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HersMer Tageblatt hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Anzeiger für den Kreis Yersfelö

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Nr. 80 (Erster Mit)

Sonnabend, den 4. April

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Das Wichtigste.

. "-Die interfraktionellen Besprechungei ver Weimarer Koalitionsparteien über eim Sammelkandidatur sind zwar nochnichtzumAbschlui gebracht, jedoch ist mit einer Einigung auf bi 1 Kandidatur Dr. Marx zurechnen.

— Bei der Neuwahl des Ministerpräsi deuten in der Freitagssitzung des preußischen Landtags if der Sozialdemokrat Braun mit knapper Mehrhei gewählt.

— Die ftanzösische Kammerdebatte über die Finanz lag! hat das Kabinett Herriot stark ins Wanken gebracht F r na n z m i n i st e r C l 6 m e n t e l i st z u r ü ck g e i r e • t en, d e M o nz i e ist zum Nachfolger ernannt worden

— Die Ablehnung des deutsch-spanischer Hände l s v e r t r a g e s durch den Auswärtigen Ausschuß des Reichstages hat in Spanien große Erregung hervor gerufen.

Der Aufstand in Kurdistan

_ Aufstände müssen vom psychologischen Standpunkte der Insurgenten betrachtet werden. Meistens entspringen sie dem Gehirn einiger Fanatiker, die dann mit allen Mitteln darangehen, ihre Gedanken und Pläne dem Volke über­zeugend beizubringen, und c: so mitfortreißen. Der Euro­päer versteht die orientalische Mentalität wenig oder gar nicht. Die Gedanken des Orients, seine bunte, phantastische Welt, fein- Glaube an den Propheten, alles ist noch so wie vor Hunderten von Jahren, als Omar, Otman oder Kara Mustapha die Heere des Islams über Nordafrika, Spanien nach Frankreich oder gegen Wien führten. Allah ist groß! So war es bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Das Kalifat von Konstantinopel war ihnen nächst Allah und Muhammed das heiligste Symbol ihres Glaubens. Dann kam die Herr­schaft der Jungtürken. Männer des Fortschrtits, die die orientalische Ruhe auftütteln wollten. Talaat und Enver stu^^^MM^^^^^^^MMMMMMMMWWWM seM^dec^^^^^^^ensan^setzte sich in Kleinasien fest. Dann trat Mustapha Kemal Pascha auf den Plan. Er führte die Türken zu neuen Siegen, fegte in einem glänzen­den Ansturm die griechischen Heere aus den Provinzen Klein­asiens und besetzte nach Abzug der Engländer Konstantiüopel. von der Hagia Sophia wehte wieder der Halbmond. Nun kam das Verhängnis. Nach außen hin war die Türkei reich an Erfolgen, Mustapha Kemal setzte den Kalifen ab, die Türkei wurde Republik.

Religion bedeutet in der Türkei innerstes Erleben, be­deutet Kultur und heilige Tradition. Dies alles war zerstört in der Verbannung des Kalifen, des Sultans. Der türkische Staat sah bisher seine Stütze in der Religion des Islams. Das gesamte bürgerliche Leben war auf diese Religion zu­geschnitten. Mustapha Kemal mußte neben der Absetzung des Sultans auch die religiösen Einrichtungen abschaKn, die Schließung der kirchlichen Schulen, die Aufhebung der Klöster usw. Das unzufriedene Volk sah in Kemal den Urheber dieser Zerstörung; die Gesetzgebung in Angora war der tür­kischen Volksseele verhaßt. ' 'Es ist eigentlich verwunderlich, daß Kemal und seine Gefolgschaft so wenig Rücksicht auf diese heiligen Gefühle der türkischen Bevölkerung nahmen. Hier und dort flackerten Aufftände in den türkischen Provinzen auf, die aber sofort mit blutiger Strenge unterdrückt wurden. Nun durcheilt die Welt die Kunde vom Aufstande der K u r - d e n. Man muß sich erst besinnen, wo wohnen die Kurden? Es ist das nördliche Hochland vom Iran,, zwischen Georgien und Syrien, durchzogen vom oberen Laufe des Tigr:s, Die wilden Bewohner dieser zerklüfteten Bergländer haben der Angora-Regierung den Krieg erklärt und die grüne Fahne des Propheten erhoben. Der Führer der Aufständischen ist Said, der Neffe von Seyid Ali, der auf Befehl Envers hin- gerichtet wurde. Said ist ein Mann von großer Schlauheit, reich und einflußstark. Lange Zeit war er Prediger bei Erzerum. Der Aufstand war bis ins einzelne vorbereitet. Said schickte seine Söhne nach Konstantinopel und Aleppo, um zu sondieren; nach deren Rückkehr schlug er los. Da,die Kurden in der Türkei nicht solches Ansehen unter den ^Ein­wohnern genießen, folgte ihnen der größte Teil der türkischen Provinzen nicht gleich. So blieb der Aufstand lokalisiert, we- niguens bis jetzt. Die türkische Regierung machte naturgemäß sofort die größten Anstrengungen, des Aufstandes, der durch­aus eine reaktionäre Bewegung war, Herr zu werden. Das Ziel der Bewegung ist die Wiedereinsetzung des Sultanats und Kalifats und die Rückkehr zu den heiligen Gesetzen Amo ersieht das aus dem Aufruf Scheichs Saids, der er­klärte, 'ein Islam könne ohne Kalifen bestehen; die gegen- märtige. Regierung predige den Unglauben. Die türkischen Frauen sind nackt, die Gottlosigkeit schreitet fort in den Schuten. Trotz der sofortigen Bekämpfung konnte sich der Anfstanö schnell ausdehnen. Dieses Fortschreiten hat große B-esLirzung in Angara hervorgerufen. Das Kabinett Fithis, dom man" Schwache vorwarf, mußte zurücktreten; 51 md Pascha wurde Ministerpräsident. Ismet Pascha hat sofort die Operationen großen Stils gegen die Kurden eingeleitet doch sind die Schwierigkeiten in den trostlosen Ländern rieten, groß. Die gegen die Aufständischen angesetzten Truppen müssen vpn drei Seiten Vordringen. Hier kounnen aber du

politischen Schwierigkeiten. Frankreich unterstützt die Re­gierung, während die Aufständischen von England mit Kampfmitteln versehen werden. Die .Truppen Semais müssen die Kurden zunächst vom Irak, der englischen Inter­essensphäre, abschneiden. Um das zu können, hat die An- goraregierung unter Berufung auf das Abkommen vom 20. Oktober 1921 bei Frankreich die Erlaubnis, die Eisen- bahnstrecke, die von Aleppo aus einen Teil des syrischen Ge­biets durchkreuzt, für Truppentransporte zu benutzen, ver­langt und auch erreicht. England hat das ftanzösische Ver­halten sehr mißbilligt, während die Türkei das französische Entgegenkommen als Umstellung der französischen Türken­politik deuten kann.

Wichtiger als alles dieses sind jedoch die moralischen Hemmungen. Der türkische Soldat soll für eine Sache kämpfen, die er selbst haßt. In allen früheren Kriegen konnte der Fanatismus des türkischen Soldaten gegen die „Ungläubigen" angesetzt werden, jetzt soll er gegen die kämp­fen, die auf den Glauben seiner Väter, auf den Islam, schwören. Der abgesetzte Kalif in San Remo schürt noch diese Bewegung durch Aufrufe, die in der italienischen Presse, dem zweiten Erbfeinde der Türken, sämtlich abgedruckt werden. Als auf der Konferenz von Lausanne Lord Curzon die Un­abhängigkeit Kurdistans verlangte, ahnte die Türkei bei der Ablehnung dieses Vorschlages nicht, daß in der östlichsten ihrer Provinzen der Herd der Reaktion sitzt, den sie heute bekämpfen muß, um die junge türkische Republik zu retten. Daß sie militärisch große Opfer bringen muß, beweist die Tatsache, daß kürzlich ein ganzes Armeekorps zu den Kurden übergetreten ist. P.

Die Weimarer Koalitionsparteien zur Frage der Gammelkandidatur.

Die Sozialdemokraten für die Sammelkandidatur.

In gemeinsamer Sitzung des sozialdemokratischen Partei­ausschusses und des Parteivorstandes wurde am Donnerstac abend folgende Entschließung gefaßt: „Der Partei- ausschuß ist für die Aufstellung eires gemeinsamen Kandidaten

Zentrum und den Demokraten die Voraussetzungen hierfür geschaffen werden können."

Nach den letzten Meldungen haben die Verhandlungen der Weimarer Koalitionsparteien über eine Einheitskandida- tur für die RLichspräsidentschaft weitere Fortschritte gemacht. Trotzdem sind die Schwierigkeiten noch keineswegs überwun­den, und auf der anderen Seite sind vertrauliche Besprechun­gen zwischen den bürgerlichen Parteien im Sinne einer bür­gerlichen Einheitskandidatur ebenfalls noch im Gange. Es kommt nach wie vor darauf an, ob das Zentrum sich restlos für die sozialdemokratische Linie entscheiden will, oder ob es seinem Charakter als bürgerliche Partei stärker Rechnung trägt. Die Haltung des Zentrums, soweit sie sich nach seinen letzten Beschlüssen beurteilen läßt, wirkt um so eigentümlicher, als dem Zentrum von vornherein bekanntgeworden ist, daß Dr. Iarres für seine Person einer bürgerlichen Einheitskan­didatur nicht hindernd im Wege stehen würde, falls sich über­haupt noch irgendwelche Möglichkeiten für eine solche.Sam­melkandidatur aller bürgerlichen Parteien ergeben sollten.

Llm den Ministerpräsidenten in Preußen.

Das Zentrum für Braun.

Zu den Verhandlungen des interfraktionellen Aus­schusses am Donnerstag nachmittag erfahren wir, daß dem Ausschuß Bericht erstattet wurde über die Verhandlungen im Reich und mit der Wirtschaftspartei. Die Sozialdemokraten haben Braun zum Ministerpräsidenten vorgeschlagen, womit sich das Zentrum einverstanden erklärt hat.

Die Wirtschaftspartei gegen Braun, Severing und Hirtsiefer.

Zu den in der Treffe verbreiteten Meldungen über die Haltung der Wirtschaftspartei in Preußen teilt die Landtags- fraktion der Wirtschaftspartei mit, daß eine Duldung eines Kabinetts Höpker-Aschoff auf Grund der Weimarer Koa­litionsparteien mit den Ministern Severing, Hirt­siefer und Braun für sie nicht in Frage komme. Zur Frage der Auflösung des Landtages hat die Wirtschaftliche Vereinigung überhaupt noch keine Stellung genommen.

Die Zahl der polnischen Ge angenen in Preußen.

Widerlegung kommunistischer Tendenz­nachrichten.

Don tommuniffifd}er Seite wird ständig behauptet, daß in preußischen Gefängnissen 7000 politische Gefangene säßen. Auf eine Kleine 9lnfrage eines sozialdemokratischen Landtags­abgeordneten, ob diese Ziffer richtig sei, erteilt der preußische Iustizminister nachstehende Antwort: „Die Zahl derjenigen Personen, die wegen politischer Straftaten von preußischen Gerichten verurteilt worden sind und zurzeit ihre Strafe ver­büßen. beträgt 477. Die Zahl der von nichtpreußische» Ge­richten wegen politifdier Straftaten abgeurteilten Personen deren Strafen in preußischen Strafanstalten vollstreckt werden, wird noch angegeben werden."

Die Behandlung der Gicherheitsfrage bei den Alliierten.

Wie Reuter aus London meldet, ist in der Frage des von Deutschland vorgeschlagenen Paktes keine weitere Entwick­lung zu verzeichnen. Die französische Regierung werde wahr­scheinlich selbst an Deutschland Anfragen richten, aber erst nach einer Beratung mit den Alliierten. Die Besprechungen dauerten immer noch fort. Ehamberlain hätte beispiels­weise verschiedene Unterredungen mit dem frarrzösischeu Bot­schafter gehabt.

Die Gicherheitsfrage im tschechischen Parlament.

Im Verlauf der außenpolitischen Debatte im Außen- ausschuß des tschechischen Abgeordnetenhauses sprach der Abgeordnete Myslivce (Tschech. Volkspartei), der m a. be- hauptete, die deutschen Vorschläge zur Sicherheits- frage verfolgten das Ziel, die Entente zu entzweien, und weiter darauf hinwies, daß eine Aenderung der deutsch- polnischen Grenze auch die Tschechoslowakei berühren würde. Abg. Toudelta (Tschech. Soz.) erklärte u. a., man brauche den Alarm, den die deutschen Vorschläge in Polen hervor- gerufen hätten, nicht mitzumachen. Zur Befriedigung Europas gehöre aber nicht nur die Sicherheit.im Westen, son­dern auch die im Südosten. Im übrigen müsse auch Rußland bei der Regelung der Sicherheits--'age mit herangezogen werden. Abg. Hruschowsky (Tschech. Soz.) erklärte, ein etwaiger politischer Vertrag der Tschechoslowakei mit Polen könnte nicht eine Garantie der Grenzen gegenüber Rußland bedeuten, da dieses nicht auf die Friedensverträge festgelegt sei. Auf Vorschlag des Nationaldemokraten Hajm wurde sodann die Sitzung vertagt. Die außenpolitische Debatte wird an einem noch festzusetzenden Termin weitergeführt werden.

Gpanien zur Ablehnung des deutschManischen

Die Ablehnung des deutsch-spanischen Handelsvertrages im handelspolitischen Ausschuß des Reichstags hat in Spanien einen unangenehmen Eindruck hervorgerufen, insbesondere, da auch die spanischen Weinbauer eine schwere Krise durch­leben. Es wird eine nachteilige Beeinflussung der deutsch- spanischen Handelsbeziehungen dadurch befürchtet.

Amerikas Vorbereitungen zur AblüstungS- komerenz.

Der Londoner Daily Telegraph meldet, daß die ameri­kanischen Amtskreise erklären, Coolidge werde seine Vorbe­reitungen für die Einberufung einer neuen Abrüstungskon- ferenz keineswegs wegen der kühlen Aufnahme seiner An- regungen in Frankreich unterbrechen. Kellogg soll seine gesamte freie Zeit zum Studium der Dokumente für diese Konferenz verwenden. Der „Daily Telegraph" bemerkt hierzu, Coolidge, Kellogg und Borah seien sich darüber einig, daß die Konferenz abgehalten wer­den muß, und daß die britische Regierung ohne jede Rück­sicht auf das Verhalten anderer Mächte die Einladung gün­stig beantworten werde. Das britische Reich sei an den Problemen des Stillen Ozeans ebenso interessiert wie an den europäischen Problemen. Frankreich wolle jedoch nicht zugeben, daß das Genfer Protokoll tot sei, und daß man eine Abrüstungskonferenz abhalte, die außerhalb des Völker­bundes stehe. Auch die Londoner Times bestätigen, daß Coo­lidge aus inneren und außenpolitischen Gründen eine Kon­ferenz wünsche. Coolidge erkennt aber, daß, falls diese Kon- ferenz erfolglos sein würde, die Folgen für Europa sowie für Amerika katastrophale sein würden. Kellogg habe ebenso wie Hughes die Fragen mit den europäischen Botschaftern besprochen. Dabei haben sie herausgefunden, daß noch wesent­liche Meinungsverschiedenheiten bestehen. Deshalb wird in Washington die Frage inoffiziell geduldig weiter diskutiert, und man wird nichts unternehmen, ehe nicht der Erfolg einer » Konferenz gesichert sei.

C^amberiain reist nach Paris?

Nach einer Londoner Meldung ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß Chamberläin demnächst nach Paris reist, um mit Herriot offiziell das Sicherungs- und Abrüstungs- problem zu besprechen.

Rücktritt des französischen Finanzministers.

Finanzminister Clementel hat Herriot sein Rück­trittsgesuch eingereicht. Clementel soll gegen den Willen der Mehrheit des Kabinetts voreilig die Finanzmaßnahmen der Regierung bekanntgegeben haben. Da er an seiner Demission festhält, ist mit einer Umbildung des Kabinetts zu rechnen. Vielfach wird der Siegelbewahrer Rene R e n a u I d als Der neue Finanzminister genannt. Die Minister wurden so­fort Surch telephonischen Anruf zu einer dringenden Kabi- netrssitzung am Quai d'Oriay einberufen. Elemente! wohnte der Sitzung nichr bet, sondern kehrte sofort nach Ausgang der SenaMitzüng nach seiner Privatwohnung in Versailles zu­rück Der Kabinettssitzung ging eine Beratung der Führer