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Hersfelöer Tageblatt Hersfelöer Kreisblatt" Amtlicher Mnzeiger für den kreis Hersfelö

Nr. 46 Dienstag, den 24. Februar 1925

Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzeile 10 Pfg. : für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg., • die Reklamezeile 50 Pfg. Bei Wiederholungen : Dachlak. + Für die Schriftleitung nerantwortlich : Franz Funk in ßersfeld. + Fernsprecher Dr. 8. ;

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Das Wichtigste.

— Die Besprechungen zwischen England und Frankreich über den Bericht der Militävkontrollkommission dauern an. Nach bisher noch nicht bestätigten Berichten ist eine Räumung Kölns vor August nicht zu erwar­ten.

— Präsident Coolidge beschäftigt sich mit der Frage der Anerkennung Sowjet-Rußlands durch die Bereinigten Staaten.

— In Berlin hat ein Prozeß begonnen, der über die Tätigkeit der bayerischen Revolutionsminister Unter Lettner und Eisner während des Krieges aufsehenerregende Aeußerungen aus Tageslicht brächte.

— Zu der geplanten Abrüstungskonferenz soll auch Deutschland eingeladen werden, jedoch wird ihm nicht das Recht eingeräumt, auf der Konferenz zu

• spreche».

Ane Kursänderung im WeißenHaus

Große Ereignisse pflegen ihre Schatten vorauszuwerfen. Ob der Rücktritt des amerikanischen Staatssekretärs Hughes ein solches Ereignis bedeuten wird? Und ob der Rückttitt eine andere Politik Europa und besonders Deutsch­land gegenüber mit sich bringen wird? Es unterliegt keinem Zweifel, daß man von einer plötzlichen Aenderung des Kurses oder Schwenkung nicht reden kann, vielmehr von einer sich organisch entwickelten Wendung auf einzelnen Gebieten. Ob­wohl in Washington betont wird, daß der Rücktritt Hughes' und somit der Wechsel in der Leitung des Staatsdeparte­ments am 4. März eine Aenderung der politischen Richt­linien keinesfalls zur Folge haben werde, weiß man doch, was man von solchen amerikanischen Erklärungen zu halten hat. Gerade in Amerika machen mehr als in allen Ländern einzelne Männer die Polittk. Man kann sich also denken, daß es durchaus entscheidende Wirkung haben kann, wenn Posten an einen Nachfolger abgibt, der mehr als einmal bewiesen hat, daß er in vielen Fragen auf einem ganz an­deren Standpunkt steht. Hughes und sein Nachfolger Kellogg sind zwei voneinander stark abweichende Persön­lichkeiten mit reichlich verschiedenen Richtungen innerhalb der republikanischen Partei, und demnach kann nicht daran gezweifelt werden, daß sich mit der Nachfolge Kelloggs ein wesentlich anderes Programm in der äußeren Politik her­ausbilden wird.

Die Einnahmemöglichkeiten des Anwaltberufes sind in Amerika außerordentlich hoch, dagegen sind die Bezüge der höheren und höchsten Beamten ziemlich geringfügig, so daß es glaubhaft klingt, wenn als offizieller Grund für den Rua- tritt Hughes' angeführt wird, haß er feine frühere Anwalts- praxis wieder aufnehmen will, fitm sein stark zusammen- geschmolzenes Vermögen wieder in die Höhe zu bringen. Unseres Erachtens kommt aber als wichtigstes Moment die Tatsache hinzu, daß nach dem 4. März 1925 Coolidge aus eigenem Recht Präsident wird und dann nicht mehr an die Dogmen Hardingscher Politik — die restlos eine Politik seines Staatssekretärs Hughes war — gebunden sein wird. Coolidge will, wie er persönlichen Freunden bereits angedeutet hat, allmählich seine eigenen Wege gehen, was demnach zweifellos ein langsames und vorsichtiges Abweichen von den Richtlinien, die bislang die Hughessche Staats­leitung vorgezeichnet hat, bedeutet. Zwar ist Coolidge ein kühler und bedächtiger Mensch, dem das Temperament fehlt, rasche und radikale Maßregeln zu ergreifen; dennoch wird sich nach und nach eme Aenderung bestimmter politischer Normen nach außen hin bemerkbar machen, das Ruder wird Grad um Grad gedreht. —

Man wird als weiteren Grund für Hughes' Llbaang die Ernennung des Senators Borah zum Vorsitzenden des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten an- nehmen müssen. Diesen Posten hatte vordem der kürzlich verstorbene Lodge inne, der in allen wichtigen Fragen mi! Hughes durchaus übereinstimmte. Der freiheitlich eingestellte Borah aber steht in den meisten Angelegenheiten der aus­wärtigen Politik Hughes' oppositionell gegenüber. so daß dem Staatsdepartement — wenn Hughes die Leitung be­hielte — wohl kaum ein glattes Arbeiten mit dem Aus- wärttgen Ausschuß möglich wäre.

Der 4. März wird noch eine Hauptbedeutung gewinnen dadurch, daß von dem Tage ab an Stelle der einzelnen einem »maßgebenden Persönlichkeit sozusagen» an Drei- männerdirektorium tritt. , Denn neben Coolidge wird der temperamentvolle Vizepräsident D a w e S stehen, der, wie er bereits erklärt hat, entgegen seiner bisherigen vizepräsidentlichen Aufgabe sich höchst aktiv betätiaen will. Dawes, dem seine europäische Rolle großes Ansehen ver- liehen und ihn zu einer populären und recht beliebten Per- sönlichkeit gemacht hat, ist ohne Frage berufen, die treibende Politik darzustellen. Der Dritte im Bunde wird eben der Machfolder Hughes' im Staatssekretariat, Kellogg, sein.

Kellogg hat sich besonders als warmer Freund des Völkerbundes, ferner als besonders tätiger Englandfreund, allerdings während des Krieges (und somit als scharfer Degner Deutschlands), und als eifriger Bekämpfen der großen

Trusts hervorgetan. Seine feindliche Haltung Deutschland gegenüber war lediglich ein Kriegserzeugnis und ist, wie er (selbst zugesteht, nunmehr ein überwundener Standpunkt. Aber sicherlich bleibt seine Dölkerbundfteundlichkeit bestehen, der er zweifellos in der amerikanischen Politik Geltung zu verschaffen sucht, wenn Coolidge oder Dawes nicht abzu- bremsen versuchen. Er wird sich jedoch bemühen müssen, mit dem Vorsitzenden des Senatsausschusses, Borah, der Europa ebenso gut wie Kellogg oder vielleicht sogar noch besser kennt, an einem Strang zu ziehen. Ein solcher Schritt dürste vielleicht auch geeignet sein, ihm Sympathien des großen freiheitlichen Führers Lafollette einzubringen, mit dem er bislang in scharfer Gegnerschaft stand.

Wie steht die Sache nun für uns? Deutschland hat unseres Erachtens keinen Grund, über den Rückttitt Hughes' zu frohlocken, aber noch weniger Grund hat es, die Nachfolge­schaft Kelloggs irgendwie zu bedauern. Der Jurist Hughes hat sich im Laufe der Jahre zu einem Politiker größten Stils entwickelt. Diese Entwicklung war so folgerichttg, fast zwangsläufig, daß es sich in seiner äußeren Erscheinung zeigt. Sein Nachfolger Kellogg ist ttotz seines relatiu hohen Alters noch kein Politiker in solchem Ausmaß, aber er hat Kennt­nisse und Regsamkeit und ist auf dem besten Wege, ein Politiker zu werden. Wenn es nun, was ohne weiteres zu erwarten steht, an einer taktvollen und dabei doch wirkungs­vollen Wahrnehmung der deutschen Interessen durch den neuen Botschafter bei der heraufziehenden neuen Aera nicht fehlen wird, besteht kaum Anlaß für uns, der Wendung im Weißen Hause mit irgendwelchen Bedenken oder gar mit Mißttauen entgegenzusehen. W. L.

Räumung Kölns nicht vor August?

Obwohl das Gutachte« des Marschalls Fach über den

Generalbericht noch nicht vorliegt, wird in Regiernngskreifen darauf hingewiesen, daß die Feststellungen des Berichts die Räumung Kölns ausschlöffen, solange Deutschland nicht seine ^■^" ^MUj W^T^tT^ verringere, die grüne Polizei entmilitarisiere und in den Arsenalen und Fabriken das Kriegsmaterial zerstöre. Deutsch­land würde selbst beim besten Willen nicht vor August Abhilfe schaffen können. Ueber französisch-englische Meinungsverschie­denheiten über die Veröffentlichung des Generalberichtes gibt „Petit Journal" Aufschluß. Das Blatte stellt fest, daß Frank­reich die Veröffentlichung hinauszögern möchte, bis das Cicherheitsproblem endgültig geklärt ist

*

Der englische Botschafter in Paris Lord Crewe hatte am Sonntag eine lange Unterhaltung mit Herriot über den Entwaffnungsbericht gehabt. Es sei noch nicht be- kannt, bis zu welchem Grade die französische Regierung die britischerseits ausgedrückte Idee angenommen habe, wonach die interalliierte Konferenz, die nach den Verhandlungen des Botschasterrates stattfinden werde, zu einem späteren Datum in eine Konferenz erweitert werden sollte, an der auch die Deutschen teilnehmen würden. Es sei wahrscheinlich, daß ein Unterschied gemacht werden würde zwischen den von den alliierten Regierungen allein getroffenen Entscheidungen und den Modalitäten der Anttäge, die in Verbindung mit den Delegierten Deutschlands geprüft werden sollen. Es könne in­dessen nicht geleugnet werden, daß ein derartiges gemischtes Vorgehen in Paris stark kritisiert werden würde. Es' verlaute, daß die Konferenz der alliierten Minister, die voraussichtlich im März, einige Zeit nach dem Besuch Chamberlains bei Herriot, festgesetzt würde, vermutlich nicht in London, wie ur­sprünglich vorgesehen, sondern in Brüssel stattfinden sollte.

Chamberlain besucht Herriot?

Zu den Londoner Meldungen-, wonach Chmnberlain am 7. März bei seiner Durchreise Herriot aufsuchen werde, er­klärt man am Quai d'Orsay, daß die britische Regierung dar­über noch keine amtliche Mitteilung nach Paris habe gelangen lassen. „Evening Standard" schreibt, Chamberlain werde eine so wichtige Frage wie die deutschen Verfehlungen nicht im Verlaufe weniger Stunden in Paris regeln können. Es sei aüzunehmen, daß er bei seiner Rückkehr aus Genf in Paris erneut Halt machen und Vertreter der französischen Regierung nach London einladen werde.

tteberall die deutschen „Verfehlungen".

Der britische Botschafter in Brüssel hatte mit Hymans eine lange Unterredung, in deren Verlauf eingehend die deut­schen Verfehlungen zur Sprache kamen. Der britische Botschafter hat Brüssel verlassen, um seiner Regierung Be­richt über die Verhandlungen zu erstatten.

Die Militärkontrollnote.

Zu Londoner Meldungen, wonach angeblich eine neue deutsche Anregung in London gegeben wor - den sei, vor der Absendung der n ü ch st e n M i - litäkvntrol I note erst noch einmal deutsche Vertreter in London zu hören, ist folgendes fest­zustellen:

Anfang Januar hatte die Botschafterkonferenz der deut­schen Regierung unter Bezugnahme auf den in Aussicht stehenden Bericht der Militärkonttollkommission in einer Note mitgeteilt, daß die Kölner Zone nicht geräumt werden würde. In der deutschen Antwortnote vom 7. Januar ist am Schlüsse darauf hingewiesen worden, daß diese ganze Frage nur auf dem Wege der gegenseitigen Verständigung gelöst werden könne, d. h. also, daß man Verhandlungen unter Hinzuziehung deutscher Vertreter für notwendig er- achte. Seit dieser Zeit ist ein neuer offiziel­ler Schritt der deutschen Regierung in dieser Angelegenheit nicht erfolgt, und auch in diesen Tagen ist, entgegen den erwähnten Londoner Mel- düngen, eine neue Demarche nicht unternommen worden, wohl aber muß es als^elbstverständlich angesprochen werden, daß die damalige deutsche Anregung vom 7. Januar in der Zwischenzeit und demgemäß auch jetzt noch in den laufenden diplomatischen Beziehungen dauernd eine Rolle spielt und, wenn auch nicht in Form offizieller Schritte, natürlich wie- derhott zur Sprache gekommen ist.

Deutschland hat auf der Abrüstungskonferenz nichts zu sagen.

Nach einer Havasmeldung aus London stehen die bri- tischen Regierungskreise auf dem Standpunkt, daß Deutsch­land auf der geplanten Abrüstungskonferenz über Fragen des Versailler Vertrages, im vorliegenden Falle also über Militärkontrolle und Räumung Kölns, nicht gehört werden dürfe. Die deutschen Delegierten könnten zu der Konferenz erst zugelassen werden, wenn die Verhandlungen der Alliier- ten abgeschlossen wären, um mit ihnen das zur Durchfüh­rung der Beschlüsse der Alliierten einzuschlagende Verfahren festzulegen. Die Konferenz werde wahrscheinlich noch vor der Abreise Chamberlains nach Genf in irgendeiner Haupt­stadt der Alliierten stattfinden.

Gegen polnische Herausforderungen.

rar Der Heimatvunb Ostpreußen Mt es fOr feine Pflicht, die Aufmerksamkeit weitester Kreise auf die Vorgänge zu richten, durch die von feiten der Polen während der letzten Wochen eine un­geheure und gerechte Empörung in der deutschen Grenzbevölkerung hervorgerufen worden ist. Die Lage an der Weichselgrenz«, die bereits durch die vertragswidrige Besitznahme des deutschen Uferstreifens mit den fünf Dörfern und dem Hafen von Kuzebrack durch Polen gespannt ist, hat eine weitere Zuspitzung durch un­erhörte Uebergriffe erfahren, die nur infolge der gänzlich un­sinnigen Grenzziehung geschehen konnten. Wir stellen folgen­des fest:

1. Im Dezember 1924 wurden zwei deutsche Niederungs- bewohner bei Ausübung ihres Pachtrechtes auf dem vertrags­widrig Deutschland entrissenen Uferstreifen durch polnische Grenz- beamte verhaftet, über die Weichsel geschleppt und wochenlang in polnischen Gefängnissen festgehalten.

2. Am 28. Januar 1925 wurde der deutsche Besitzer Fried- r i ch Look aus Rudnerwiese bei Ausübung seines Pachtrechts auf dem vertragswidrig Deutschland entrissenen Ufergebiet durch einen polnischen Grenzbeamten kurzerhand er­schossen. Look, der im Kriege mehrfach verwundet war, hinter­läßt eine Frau mit drei Kindern.

3. Am 13. Februar 1925 überflog ein polnisches Militär­flugzeug die deusschen Garnisonen Dt. Eylau, Marienburg Und Marienwerder in ganz geringer Höhe. Ueber den Kasernen flog es mehrfache Schleifen. Dieses Verhalten bedeutet eine bewußte Herausforderung.

Es ist Sache der amtlichen Stellen, gegen diese Vor­gänge einzuschreiten und Sühne zu verlangen. Wir aber wollen vor aller Welt darauf hinweisen, daß es Polen und immer wieder Polen ist, das durch fortgesetzte Gewalttaten und Provokationen im Osten als Friedensstörer auftritt. Dieses Polen, das. dem Völkerbund zum Trotz, dem litauischen Volk das Wilnagebiet raubte, dieses Polen, das durch militärische Gewalt das ukrainische Volk um seine Freiheit betrog, dieses Polen, das ständig das kleine und wehrlose Danzig zu vergewaltigen sucht und die Entscheidun­gen des dort vom Völkerbund eingesetzten englischen Oberkom­missars verachtet, dieses Polen, das durch sein brutales Vorgehen bei allen seinen Nachbarn Feindschaft sät, stellt eine dauernde Bedrohung des Rechtes und damit des Friedens dar.

Die deutsch-polnische Optantensrage.

Nach Meldungen der polnischen Presse, die durch Be­richte der deutschen Konsulatsbehörden in Polen bestätigt werden, haben die polnischen Behörden gemäß Artikel 12 § 2 des deutsch-polnischen Abkommens vom 30. August v. I. den noch in Polen befindlichen deuts chen Optanten die Aufforderung zugestellt, das polnische Staatsgebiet innerhalb der vertraglich festgesetzten Fristen zu verlassen. Von Nachgeordneten Stellen ist hierbei in einer Reihe von Füllen angegeben worden, die polnische Regierung mache von ihrem Recht, die Abwanderung der deutschen Op­tanten zu verlangen, deshalb Gebrauch, weil die deutsche Re­gierung bereits polnische Optanten aus Deutschland ausge­wiesen habe.

Demgegenüber ist festzustellen, daß auf feiten der deut­schen Regierung von vornherein die Absicht bestand, ihr Ver­halten gegenüber den polnischen Optanten in Deutschland, deren Abwanderung zu verlangen die deutschen Behörden berechtigt sind, abhängig zu machen von dein Verhalten der polnischen Regierung gegenüber den deutschen Optanten in Polen. Dies ist auch schon Anfang Januar der polnischen Regierung von dem deutschen Gesandten in Warschau mit- geteilt worden. Bisher war noch nicht einem einzigen pol-