Volke in allen seinen Gliedern. Ich vertraue auf den Best staW des ewigen Gottes, der uns auch durch die schwere Notzeit unserer Tage gnädig hindurchführen wird. Ich ver.