Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt' Amtlicher Anzeiger für den Kreis HersfelS
Nr. 102 Wer Blatt) E^nabend. den 2. Mai 1925
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Das Wichtigste.
„ — ^Dn polnischen Korridor in der Nähe von Preußisch-Etargard P der V-Zug Berlin — Lydtkuhnen entgleist. Noch bisherigen Feststellungen yat das Unglück 25 Tote und 12 Schwerverletzte gefordert.
— Zwischen Hindenburg und dem Reichs- tnnenmt Schiele haben Besprechun- gen über das Programm der Amtseinführung Hindenburgs stattgefunden. Die Vereidigung wird voraussichtlich am 12. Mai stattfinden.
— Sie Antwort der Alliierten aus den deutschen Sicherheitsvorschlag ist aus spätere Zeit verschoben. Me Zusammenkunft des englischen mit dem französischen Außenminister wird erst in einigen Wochen stattfinden.
Frankreich und der Sicherhatspalt.
Don Wilfried Diehard.
Durch die verfloffenen Reichspräsidentenwahlen waren unsere Gemüter so in Anspruch genommen, daß unsere Blicke nur noch innen gerichtet waren und wir für äußere Politik keine Zeit fanden.
Aber nicht nur bei uns war in der großen Politik Ruhe eingetreten, sondern auch bei unseren Freunden, den Franzosen. Die letzte Kabinettskrise in Paris war die Ursache. Me Reaktion folgt nun auf dem Fuße, der Sicherheitspakt steht im Brennpunkt der Tagespolitik. Obwohl er vom nationalen deutschen Standpunkt aus unannehmbar ist, sträubt sich der Franzose mit Händen und Füßen dagegen. Sein Ziel bleibt der Rhein und die dauernde Knebelung Deutschlands.
Während nach außen hin Ruhe eingetreten war, wühlten die eigentlichen Drahtzieher der französischen Politik, die Mannen um Fach, im stillen. Gegen den starken Willen der linksgerichteten Kreise verstand es diese Gruppe, den aus der
Heitspakt zu dirigieren. 9tä| mä)t,'i>er des französischen Generalstabes, GeneralDebernay, ließ seine für einen
Generalstabschef wirklich nicht anstehende lebhafte Phantasie spielen und erhob in der Presse seine Stimme: Das böse Deutschland rüste ungemein stark im Flugwesen. Sein träumender Geist sieht in Deutschland Fabriken, die einzelne Flug- zeugteile herstellen, die im Kriegsfalle zusammengesetzt werden könnten. Flugplätze seien an der Grenze errichtet, u. a. m. Wenn Lächerlichkeit töten würde, könnten wir dem französischen Generalstabschef bald das Trauergeleit geben.
Auch der sattsam bekannte General Degoutte läßt sich vernehmen. In Deutschland seien noch so viel Waffen verborgen, das unbedingt scharfe Entwaffnun-gsbestimmungen er
lassen werden müßten.
Es ist sehr bezeichnend für den blinden Haß der französischen Generale, die Deutschland auf dem Schlachtfelde nicht besiegen konnten, wie leichtfertig sie mit ihrem Urteil und damit auch mit ihrem Nanren umgehen. Was soll da werden, wenn man den Generalstabschef einer Armee nicht mehr ernst nehmen kann.
Das Ganze aber deckt der französische Nationalheros, Marschall Foch.
Nachdem nun das neue Kabinett in Paris zustande gekommen, beschäftigen sich auch die Regierungsstellen sehr Jtart mit dem Sicherheitspakt; nur mit bem Unterschied, daß im Kuhhandel auf Kosten Deutschlands die Angelegenheit geregelt werden soll. Briand hat mit dem jetzt in Paris weilenden Lord Erewe die Verhandlungen offiziell ausgenommen. Me Unterredung drehte sich um die vier Fragen: 1. die deutsche Abrüstung, 2. Räumung Kölns, 3-Regelung der Kriegsschulden, 4. Garantiepakt. Der ftanzöpsche Botschafter in London, de Fleuriau, hat den Auftrag bekom- men, Ehamberlain um eine Unterredung zu ersuchen, die Ende Mai in London stattfinden soll. Ebenso wird eine Begegnung Caillaux' mit dem englischen Schatzkanzler Churchill anfangs Juni angebahnt.
De Fleuriau, der in den nächsten Tagen nach London zurückkehrt, wird den von Herriot beabsichtigten Text bee Antwortschreibens auf den deutschen Sicherheitsvorschlag mit den Abänderungen Briands überbringen. Diese Abänderungen, die mit Zustimmung Berthelots vorgenommen sind, sollen sehr wesentlich sein. Briand beabsichtigte auch, wenn Deutschland im Herbst dem Völkerbund beitreten würde, in Namen der Alliierten mit Deutschland einen Geheimvertrac abzuschließen. Sollte Deutschland jedoch nicht ben Willen haben, dem Völkerbund beizutreten, lehne Briand einen Sicherheitspakt mit Deutschland ab.
Wir wissen also, wessen wir uns zu vergegenwärtigen haben: Friß, Esel oder stirb. Glücklicherweise sind wir nichi mehr das Deutschland von 1918. Unser Volk hat sich mit bei Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten selbst wieder gefunden. Diese Tatsache wird die europäische Politik ungemein beeinflussen, denn wir werden die utopistischen Pfade, die wir bisher beschritt-en haben, verlassen und uns auf den Standpunkt der Selbsterhaltungsnotwendigkeit stellen.
Mag Frankreich seine Minen spielen lassen, wir um Her leben, als freie Deutsche leben — und unser alter Führer steht an des Reiches Steuer.
Schweres Eisenbahnunglück
bei preußisch-Stargard.
25 Tote, 12 Schwerverletzte.
Am Freitag früh ist der Schnellzug D 4 Eydtkuhnen— Berlin im Polnischen Korridor zwischen den Stationen Swa- roschin- Preußisch Stargard auf freiet Strecke entgleist. Mit Ausnahme des Schlafwagens und eines Wagens 1. Klaffe
stürzten sämtliche Wagen mit der Lokomotive den ziemlich steilen Abhang hinunter. An der Entgleisungsstelle macht der Bahnkörper eine außerordentlich scharfe Kurve. Nach Angaben der Reisenden beträgt die Zahl der Toten 30 bis 40; die Zahl der Verwundeten wirdvorläufkgobenfallsa«fuugefähr4vge- schätzt. Der Zug wird durch den Korridor von polnischen Beamten geführt. Mit Polen sind sämtliche Verbindungen zurzeit unterbrochen, da die Leitungen dnrchgeriffen sind.
Me Deutsche Reichsbahngesellschaft teilt mit, daß nach Meldung der polnischen Staatdbahndirektion in Danzig, das Eisenbahnunglück bei Stargard auf einen verbrecherischen Anschlag zurückzuführen sei. Nach einer amtlichen Meldung beträgt die Zahl der Toten 25, die der Schwerverletzten 12 und die der Leichtverletzten 6. Die Eisenbahndirektion Königsberg teilt mit, daß zur Feststellung der Personalien der Verunglückten sofort mit der Eisenbahndirektion Danzig Perbin- bung ausgenommen und ein Vertreter nach Danzig geschickt wurde.
Bericht eines Mitreisenden.
Ein mitfahrender Reisender, ein Oberingenieur aus Danzig, gibt folgenden Bericht über das Eisenbahnunglück: Ich saß O-Zug 3. vor dem Einfahrtsignal Höhe^^findeh^spürte'ich plö^lich einen t^^etTs^ war in dem Glauben, daß die Lokomotive unseres Zuges auf einen Güterzug aufgefahren sei. Der Wagen, in dem ich mich befand, und der voll besetzt war, geriet ins Schwanken unb stürzte die 6 Meter hohe Böschung hinab. Die übrigen Wagen standen wirr durcheinander in einer Neigung von 45 Grad. In einem zersplitterten Wagen waren verschiedene Personen eingeklemmt, die mittels Stahlsägen aus ihrer Lage befreit werden nmßten. Im ersten Augenblick des furchtbaren Anpralles waren uns allen die Sinne gefchwun- den. Nachdem ich mein Bewußtsein wiedererlangt hatte, schritt ich über 6 bis 8 Tote hinweg und ging zur Lokomotive. Sie lag umgekehrt nach dem Böschungswinkel zu, die Räder nach oben. Bedauerlicherweise war dreiviertel Stunden nach dem Unglück noch kein Rettungskommando zur Stelle. Es waren nur einige Fackeln vorhanden, -die aber bald ausbrannten. Me Unglücksstelle war in völliges Dunkel gehüllt. Wir sichren mit einem polnischen Hilfszug nach Preußisch-Stargard und gelangten von dort mit dem Ostexpreß nach'Schneidemühl.
Die polnische Eisenbahuverwaltung unb das Unglück bei Stargard.
Ueber die durch das Eisenbahnunglück bei Stargard geschaffene Rechtslage, besonders über die Schadensersatz- ansprüche, erfahren wir von gutunterrichteter Seite folgendes:
Der Verkehr durch den Polnischen Korridor ist durch das Pariser Abkommen vom 21. April 1921 geregelt. In dem Artikel 36 des von Deutschland, Polen und Danzig unterzeichneten Vertrages heißt es: § 1. Für die Haftung'bei Un- fällen im Eisenbahnbetrieb sind die Gesetze, Verordnungen und Bestimmungen maßgebend, die für die Eisenbahn dort Geltung haben, wo sich der Unfall ereignet hat. Nach § 4 haftet für die durch schlechten Zustand von Bahnhöfen, Strecken oder Lokomotiven entstandenen Unfälle die Verwaltung, der die Unterhaltung des betreffenden Bahnhofs, der betreffenden Strecke oder Lokomotive obliegt. Nach § 8 übernimmt die betriebsführende Verwaltung, unbeschadet der bestehenden Rückgriffsrechte, die Haftung gegnüber Personen, die durch den Betriebsunfall irgendwelchen Schaden erlitten haben. Wenn über die Haftung bei Betriebsunfällen Streitigkeiten zwischen den beteiligten Eisenbahnverwaltungen entstehen, so entscheidet darüber das in Artikel 11 des Abkommens vorgesehene Schiedsgericht in Danzig, das aus je einem deutschen, einem Danziger und einem polnischen Schieds- Achter besteht. Den Vorsitz führt der dänische Generalkonsul in Danzig.
Vor der Einfahrt in polnisches Gebiet werden die Ostpreußenzüge von polnischem Zugpersonal übernommen, und damit trägtdiepolnischeEisenbahnverwaltung dievolleVerantwortungfüralleBetriebs- Unfälle. In vorliegendem Falle muß Polen sowohl dem Reich gegenüber für den Materialschaden als auch den Hinterbliebenen und Verletzten vollen Schadenersatz leisten. Auch wenn tatsächlich, wie die polnische Staatsbahndirektion in Danzig behauptet, ein verbrecherischer Anschlag vorliegt, ist die polnische Eisenbahnverwaltung voll schadensersatzpfliätig. Die Untersuchung der Schuldfrage liegt vorläufig bei den polnischen Behörden. Falls ein Anschlag vorliegt, ist vor
allem zu prüfen, ob das Unglück nicht durch sorgsame Ueber- wachung des Eisenbahnoberbaues noch rechtzeitig hätte verhindert werden können.
Das Eisenbahnunglück widerlegt aufs deutlichste die polnischen Behauptungen, der Verkehr durch den Polnischen Korridor nach Ostpreußen sei nicht behindert, und der Verbindung Ostpreußens mit dem Reich stehe der Korridor nicht im Wege. Letzten Endes ist der Unfall anscheinend auf die öffentliche Unsicherheit in Polen zurückzuführen, über die in der polnischen Presse selbst so oft geklagt wird.
Beileidstelegramm des Reichskanzler«.
Reichskanzler Dr. Luther hat an den Generaldirektor der deutschen Reichsbahn-A.-^G. folgendes Telegramm gesandt:
„Die Nachricht von dem entsetzlichen Eisenbahnunfall, der den Schnellzug Eydtkuhnen—Berlin betroffen hat, hat mich aufs schmerzlichste bewegt. Ich bitte Sie, den Angehörigen der tödlich Verunglückten und den Verletzten meine aufrichtige Anteilnahme auszusprechen.
Reichskanzler Dr. Luther."
Die Namen der bei der Eisenbahnkatastrophe ums Leben gekommene« sind: 1. u. 2. Scharfenorth aus Gut Klenau in Ostpr. und wahrscheinlich seine Frau; 3. Julius Maat, Ver- waltungssekretär aus Elbing; 4. Postsekretär Malwid aus Tilsit; 5. Kaufmann Lenin aus Gnesen oder Saalfeld in Ostpreußen; 6. Herbert Brettschneidert aus Elbing; 7. Theodor Krüger, Bibliotheksrat aus Königsberg; 8. Kaufmann Paul selbig aus Magdeburg; 9. Student Ehrhard aus Marienburg; 10. Drogeriebesitzer Herbert Lau aus Königsberg; 11. und 12. Wirtschaftsbeamter Max Kollermann mit einem zweijährigen Kinde; 13. und 14. zwei total verstümmelte Frauen ohne Papiere. Die eine mit dem Monogramm M. H., die andere mit dem Monogramm L. K.; 15. ein Zollbeamter aus Konitz; 16. Johannes Sch ievelbein, Herkunft unbekannt. Ferner neun total verstümmelte Frauen, im ganzen also 25 Tote. Hierzu kommen noch 16 Schwerverletzte und außerdem sechs Personen, die mit leichteren Verletzung»« davor», gekommen sind.
des Reichspräsidenten.
Hindenburgs Vereidigung.
Wie wir erfahren, findet die Amtseinführung und die Eidesleistung des neuen Reichspräsidenten am Dienstag, de« 12. Mai, 12 Uhr mittags, im Reichstag statt.
In einer Unterredung erklärte Reichsinnenminister Dr. Schiele, der am Donnersttig bei Hindenburg in Hannover weilte, daß der Generalfeldmarschall von Hindenburg bei den Besprechungen immer wieder das Moment der Ueberparteilichkeit betont habe, mit dem er sein Amt als Reichspräsident antreten und führen werde. Die von ge- wiffer Seite in letzter Zeit ausgespielten und konstruierten Gegensätze und Schärfen zwischen den beiden großen Parteien des bisherigen Reichsblocks kennzeichnete Dr. Schiele als tendenziöse Bestrebungen, die jeder realen Grundlage entbehrten. Die Parteien, die die Kandidatur Hindenburgs gepflegt und gefördert hätten, zeigten eine sichere, festgo- füqteTeudenz, die sich auch in der innerpolitischen Entwicklung der allernächsten Zeit abzeichnen werde.
Reichsinnenminister Dr. Schiele war auf Einladung des Feldmarschalls von Hindenburg als Leiter des Ressorts in Hannover erschienen, dem die Vorbereitungen für die Amtseinführung des neuen Reichspräsidenten amtlich obliegen. Die Besprechung bei Hindenburg galt also lediglich technischen Fragen; politische Orientierungen waren vom Feldmarschall nicht vorgesehen und auch vom Minister nicht geplant. Der Feldmarschall betonte bei der Besprechung wiederholt, daß für seine Person auf keinen Fall besondere Ehrungen oer- anstaltet werden möchten. Er wünsche nach jeder Richtung hin ein möglichst einfaches Programm. Natürlich sind die militärischen Ehrungen mit Rücksicht auf die Stellung des Reichspräsidenten als Oberbefehlshaber der Reichswehr von Haus aus geboten. Hierbei hat der Feldmarschall den Wunsch ausgesprochen, daß die Ehreukompagnie vor dem Reichstag von der Traditionskoinpagnie des Dritten Garderegin:ents gestellt werde, bei dem Hindenburg als junger Offizier die Feldzüge von 1866 und 1870 mitgemacht hat. Das Programm sieht folgende Punkte vor: Nach dem feierlichen Akt der Vereidigung findet der Empfang im Reichspräsidialgebäude durch den stellvertretenden Präsidenten Dr. Simons statt, an den sich der Empfang des Reichskanzlers und der Reichsregierung anschlietzt. Mit einem vom stellvertretenden Reichspräsidenten gegebenen Frühstück schließt die v o r a u s s i ch t l i ch a m 9. Mai statt, findende Feierlichkeit. Ob an diesem Termin festgehalter» werden kann, hängt von dem Stand der Arbeit des Reichs- wahlaüsschuffes ab. Am nächsten Tage finden in folgender Reihe Empfänge aus dem Reiche und Berlin statt: Reichstagspräsidium, Reichsrat, Vertreter des Preußisä/en Ministeriums, Kommandobehörde der Reichswehr, Direktion der Reichsbahn, Reichsbankdirektorium, Oberpräsidium der M«j