Reisfelder Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt" iy
Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö P“
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Nr. 3
Montag, den 5. Januar
1925
Das Wichtigste.
Grund der Besprechungen zwischen dem Reichspräsi- öentm und dem Reichskanzler hat der Reichspräsident Marx beauf tragt, mit den Parteien Fühlung zu nehmen und Vorbereitungen für die baldige Bildung einer Regierung zu treffen.
3 m Falle Barmat sind verschiedene Haften tlassun gen vorgenommen worden, bei denen es fid) zumeist um Direktoren der Merkurbank, deren Betrieb ins Stocken zu geraten drohte, handelt.
Die bolschewistische Regierung hat für die zum 3. Januar einberufene große Konferenz neue große Reformen oyf ihr Programm gesetzt, die in erster Linie die Heran- zieh ung der Parteilosen bezwecken soll.
P r Lfident Coolidge hat sich gegen die von oetn Senator Borah vorgeschlagene intern«tio- nale Wirtschafts- und Abrüstungskonferen/z ausgesprochen, da der Rahmen für eine solche Konferenz zu weit gezogen sei.
Die Aufgaben her interalliierten Mnanzkonferenz.
„ Uns alle beschäftigt in diesen Tagen nur die bange <yrage: Was wird aus Köln, was überhaupt aus unserem besetzten Gebiet an Ruhr und Rhein? Zwar ist die Sphäre Er Unklarheit längst zerrissen, wir wissen es genau; daß Stoln weiter in der Hand der Besatzungsmächte bleibt, daran werben auch die Beratungen zwischen den Alliierten nichts anoern, die sich doch nur um den Ton drehen, in dem man Deutschland die Nichträumung Kölns auftischen will. Wir Deutsche sehen augenblicklich nur dies eine Problem vor uns uno übersehen dabei vielleicht, daß bereits ein zweites, nicht minber schwieriges seiner Lösung harrt. Tagtäglich hören wir von der interalliierten Schuldenregelung, von scharfem Redegeplänkel na uoer die
Ruuzayrung der französischen Schulden an den Weltgläubiger Amerika. Vielleicht beachten wir diese Nachrichten auch weniger, weil wir meinen, das sei ja nicht unsere Sache. Sollten wir da nicht doch zu leichtfertig urteilen? Wem wäre nicht schon bei all den interalliierten Verhandlungen über diesen oder jenen Streitpunkt aufgefallen, daß derartige Differenzen beigelegt werden — auf Kosten Deutschlands. Und da ist gerade bei der Regelung der interalliierten Schulden wieder ein Posten, bei dem Deutschland leicht zum Ausgleich der Leidende sein könnte.
Amerika hat auf der Pariser Konferenz über die Verteilung der nach dem Dawesplan festgelegten deutschen Reparationszahlungen auch seine Ansprüche auf Befriedigung seiner Forderungen aus der Rheinlandbesetzung und aus Kriegsschäden angemeldet. Diese amerikanische Forderung hat bereits einen zeitweise recht scharfen Notenwechsel zwischen England und Amerika nach sich gezogen. England streitet Amerika ein Anrecht auf diese Zahlungen ab und belegt seine Auffassung damit, daß diese Reparationszahlungen, die doch ein Ausfluß des Diktats von Versailles sind, für Amerika kein Interesse haben könnten. Amerika habe ja nicht den „Friedensvertrag" von Versailles unterschrieben, sondern mit Deutschland einen Sonderfrieden geschlossen; damit habe es sich aber selbst seines Anrechtes auf Reparationszahlungen begeben und könne höchstens eine Entschädigung für die Rheinlandbesetzung in Höhe von 250 Millionen Dollar beanspruchen. Hier liegt ein schwerer Streitpunkt, den die Konferenz der interalliierten Finanzmini st e r, die am 14. Januar beginnt, aus der Welt zu schaffen haben wird. Wehe, wenn Amerika unnachgiebig wäre, wie leicht könnte dann der Fall eintreten, daß man die Zahlungen aus Deutschland herauspreßte, um den unzufriedenen Geldgeber Amerika zu beruhigen und zu versöhnen.
Ein zweites, wohl noch schwierigeres Problem für die Konferenz ist die Regelung der interalliierten Schulden, ein Problem, das besonders Frankreich auf die Nerven fällt. Seit Wochen werden offizielle und inoffizielle Briefe zwischen Washington und Paris gewechselt, in denen Amerika jetzt sehr ungeduldig endlich die Begleichung der französischen Schuld fordert, wogegen Frankreich darum kämpft, die Zahlungen herabzusetzen bzw. die Termine hinauszuschieben. Dabei ist es vielleicht ganz interessant, im folgenden einen kurzen Ueberblick über die wechselseitigen Schuldenverpflichtungen der alliierten Länder zu geben. In erster Linie interessiert Frankreich. Während Frankreichs Forderungen — ein- gerechnet 4 Milliarden Goldfranken an Rußland - 9 Milli- arbeit Goldfranken = 360 Millionen Pfb Ster- ling betragen, schuldet es insgesamt ca. "46 Millio- nen Pfd. Sterling. In einer weit glücklicheren Lage befindet sich England, das seinen Dominien rund 132 Millionen Pfd. Sterling' schuldet, dagegen aber von seinen Verbündeten mehr als 2 Milliarden Pfd- Sterling einzutreiben hat, und daneben noch weitere Milliarden Pfd. Sterling, die es als Hilft, oder Wiederaufbauanleihen ausgeliehen hat. Wie sieht aber demgegenüber das Konto Amerikas aus, das nur feine Forderungen zu buchen hat, denen überhaupt keine Schulden gegenuberstehen. An der Spitze feiner Schuldner, allen anderen weit voran, steht
Frankreich mit rund 3% Milliarden Dollar, dem in weiten Italien mit fast 2 Milliarden Dollar folgt. Das sink nicgt allein die geliehenen Gelder, sondern auch die nicht ge-
Insgesamt hat Amerika den Alliierten runt Milliarden Dollar geliehen, nicht eingerechnet eine Förde, rung von 940 Millionen Pfund Sterling an England, bis aber erst in 61 Jahresraten zurückzuzahlen ist. Rechnen wir Diese ebengenannten Zahlen in Goldmark um, so ergibt sich baß Amerika rund 45 Milliarden Mark Forderungen und reine Schulden, England rund 41 Milliarden Mari Forderungen und 18,5 Milliarden Mark Schulden. Frau!- reid) aber nur 7,2 Milliarden Mark Forderungen und 27 Milliarden Mark Schulden an die assoziierten Staaten hat.
Der Finanzkonferenz am 14. Januar wird es obliegen diese Zahlen einen Ausgleich zu bringen, was nicht leicht fallen sollte, wenn wir in Betracht ziehen, daß Frankreich, Der größte Schuldner, schon genügend zu rechnen hat, um sein inneres Finanzbudget zu ordnen. Es dürfte nicht uninter- effant sein, wie die Finanzkonferenz hier einen Ausweg findet. Dr. °
Dr. Marx mit den Regierungsvorbereitungen betraut.
Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers traten die Reichs- minister zu einer Besprechung der politischen Lage zusammen. Ueber das Ergebnis dieser Aussprache hat der Reichskanzler dem Reichspräsidenten Bericht erstattet. Daraufhin hat der Reichspräsident den Reichskanzler Marx beauftragt, nochmals mit den Führern der Reichstags fraktionell in Verbi«, dung zu treten, sie wegen des Ernstes der politischen Lage und zur Vermeidung einer überparteilichen Regierung auf die dringende Notwendigkeit der sofortigen Bildung einer auf tragfähiger parlamentarischer Mehrheit ruhenden Reichs- regierung hinzurve^en MnCj&ay a^cheuoe «ach» prusung der bisherigen Beschlüsse ihrer Fraktionen zur Regierungsbildung zu empfehlen.
Der Auswärtige Ausschuß des Reichsrates ist am Sonn- abenb mittag 12 Uhr im Auswärtigen Amt zusammengetreten. Der Reichsaußenminister nahm sofort nach der Eröffnung der Sitzung das Wort zu einem langen Dortrag über die Kölner Räumungsfrage. Der Auswärtige Ausschuß des Reichstages ist noch nicht ein- berufen worden. Reichskanzler Marx empfing die Vertreter der alten Regierungsparteien und den Vorsitzenden der deutschnationalen Reichstagsfraktion Dr. Schiele.
Die Räumungsnote bereits in Berlin.
Nach Meldungen aus Paris ist die Note der Botschafter- konferenz den alliierten Botschaftern in Berlin bereits' zu- gestellt worden und soll bis spätestens 5. Januar der deutschen Regierung ausgehändigt werden. Danach wird die Note kaum vor Montag überreicht und veröffentlicht werden.
Haftentlassung im Falle Barmat.
Am Freitag nachmittag ist der stellvertretende Direktor der Merkur-Bank, Thieme, nach erfolgter Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft wieder aus der Haft entlassen worden. Wie wir hören, besteht die Aussicht, daß auch zwei weitere Mitglieder des Direktoriums der genannten Sank, und zwar die Herren Scheffer und Gehricke. sobald ihre Vernehmung erfolgt sein wird, ebenfalls auf freien Fuß gesetzt werden Diese Maßnahme ist der Merkur-Bank, deren Betrieb durch die Verhaftung aller leitenden Persönlichkeiten lahmgelegt zu werden droht, seitens der Staatsanwaltschaft für den Fall in Aussicht gestellt worden, daß die Vernehmungen der betreffenden Herren ihre Freilassung rechtfertigen würden.
Die Nachricht eines Berliner Blattes, daß am 13. De- zember ein einstimmiger Beschluß der Leitung der Staatsbank gefaßt worden sei, die durch dreifache Efftktendeckung gesicherten Kredite des Barmat-Konzerns n a ch - träglich noch einmal gutzuheißen und die Kredite weiter laufen zu lassen, ist, wie wir von der Preußischen Staatsbank hören, unrichtig. Es wurde über Die Mitte Dezember fällig gewordenen Verpflichtungen des Darmat-Konzerns verhandelt und verlangt, daß bei einer Prolongation noch weiter erhebliche Sicherheiten gestellt werden sollten. Die Verhandlungen haben noch zu keinem Ergebnid geführt.
Die deutfch-franMschenWirtfchaftsve^
Wie aus Paris berichtet wird, ist die geplante Vollsitzung der deutsch-französischen Handelsvertragsdelegation auf später verschoben worden. Lediglich die Sachverständigen setzten ihre Arbeiten fort. Staatssekretär Dr. Trendelenburg und Han- delsnunister Raynaldy hätten gestern abend eine längere Unterredung gehabt, in der hauptsächlich die M ö g l i ch ke i t »ines provisorischen Abkommens besprochen worden sei.
In der Vollversammlung der Skiederrheinischen Handelskammer in Duisburg erklärte der Präsident, Generaldirektor Dr.-Jng. Reukch, zu den Handelsvertragsverhandlungen mit
Frankreich: Mit Wissen der Regierung fei versucht worden, in privaten Verhandlungen die wichtigsten Fragen der Einfuhr pon Eisen und Stahl aus Elsoß-Lothringen zu lösen, bisher jedoch ohne jeden Erfolg. Die Schaffung eines internationalen Stahltrustes, die im Zusammen- Hung mit diesen Verhandlungen in der Oeffentlichkeit behauptet wurde, fei ganz ausgeschlossen. Möglich fei nur die Wiederherstellung von Vereinbarungen, wie sie vor dem Kriege bestanden haben und die sich lediglich auf Schienen- unb - Formeisen beschränken. Die von den Franzosen ge- wünschte Aufrechterhaltung der zollfreien Einfuhr elsaß- lothringischer Erzeugnisse, wie sie bisher auf Grund des Frie- densvertages bestand, dürfe unter keinen Umständen zugegeben werden.
Am den deutsch-englischen Handelsvertrag.
Die Erörterungen in der deutschen Oeffentlichkeit über eine Aufhebung des deutsch-englischen Handelsvertrages werden in England mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt. Man gewinnt aus den verhaltenen Presseäußerungen den Eindruck, daß man die Verwirklichung solcher Absichten in England als ein großes Manko ansehsn müßte. Es fei bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen, daß die Pläne der britischen Regierung über die Einführung der sogenannten Industrieschutzzölle, die sich zweifellos grundsätzlich gegen die deutsche Konkurrenz richten, unmittelbar nach Abschluß des deutsch-englischen Handelsvertrages verwirklicht werden sollen.
Kirchenspaltung im Memelgebiet.
Das Landesdirektorium für das Memelgebiet veröffentlicht ohne Befragung der rechtmäßigen evangelischen Vertretung eine neue Kirchenverfassung, durch die eine neue Kirchen ordnung und Verwaltung für die ev angelis chen M emellanbe i-ütWüellt nord. die wu Äa-ungern des avgesetzten Pfarrers Gailus gebildet und geleitet wird. Dieser Schritt, der sich gegen das Memel- land und Deutschland bzw. den Berliner Oberkirchenrat richtet, hat im Memelgebiet tiefe Erregung hervorgerufen, da er die Spaltung der Kirche bedeutet.
Die Verfolgung der kroatischen Bauernpartei.
Gemäß den ihr zugegangenen Anweisungen nahm die Polizei in Agram eine Haussuchung bei dem Abgeordneten der kroatischen Bauernpartei Lorkowitsch vor, wo sie wichtige Schriftstücke entdeckte, darunter ein eigenhändig geschriebenes Schriftstück von Alexandroff Raditsch. In der Wohnung des Sekretärs der kroatischen Bauernpartei Krgniewitsch, der zusammen mit dem Vizepräsidenten der Skupschtina, Matschek, und dem Abgeordneten Predawets in Hast genommen wurde, beschlagnahmte die Polizei einen umfangreichen Schriftwechsel. An dem „Haus der Bauern" genannten Sitz der Partei wurden außerordentlich kompromittierende Schriftstücke ge- funden. Raditsch hält sich augenblicklich im Auslande auf. Die Maßnahmen werden fortgesetzt.
Kampf zwischen Faschisten und Kommunisten.
In der Provinz Rom kam es zu Konflikten zwischen Faschisten und Kommunisten in Centano am Nemisee und bei Civitaveechia, in deren Verlauf zwei Kommunisten und ein Faschist getötet sowie vier Personen verwundet wurden. Auch in Livorno und Cremona ist es zu Zusammenstößen ge- kommen. Die Haussuchungen, besonders bei Mitgliedern her Italia libera, werden fortgesetzt.
Coolidge gegen eine internationale Wirtschafts« konferenz.
Der amerikanische Präsident Coolidge ist nicht für ein« internationale Wirtschafte- und Abrüstungskonferenz unter Einschluß Deutschlands und Rußlands, wie sie vom Senator Borah vorgeschlagen wurde. Coolidge ist der Ansicht, daß eine solche Konferenz ein zu weit gestecktes Ziel zu Verfolger hätte, uni praktische Ergebnisse erzielen zu können.
Rußland und der englische Handel.
Der russische Volkskommissar für Finanzen erklärte am Neujahrstage, daß Sowjetrußland im laufen den Jahre Getreide einführen werde. Zu diesen Zweck habe die Staatskasse einen Betrag von 40 Millionen Goldrubel zur Verfügung gestellt. Hierdurch werbe man imstande sein, denMißerfolg der Unterhandlungen über d ie englischen Kredit« auszugleichen. Er machte darauf aufmerksam, daß di« Außenhandelsoperationen Sowjetrußlands in diesem Jahr« fast eine Milliarde Rubel erreichen werden. Diese Summe sei hoch genug, um die Erweiterung der Handels- veziehungen mit Rußland für Großbritannien wün- schenswert erscheinen zu lassen.
Bolschewistische Reformbestrebungen.
Auf Grund eines Beschlusses des russischen Zentral- exekutivkomitees in Moskau findet die erste Sitzung des Kon- grosses zur Erörterung von Fragen der sowjetstaatlichen Or-