Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 106 Donnerstag, den 4. September 1gS4
Reichsarbeitsminister Brauns erklärt im Reichs- arbeitsblatt, daß die Reichsregierung das Washingtoner Abkommen unter gewissen Kautelen zu ratifizieren bereit sei.
MacDanald und Herriot sind zur Teilnahme an den Völkerbundverhandlungen in Genf ein« getroffen.
3m Ruhrgebiet herrscht über den Widerstand des französischen Militärs gegen die Räumung Hell- ste Erbitterung.
Die Sorge der Weichsel- franzosen.
Pan Kaczmareck in Warschau hat schwere Sorgen. Sein großer Bruder und Gönner an der Seine hat das politische System gewechselt. Unter bem System Poincare mit seinem uneingeschränkten Draufgängertum schlackenlosesten 3m« perialismus ließ es sich so famos leben — und so ungehindert schöne Pariser Goldfranken als der bestellte „Gendarm des Ostens" verpulvern. Wie das nun mit Herriot werden wird, weiß Pan Kaczmareck noch nicht so genau. Er scheint in dieser Hinsicht so allerlei Bedenken zu haben, zumal ihm das, was Herriot in London gutgeheißen, so gar nicht gefallen will.
Unter den blutigen Witzen des Gewaltstreiches von Ver- failles nimmt ohne jeden Zweifel die Erhebung Polens — ausgerechnet Polens — zum Gendarm für Ruhe und Ordnung im OstenEuropas eine ganz hervorstechende Rolle ein. Die überreichliche Bevorzugung und Beschenkung Polens ist nicht nur ein skandalöser Faust schlag der „siegestrunkenen" Franzosen gegen die gesamte europäische Kultur, nein, diese künst- liche Züchtung der „Weichselfranzosen" durch das imperia- auch nicht einer wahrhaft tiefschürfenden Komik, einer Komik, bei der sicherlich eine spätere objektive Geschichtsschreibung dieser Zeiten einmal mit Behagen verweilen wird, wenn vielleicht dieser jüngste „Großstaat zu Wasser und zu Lande" als Opfer der wiedererwachten Weltwirtschastsvernunft wenn nicht verschwunden, so doch auf ein recht bescheidenes und für ein gesundes Europa erträgliches Maß zurückgeschraubt worden ist. Bezeichnend für den von Frankreich liebevoll großgezogenen polnischen Größenwahn, unter dem nicht nur Deutschland, sondern die gesamte germanische Kultur schwer, blutet und leidet, ist der bekannte Witz Wilsons und Lloyd Georges bei den Vorverhandlungen zu Versailles, „die polnischen Unterhändler möchten der Einfachheit und der Kürze wegen nur d i e Erdteile benennen, aus die sie keinen Anspruch als heilige polnische Erde erheben".
Der polnischen, halbasiatischen Unkultur hat französischer Erobererwahn nicht nur den hochentwickelten oberschlesischeu Industriebezirk, sondern auch die durch preußische Staats- fürsorge auf einen vorbildlichen kulturellen Hochstand ge- brächte Provinz Posen und Westpreußen in den Rachen geworfen. Und Pan Kaczmareck hat in einer fabelhaft kurzen Zeit das Kunststück fertiggebracht, aus diesen kulturell so hochstehenden Landstrichen eine Art Asien in (Europa hervor- zuzaubern. Frankreich hat sich bis in die jüngsten Tage hinein diesen „blutigen Witz" vom polnischen Gendarm für Ruhe und Ordnung in Europa etwas kosten lassen. Wie kennen schon von den Tagen des oberschlesischen Plebiscites her das Kopfschütteln ernster französischer Wirtschaftskreise über den unerschöpflichen Hunger Kaczmarecks nach blanken Pariser Goldfranken. Das Frankreich Elemenceauscher und Poincarescher Observanz indessen pflegte diesen etwas über, normalen Appetit Kaczmarecks nach französischen Gold- franken generös wie eine Art unvermeidlicher Unfallprämie hinzunehmen. Polen hat nun schwere Sorgen und Bedenken, ob dieser bisherige, für ihn geradezu ideale Zustand auch unter Herriot und unter den Nachwirkungen der Dawesschen Gesundungsoperation weiterwähren wird. Und diese Bedenken scheinen uns wirklich nicht ganz unangebracht.
Der kluge Mann baut vor. Auch Kaczmareck in Warschau baute vor. Der polnische Finanzminister wurde zu Herriot entsandt, und der polnische Kriegsminister richtete ein besonderes Sendschreiben an Foch und Rollet. Die Abgesandten des „polnischen Großstaates zu Wasser und zu Lande" sollen indessen wenigstens von Herriot nicht ganz so empfangen worden sein, als wenn sie der gegebene Angelpunkt der kommenden Ordnung in Europa wären. Resigniert stellt sich nun die polnische Regierungspresse auf „den Boden der. Tatsachen" und registriert sorgfältig alles, was es noch an „gemeinsamen Interessen" zwischen Frankreich und Polen gibt, um daraus den Schluß zu ziehen, daß das polnisch« französische Bündnis nach wie vor den gleichen Wert habe.
Uebrigens steht Polen mit seinen Bedenken nicht allein da. Auch das andere Notkind von Versailles, jener moderne Großstaat, dessen Landeskinder in der alten fluchwürdigen! Zeit den Ruhm der besten Kesselflicker der Welt genossen! und dessen heutiger berühmter Staatsmann Benesch den „Vermittler" zwischen den Ententegrößen macht, die Tschecho- slowakei, erläßt ebenfalls bewegliche Klagen über die „Gefahren der deutschen Konkurrenz". Ja, ja, die gangem
geburten von Versailles haben so ihre Sorgen, wenn so ein amerikanischer Finanzier auf den Gedanken verfällt, Europa gesund machen zu wollen. R—r. ;
Erbitterung im Ruhrgebiet.
Die Nachrichten, die eine Verzögerung der Räumung der Dortmunder Zone um ein bis zwei Monate an- kündigen, haben in allen Kreisen der Bevölkerung starkes Befremden und lebhafte Enttäuschung hervor- gerufen. Man verweist darauf, daß nicht nur die vor einigen Tagen ausgegebene Havasmeldung, die bereits Schwierigkeiten in dieser Richtung andeutete, aus Düsseldorf, also aus der Umgebung des GeneralsDegoutte, stammte, daß vielmehr auch die Meldung des „Echo du Rhin" von den Besatzungsbehörden ausgeht. Darin liegt der ganz offensichtliche Beweis dafür, daß die Generäle Obstruktion gegen Herriot treiben. Die psychologische Auswirkung dieser Militärpolitik auf das ganze besetzte Gebiet kommt in der Aeußerung eines Gewerkschaftsführers zum Ausdruck, der erklärt, er glaube an die Räumung nicht eher,als die Franzosen abgezo. g e n se i e n. Dazu kommt noch, daß die in den letzten Tagen bekanntgewordenen neuerlichen Häufungen von Zwi. s ch e n f ä l l e n, die durch Uebergriffe der Besatzungstrup- pen entstanden sind, die allgemeine Stimmung weiter erbittern. Bon einem führenden Verwaltungsbeamten wurde erklärt, daß die Reichsregierung Herrn Herriot vor die p r ä - zise Frage stellen müsse, ob er es sich gefallen lassen wolle, daß seine Versprechungen durch die Quertreibereien der Militärs sabotiert und geradezu in das Gegenteil verkehrt würden.
Das Capua der Memarmee»
Die Pariser sozialistische „Humanits" beginnt mit der R^^lnarm^e und insbesondere über das lustige LebenderOffiziere und Bea m ten der R he i n» armee. Es werden eine ganze Reihe interessanter Einzeldarstellungen gegeben, die sich mit Vorgängen in S p e'y e r, Frankenthal, Kreuz nach usw. befassen. So wird u. a. mitgeteilt, daß Automobile beliebig requiriert und ausschließlich für private Zwecke benutzt werden. Weiter wird erzählt, daß außerordentlich hoheGehältev für Eisenbahnbeamte gezahlt werden. Einzelne Bureauvorstcher erhalten 3000—4000 Franken monatlich, und zwar für einen Dienst, der ihnen die Nachmittage für Privatvergnügungen, Devisenspekulationen, Schiebungen aller Art frei läßt. Höhere Beamte beziehen Gehälter von monatlich 10 000—12 000 Franken.
Die Saar-Vergewaltigung vor dem Völkerbund.
Eine Saar-Abordnung ist in Genf erschienen, um vor dem Völkerbund Klage über ftanzösische Vergewaltigung zu führen. In zwei langen Denkschriften ist die schwie- rige Lage der Bewohner des Saargebietes dargelegt.
1. Die Zusicherungen, die seinerzeit die französische Regierung der deutschen gab, deren Besorgnisse durch eine authentische Auslegung des Versailler Vertrages zu zerstreuen, sind nicht eingehalten worden. Daher möchte der Rat des Völkerbundes in Genf darauf hinwirken, daß der f r a n z ö s i s ch e S t a a t als Besitzer sämtlicher Saarkohlengruben seine Arbeiter, Ange. stellten und Beamten rechtlich, moralisch und wirtschaftlich besser stellt, als bisher.
2. Verlangt wird ferner, daß der ftanzösische Staat als Inhaber d^Koylenmonopols im Saargebiet seine Kohlen- preise soweit ermäßigt, daß das wirtschaftliche Gedeihen der Saarindustrie ebenso sichergestellt ist wie unter der preußischen und bayerischen Herrschaft.
3. Daß der französische Staat und die Regierungskommission unverzüglich das neue Abkommen vom März d. I. aufhebt und ein neues Abkommen auf Grund der tatsächlichen Wertverhältnisse abschließt.
4. Daß der französische Staat als Inhaber der gollver- w a l t u n g und die Regierungskommission des Saargebietes veranlaßt werden, ihre sonstigen Maßnahmen zlrr zeitlichen und mengenmäßigen Beschränkung der zollfreien Einfuhr deutscher Waren ins Saargebiet unverzüglich aufzuheben.
5. Daß der ftanzösische Staat veranlaßt wird, die saarländische Wirtschaft für die weitgehenden, durch die Zollschikane ent« standenen Schädigungen schadlos zu halten.
Weiter soll der Rat dafür Sorge tragen, daß nunmehr end- gültig ein weiterer Termin bestimmt wird, an dem das französische Militär das Saargebietzu räumen hat.
Die beiden Denkschriften sind unterzeichnet von den Fraktionen des Landtages des Saargebietes.
^oung unterwegs nach Berlin.
Die Reparationskommission hat die Vorschläge Omen Boungs einstimmig gebilligt. Goung ist bereits unterwegs nach Berlin, wird aber Ende nächster Woye wieder in Paris zurülkertvartel, um der Reparatie.S- koinmüsion Bericht zu erstatten. Der Bruder des l^e- nerals Dawes, der Boung unterstützen soll, ist mit ter „Aquitania" in Cherbourg gelandet und sogleich n^6 Paris weitergereist.
Die Anleihe in Amerika überzeichnet.
Die in Amerika aufgelegte Anleihe von 3 0 Millionen Dollar ist, wie „New York Herald" berichtet, innerhalb einer Stunde überzeichnet worden. Die Anleihe wird zu 94 Prozent angeboten und zu 7 Prozent verzinst. Die Operation wurde geleitet von der Morgan-Bank und Garantie Trust Courpany. ,
Am den deutsch-französischen Handelsvertrag.
Nach einer Meldung der Pariser „JournSe in«, dustrielle" ist die Jndustrieabteilung des obersten beratenden Komitees für Handel und Industrie vom französischen Handelsminister Renault für den 19. September einberufen worden, um besonders über den! neuen deutsch.französischen Handelsvertrag zu beraten.
Dänemark und die deutsche Konkurrenz.
Der dänische Industrierat berät zurzeit über die Gefahr eines neuen deutschen Dumpings, da Deutschland von Amerika eine große Anleihe in Aussicht gestellt und ein Aufblühen der deutschen Industrie zu erwarten sei. Dänemark sei eins der wenigen Länder, das nicht durch eins Zollmauer geschützt sei. Der Industrierat werde darum die Regierung ersuchen, Maßnahmen zum Schutze gegen eine übertriebene deutsche Ausfuhr zu ergreifen.
Der Abbau des Zsll-Regims.
Das offizielle Organ der Rheinlandkommission, das Echo du Rhin, veröffentlicht die ^Bestimmungen über die Abänderung des Zollregimes im besetzten G biet. Darin heißt e» u. a.: Die Anwendung des Zollregimes wird in zwei Hauptetappen erfolgen. Entsprechend den Londoner Beschlüssen werden die Zollerhebungen auf der östlichen Zoll»
6. h., der Handelsverkehr zwnchen dem besetzten Gebiet unb Deutschland ist an diesem Tage wieder frei. Längs der Ostgrenze werden nur noch in den Hauptbahnhöfen verein- zeltZollposten auftechterhalten. Bis zum zweiund- zwanzig st enSeptember werden ausländische Waren, die für das besetzte Gebiet bestimmt sind, nach ihrer Beförderung durch das unbesetzte Deutschland von den an der früheren Ostgrenze verbliebenen Zollposten visiert und bann von einem innerhalb des besetzten Gebietes befindlichen Zollposten verzollt werden. Am zweiundzwanzigsten September tritt
die deutsche Gesetzgebung
im besetzten Gebiet wieder in Kraft. Der interalliierte Zoll- tarif wird von denrselben Zeitpunkt an fortfallen. Die Bestimmungen, die die Beförderung der nur dem Auslande ein. geftihrten oder nach dem Auslande versandten Waren durch das besetzte Gebiet und durch das unbesetzte Deutschland regeln, werden aufgehoben. Für die Ausstellung der Kohlen- Lizenzscheine sind allein die Verwaltungsstellen der Micum zuständig. Am zweiundzwanzigsten Oktober wird die Ueber- gangsperiode wahrscheinlich zu Ende gehen. Die interalliierten Zollstellen und das Zollamt in Bad Ems werden dann zurückgezogen.
Die Treichsregierung will das Wafhinaloner Abkommen ratificieren.
Infolge der Vertagung des Reichstags konnte die sozial- bemotratifdje Interpellation wegen der Ratifizierung des Washingtoner Mkommens über den Achtstundentag nicht mehr zur Besprechung gelangen. Wie Retchsarbeits- minister I)r. B ra uns jetzt statt dessen im Reichsarbeitsblatt mitteilt, sollte die Interpellation wie folgt beantwortet wer. den:
„Die Regierung hat die Ratifikation Sc/ Uebereinkom- mens von Washington über den Achtstundentag niemals, grundsätzlich abgelehnt. Me selige deutsche Ge. setzgebung über die Arbeitszeit ist von der Reichsregierung stets als eine Rotgesetzgebnug betrachtet und gekennzeichnet worden, an der sie von vornherein nicht länger festhatten wollte, als es die ganz außerordentlich schwierige Lage Deutschlands erfordert. Unsere Verluste, Lasten und Bindungen infolge des Kriege» find soviel schwerer als die aller anderen großen Staaten; unsere nürlschaftliche Zukunft ist so ungeklärt, daß niemand von Deutschland ein Borangeheninder Frage bet Ratifizierung erwarte« kann. Das gilt um so mehr, als der Inhalt des Ueberein- kommene unb demnach auch das Maß der Bindung bisher in Gesetz und Praxis der einzelnen Länder eine sehr ver. schieden« Auslegung gefunden haben. Deutschland ist gern bereit, mit den übrigen in Betracht kommenden Staaten eine Verständigung hierüber herbeizu. führen, und wurde sich in diesem Falle zu ein-er Ratifikatiai,^ des Washingtoner Uebereinkonunens berettstnde«. ®cM; muß die Reichsregierung als selbstverständlich voraus, s e tz e n, daß zur Verhütung außerordentlicher Gefährdunzs- deutscher Le bensnotivendigkeiten der Artikel 14 des Washingtoner Abkomrirens Anwendung findet" <