Hersfel-er Tageblatt
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Hersfelöer Kreisblatt'
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Nr. 184
Donnerstag, den 18. Dezember
1924
Hart vor der Enffcheidung.
Die Verhandlungen mit dem Reichspräsidenten.
Der Reichspräsident Ebert empfing Mittwoch mittag den Neichsautzenminister Dr. Stresemann zu einer längeren Aus- spräche. Er bot ihm im Verlaufe des Gespräches die Regierungsbildung an. Der Reichsaußenminister Stresemarm hat sich seine Entscheidung vorbehalten.
Die dentschnationals ReichsLagsfraktion
trat Mittwoch mittag 12 Uhr zu einer Fraktionssitzung zusammen, um die Wahl des Fraktionsvorftandes i orzunehmen.
Das Zentrum
versammelte sich gegen 11% Uhr unter dem Vorsitz des Abg. Fehrenbach. In Parlanrentskreisen glaubt man nicht, daß das Zentrum zu einer bindenden Entschließung lammen wird.
Die Deutsche Volkspartei versammelte ihre Mitglieder Mittwoch nachmittags 4 Uhr. Der Standpunkt der Deutschen Dolkspartei ist der gleiche geblieben wie im vergangenen Reichstag.
Die Sozialdemokraten und die Bayerische Voltspartei Werden sich erst im Laufe des Donnerstag versammeln.
Der deutschnatiouale Unterhändler Schiele, der eine Unterredung mit dem Reichspräsidenten Ebert hatte, hat mit letzterem nur die laufender politischen Fragen besprochen. Aus der Unterredung des Abgeordneten mit dem Reichspräsidenten geht aber wohl das eine unzweideutig her- vor, daß der Reichspräsident im Augenblick nicht an eine Hin- zuziehung der Socialdemokraten zur Regierungsbildung glaubt.
von Schiele FrcMousvorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei.
In der Fraktionssitzung der Deutschnationalen Volks- p«rtei wurde der Abg. Schiele-SchoWhne zum Frak- tioflsvorsitzenden gewählt.
Graf Lerchenseld verzichtet.
-früheren Myertschen Mrnrsterprasrdenten Graf Lerchenseld gilt als erledigt. Wie wir erfahren, hat Graf Lerchenseld auf alle an ihn ergangenen Anfragen, ob er bereit wäre, die Kanzlerschaft in einem Bürgerkabinett zu übernehmen, ablehnen d geantwortet.
Der Landtag aus den 5. Januar einberufeu.
Das Preußische Staatsministerium nahm Stellung zu der Frage, an welchem Termin der neue Preußische Landtag zu- 1 ammentreten solle. Nach der Verfassung würde der Landtag pätestens am 30. Tage nach Beginn der Wahlperiode zu- I ammenzutreten haben, und es würde mithin die erste Sitzung pätestens am 6. Januar stattfinden. Da jedoch im alten Icchr an eine Parlamentstagung wegen derFeiertage und aus parlamentarisch-technischen Gründen nicht mehr zu denken ist, andererseits aber der 6. Januar, der von parlamentarischer Seite in Aussicht genommen war, ein katholischer Feiertag ist, so beschloß das Staatsministerium von seinem verfassungsmäßigen Rechte der früheren Einberufung des Landtags als zum 30. Tage nach Beginn der Wahlperiode Gebrauch zu machen und die erste Sitzung auf Montag, den 5. Januar a-NKUsetzen.
Graf Karolyi als Landesverräter verurteilt.
In der Begründung des Urteils der Budapester König- lichen Kurie in der Angelegenheit der Konfiskation des Vermögens des Grafen Michael Karolyi wird darauf verwiesen, daß die Bestimmungen des Vertrages von Trianon, wonach niemand wegen seiner Haltung während des Krieges belästigt werden dürfe, sich nicht auf diesen Fall beziehen sönnen» Karolyi habe Mlo ui s und M a j e st a tsbeleidiguu- g e n begangen. Die Kurie habe die Feststellung der unteren Gerichte bestätigt, daß Graf Karolyi durch seine Reden eine auflöseude Wirkung auf die K 2 mpffr 0 ü - ten ausgeübt, seine Ernsmmug zum Ministerpräsidenten vom König erzwungen und durch die An0tunu6g her Waffen st reckung die Majestätsrechte des Kriegsherrn an sich gerissen habe. Der König -abe sich infolge der Zwangslage von der Regierung zurück- zezogen, auf den Thron aber tatsächlich nicht verzichtet. Die LEarung, daß er eine etwaige Volksabstimmun?. 'sich als verpflichtend ansehen würde, sei nicht unter den ' Gerüchen orrfassungsmäßigen Formen zustande gekommen. < af Ka - colyi habe Vaterlandsverrat verüb.
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GiiSerL über den DsVespLan.
Der Reparationsagent, Parker Gilbert, erklärte in Brüssel über die Ausführungen des Dawesgutochtens folgendes:
»Die gegenwärtige Lage ist vielversprechend. Die Zahlungen erfolgen regelmäßig. Für das laufende Jahr sind sie durch die 806-Millionencmlsihe verbürgt. Die Vorteile, die sich aus einer restlosen Verwirklichung des Sachver- ständigenplanss ergeben, komnren bereits in den vorliegenden Ergebnissen zum Ausdruck. Die deutsche Finanzlage ist stabilisiert. Der Wiederaufbau Europas schreitet günstig fort, und mit der Lösung des ReMrationsvroblems. das so lange
die internationale Atmosphäre vergiftet hat, ist ein Anfang gemacht. Für die Zukunft läßt sich nichts voraussagen. Es besteht aber Grund zu der Annahme, daß das Sachverständigengutachten auch weiterhin angewendet werden mirb/
Das Problem der Völkerbundkonirolle.
Wie wir aus maßgebenden außenpolitischen Kreisen er- fahren, sind alle aus London und Rom stammenden Meldungen über ein angeblich erzieltes Uebereinkommen des Völkerbundrates hinsichtlich der künftigen Rüstungskontrolle über Deutschland reichlich verfrüht. Nach den in Berlin vorliegenden Meldungen wird in dieser Frage kaum vor Ende März eine Entscheidung fallen, da die beteiligten Völker- bundmächie die Frage der Rüstungskontrolle schon deswegen vertagen müssen, weil die sich aus bem Schlußbericht der interalliierten Militärkontrollkommission ergebenden Entscheidungen der Botschafterkonferenz mindestens bis Ende Januar verzögern werden. Interessant ist übrigens eine neuerliche Meldung, wonach man in den Völkerbundkreisen mit der Möglichkeit rechnet, daß eine neue deutsche Reichsregierung schon im Februar ein Zulassungsgesuch an den Völkerbund stellen würde. Worauf sich diese Vermutungen stützen, ist jedoch in den Berliner diplomatischen Kreisen zurzeit völlig unbekannt. Es erscheint zurzeit auch nicht sehr wahrscheinlich, daß eine neue deutsche Regierung in so kurzer Zeit eine so weittragende Entscheidung fällen können wird.
Die steuffch-französischenWikk^
Das Pariser Blatt „Journee Industrielle" schreibt, es scheine immer mehr zweifelhaft, ob die deutsch-französischen Handelsvertragsvechandlungen bis zum 10. Januar soweit gefördert werden könnten, daß dann schon zum Abschluß eines Handelsabkommens geschritten werden könnte. Die Deutschen würden aber zweifellos, wenn der Verlauf der Beratungen es opportun erscheinen lasse, eine Formel hinsichtlich der zeitweiligen Verlängerung des jetzigen Zustandes annehmen, also über den 10. Januar hinaus, damit die im Gange befindlichen Verhandlungen nicht unterbrochen würden. Man müsse anerkennen, daß die deutschen Sachverständigen die Interessen zu einer praktischen Lösung augenfällig geworden sei. Die Langsamkeit der Verhandlungen rühre daher, daß der Boden der Meistbegünstigung, auf den sich Deutschland gestellt habe, jede der beiden Parteien zwinge, eingehende Spezifikationen und konkrete Tarifvorschläge zu machen. Da es sich um Hunderte von Rubriken handele, dürsten die Verhandlungen notwendigerweise etwas länger dauern. Wenn die Einzelarbeit einmal beendet sei, müßten auch die grundsätzlichen Beziehungen. der Einzelteile miteinander verglichen werden. Auch das nehme Zeit in Anspruch.
Die Verhandlungen zwistchn den ^deutschen und franzT fischen Stahlindustriellen in Paris sind wieder ausgenommen worden. Man hofft, schon Anfang nächsten Jahres zu einer Vereinbarung zu gelangen, die den Austausch von Roh- und Fertigfabrikaten ermöglicht. Die Meldung des „Echo de Paris", daß die Verhandlungen eingestellt worden seien, um einen Plan Morgans zur Bildung eines Weltstahltrustes weiterzuverfolgen, werden von beteiligter Seite als vollkommen unzutreffend bezeichnet.
30 Millionen Dollar für die bayerische Industrie.
Dem Präsidialmttglied des Bayerischen Industriellenver- bandes, Geheimrat Dr. Kuhle, wurde von einem amerikanischen Konsortium ein Kredit von 30 Millionen Dollar für die bayerische Industrie gewährt.
Die Wirtschaftskrise in Belgien.
Nach Brüsseler Meldungen verschlimmert sich die wirtschaftliche Lage Belgiens infolge Streiks und Aussperrungen immer „.ehr. Ein großer Teil Belgiens wird von der Aussperrung in der Industrie bedroht, durch dieüber 7 0 000 Arbeiterarbeitslos würden. Jetzt sehen sich auch die Bergarbeiter genötigt, in eine Lohnherabsetzung einzuwilligen, Nachdem sie vor mehreren Monaten vergeblich gestreikt hatten, um eine Lohnerhöhung zu bekommen. Nach langwierigen Verhandlungen wurde es durchgesetzt, daß die Bergleute eine prozentuale Lohnaufbesserung bekamen.
Die Kosten der amerikanischen Besatzungsarmee.
Im englischen Unterhause teilte Schatzkanzler Churchill mit, daß die Forderungen der Vereinigten Staaten für die Unterhaltskosten ihrer BesatzungSarmee in Deutschland auf 147 Millionen Goldmark geschätzt werden, doch sei der Betrag noch nicht endgültig festgesetzt worden. Die britische Regierung bestreik in keiner Weise die Berechtigung der Forderungen.
Die Sanktionsfrage.
Der Londoner „Daily Telegraph" beschäftigt sich mit der Frage der französischen Sicherheit und führt dabei u. a. aus, daß ein schwieriger Verhandlungspunkt des Völkerbundrates in Rom auf die Märztagung verschoben worden sei. Es handle sich um die Frage, ob im Falle einer Kontrolle der deutschen Entwaffnungsverpflichtungen durch einen Aus- fdniß ües Völkerbundes Saniitonen amen Deutschland nur
auf Grund eines einstimmigen Beschlusses oder schon auf Grund eines Mehrheitsbesch lusses ergriffen werden könnten. In dieser Streitfrage sehe man eine Parallele zu dem Gegensatz, der bei der Auslegung des Par. 18 des Friedensvertrages von Versailles entstand, den Frankreich dahin aus» legts, daß es für sich das Recht zum selbständigen Ergreifen von Sanktionen in Anspruch nahm.
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Millerand hielt auf einem Bankett bet nationalrepublikanischen Liga in Paris eine politische Ansprache, in der er sich über die Ziele der Liga äußerte. Er übte scharfe Kritik an der auswärtigen und der inneren Politik des Kabinetts Herriot. Bei der Kritik an der auswärtigen Politik erklärte Millermrd u. an „In Landen hätte Deutschland das Dawesgutachten angenommen und auch mit seiner Ausführung begonnen. Das Gutachten wäre aber für Frankreich nur so lange von Wert, als Deutschland in der Ausführung fortfahre. Wie lange das Deutschland tun würd«, wäre ungewiß; denn niemals hätte Deutschland einmütiger die Verantwortung an dem Verbrechen von 1914 abgelehnt und damit seine Absicht bekundet, das Reparationsproblem zu verwerfen (!). Frankreich hätte keine Pfänder mehr in den Händen. Die Ruhr würde geräumt, die französisch-belgische Eisenbahnregie wäre nur eine ferne Erinnerung. Deshalb wäre jetzt für Frankreich der ungeeignetste Augenblick, aus eigenem Antrieb feine nationale Verteidigung^« schwächen.".
Der Ebert Prozeß.
3» der Nachmittagssitzung am 16. Dezember wurde der Bauernbundführer Dr. Böhme vernommen, der mit Ebert dem Beirat des Kriegsernährungsamtes angchörte. Ueber fern Zusammenarbeiten mit den socialdemokratischen Abgeordneten während des Krieges äußert er sich folgendermaßen: Er habe den Eindruck gehabt, daß die sozialdemokratischen Vertreter in I«der Weise bemüht waren, den Krieg zu einem für Deutschland guten Ende zu bringen. Er habe nie einen Zweifel an der absolut legalen Haltung der Sozialdemokratie zu Reich und Vaterland hegen können. Der Zeuge R i ch a r d M ü l l e r, der zur Leitung des Ianuarstreiks gehörte und nach der Revolution Vorsitzender des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte war, gibt ein« Schilderung des Streiks und der Verhandlung. Die Sozialdemokraten feien in die Streikleitung hineingegangen, um das Vertrauen der Arberterfchost zu gewinnen. Gegen den Streik als solchen habe Ebert nicht, Stellung genommen. Cr habe aller- drngs in der ersten Sitzung bemängelt. Daß Ebert in irgendeiner Sitzung der Streikleitung gegen den Streik gesprochen habe, sei ihm nicht bekannt. Der Zeuge Gastwirt Zeppenfeld, ein Onkel van Syrig gibt an, daß Syrig gestohlen und gelogen habe. Syrig sagt hierzu, daß er mit seinem Onkel gebrochen habe, als er hörte, daß in der Gastwirtschaft seines Onkels vor sieben Jahren Leute festgenommen worden seien, die mit dem § 175 zu tun hatten. Der Zeuge Maltzan, der am Aktionsausschuß der Streikenden teilnahm, sagt aus, daß Ebert sich nicht gegen den Streik geäußert habe. Die Mehrheitssozialdemokraten seien in die Streikleitung eingetreten, um den Streik so schnell wie mögliche zu Ende zu bringen. Nach Verlesung verschiedener Reden und Zeitungsartikel wurde die Bew eiaufn ah me geschlossen. Die Plaidoyers sollen erst am Freitag beginnen.
Der Bürgerkrieg in China.
Telegramme aus Peking melden, Li Den Tschin, der Führer der Leibgarde des ehemaligen Präsidenten Tsao Sun,. wurde auf der Treppe des Himmeltempels ermordet, während man seinen Bruder nackt durch die Straßen der Stadt schleppte. Der Bruder starb infolge Erkältung. Tsao Kun ist schwer erkrankt und steht vor seinem Tode. Es heißt, er habe ein „Magenlerden". Dies ist die chinesische Phrase für ein langsam wirkendes Gift. Ferner wird angegeben, daß Marschall Fen und Sunjatsen von den Boischewisten fipM- ziert werden.
Die Vergewaltigung des Deutschtums in Südtirol.
Vor dem Frieden von St. Germain, als das 'deutsche Südtirol noch österreichisches Kronland war, gab es in den italienischen Gebietsteilen Südtirols eine Menge italienischer Kinder- gärten, Volksschulen, Gymnasien und Lehrerbildungsanstalten mit .italienischer Unterrichtssprache. Ja, sogar eine besondere italienische Rechtssakultät errichtete man auf rein deutschem Boden. So kam man damals der nationalen Minderheit entgegen. Was aber tut der Faschismus heute, nachden: das deutsche Südtirol an Italien gefallen ist? Folgenden Aufschrei lesen wir in Nr. 93 des „Burggräflers", der in Mevan erscheinenden deutschen Zeitung vom 19. November:
„Wo ist, fragen wir, ein ähnliches Entgegenkommen der italienischen Regierung und Regierungskreise unserer 4 deutschen Bevölkerung innerhalb der neuen Grenzen des Königreiches gegenüber je zu spüren gewesen? Eine eigene Universität haben wir niemals gefordert. Aber gibt es vielleicht an einer einzigen Universität Italiens Lehrkanzeln für deutsche Parallelvorlesungen für die studierenden Söhne unseres Landes? Wie würde etwa die Antwort lauten, wenn wir eine solche Forderung stellten? Wir deutsche ,Bürger' des Königreichs Italien müssen ganz anderes erleben. Wir sehen die Axt an die Wurzeln unserer Mittelschulen gesetzt, unsere Lehrerbildungsanstalten vernichtet, unsere deutschen Volksschulen ausgerottet, d. h. in italienische umgewandelt, ja selbst die Kinderbewahranstalten und Kindergärten, in die die Kleinen geschickt werden, die erst noch wenige Laute der eigenen Muttersprache zu lallen vermögen, zu Zerstörungs- und Bernichtungsanstalten gegen unsere Sprache und unser natroLMs Leben umgebaut.