Getäfelter Tageblatt
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Nr. 95
Freitag, den 24. April
1925
Das Wichtigste.
— Der amerikanische Staatssekretär Kellogg w ei st in einer offiziellen Aeußerung aufs schärfste die Wahllüge zurück, daß Amerika im Falle der Wahl Hindenburgs Deutschland keine Kredite mehr gew ähren würde.
— Im Reichsrat wurde das Aufwertungs- gesetz behandelt und nicht unwesentliche Aenderungen vorgenommen.
— Hindenburg betont in einem Brief an Dr. Müller-Meiningen, daß er fest auf dem Boden der heutigen Verfassung stehe und daß er gar nicht daran denke, eine Verfassungsänderung zu erstreben.
— In Bulgarien wurden im Zusammenhang mit neuen Morden sämtliche Russen verhaftet.
Die Wahl des Reichspräsidenten.
Am 26. soll die Entscheidung fallen. Der Wahlkampf steht auf dem Höhepunkt. Drei Vertreter der verschiedensten Parteien ringen um den Posten: Hindenburg, Marx und Thäl- mann. Ein jeder glaubt, daß seine von ihm vertretenen Ideale dem Deutschen Reiche dienlich sind. Der Rei ch s - block, vertreten durch die gesamten Rechtsparteien, hat sich den Heros des deutschen Volkes erwählt, Hindenburg, die vereinigten demokratischen Parteien, Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten, den früheren Reichskanzler Marx, und die Kommunisten den Transportarbeiter Thäl- mann Diese letzte Persönlichkeit scheidet für den Kampf an sich aus, sie ist auch diesesmal nur aus dem absoluten Gegensatz der links bürgerlich-sozialistischen Liga und der Sowjet- MWMMMWWDMWW» solute Mehrheit entscheidend ist, kann schon eine Stimme den Aus schlag geb en.
Der Präsident soll über den Parteien stehen. So will es die Verfassung, so will es das Volk. In jedem republikanischen Staatswesen ist dieses der Fall, aber doch gehen Fäden, unbewußte Fluida vielleicht von ihm hinüber zu seinen direkten Anhängern. Der Präsident soll keine hohe Politik treiben, er hat das Kabinett zu ernennen und zu bestätigen und sich im ganzen nach der Verfassung der Republik zu richten. Und doch ist es nicht gleichgültig für ein Land, wie sich sein höchster Beamter bewährt. Seine Persönlichkeit muß sich im Laufe der Jahre mit dem Lande irgendwie identifizieren. Es müssen sich, abgesehen von der Verfassung selbst, bei ihm gewisse Richtlinien seiner Amtsführung herauskristallisieren, die sich in der Politik des In- und Auslandes auslaufen müssen. So war es auch beim ersten Präsidenten. Eine Verfassung ist kein Werk, das sich ein Land in alternum geschaffen hat. Es kommen politische Momente, die ihm zuweilen Aenderungen vorschreiben. Man braucht nicht etwa einen verlorenen Krieg hinter sich zu haben, um dieses Dogma zu vertreten. In Deutschland ist die neue Verfassung noch sehr reformbedürftig, so sagten schon viele Vertreter der demokratischen Parteien. Wenn hier der oberste Beamte des Staates Vorschläge macht, so wird er sie unseres Erachfens doch stets nach seiner inneren Ueberzeugung machen. Wenn Iarres seinerzeit für eine Aenderung der Reichsflaggen eintrat, so dokumentierte er damit ein gewisses Programm, und wenn Marx in seiner absoluten , Erfüllungspolitik das zukünftige Heil des Deutschen Reiches ‘ erblickt, so ist das ebenfalls ein Programm. Marx ist bisher Politiker gewesen, Hindenburg Soldat. Beide Parteien werden Verluste auf Kosten der anderen tragen müssen. Für das Zentrum bedeutet das Zusammengehen mit der Sozial- demokratie einen schweren Fehler, den sogar der Papst offiziell verurteilt hat. Diele Anhänger der katholischen Partei wollen sich aus Abneigung gegen den Sozialismus der Rechtspartei zuwenden. So prallen die Gegensätze aufeinander. Vielleicht darum so stark, weil der Gegensatz zwischen früher und jetzt noch so kraß ist, weil die deutsche Wirtschaft noch aus tausend Wunden blutet, die ihr der Krieg und besonders die Inflation geschlagen hat. Die Verschiebung der Vermögen hat Reiche arm und Arme reich gemacht. Diese Tatsache mußte sich auch politisch auswirken. Heute beeinflußt das Gesetz über Auswertung nicht am wenigsten mit bei der Wahl. Die Parteien heben ihr Pro oder Kontra hier auf ihre Fahnen und hofften, noch so die Zahlen für sich zu verstärken Das soziale Problem drängte sich mehr in den Vordergrund, sehr zum Schaden der Wirtschaft. Man darf hoffen, daß beide Kandidaten das soziale Problem nicht überspannen werden, denn beide haben es mit auf ihr Programm gesetzt. Sie glauben, dem deutschen Volke einen Dienst damit zu erweisen, ohne zu bedenken, daß die Zeit für Deutschland zu ernst ist, um diesen an sich edlen Bestrebungen allzu sehr nachzugehen.
Hindenburg und Marx. Beide sind erprobte Männer. Hindenburg erprobt als Soldat und Heerführer, erprobt als ein Mensch mit seltener Pflichterfüllung und hingebungsvoller Treue für das deutsche Vaterland. Sr wird . keine leichte Aufgabe zu erfüllen haben, wenn er den Prasi- dentenposten erringen sollte. Nur der Glaube an Deutschland hat ihn, dem das Vaterland über die Partei geht, bewogen, für diesen höchsten Posten zu kandidieren. Marx steht seit Jahren im politischen Leben. Er ist vet
Vertreter des republikanischen Gedankens und steht die Größe der jungen Deutschen Republik in der Zusammensetzung aller Parteien unter dem Banner Schwarzrotgold. Er ist parlamentarisch geschult, aber es fehlt ihm die einheitliche Linie. Beide werden je nach ihren politischen Ansichten ihr Amt verwalten, beide im Glauben an Deutschlands Zukunft. Sieben Jahre hindurch können sie indirekt die Geschicke des Deutschen Reiches beeinflussen. Ob es zum Schaden oder zum Guten auslaufen wird, wer kann es voraussehen? Parteien bekämpfen sich immer. Es ist das Unglück in Deutschland, daß der Parteien so viele sind, jede hält sich für die wichtigste. Dieses Mal stellen die Deutschnationalen oder das Zentrum den Präsidenten. Mit dem Augenblick, wo der Kandidat als Reichspräsident gewählt ist, soll er über den Parteien stehen und nur nach dem Worte handeln: Suprema lex salus res publica, das höchste Gesetz ist das Wohl des Staates.
Wie sich auch der Wähler zu der Wahl selbst stellen mag, seine Pflicht ist es, zu wählen. Nicht wählen, heißt politische Unreife, heißt gleichgültig gegen den Staat, also gegen sich selbst im ureigensten Sinne.
Aus dem Wahlkampf.
Der Reichslandarbeiterbund für Hindenburg.
Der Reichslandarbeiterbund veröffentlicht einen Aufruf für Hindenburg, in dem es heißt:
„Jetzt ist das deutsche Vaterland wieder in höchster Not. Das deutsche Volk weiß nicht, wo aus und ein, und ruft wieder Hindenburg, daß er ihm Führer fein soll in aller-
schwerster Zeit.
Wie viele von denen, die heute, von Parteileidenschaft verblendet, diesem Manne die Gefolgschaft verweigern wollen, wären heute heimatlose Flüchtlinge, oder mit ihrer Familie von russischen Horden umgebracht, oder unter französischen Peitschenhieben verendet, wenn Hindenburg —ST« " SEHEX
eins bedenken: Es gibt Leute, die mit 30 Jahren klapprige Greise sind, und Männer, die mit 80 Jahren noch ragen, wie ein Baum. Und aus solchem Holz ist unser Hindenburg geschnitzt. Und die ganz Klugen, denen er nicht „politisch" genug ist, mögen in der Geschichte nachlesen, daß nicht gerissene Politiker, sondern immer nur Männer, die einfach deutsch dachten, auf den alten Herrgott vertrauten und ihr Volk üher alles liebten, Deutschland groß gemacht haben. Gerissene Politiker haben wir mehr als genug, aber einen Hindenburg. Darum heißt unsere Parole
26. April 1925:
nur am
Generalfeldmarschall von Hindenburg!
ReichSblockzufammenkunft in München.
Der Reichsblock in Bayern hat in München eine Früh- stückstafel verunstaltet, an der u. a. der Kronprinz Rupprecht von Bayern, Großadmiral von Tirpitz, Reichstagsabgeord- neter Professor Dr. Spähn, der bayerische Iustizminister Gürt- ner sowie Vertreter der Bayerischen Volks- partei, der Deutsch nationalen Volkspar tet, der Deutschen Volkspartei, des Bayerischen Landbundes, der bayerischen Industrie, der Wissenschaft, der alten bayerischen Armee und der vaterländischen Verbände teilnahmen.
Hindenburg-Kundgebung in Herford.
Unter überaus zahlreicher Beteiligung fand in Herford eine Hindenburgkundgebung des Reichsblocks statt. Als Hauptredner sprach der Reichstagsabgeordnete G e h. Rat Dr. Hugenberg. Der Redner führte u. a. aus: „Wir stehen imKampfgegenzweiGegner, den Marxismus und den größeren Gegner, die G l e i ch g ü l t i g k e i t, die es zuwege gebracht hat, daß 11 Millionen Nichkwähler zu Hause blieben. Das Zentrum ist d e r Gefangene der Sazialdemokratie. Die Wahl von Dr. Marx bedeutet I sieben Jahre lang Weimarer Koalition, und vier Jahre herrscht dann in Preußen das System Severing. Es bedeutet die Herrschaft der Sozialdemokratie, die nur mit der Inflation regieren kann. Es handelt sich also am 26. April um die Schicksalsstunde des deutschen Volkes. Unsere Pflicht ist es, d i e Nichtwähler aufzurütteln. Wenn : uns das gelingt, dann ist es ganz gewiß, daß Hindenburg mit großer Mehrheit durch das Ziel gehen wird. Hinden- bürg ist der Mann des Friedens, des sozkslen Ausgleichs und der konfessionellen Gleichberechtigung.
Hindenburg und die amerikanischen Kredite.
Widerlegung einer Wahllüge.
Der Staatssekretär der Vereinigten Staaten, Kellogg, dementierte auf das schärfste die Gerüchte, daß Amerika mit einer Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten seine An- lechepolitik ändern würde. Seine Erklärung lautet wörtlich:
Die amerikanische Regierung steht jedem Versuche fern, Deutschland mit einem Finanzboykott zu belegen, falls H-n- denburg gewählt wird.
Kellogg sah sich zu dieser Erklärung veranlaßt, als seine Aufmerksamkeit auf die durch Meldungen von Eu- ropa entstandenen Gerüchte gelenkt wurde, wonach Ame
rikas Bankiers deutsche Anleiheverhandlungen zurückgestell hätten, bis die deutschen Wahlen vorüber seien. Kellogg er klärte ferner, daß Amerikas Regierung weder jetzt, nod künftig die Absicht habe, sich in eine rein deutsche Angelegen Heil zu mischen. In gleicher Weise äußerte sich Kellogg zr ven Gerüchten, wonach Beamte des Schatzamtes erklärt Haber sollen, daß gewisse internationale Bankiers in New Port nicht bereit wären, weitere Anleihen zu geben, falls Hindenburg gewählt würde. Derartige Gerüchte müßten für jeden, der Gelegenheit hätte, mit amerikanischen maßgebenden Bankkreisen zu sprechen, völlig aus der Lust gegriffen erscheinen.
Hindenburgs Stellung zur Verfassung.
In einem Brief des Generalfeldmarschalls von Hindenburg an Dr. Müller-Meiningen, der soeben aus bei Demokratischen Partei ausgetreten ist, heißt es: „Ich stell, mich selbstverständlich aus den Boden der Verfassung, die id ja auch beschwören will. Meine Auffassung ist die, daß er höchst bedauerlich ist, daß heute viele Menschen bei uns dn Staatsform über den Staatsinhalt stellen wollen. Wir haber heute wichtigere Fragen zu lösen als die der Staatsform."
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Marx in Karlsruhe.
Reichskanzler a. D. Marx hielt in Karlsruhe eine Rede, in der er u. a. ausführte:
Wir sind gewohnt, die Erhaltung der Reichseinheit als ein inneres deutsches Ereignis zu betrachten. In Wahrheit —MF1 । in im« 11 'FM—B Außenpolitik. Es ist kein Wunder, wenn unser Volk Nicht gleich das Augenmaß fand für die neue Politik, die ein bitteres Schicksal den verantwortlichen Männern zur Pflicht machte. Aber auch Instinkte und Erinnerungen im deutschen Volk kamen der neuen Außenpolitik entgegen. Das Schlag-- wort von der Erfüllungspolitik begleitete jahrelang jede nationale Realpolitik. Wenn wir die Entwicklung seit 1918 sachlich würdigen, so müssen wir sagen, daß wesentliche Fortschritte damit erzielt worden sind. In den Erörterungen über die Si ch e r h e i t s f r a g e hat sich eine wichtige Aenderung gezeigt. Während man früher nur von Sicherungen vor Deutschland sprach, gesteht man jetzt auch Deutschland das Recht auf seine eigene Sicherheit zu. Deutschland muß als moderner Staat gleichartig gegenüber Gleichartigen, gleichberechtigt gegenüber Gleichberechtigten dastehen können. Die Mitarbeit am Völkerbund liegt auf der Linie der deutschen Außenpolitik, und wir wünschen den Augenblick herbei, der uns diese Mitarbeit realpolitisch ermöglicht. Glauben Sie mir, daß die deutsche Republik, das neue Deutschland, berufen und geeignet ist, Deutschlands nationale und kulturelle Zukunft zu sichern. Dieses neue Deutschland hat aber auch aus der deutschen Geschichte den Gedanken der Gemeinschaft mit allen Deutschen in Europa übernommen.
Eine Kundgebung des Volksblocks für Marx.
Die dem Volksblock angeschlossenen Parteien und Verbände Kölns hatten ihre Anhänger zu einer großen Kund- gebung unter freiem Himmel aufgerufen. Der Platz war von einem starken Polizeiaufgebot umfäumt. Von vermiedenen Seiten aus sprachen etwa 15 Redner des Zentrums, der Demokraten, der Sozialdemokraten und des Reichsbanners. Ihre Ausführungen gipfelten in der Aufforderung an die Versammlungsteilnehmer, am kommenden Sonntag Marx, dem Vertreter des werktätigen Volkes und dem Schützer der republikanischen Staatsverfassung, ihre Stimme zu geben. Mit einem Hoch auf die Republik und mit dem Gesang des Deutschlandliedes schloß die eindrucksvolle Kundgebung. Bei der Auflösung der Versammlung kam es zwischen abmarichie- renden Reichsbannerleuten und Kommunisten, die Hochrufe auf Thälmann ausbrachten, zu Reibereien, wobei die berittene Polizei mit blanker Waffe den Platz räumte. Soweit knKier ermittelt werden konnte, gab es auf beiden Seiten verlegte.
Volksblockversammlung in Hannover.
Der Volksblock verunstaltete im Kuppelsaal der Stadt- hme zu Hannover eine öffentliche Versammlung. Als Hauptredner des Abends sprach Reichsminister a. D Dr. B e I t. Er nannte den 26. April den Prüfstein für die sittliche Reife und die politische Vernunft des deutschen Volkes. Der Redner hob mit Nachdruck hervor,, daß seine Freunde die ver- erungswürdige Persönlichkeit des Gegenkandidaten in keiner Weise angriffen, verlangte aber gleiche Rücksicht gegenüber dem Kandidaten des Volksblocks. Das neue Staatswesen bedürfe sicher der Besserung und Veredelung. Deshalb solle man sich über alle Gegensätze hinaus die Hände reichen zu gemeinsamer Aufbauarbeit. Rödner verlangte vollständige Wahrung der Verfassung, auch des Artikels 8, sowie Ausrecki- erhaltung und Anerkennung einer gerechten Verstandigungs- und Erfüllungspolitik, die durch die Kanzlerschaft von Marx dem deutschen Volke so viele Vorteile und Erleichterungen gebracht habe.