Hersfel-er Tageblatt
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Nr. 131
Donnerstag, den 16. Oktober
1924
Das Wichtigste.
'—8 R. w ist glücklich in Amerika gelandet. Dri. Amerikafah rt des Zeppelins ist eine beispiellos bastehende Ruhmestat deutschen Könnens und deuLsch»r Führung auf dem Gebiet des Luftschiff- Wesens.
— Die Taten te Regierungskrise steht vor ihrer Entscheidung, man erwartet allgemein öte Reichstags- auflösung.
— Die deutsche Anleihe wurde b» New York überzeichnet.
— Die Sättmwttg de^s Dortmunder Bewirk»! Äußert fich in einer verschärft«» Besatzungslage für Bochuea. .
Im Sonnenlicht des Indianer- sommers. 1
Zeppelins Ankunft.
Indianersommer, so wird der Herbst, wie wir khn hier erleben, drüben genannt. Indianersommer, weil seine gar« den so kupferrot sind wie die der Indianer, weil seine Silber« fäden, die er von Strauch und Baum spinnt, so seiden und glitzernd sind, wie die der Judianermädchen, aus denen sie Gewänder weben. i
Und in das Sonnenlicht dieses kupferroten Indianer» sommers fliegt er hinein, der große silberne Vogel, der von ' Deutschland kommt. Von Deutschland, jenem Lande, das einst mit den Amerikanern aufs engste verbrüdert war, das einst in den großen Kriegen Amerikas durch Blut und Eisen sich mit der neuen Welt zusammengeschmiedet hat und dem noch heute dort Tausende von Herzen in alter Liebe und Treue entgegenschlagen.
Heute, nein, da sind alle Herzen Amerikas eins
* Deutschlands, das sich gleich geblieben ist in fernen hohen Zielen — die andere Welt, die hat sich nur verändert! I
Wer einmal drüben war, der kennt die Seele des amerikanischen Volkes. Der weiß, daß der Amerikaner in seinem tiefsten Innern ein Kind geblieben ist, ein Kind, das die großen Augen aufreißen und sich noch aufs hellste begeistern kann. Das alles andere wegwirft, wie Spielzeug, das es nicht mehr mag, und nur zu dem Neuen, dem Niegesehenen, dem Ueberraschenden greift. Und dieses Neue, dieses Nie- sesehene, dieses Ueberraschende, das ist heute — unser & R. III! j
। . Es ist dasselbe Fieber, das jetzt die Union packt, wie es «n» ergriffen hat. Lakehurst, New ^ort, Washington, ja ,ganz Amerika hält den Atem an. Die Freiheitsstatue, so lange sie auch schon im New Yorker Hafen die Lichtfackel schwingt, sie hat das noch nicht gesehen. Sie hat nur einmal gesehen, wie von drüben Einer plötzlich aus den Wellen
des Atlantik auftauchte, aus den Wellen .. . und das war ein Deutscher, Kapitän König mit U-Deutschland war's. ! , Und jetzt ist's wieder ein Deutscher, sind es Deutsche, aber die kommen nicht unter Wasser, sondern sie schießen aus dem Wolkenmeer nebelgrauer atlantischer Lüfte hervor und zeigen es den Amerikanern und der Welt: Ob unter Wasser vder hoch in den Lüften — wir stammen durch, wir schaffen's! £
Da muß aller Haß verstummen. Denn was sonst imponiert der Welt, imponiert gerade den Amerikanern mehr, als die Courage! Werft einen Blick in die amerikanischen Zeitungen, lest die Meldungen, die von der anderen Seite des Atlantiks eintreffen, sie sind voll (Enthusiasmus, Die alles andere als deutschfreundliche New York World schreibt: Vom Heck des Zeppelins wird die deutsche Flagge -wehen, und aus denPaffagiergondeln werden deutsche Mann« Masten herausschauen. 4
! ‘ Ja — vom Heck wird die deutsche Flagge wehen, und deutsche Mannschaften werden auf das amerikanische Volk herniederschauen, und deutsche Worte, deutsche Kommandos wird es auffangen, deutsche Kommandos, vor denen ernst eine Welt erzitterte ... >
Es ist ein Stück Deutschland, das in majestätischem Fluge das Häusermeer New Yorks überquert, und ganz New Mark, die Millionenstadt am Hudson, wird zu diesem Stückchen Deutschland ausblicken wie zu einer Gottheit . . . Auf den Dächern der 40 Stock hohen Häuser, die sie bauten, um die „Wolken zu kratzen", wird Amerika stehen und in den Himmel starren, wo er fliegt, wo die deutsche Flagge leuchtet, tot Sonnenlicht des Indianersommers. . .
Und ein spontaner Jubel wird ausbrechen, und in den Keituugspalästen am Parc Row, an der Herolds und Timers Jaguare werden die Rotationsnmfchinen nicht stille stehen, >
und die Zeitungsboys werden über die Straßen jagen mit einer „extraedition“ nach der anderen. Des deutschen Genies Siegesflug.
Und Z. R. III wird das vollbringen, was alle An- . näherungs- und Völkerbundkonferenzen umsonst erstrebt: Respekt, und vielleicht auch etwas Liebe dem deutschen Volke gegenüber. _ ; — " ‘ No.
3. K 3 glücklich in Amerika gelandet.
Am Mittwoch um 5 Uhr 25 Min. vormittags deutsche Zeit ist Z. R. III am südlichsten Punkt von Neuschottland (Kanada) angelangt. Das Luftschiff flog sodann über New York, Baltimore, Washington nach Lakehurst.
8. R. III, der am Sonntag früh 6 Uhr 35 Min. in Friedrichshafen aufstieg, hat den Weg bis zu der amerikanische« Küste in knapp 71 Stunden, die Fahrt über den Ozean neu der Giroude-Mündung aus in 62 Stunden zurück- gttegt. - I
Die New-Yorker Zeitungen bringen ausnahmslos sensationelle Ausschmückungen der Atlantikfahrt des 8. R. IIL Den deutschen Leistungen wird Uneingeschränkte Bewunderung gezollt. Die Bewunderung über die Leistung der deutschen Technik füllt die Spalten aller Zeitungen. Selbst der Erfolg der deutschen Anleihe und die Präsidentenwahlen treten dagegen zurück. „World" schreibt: Vom Heck des Zeppelin wird die deutsche Flagge wehen, und aus den Pas- sagiergondelu werden deutsche Mannschaften herausschauen. New York wird im frühen Sonnenlicht und mitten im Frieden das Ebenbild der Kriegr^eppeline erblicken, die mit ihren knatternden Maschinen London und Paris erzittern ließen.
Zahlreiche ameriLmifche Flieger drückten den Wunsch -rus, Z. R. III entgegenzufahren. Die Behörden befürchteten jedoch, daß sie dem Luftschiff in den Weg kommen könnten; immerhin haben einige Flieger die Erlaubnis erhalten, auf- messt naher als 1000 Fuß nähern. Fünf Piloten teilten darauf ihre Absicht mit, dem Schiff das Geleit nach Washington zu geben. I
Wie die „Oberschwäbische Dolkszeitung" berichtet, sind von Z. R. III in Friedrichs Hafen folgende Funksprüche eingegangen-: An Dr. Maybach-Werke: Herzlichen Glückwunsch zur hervorragenden Leistung Ihrer Motoren, die bereits über 60 Stunden ohne jegliche Störung laufen. ,
An Dir. Dürr und Dr. Arnstein vom Luftschiffbau Zeppelin: Herzlichen Glückwunsch für präch-' fege Leistung des L. Z. 126, der heute nacht schweres Uw»! weiter spielend meisterte. <
Von der Leitung des Luftschiffbau-ZeppelkN wird uns mitgeteilt: Die von der Presse gebrachte Nachricht, daß die gesamte Tätigkeit des Lufffchiffbau-Zeppelin nach Amerika verlegt werden solle, trifft nicht zu. Die Sachlage ist vielmehr folgende: Der Luftschiffbau-Zeppelin hat in den Vereinigten Staaten eine Neugründung gemeinsam mit der Goodyear Tire and Rubber Ey. in Akron (Ohio) ins Leben gerufen, die unter dem Namen Goodyear Zeppelin Corporation den Bau von Luftschiffen in Amerika aufnehmen soll.! Zu diesem Zweck ist geplant, einen kleineren Stab von In- gemeutert dahin zu entsenden. Die Fortführung der Arbeite»' in den Zeppelinwerken in Friedrichshafen wird dadurch nicht, beeinträchtigt. Ein enges Zusammenarbeiten beider Werften ist vorgesehen. Dr. ing. h. c. Ludwig Dürr wird, wie seit 25 Jahren, technischer Direktor in Friedrichshasen bleiben. Als technischer Leiter der neuen Werst ist Chefkonstrukteur des Luftschiffbau-Zeppelin Dr. ins. Karl Arnstein vorgesehen.'
v Der Zeppelin Lb« New York.
New York, 15. Oktober. Luftschiff Z. R. 3 ist um 1 Uhr 29 Min. mitteleuropäischer Zeit an der Grenze von New Kork angekommen.
Zeppelin in Lakchurst glücklich gelandet.
New York, 15. Oktober. Z. R. III ist um 3 Uhr 11 Min. deutscher Zeit (9 Uhr 11 Min. amerikanischer Zett) in Lakehurst gelandet.
, Zeppelins Inbelfahrt über Amerika.
New York, 15. Oktober. Die Flugzeit des Z. R. in seit dem Aufstieg in Friedrichshafen bis zur Ankunft in Amerika ' beträgt ungefähr 7 8-Stunden. Die Lust war von Glüäwunschboffchaften an Z. R. III erfüllt, als das Luftschiff sich über amerikanischem Boden befand. Z.R.I» mußte schließlich funken: „Bitte die Glückwunschtelegramme zurück- zuhalten. Ich muß mit den Handelsmarinefunkstationen ar- Seiten." Jubelnde Zurufe des Willkommens tönten immer wieder zu Z. R. III empor, als das Luftschiff silberglänzend in langsamer Fahrt niedrig über New York kreuzte. Erst über- flog Z. R. Iil die Stadt in ganzer Lange, wandte sich dann westwärts nach Battery, ging dann noch etwas ttefer ü b e r R e w Y o r k h i n a b und nahm nun Kurs nach L a k e h u r st. Von Boston aus war Z. R. III nach Song Island geflogen, dann über die Freiheitsstatue in New York, 7 Uhr 45 Mm. über den Hudson. Das Schiff begann die Stadt zu umfliegen. Don Michel Field waren Flugzeuge aufgestiegen, um Z.R.W , zu begrüße».
Die deutsche Anleihe.
In Amerika wurde am Dienstag die deutsche Anleihe ausgelegt und sofort wieder geschlossen. Die Bankiers er-! klärten Dienstag nachmittag, die Zeichnungen belaufen sich auf etwa 1% Milliarden Dollar. Ein New-Yorker Haus allein erhStt mehr als 50 Millionen. Die riesige Nachfrage «och der neuen deutschen Anleihe ergibt die Tatsache, daß bet der Eröffnung des Verkehrs in dem Papier an der Börse ein Posten von 5000 Stück zu 94% verkauft wurde; dies stell» eine Kurssteigerung von 2% über den Ausgabepreis vor. Mach einer weiteren New-Yorker Meldung ist die deutsche Anleihe um mehr als 500 Millionen Dollar überzeichnet worden.
In New-Yorker Bankkreisen erklärte man, man erwartet .' daß nach der erfolgreichen Quotierung des amerikanischen An-, teils an der deutschen Anleihe verschiedene wichtige deutsche FuH-si.icunteruehmen in den nächsten zwei Monaten große Duttihen in den Vereinigten Staaten aufnehmen werden Miau nimmt an, daß der Betrag dieser Jndustrieanleihen siM guf über 200 Millionen Dollar stellen werden.
Oefsr in pans.
Der Generaldirektor der Reichsbahn, O e s e r, ist nach Paris abgereist, um dort an den Sitzungen der i n t e r • nationalen Eisenbahnunion ttilzunehmen. Es handelt sich bei diesen Beratungen in erster Linie darum, den deutschen Eisenbahnverkehr wieder in das Netz des europäischen internationalen Verkchrs einzufügen. Vor allem ist der Verkehr nach dem Osten zu berücksichtigen; der Durchgangsverkehr durch Deutschland soll wieder auf den Stand der Vorkriegszeit zurückg^dracht werden und z. B. der Orient- Expreßzug wieder seinen Weg durch Süddeutschland nehmen. Eine große Reihe von Schwierigkeiten steht der Wiederherstellung des Vorkriegsstandes noch entgegen, z. B. die An- gleichung der Tarife und internationale Vereinbarungen über Anschlüsse und ähnliche Fragen. Die Beratungen der Union werden sich einige Zeit hinziehen, aber man hofft, zu einem «A internationalen Aufgaben in Angriff nehmen kann. ______
Die belgische Antwor t auf das Memorandum.
Nach Meldungen aus Brüssel hat ein belgischer Kabi- nettsrat unter dem Vorsitz von Theunis beschlossen, die Antwort auf die deutsche Völkerbundnote festzusetzen. Die belgische Note wird sich, ähnlich wie die englische und französische, darauf beschränken, Deutschland mitzu- teilen, daß nicht die einzelnen Staaten, sondern der Völkerbund über den Zulassungsanttag zu entscheiden habe. Belgien vertritt den Standpunkt, daß Deutschland keinerlei Sonderrechte beanspruchen kann, sondern sich den best ehenden Vorschriften fügen muß. Wen« diese Bestimmungen von Deutschland beachtet werden, so wird Bel- gien in der Dölkerbundversamnilung für die Zulassung Deutschlands stimmen. Belgien ist bereit, Deutschland eine» dauernden Sitz im Völkerbundrat zuzw- gestehen, ebenso wie eine entsprechende Vertretung i m Sekretariat des Völkerbundes. Die belgische Antwortnote wird durch den deutschen Gesandten tat Brüssel, von Keller, der deutschen Regierung $yggfesa6t; werden.
Die Raumungslomödie.
Nach einer an die deutsche Abordnung in DWekbvrf ge» Äugten Mitteilung der Besatzung steht nunmehr endgültig ieft, daß die militärische Räumung der Zone Dort- mund-Hörde mit Wlauf des 22. Oktober 1924 beendet sein wird. Mit dem gleichen Zeitpunkt wird der von den Franzosen am Beginn der Ruhraktion besetzte sogenannte Gürtel um den Brückenkopf Köln, der das Gebiet von Doh» winkel-Remscheid-Wipperfürlh-RLnderot-h umfaßt, von den Truppen geräumt.
Diese Räumung der Dortmunder Zone hat eine schärfere Besetzung Bochums zur Folge. So wird von dort gemeldet, daß das Gebäude der Polizeidirekttou mit Ausnahme vo» 8 Räumen der 3. Etage, dir von deutschen Familie« bewohnt werden, vom 13. d. M. abermals für Besatzung^wecke be- schlagnahmt wird. Diese Räume sollen zur Aufnahme des Kriegsgerichts, des MUitärpolizeigerichts, des Zenttalzivfl- bureavs, der Hauptwohnungskommission und der Genie-Abteilung, die von Dortmund nach Bochum verlegt werde», dienen. Ferner ist vom 13. Oktober ab die katholffche Schule an der Ottosttaße mit Ausnahme der dritten Etage, die vo» deutschen Familie« bewohnt wird, ebenfalls beschiaqnahmt worden. Hier soll eine von Dortmund nach Bochum verleM Abteilung berittener Gendarmerie untergebrE werd«. c
Buch mit neuen Zeitungsverboten geht die Besatzmrg wieder vor. So wurde die „Pirmasenser Bettung* auf DH^ Tage vo« den Frauzofeu verboten.