Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
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Nr. 107
Sonnabend, den 6. September
1924
— Die Reichsregierung ersucht die Bevölke» rnng in einem Aufruf, durch Vermeidung jeden Zwi. sch e nfa l l s der der beginnenden letzten Militärkon» trolle Mr Befreiung Deutschlands von den Kontrollkommissionen beizutragem
— Nach MacDonald hielt am Freitag auf der Völker» bundtagung in Genf Herriot seine Antwortrede. Im Kern kennzeichnete sie den englisch.französischen Gegensatz.
— Omen Doung ist in Berlin eingetroffen und hat bereits mit dem Reichsfinanzminister Dr. Luther konferiert.
Nach MacDonald Herrioi.
Nach dem Premierminister MacDonald fiel nun auf der Genfer Tagung dem französischen Mnisterpräsidenteu • Herriot die schwere Aufgabe zu, den Camps um Frankreich i zu führen und doch dem Milieu des Völkerbünde entsprechend eine irgendwie geartete Linie der Eisnigung aufzuzeichnen.
Dem poliitschen Gegensatz der beiden Minstterpräsiden- ten entspricht die außerordentliche Verschiedenheit der beiden Persönlichkeiten und ihre Redeweise. Der Leidenschaftlichkeit des Schotten stellte der Franzose eine langsame, gleichmäßige, dozierende, nur hier und da zu pastoralem Ton neigende Sprechweise entgegen. Wenn MacDonald beide Arme erregt in die Lust jagte, so begnügt sich Herriot damit, mit dem Zeigefinger den Takt 31t seinen wohlgebauten Sätzen zu schlagen. Dem hinreißenden Volksredner steht jetzt gewissermaßen der akademische Moralist gegenüber.
Der Politiker H e r r i c t entwickelt in seiner Rede, daß sich Frankreich eng an die Verträge hatte. Er sagt, Frankreich sei nicht entmutigt, aber der Sicherheitsgedanke muß
schon deshalb unterstrichen werden, weil ein neuer Krieg un
vorsichtig den von Frankreich abgelehnten Gedanken des Garantiepaktes, nimmt aber für Frankreich in Anspruch, daß : der Schiedsgerichtsgedanke selbstverständlich auch in der traditionellen Grundlinie der französischen Politik begründet liege.
MacDonald hat selbstverständlich recht, so meint Herriot, aber es ist schon besser, diese delikaten Einzelfragen an die Kommissionen zu überweisen. Das Schiedsgericht ist notwendig, aber es ist nach französischer Auffassung nicht ge» nügend, und so kommt die HaupMnie der Herrietschen Rede: Schiedsgericht, Entwaffnung und Sicherheit sind drei Dinge, die für die Franzosen einen ganz untrennbaren Standpunkt, bilden, während MacDonald diese drei Fragen unterschieden hatte.
Dann beschwört Herriot den Geist Pascales aus der Vergangenheit herauf und hält sich an feinen Lehrsatz, wonach Macht und Gerechtigkeit nur vereint wirksam sein können. Er will nicht die Wirksamkeit wirtschaftlicher und geistiger Kräfte für die Sicherung des Friedens verkennen. Aber er wünscht eine reelle Solidarität, um den Frieden zu sichern. Was Herriot über Deutschland sagt, sind alte, abgestandene Redensarten, so zum Beispiel, daß Frank- - reich nur den deutschen Militarismus bekämpft habe. Frank- reich habe nie das Elend des deutschen Volkes gewollt, und es lebe nicht vom Haß. .Es sind alte Redewendungen, die aber in der Versammlung den schärfsten Beifall auslösen konnten.
Herriot unterstreicht nicht mit der gleichen Deutlichkeit wie MacDonald den Satz, daß Deutsch lau d in den Völkerbund eintreten müsse. Er weist vielmehr auf die Bedingungen über die Eintrittsmöglichkeiten hin und will in dieser Beziehung keine Ausnahme und kein Vorrecht. Zuletzt bezeichnet er das Schiedsgericht, die Entwaffnungsund die Sicherheitsfrage als die drei größten Bausteine zu
lichen Wünsche allen zunl Gruße darbiete.
wie gestern der MacDoni
Wieder der laute Bestall. Wieder dieselben Glückwünsche wie gestern bei MacDonald. Ab« jedermann weiß, daß die sÄSL^Sm^Ä ZE?'”»” «vuyeryWtssrage sich in aller vesseuttichkeit aufgetan hat. Der Zank darüber, welche Auffassung die Oberhand behält, kann jetzt in den Commissionen beginnen.
Frankreich und MacDonaWs Hede in Genf
Ueber die Auffassung in französischen Kreisen zu der von MacDonald aufgeworfenen Frage des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund verlautet, daß die französische Delegation sich mit dem Grundsatz, daß der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund wünschenswert ist, einverstanden erklären werde, aber die Erklärung MacDonalds nicht dahin auslegt, daß der Völkerbund irgendwie Deutsch, land zum Eintritt auffordert oder ihm ein bevorzugtes Auf- «ahmeverfahren zuzubilligen ist Der Eintritt Deutschland«
w Staaten müßte erst druck die Mllttarrommrmo»
denen
die durch den Vertrag ge. militärische vollzogen habe. Daß eine
^—^ Prozedur innerhalb der drei Wochen, von denen MacDonald sprach, d. h. in dieser Völkerbundtagung, erledigt Werden t^nui*, sei wenig wahrscheinlich.
Noch deutlicher wird'die Pariser „Information", die kurz und bündig sagt: ,6s bleibe nur ein einzig« Punkt zu reget«, nämlich d«, zu missen, ob Deutschland das Recht für
Die deutsche NegierH«g zu MaMonalds Hede.
Die Rede des englischen Mmsterpräsidenten MacDonald G der Bülkerbundversammlung in Genf wird in den p o l i - Wis che« KvÄsen günstig ausgenommen, jedoch wird gleich. KokSg betont, daß gegenüber der unzweideutigen Mirbtadung an Deutschland, in den Völkerbund MHUtreten,. solange die größte Zurückhaltung ge- boten ist, als der Standpunkt Herriots nicht völlig klargelegtund als nicht bekannt ist, welche Bedingungen Frau Jr e4 ch steifen wird. Es wird nicht angenommen, daß
sich Herriot etwa formell dem Eintritt Deutschlands widersetzen werde, aber man hält es in Regierungskrisen dennoch für angebracht, fei -die Diskussion von deutsch« Seite n i ch t e h e r einzugreifen, bevor nicht eine gewisse Einigung in der Sicher- Heits- und Abrüstwtgsfrage zwischen England und Frankreich «zielt worden ist. An sich besteht, wie in Regierungskreisen betont wd^, leine grundsätzliche Abneigung, dem Gedanken zwecks Emtritt in den Völkerbund näherzu- tret«r, aber nichts hätt man für verfehlter, als zu einem ungelegenen Zeitpunkt diese Frage aufturollen «nd dMch ein verfrühtes Anmelden deutscher Mord e r u n g e n die Gelegenheit zu versäumen, wo Deutsch, -and mit Erfolg auf eine Vertretung im Völkerbunds- D s t besteh«! könnte, wie es der wirtschaftlichen und politi- fchen Bedeutung entspricht. Aus Aeußerungen in den Re-
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die Vertretung
Deutschlands im Völkarbundsrat zu einer unerläßlichen Bedingung seines Beitritts zum Völkerbund zu
Achtrmg Militättonirotte.
MM) wird möget«»:
=' Am Montag, dem 8. September, beginnt die von bet deutschen Regierung mit der Rote vom 30. Juni d. I. zu- geftanbene sogenannte Generalinspektion des heutschen Rüstungsstandes. Die Generalinspektion ^ als abschließender Akt der interalliierten Kontrolle gedacht. Nach den bindenden Erklärungen der Gegenseite, insbesondere der Mmsterpräsidenten von Englnad und Frankreich, kann damit gerechnet werden, daß das System der interalliierten Kontrolle mit seinen in zahlreichen Städten Deutschlands residierenden Ueberwachungskommis- donen verschwindet, wenn die Generalinspektion zu« friedewstelben-d und reibungslos verläuft. Die Reühsregiernng «wartet hiernach von der gesamten Be- völk«u«g, daß sie alles unterläßt, was irgendwie als Obstruktion ober äks feindselige Handlung gegenüber den Nontrollkonnnissionen ober ihren Mitgliedern gedeutet werden Könnte. Jede Handlung dies« Art beschwört die Gefahr herauf, daß sich der jetzige Zustand mit all feinen demütigenden Begleiterscheinungen verewigt. Jeder« Mann muß j^t, inte er auch immer auf die Vorgänge des Augenblicks gefühlsmäßig reagieren mag, sein Tun und Losten »ausschlieMh danach einrichten, daß das Ziel erreicht, d. h. Haß die Sermralinspertion »irüich zuw Echludmnkt der int«- EiertM Kontrolle wird.
Wallstreet und die deutschen Kreditgesuche.
Aus New York meldet man: Auf die massenweise einlaufenden deutschen Kreditgesuche reagiert die Wallstreet noch immer äuß-erst zurückhaltend. Maßgebende 'amerikanische Bankiers nehmen eine ab wartende Haltung ein und «klären, daß sie den Kreditgesuchen erst n a ch E r« ledigung der grossen internationalen Anleihe nähertreten können; sie betonen aber ihre Bereitschaft, nach enbgxäUi^er Stabilisierung in Deutsch land den gesunden deutschen Firmen gern Kredite zu gewähren. In guirmterrichteten finanziellen Kreisen New Yorks werden die bisherigen deutschen Kreditgesuche auf eine Milliarde Dostlar geschätzt.
Der provisorische Generalagent für Reparationszahlun- gen, das amerikanische Mrtglied des Dawes-Komitees Omen Young, ist Donnerstag abend in Berlin eingetroffen. Unmittelbar nach seiner Ankunft empfing Mr. Young die Vertreter d-er amerikanischen Presse. Am Freitag morgen erstattete Mr. Young dem Reichsfinanz, minister Dr. Luther innen Msmh ab.
Das ©arantietomitee
wird, wie von Regierungsseite verlautet, während der Sauer der Ausführungen der Sachverständigengutachten feig. Tätigkeit nicht ausüben.
Französische Pläne.
Das „Echo de Paris" setzt seine Znt«views über die Sicherheitsfrage fort und veröffentlicht heute eine Erklärung des ehemaligen Finanzministers Klotz, bekanntüch einer der französischen Unterhändler in Versailles. Zusam,neu fassend «klärt Klotz, wenn am 10. Januar 1935 her englisch-amerikanische Garantierertraa nicht durch ähnliche ober gleichwertige Verträge «setzt ist, wird Frankreich die Besetzung des linken Ryeinufers so lange fortsetzen können, bis andere ernstliche Garantien bestehen.
Ein Automobilunfall des Generals Degontle.
Auf der Rückreise von Paris, wo er an einer Sitzung des Obersten Kriegsvates teilgenommen hatte, erlitt General D e g 0 u t t e, der bekannte ftunzösische Sklavenhalter an der Ruhr, bei Eharnay einen AutonwbilunfaN. Sein Auto stürzte um. Der Chauffeur wurde auf der Stelle getötet und der ihn begleitende zweite Soldat verletzt. Degoutte selbst kam mit dem Schrecken davon.
Dänemarks Furcht vor der deutschen Konkurrenz.
Der dänische Snduftrierat beschäftigte sich mit der Gefahr eines neuen Dumping-Jndustrieexpavts. Er bchchloß, eins Eingabe an das Gewerbeministerium zu richten, in der dieses gebeten wird, zu erwägen, welche Maßnahmen zu treffen seien. In dem Gesuch heißt es: In dem neuen Konkurrenzkampf, in dem infolge der außergewöhnlichen B«hältnisse die deutschen Jndustrieprodukte wieder zu Preise» geliefert werden, die unter den dänischen Produrtionskoste» liegen, sei die dänische Industrie weniger widerstandsfähig, als sie es während der Valutakrise in den Jahren 1921 und der Industrien hervorgerufen werden muß, werde jetzt viel schneller in Erscheinung treten als damals. Die deutsche 3*-, dustriekonkurrenz sei entscheidend für die Lage der dänische» Industrie. Der vollkommen ungeschützte dänische Markt werde das erste Absatzgebiet für den großen deutschen Jutz-ustrie-' export nach Verwirklichung des Dawespisnes fein.
Der Bmgerkneg m China.
Der Militärgouverneur der Mandschurei richtete an die Regierung in Peking ein Ultimatum, in dem er mi:teilt, daß er den Rebellengeneral Lu Hnnghsrang militärisch unter stützen werde, falls die Regierung mit ihre« Truppen angriff«. Die Kampfe bei E ynnghai werden fortgesetzt. Bisher ist der R«- bellengeneralLuYunghfiangfiegrecch. In r>e> Gegend Shanghais dröhnt schtoever Kanonendonner. F!» !;euge auf dem Wege zur Kampffront wurden über Simughai gesichtet. Die in Shangtzai befindlichen Trup. pcn der europäischen Mächte haben die Berteidigung der Stadt vorbereitet. I
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Die fortgesetzte englische Hetze gegen die Anleihe.
Die fortgesetzte englische Hetze gegen die Anleihe.
„Evening Standard" enthält einen scharfen Angriff gegen die Gewährung einer Anleihe an Deutschland. Man kann von einem Zeitungskrieg für und wider die deutsche Anleihe sprechen. NaturgenüiH ist die Propaganda der mächtigen „Daily Mail" - Gruppe nicht ohne Einfirch geblieben, und es ist nicht zu verkennen, daß dadurch die Schwierig- feiten für die Bankwelt zur Unterbringung der Anleche o«n ' Lag zu Tag wachsen. Die aus Deutschland kommenden Nachrichten erwecken den Eindruck eines hemmungslosen Anleihe- Optimismus und einer allgemeinen Hochkonjunktur, die durch die vorläufig noch nicht verwirklichte Hoffnung hervor gerufen ist. Da die Konjunktur nur auf Versprechungen und nicht auf Realitäten beruht, so wird die Arbett der „Daily Mail"- Gruppe nur erleichtert, wenn sie immer wieder auf das ine Anst an d geflüchtete deutsche Kapital als die normale Geldquelle für Deutschland hinweist.
Aus den ^erfüllter Geheimakien.
In der deutschen Presse beginnen jetzt Veröffentlichungen aus den Geheimakten und Dokumenten des Versailler Friedenskongresses, und zwar mit einer zufamnre«hängenden Darstellung über
die Entwaffnnng.
Um die Frage der dauernden1 (Entwaffnung Deutscksianbs zu behandeln, setzte der Oberste Rat der Cutterten am 12. Februar 1919 einen Ausschuß ein, der aus je drei Vertretern d« verbündeten Regierungen bestaub und unter dem Vorsitz des Marschalls Foch tagte und nach Anhörung der kommandierenden Generäle dem Obersten Kriegsvot am 3. März feine Vorschläge unterbreitete. Nach dem Dortvag des Generals Foch war das Wesentlich« folgendes: Deutschlands Streit- kräfte zu Lande sollten einen Effektivbestand von 20 0 0 00 Mann ausschließlich bet Offiziere «W WSL