Hersfelöer Tageblatt
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Budidrudceref in Bersfeld, (filtglied des VV V
Nr. 11
Mittwoch, BenJ^ganuar
1925
das Wichtigste.
.. , ~ ®as Kabinett Dr. Luther i ft so q u t wie ge- Don den heute stattfitidenden Frattionssitzungen wirb ie ,irn^e der Besetzung der einzelnen Ministerposten abhangen. — General Walch, der Vorsitzende der Militärkontroll- kommssston, wird in Paris seinen Bericht erstatten, der ebenfalls sehr ungünstig lauten soll.
In Hern e (Westfalen) hat sich infolge des Nebels ein t cy w e r e s L if« n b a h n u n g l ii ck ereignet, bei dem noch bis. N'rigen Nachrichten 22 Tote und ungefähr 35 — 50 Schwerverletzte festgestellt wurden.
Wahrheit und Sichümg über Rußland
Gerüchte — Tendenzmeldungen — Wirklichkeit.
letzten Jahren hat sich Rußland außerordentlich „bemerkbar gemacht. Nicht nur in politischer Hinsicht. Nach Uinschwung Dom Zarismus zum Leninismus verlangte der innere Ausbau gar mancherlei, so z. B. die An- e r tennun g durch die andern Nationen. Es wollte ferner ?,^hmen, um seine kapitalfeindliche Wirtschaft mit Kapital zu befruchten.
®ag-u sandten die Nationen Studien-Delegatio- n e n nach Rußland. Man kann fid; denken, daß man solchen Oe^satwnen nur das Schöne und Angenehme zeigt. Deshalb sind alle brefe Berichte mit äußerster Vorsicht zu genießen, wie auch alle Meldungen und Gerüchte aus dem Osten nur mit größter Skepsis entgegengenommen werden vursen.
, ., Schon die eine Tatsache, daß, um der vielen Schwierig- keiten Herr zu werden, die Regierung eine Herabsetzung der .vtanufaktilvwarenpreife anordnet, obgleich diese Preise bis zu 25 Prozent bereits unter den Selbstkosten liegen, dürfte sprechend genug sein. Im Jahre 1922/23 ist es ferner den , oe^JiJ'L1^ UätyÄ^Mti^ getuugeu, ein
2^^. öon 35 Millionen Pfund Sterling herauszu- wirtichaften, eine Summe, die einerseits von der Regierung, andererseits von den Großbanken mit Hilfe der Rohmaterialausfuhr gedeckt werden mußte. Wenn das Defizit für 1924 auch noch nicht bekannt ist, so ist allen Anzeichen nach aiizunehmen, daß,es desjenigen des Vorjahres würdig sein wird. Um so auffallender ist das offensichtliche Gedeihen der etwa 1500 PrivatUnternehmungen, die unabhängig von der staatlichen Bevor- mundung ihre Transaktionen mit sichtbarem Erfolg auszu- dehnen verstehen. Damit ist schon hinreichend der Beweis erbracht, daß Privatunternehmungen selbst unter großen Schwierigkeiten florieren können, während die verstaatlichten Werke der Industrie einfach glatt versäum Da zeigt es sich aber außerdem, daß auch diese Privatindustrie eine Begrenzung hat, denn jeder Erfolg wird von der G. P. U. mit Argusaugen überwacht, damit im geeigneten Moment die Gewinne „verstaatlicht" werden können. Um also den Zu- sammenbruch zu vermeiden, müßte die Regierung das Experiment mit den nationalisierten Industrien aufgeben. Daran ist aber sehr zu zweifeln, obwohl neuerdings Ge r ü ch t e dieser Art aufgetaucht sind, denn die Kommunistische Partei hat ja ihr ganzes Gebäude auf diese Rationalisierung gegründet.
Die natürlichen Schätze des Landes würden wohl erlauben, daß Rußland mit Rohstoffen bezahlt, jedoch beim jetzigen Wirtschaftsgebaren der Regierung und der Art der Produktionsüberwachung, durch die die Preise der Rohmaterialien weit über den Friedenspreisen stehen, ist nicht die leiseste Hoffnung, daß dieser Fall ein treten könnte. Damit fällt auch die Aussicht, mit Hilfe von Rohmaterialien und deren Export die Verzinsung von Anleihen in die Wege leiten zu können. Die fünfHauptexportfaktoren Rußlands sind: Getreide, Flachs, Del, Erz und Bauholz. Die beiden ersten können ohne hinreichende Finanzierung nicht ertragreich gestaltet werden. Die Finanzierung im Lande selbst aber ist infolge der Auflösung der großen L a n d» wirtschaftsbanken hinfällig geworden. Die Ereignisse der vergangenen Monate zeigten vollauf, daß mit einem erfolgreichen Getreideexport gar nicht gerechnet werden kann. Der russische Bauer hat durch schlimme Erfahrungen gelernt, sich auf sich selbst einzustellen und sich nicht um die Versorgung der Städte zu kümmern-. — Del und Erz haben genügend finanzielle Hilfe vom Ausland erfahren: ohne Erfolg. Selbst in der Bauholzindustrie, dem Paradefeld russischer Wirtschaft, zeigen sich nur Verluste.
Einen weiteren interessanten Einblick in die finanzielle Lage der russischen Industrie, die nicht einmal im- stand« ist, ihren Verpflichtungen den Arbeitern gegenüber nachzukommen, bieten folgende Tatsachen: Nach den offiziellen Daten des Volkskommissariats der Arbeiter- und Bau- erninfpettion war bis Ende Oktober der Arbeitslohn für den September in den unten genannten Trusten in folgendem Umfang ausgezahlt: Kohlentrust „Domugolj" — 61 Proz. (davon 19 Proz. in bar, der Rost in Waren), Stahltrust „Jugostakj" 64,5 Proz. (47 Pro. in bar), Eisentrust 71,5 Prozent Zuckertrust 72 Proz, usw. Den tageweise angestellten Arbeitern sind durchschnittlich 45 Prozent «usgezahlt worden Der Eindruck bürste an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Ebenso kann man sich kaum gegen die Erkemituüi
wehren, daß die Quelle des Uebels der Mangel an privaten Unternehmungen ist.
Um so sonderbarer muß der Bericht einer britischen Ge werkschaftsvertretung, der sogen. „Trabe Unions", über eine Studienreise im Sowjetland berühren. Diese Delegation hat sich offenbar schon bei der Einreise vor- genonunen, alles im rosigsten Licht sehen zu wollen. Kaun angekommen, erklärte sie, obwohl kein Mitglied russisck spricht, den bekannten Sinowjew-Brief für eine Fälschung Mes mußte ja schon Argwohn erregen, um so mehr, als man gerade in England gern- ausführlich und genau über du wirtschaftlichen Verhältnisse im Osten orientiert sein möchte Der Bericht erwähnt sodann in einer Reihe von Punkten du e n o rm gebesserten Zustande in Rußland. Das Land wird geradezu als ein Paradies gepriesen uff. Eine andere Reisegesellschaft oom Labour-Departement des Völkerbundes lautete ganz wesentlich anders! Die Lebensbedingungen bei Arbeiter sind nach diese m Urteil sehr schlecht. Dr. R.
Gute Aussichten für ein Kabinett Luther.
Wie wir erfahren, plant Reichsfinanzminister Dr. L u - t h e r ein Kabinett auf der Grundlage, daß aus jeder Partei ein Parlamentarier in die Regierung einbezogen wird, daß aber auch die übrigen Regierungsmitglieder, ohne den Fraktionen anzugehören, den Parteien entnommen werden. Ein« so zusammengesetzte Regierung würde auch die Garantie dafür geben, daß die Anträge jeder der an ihr beteiligten Parteien in der bei Koalitionen üblichen Form gestellt werden. Dieses Programm wird in parlamenatrischsn Kreisen günstig beurteilt. Die Reichstagsfraktion des Zentrums hat sich in ihrer Sitzung aut Montag damit einverstanden erklärt, daß das Fraktionsmitglied Dr. Brauns, der bisherige Reichsar- bertsminister, in einem überparteilichen Kabinett Luther feiner. Posten behält. Maßgebend für die Haltung der Fraktion ist jedoch die endgültige Zusammensetzung des Kabinetts, besonders auch der Umstand, daß Minister Seiler in
Des Kabinetts den Beifall des Zentrums finden, wird es dem Kabinett Luther freunbfdjaftUd) gegenüberstehem Nachdem der Beschluß der Zentrumsfraktion eine wesentliche Klärung der Lage gebracht und die größten Schwierigkeiten zur Bildung der neuen Regierung aus dem Wege geräumt hat, wird die offizielle Betrauung Dr. Luthers mit der Bildung eines überparteilichen Kabinetts von dem Ergebnis feiner Besprechungen mit den deutschnationalen Unterhändlern, die mit ihm unter der Führung Dr. Schieles verhandeln, abhängen.
General Walch erstattet Bericht.
General Walch hat in seiner Unterredung mit Herriot am Montag den Schlußbericht der Kontroll, kommission zur Sprache gebracht. Wie die „Daily Mail" erfährt, lautet dieser Bericht ebenso ungünstig, wie die bisherigen zwei Berichte. Er enthält eine genaue Auszäh- lung sämtlicher deutschen Verschlungen, und stellt insbesondere fest, daß der deutsche Generalstab nicht aufgelöst sei.
Krediiaktion des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.
Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft teilt mit: Die deutsche Landwirtschaft kann nur dann wettbewerbsfähig sein, wenn sie in der Lage ist, auf der engeren und finanziell stärker belasteten Scholle höhere Erträge zu erzielen als das Ausland, und diese Erträge zu Gestehungskosten, die die der ausländischen Landwirte nicht übersteigern Es ist daher notwendig, daß die Betriebe zur intensiven Be-wirtschaftun g übergehen, vor allem zur Tiefkultur durch Untergrundlockerung, zu einer ausgiebigen Hochkultur auch auf den Getreidefeldern, zur genauen Wasser- und Düngerbedarfsregelung, zur Düngerver- cdelung, Saatenveredelung, zur Grünlandkultur und Futter- konservierung schreiten. Zu diesem Zweck ist die M o t o r i - sierungderlandwirtschaflichenBetriebedas Gebot der Stunde. Das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat nun die Be re i tste l lung billiger Kredite in die Wege geleit^, um den noch be- stehenden Preisunterschied zwischen den Deutschen und amerikanischen Erzeugnissen der Kraftpflugindustrie zugunsten unserer Erzeugnisse auszugleichen. Der noch bestehende Preisunterschied dürfte dann durch den geringeren Betriebsstoff, verbrauch und andere Vorzüge der teutschen Maschinen aufgehoben werden. Die Beschränktheit der verfügbaren Kredite nötigt allerdings dazu, in erster Linie kleinere Kraftgeräte zu berücksichtigen. Der Wunsch, die Aktion schon für die kommenden Frühjahrsarbeiten nutzbar zu machen, machte eine beschleunigte Durchführung der Auswahl notwendig. Eine Ausdehnung dieser Miton wird aber omr. Ministerium betrieben. Die Spitzenverbände der Land wirtschaft, die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, bis Genossenschaften und die Verbände des Landmaschinenbau dels, haben sich in den Dienst der Sache gestellt und sich be reiterklärte, sie in jeder Weise zu fördern.
Dr. Stacht über den Michsbankdiskont.
In der Zentralausschußsitzung der Reichsbank berichtete Reichsbankpräsident Dr. Schacht über die Entwicklung des- Status der Reichsbank, insbesondere den Zah- lungsmittslumlauf und die Kreditgewährung während der letzten Wochen, wobei er zu dem Schluß kam, daß nach dem gegenwärtigen Stand der deutschen Wirtschaft und der deutschen Währung eine weitere Ausdchnung des Notenbank- kredites sowie des Zahlungsmittelumlaufs dem Reichsbank- direktorium nicht angebracht erscheine. Zur Frage des Ms- kontsatzes der Reichsbank wurde seitens des Vorsitzenden be- mertt, daß es für die Reichsbank so lange unmöglich fei, einer Herabsetzung des Bankdiskonts nöher- zutreten, als nicht bürd) Wisderaufrichtung eines Privat- diskontmarktes zu niedrigeren Sätzen auf natürliche Weise der Boden für eine Herabsetzung des Bankdiskontes bereitet sei Dagegen erklärte der Reichslxinkpräsident, daß die Reichsbank bereit sei, für einen zu vereinbarenden Betrag von Prima- bankakzepten die jederzeitige Rediskontierbarkeit bei der Reichsbank zuzusichern.
Z ir Krage der ArSettszeri.
Die Vereinigung der Arbeitgeberverbände in Berlin beriet in einer Pressebesprechung die Frage der Arbeitszeit. Es wurde vor allem betont, daß Deutschland weder aus internationalen noch aus sonstigen Gründen Grund habe, das Washingtoner Abkonimen zu ratifizieren, da auch fast all« übrigen Länder von einer Ratifikation bisher abgesehen haben. Diejenigen Länder, die in der letzten Zeit das Wkommen ratifiziert hätten, hätten es unter Vorbehalt des Beitritts anderer Staaten getan, z. B. auch Deutschlands. Man müsse berücksichtigen, daß in der ganzen Welt die Produktion ganz wesentlich zurückgegangen sei. Es bedürfe keiner besonderen Hervorhebung, -daß die Einführung des Achtstundentages einen großen Autelt an dem itütt^arg der Arod ut.t irm habe. Es wurde dann im einzelnen nachgewiesen, daß fast alle Staaten, mit denen wir im Wettbewerb stehen, die achtstündige Arbeite:eit nur teilweise eingeführt hätten. Es wurde dann auch auf die zurzeit aktuelle Frage des Zwei- schichtenfystems eingegangen. Es sei darauf hinzuweisen, daß bei der Wiedereinführung des Dreischichtensystems in der Eisenindustrie mindestens 40 bis 50 Prozent der Arbeiter mehr eingestellt werden müßten. Das ergebe zwangsläufig eine ganz wesentliche Erhöhung der Preise, die im Interesse des Gemeinwohles abzulehnen sei. Man müsse von der Praxis der letzten Zeit, die Frage der Löhne ohne Rücksicht auf die sonstigen Berteuerungsfaktoren zu betrachten, loskommen, sonst steuere man unbedingt wieder in Iirflationsverhaltnisse und Wührungsschwierigkeften hinein.
Die deut? hen Handelsbeziehungen zu Italien.
Die Handelsvertragsverhandlungen zwischen Deutschland und Italien sind für einen kurzen Zeitraum auf- geschoben worden, um Verhandlungen zum Abschluß eines modus vivendi Platz zu machen. Da beide Regierungen die Absicht haben, die wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder auf die Grundlage vollkommener Gegenseitigkeit zu stellen, so ist durch einen Notenwechsel zwischen dem Mnisterpräsi- benten Mussolini und dem deuffchen Boffchlster Freiherr von Neurath festgesetzt worden, daß die deutsch-italienischen Zollfragen vom 11. Januar an auf der Grundlage der Meist- begünftigung geregelt werden sollen. Der vorläufige modus vivendi hält für einen großen Teil der italienischen Ausfuhr, besonders für landwirtschrftliche Produkte, die Vorzugsbehandlung aufrecht, deren sie sich augenblicklich erfreuen, und bietet dafür Deutschland einen billigen Ausgleich in der Form einer Ausdehnung des Meistbegünstigungsprinzips auf einen großen Teil seiner Ausflchr nach Italien. Die Handelsoer» tragsverhandlungen werden inzwischen aktiv fortgesetzt.
Aus den deutsch-französischen WirtschastS« verhandiunqen.
Der Führer der deutschen Handchsvertragsdelegation, Staatssekretär Dr. Trendelenburg, hat die Be- fpred)ung zwecks Abschlusses eines Hairdelsvertrages, begleitet von zwei beutfdjen Sachverständigen, mit dem französischen Handelsnnnister Raynaldi) wieder ausgenommen. Die deutsche Delegation veröffentlicht folgendes (Kommunique: „Angesichts der ablehnenden Haltung, welche die deutsche Regierung gegenüber dem von Frankreich vorgesehenen Provisorium einnimmt, hat Handelsnnnister Raynaldy in der heutigen Besprechung mit Staatssekretär Dr. Trendelenburg neue' Vorschläge gemacht. Diese Vorschläge werden zurzeit von der deutschen Delegation geprüft." Handelsminstter Raynaldy hat der deuffchen Delegation die Vorschläge schriftlich überreichen lassen.
Die Agentur Havas teilt ant, daß Staatssekretär Dr. Trendelenburg im Verlaufe seiner Unterrebung mit smudelsminister Raynaldy mitgeteilt habe, die deuffche Dole- gation lehne den von der französischen Delegation vorg«. schlagenen Entwurf eines modus vivendi ab. Angesichts dieser Heuserung habe die französische Delegation, um alle Mittel -i erschöpfen, die zu einem Mkonnnen sichren könnten, Dr ^renbelewbuxq einen neuen Plan in der Fonn einer zeft- lich begrenzten Uebereintunft unterbreitet Dieser EntwM