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Hersfelöer Tageblatt

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Abholer j Funks 7DZV.

Nr. 110

Dienstag, den 12. Mai

1925

Das Wichiigste.

Nach Meldungen aus Paris sind zwei Noten fertig­gestellt, die Deutschland in dieser Woche zugehen sollen, ein­mal die Note über die Räumung Kölns und als zweite Note die Antwort auf die Sicherheitsvorschläge.

In Amerika hat ein englisches Dokument Chamber- lains über die englische Politik großes Aufsehen erregt. Dar­in wird von einer neuen (Entente gesprochen, die England, Frankreich und Belgien umfassen soll.

Die Rifkabylen haben die französischen Linien in 30 Kilometer Breite durchstoßen. Die Lage ist für die fran­zösischen Truppen sehr ernst.

Abd el Krim.

Schon verschiedentlich hat Abd el Krim erklärt, daß er sich mit den französischen Behörden in Marokko gutzustellen wünsche und jedenfalls nie daran denke, seine Angriffe auf ihr Gebiet hinüberzuleiten. Um so mehr muß es überraschen, wie sich in den letzten Tagen die Lage so wesentlich geändert hat und wie starke Abteilungen den Truppen Abd el Krims ins französische Machtgebiet eingefallen sind..

Fragt man sich nach den Gründen dieses Vorgehens, so kann man sich höchstens in Mutmaßungen «gehen. Offenbar ist die Annaynre einleuchtend, daß die B«gstämme, die jetzt mit den Franzosen kämpfen, gegen den Willen Abd el Krims vorgegangen sind, der doch sich«lich seine eigenen Truppen hätte zurückhalten können. Sicherlich aber hat sich der Sultan des Rif, der sich bis dahin als ein klug abwägender Polittker erwiesen hat, nicht ohne starkes Drängen zu diesen Operationen entschlossen.

Der wahre eigentliche Grund ist wohl darin zu ersehen, daß die spanischen und französischen Schutz­gebiete in Marokko noch immer nicht genau abgegrenzt sind. Die Karten, die in 'Paris und in Atadrid heraus, gegeben worden sind, zeigen' ganz wesentliche Unterschiede, haben, er könne die von Den Franzosen beanspruchten Grenz­linien keineswegs anerkennen, besonders nicht dort, wo sich die den Spaniern zukommende Zone der bekannten marokka­nischen Haupfftadt Fes am meisten nähert. Der Sultan verlangt kategorisch, daß diese Linie bereinigt wird und daß sich die Franzosen bis an den Lauf des Wergha zurück­ziehen. Dieser Fluß entspringt in der Nähe der spanisch- jWnzöstschen Grenzlinie, etwas nolldwestlich von Arsa, und fließt mach Westen, wobei er sich der Stadt Fes bis auf etwa 50 Kilometer nähert. Das fruchtbare Tal dieses Flusses haben die Franzosen im letzten Sommer bis ins Quellgebiet hinauf besetzt. Dies hatte zur Folge, daß die nördlich davon wohnenden Stämme von ihrer eigentlichen Kornkammer ab­geschnitten wurden, weil die Franzosen auf die dringenden Vorstellungen Spaniens hin alle Zufuhren aus diesem Gebiet nach dem Rif unterbanden. Vermutlich haben die daurch betroffenen Stämme an den Operationen Abd el Krims gegen die Spanier nicht teil genommen, weil sie zu weit von den Kampfplätzen sitzen. Daraus könnte man ihre Ungeduld erklären, jetzt ebenfalls in den Kampf zu ziehen, da dieser den Genossen im Norden so große Erfolge gebracht und sie mit modernen Waffen ausgestattet hat.

Obwohl schon im April einige Meldungen aus dem Rif- gebiet eintrafen, die auf die jetzt verwirklichten Pläne der Kabylen schließen ließen, schien Marschall Lyautey doch ziemlich überrumpelt worden zu sein. Jetzt allerdings, nachdem er die Rifleute ziemlich weit hat vorrücken lassen, hat er so starke Kräfte konzentriert, daß an seinem militärischen Erfolge kaum gezweifelt werden kann. In mehreren Einzel- gefechten haben die Rifleute auch schon erhebliche Verluste erlitten. Ein Kampf gegen die französische Streitmacht in Marokko ist in jeder Hinsicht etwas anderes als ein Kampf gegen die Spanier. Nicht nur, daß Lyautey über besser ausgebildete Truppen verfügt, er hat auch unendlich größere materielle Hilfsmittel und kann wohl auch damit rechnen, daß der französische Staat alles aufbieten wird, um seine Stellung in Marokko aufrechtzuerhalten. Marokko ist für Frankreich nach einem Jahrzehnt schon so wichtig geworden, daß für seine Behauptung kein Opfer zu groß sein dürfte. Die französische Herrschaft beruht dort hauptsächlich auf dem Prestige wie jede Kolonialherrschaft.

Die dem Marschall Lyautey gestellte Aufgabe wird un- vermeidlicherweise auch das politische Problem auf- rollen, das die Franzosen bisher sorgfältig beiseite zu lassen - " ~' seit einem Jahr war eigentlich vorauszusehen,

i bin* die ivanischen Niederlagen

suchten. Schon _

daß Frankreich durch die spanisch schließlich in Mitleidenschaft gezogen werden mußte. Dr« in Algeciras vorgenommene -Leitung Marokkos ist ja durchaus künstlich. Nur dann hätte sie auftechterhalten bleiben werden können, wenn es den Spaniern gelungen wäre, ihr Gebiet ebenso endgültig und rasch zu tAaupten, wie die Franzosen das ihrige. Da aber der spanische Terl Marokko- wirtschaftlich bedeutend ärmer ist als der französische, hatt« man nicht dieselben Interessen. Nun aber sehen sich du Franzosen genötigt, den Schutz ihrer Grenzen selbst in du Hand zu nehmen. Da kaum mehr an eine Wiedereroberun« durch die spamschen Truppen gedacht werdenkann, bleib den Franzosen nur die Alternative, sich entwedei Mit Abd el Krim friedlich zu verständigen, oder ihr Gebie.'

mit Nachdruck zu schützen. Eine friedliche Verständigung aber scheint nach allem, was vorgefallen ist, vereitelt.

Diese Vorgänge haben in Amerika den Eindruck er­weckt, als ob der Panislamismus eine neue Stärkung erfahren hätte. Dies stimmt offenbar nicht. Es kann ebensogut dazu kommen, daß das Prestige der Europäer in Nordafrika wieder hergestellt wird. Allerdings wird dies von den Erfolgen abhängen, die erzielt werden. Unheilvoller werden die diplomatischen Auseinandersetzungen sein, ine diesen Kämpfen auf dem Fuße nachfolgen werden.

Berlin in Erwartung der Ankunft Hindenburgs.

Unter den Linden rund im Regierungsviertel herrschte bereits in den Mittagsstunden des Montags ein außerordent- lich starker Verkehr. Die Menge flutete vom ehemaligen Kaiserschloß bis zum Brandenburger Tor hin und her. Die Straßenhändler, die Fähnchen in den alten Reichsfarben an- boten, machten gute Geschäfte. Das ganze Stadtviertel im Sch-nuck seiner Flaggen machte einen festlichen Eindruck. Auch die fremden Botschaften und Gesandtschaften hatten sämtlich geflaggt. Vor dem Präsidentenhause und der Reichskanzlei versammelten sich zeitweise starke Gruppen von Straßen- passanten, die ihrer Freude über die Ankunft des General­feldmarschalls als Präsident des Deutschen Reiches starken Ausdruck gaben. Auf dem Bahnhof Heerstraße herrscht fieber- hafte Tätigkeit. Es ist alles getan worden, um den Bahnhofs­anlagen ein würdiges Aussehen zu verleihen. D« Ankunfts­bahnsteig ist mit frischem, gelbem Kies bestreut, gewalzt und geharkt worden. Im Treppenhaus haben Pflanzen- arrangemenis ihre Aufstellung gefunden, Lorbeerbäume und große Blattpflanzen zieren die Vorhalle des Bahnhofs. Vor dem Bahnhof und in seiner nächsten Umgebung wimmelt es von Neugierigen. Zahlreiche Kriminalbeamte waren auf unb in der Nähe des Bahnhofs und beobachteten jeden, der längere Zeit irgendwo stehen bleibt, mit mißtrauischen Blicken.

die

hen werden, und Frankreich kann otberunqen geboten werden, wenn

9 eise des General-

Unter großer

Hannovers erfolgt Montag mittag feldmarschalls von Hindenburg, des neuen Reichspräsidenten.

Im langsamen Tempo fuhr der Kraftwagen gegen 1 Uhr von der' Seelhorststraße bis zum Bahnhof, von einer großen

ganzen Wege begrüßt. Die Straßen zeigten reichen Flaggen- schmuck. Vor dem Bahnhof mrd beim Verlassen des Kraft- wagens wurde der Reichspräsident stürmisch begrüßt und be­jubelt. Auf dem Bahnhof hatten sich u. a. zur Begrüßung und Verabschiedung eingefunden: Oberpräsident Roste, Reichsbahnpräsident Seydel, der Präsident der Oberpost- direktion und des Landesfinanzamtes, Infanterieführ« 6, Generalmajor Freiherr v. Forstner, Regierungspräsident v. Velsen, Landsskulturamtspräsident Wenke, die Di- rektoren der beiden Hochschulen, Landgerichtspräsident Schipp an z, Oberstaatsanwalt Dr. Wilde, Bürger- germeifter Fink, Landeshauptmann v. Campe, Oberst­leutnant v. Kügelen, Generaloberst v. Linsingen. Ober- präsident Roste hielt auf dem Bahnsteig eine kurze Abschieds­rede, für die der Reichspräsident bewegt dankte. Nachdem der Reichspräsident mit feiner Begleitung, in der man unter anderen feinen Sohn, den Major v. Hindenburg mit Gattin und den Oberstleutnant v. Feldmann beinerne, in den Salon­

jen war,

N

D-Zug eingestellt. Pünktlich um 1,38 Uhr verließ der Zug beu Bahnhof. Begeisterte Hurra-Rufe von einer großen Menschenmenge aus allen Kreisen her Bevölkerung durch­brausten die wette Halle.

Hindenburgs Einzug in Berlin.

Pünktlich 5 Uhr 52 Min. fuhr der Zug des Reichspräsi­denten von Hindenburg in den Bahnhof Heerstraße ein, emp­fangen von den Behörden, an der Spitze der Reichskanzler Dr. Luther. Als Hindenburg dem Salonwagen entstieg, begrüßte ihn das 10jährige Töchterchen des Reichskanzlers Luther, das ihm einen Blumenstrauß überreichte und ein Ge­dicht sagte. Der Zug verließ darauf den Bahnsteig, um weiter- zufahren. Reichspräsident Hindenburg begab sich zu den Autos, die vor dem Bahnhofsgebäude bereitstanden und fuhr zur Stadt. In einer Keilspitze wurde der Zug von M o t o r- radfahrern der Schutzpolizei angeführt. Im ersten Auto folgten Dr. Friedensburg und Kommandeur Kaupisch. Darauf kam der Wagen mit dem Generalfeldmar­schall und dem Reichskanzler. Im dritten Wagen saßen Major von Hindenburg mit seiner Gattin und Oberstleutnant von Feldmann. Im vierten Wagen saßen Staatssekretär Kempner und Staatssekretär Dr. Meißner. Die Autos wurden von Motorradfahrern flankiert und nach hinten zu ebenfalls von Motorradfahrern der Schutzpolizei keilförmig abgeschlossen und gesichert. Der Reichspräsident traf um 6 Uhr 20 Min. vor der Reichskanzlei ein, in der er heute nacht Wohnung nimmt.

Generalfeldmarschall vonHindenburg wurde, nach­dem er von dem Oberbürgermeister von Berlin, Dr. Böß, empfangen wurde, unter großen Ovationen der Volksmenge die zu beiden Seiten Aufstellung genommen hatte, ins Auto geleitet. Er konnte unter Huldigung der großen Fahnen- abordnuugen von ungefähr 400 Vereinen mit insgesamt 1500

Bereinsfahnen den Käiferdamm um 5 Uhr 55 Min. postieren. Vor dem Auto fuhr eine Polizeitruppe, dann folgte Herr Majorvo»Hindenburg,der Sohn des Reichs- Präsidenten, und hinter ihm der Wagen des Reichspräsidenten, der zur rechten Seite des Oberbürgermeisters Dr. Büß Platz genommen hatte. Der Reichspräsident ist wohlbehalten im Palais angekommmen.

Französisch-englischer

Räumungskompromiß

Nach den Pariser Abendblättern ist es jetzt gelungen, eine Aussöhung des französisch-englischen Gegensatzes in der Frage der deutschen Abrüstung und der Räumung der Köln« Zone herbeizuführen. Die englische Regierung wünscht in der Hauptsache die Festsetzung eines genauen Räumungstermins, wogegen Frankreich die restlose Abstel­lung der deuffchen Verfehlungen als unerläßliche Voraus- setzüng für die Räumung betrachtet. Von englischer Seite war, wie jetzt hier zugegeben wird, angeregt worden, deutsche Vertreter zur Anhörung des deutschen Standpunktes zur Botschafter-konferenz zuzuziehen. England hat nun diese Forderung fallen gelassen, worauf Frankreich sich zu folgen- dem Kompromiß bereit «klärt hat: Deutschland wird ausgefordert, bestimmte Serien von Ver­fehlungen in bestimmten Zeitabständen wieder gutzumachen. Die Verfehlungen werde« m drei Serien geteilt. Die ersten sind bis zum 1. Juni aus- zugleichen, die zwetten bis zum 1. Juli und die dritten bis ~ [uft. Die Note der Botschafterkonfe- leutschland wird sich daher als eine Art Ab-

zum 1.

re«z an -.^l-,.- ,, .,-. rüstungskalender ausnehmen. Das zuletzt in dem Kalender genannte Datum wird nach vorherig« UeberprÄsung d« deutschen Wiedergutmachuugsmchnahmen als ungefähr« Zeitpunkt für die Räumung Kölns in Frage kommen. Bor-

den Verschlungen zu einem späteren stehen. Wenn auch die grnndsäßlß demheiten nach den Blätterstimmen i , ......

die Auffassungen doch in technischen Fragen wesentlich aus­einander. So ist besonders über die Maßnahmen, die Deuffchland in bestimmten Serien auferlegt werden, noch kein Einvernehmen erzielt worden. Man will auf englischer Seite nur die, wichtige« Verschlungen Deuffchland» berück­sichtigen und die unwichtigen beiseite lassen. In dieser Frage, von der letzten Ende« das gesamte Abrüstungs- problsm beherrscht wird, bestehen, wie man ausdrücklich fest­stem, noch wesentliche Gegensätze. ,

Eine wichtige Woche.

Der LondonerDaily Telegraph" kommentiert die

gegenwärtige politische Lage folgendermaßen:Diese Woche verspricht, von ganz besonderer politischer Bedeutung zu werden im Hinblick auf die französische Antwort auf die deut­sche Sicherheitsnote und die bevorstehende alliierte Note we­gen der deutschen Entwaffnung und der Kölner Räumung. Was die letztere anbetrifft, so ist die Pariser Presse offen­sichtlich übertrieben pessimistisch. Was die Aussichten einer -Ausgleichung der französischen und englischen Ansichten an­belangt, so schreibt man Briand die Absicht zu, eine progres­sive stufenweise Erfüllung der noch nicht erledigten militäri­schen Klauseln des Friedensvertrages zu verlangen. Nach

schen Klauseln o

der englischen Ansicht solle man alle Verschlungen an Deutschland mitteilen und gleichzeitig fordern, daß sie sobald wie möglich beseitigt würden, was nur wenige Monate in Anspruch nehmen könnte. Das wäre notwendigerweise kein Widerspruch." _____

Zwei französische Noten.

Wie auchDaily Mail" aus Paris berichtet, hat das französische Auswärtige Amt zwei wichtige Noten, und zwar eine wegen der Räumung Kölns und die zweite we-gen des deutschen S icherhe i tsan gebotes fertiggestellt. Ueber den Inhalt berichtet das Blatt, daß Deutschland, ehe der Sicherheitsvorschlag angenommen werden könne, bestimmte Bedingungen zu erfüllen habe. Bor allem müsse es ohne Vorbehalt dem Völkerbund bei treten, müsse die Unabhängigkeit Oesterreichs garan­tieren und alle territorialen Bestimmungen des Friedensver­trages treulich achten. In französischen diplomatischen Krei­sen, setzt der Berichterstatter derDaily Mail" hinzu, er- wartet man, daß diese Bedingungen die Wirkung haben wer­den, Deutschland zur Zurücknahme seines Angebots zu ver­anlassen. Mit dieser Bemerkung dürfte die politische Ab­sicht der französischen Bedingungen genügend gekennzeichnet sein.

Italiens Standpunkt in der Sicherheits- und Anschlußfrage.

Zu der Meldung, der italienische Botschafter M a r ch e s e dellaToretta habe in der Downingstreet die italienische Auffassung zu einem internationalen Sichcrheitsabkommrn