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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für Den Kreis Hersfeld

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Nr. 97

Donnerstag, den 14. August

1934

Mit der Erörterung der militärischen Ruhr- räumung ist die Londoner Konferenz beim ent­scheidenden Punkt angslangt. In weitesten deut­schen Kreisen herrschen die schwersten Bedenken über den Fortgang der Londoner Verhandlungen.

Zm Reichstage wird bald nach seinem Zusammentritt auch die landwirtschaftliche Echu^zollfrage erörtert werden.

Ueber die sich in London and ahn enden deutsch- französischen Handelsvertrag»Verhandlungen herrscht in Kreisen des deutschen Handels und der deutschen Industrie Veuuruh iHung.

Der Stand der Wirtschaftskrise.

Mancherlei Anzeichen lassen m den letzten Wochen und Tagen darauf schließen, daß in der Wirtschaftskrisis eine go- wisse Erleichterung eingetreten sei. Zweifellos ist der Ge l d- markt durch verschiedene Einflüsse lockerer geworden, und das hat eine Belebung des Börsengeschäftes zur Folge gehabt. Die Detaillisten fast aller Branchen, abgesehen von den ausgesprochenen Luxusartikelgeschäften, haben ihre geMiche Lage durch Minderung ihrer Lagerbestände bessern können und durch gleichzeitige Verringerung ihrer Bezüge im einzelnen Falle bei häufigerer Lagerergänzung sich eine bessere Dispositionsmöglichkeit schaffen können. Die Nerchsbank und die Golddiskontbank konnten ebenso wie die Privatbanken und die meisten Genossenschaften einige Erleichterun­gen im Kreditverkehr durchführen und die Land­wirtschaft verzeichnet bereits die ersten Einnahmen aus der Ernte und zwar aus einer Ernte, die in den meisten Be- ffirken noch Menge und Güte die Erwartungen und Schätzun­gen wert übersteigt. Durch die Ernte und durch die Frei- iMi^iiwwiw^

Nisse ist zu erwarten, daß der Einfuhr-bedarf der nächsten Wochen ein wesentlich geringerer sein wird, während die Ausfuhr in landwirtschaftlichen Artikeln eine Zunahme auf» weisen wird. Auch aus der In dustrie hört man wenig- ftens aus einigen Branchen von steigenden Auslandsauf­trägen. Auch die Entwicklung der Ziffern des Güter- und PerfonelMerkehrs, des Arbeitsmarktes, der Fahl der Kon- kurse und der verhängten und aufgehobenen Geschäftsauf­sichten lassen zum wenigsten augenblicklich den Eindruck eines Stillstandes der Krisementwicklung

aufkommen.

Es muß aber vor allzu großem Optimismus leider gewarnt werden, denn weder bei näherer Prüfung her vorstehend geschilderten Erscheinungen noch angesichts der Bisherigen Ergebnisse und voraussichtlichen Wirkungen der 'Londoner Konferenz scheint Grund zu günstiger Beurteilung der Lage. Vorläufig durfte jedenfalls die kritische Zeit für Die deutsche Wirtschaft noch nicht abgeschlossen sein, 'da zwar einige Aeußerungsformen der Krise sich in der Wir­kung gemildert haben, ihre Ursachen aber fast unverändert fortlusstehen. Es bleibt auch weiterhin Tatsache, daß die Deutsche Wirtschaft am Kapitalmangel krankt. Das tritt nur -weniger in Erscheinung, weil , der Produktionsapparat mit 'immer größeren, durch die Krise bedingten Einschränkungen -arbeitet und sich gezwungenermaßen auf die verengerte Be» wegungsmöglichkeit entstellt. Die Bet rieb sein schrän« k u n gen und Stillegungen haben einen gefährlichen ^Umfang erreicht und mehren sich noch täglich. Produktiv« .und Händel schaffen sich die Mittel zur Weiterexistenz ange­sichts der sehr stockend eingehenden Außenstände, der be­schränkten Kreditmöglichkeiten und her exorbitanten Zinssätze vielfach durch ein Leben von der Substanz bzw. durch eins Liquidierung der im Betriebe steckenden Gelder durch Ver­kauf von Warenbeständen und Vorräten ohne gleichzeitig» Ergänzung. Die Lage der Landwirtschaft und der von ihr abhängigen oder auf ihr aufgebauten Industriezweigs ist weiterhin sehr bedrohlich, da die neue Ernte und bis daraus gewonnenen Erzeugnisse in sehr hohem Umfange be­reits durch Kredite vorab in Anspruch genommen sind, ferner die hohen Steuerlasten gewaltige Beträge erfordern und da­durch die Gefahr besteht, daß bald nach der Ernte die Laich- wirtschaft keine Mittel mehr zur Fortsühruirg der intensiven Bewirtschaftung besitzen wird, nachdem zunächst der Zwang zur Beschaffung der seinerzeit Herei ngenommenen, jetzt sälli» gen Gelder einen starten Preisdruck für die Bohenerzeugniffs ausüben dürfte. j

Eine wirkliche Milderung und Lösung bar Steife kann nur darin gesehen werden', wenn durch Minderung der Pro­duktionskosten. und reibungslosere, rentablere Gestaltung des Erzeugungs- und des Vertriebsprozesses die Erzeugung und der Ertrag der deutschen Wirtschaft wieder gesteigert werden^ Diejenigen Stellen, die die heutige Krise bewußt wenigsten» gefördert haben in der Absicht, dadurch eine Reinigung, der Wirtschaft und der W i r t schaftsvorgan gs von ungesunden verteuernden Momenten zu bewirken, sehen vorläufig sicherlich Erfolge im Zusammenbruch zahlreicher In, flationsblüten, in > der Verringerung der Warenbestände und einem gewissen Preisabbau. Bisher steht aber einer ge­sunden Preisbildung noch die T a r i f.p » litjj dg»

Reichsbahn und die Steuerpolitik m Wege, uns der Retnigungsprozeß der Wirtschaft ist durchaus noch nicht bis zum notwendigen Grade durchgeführt. Insbesondere dauert die Einschaltung einer zu großen Anzahl von ver- dienenden Zwischengliedern zwischen Erzeugung und Ver­brauch immer noch an. Ebensowenig ist bisher die zweite Hauptsache der Krise, der deutsche Kapitalmangel, behoben, und es gilt weiterhin der Zuführung ausländischen und der Neubildung deutschen Kapitals größte Aufmerksamkeit zu widmen und sie auf jede Weise zu fördern. Voraussetzung für diese Kapitalbildung und Zuführung ist die Revision der Steuerpolitik und der Sozialpolitik. Beide sind in den letzten Tagen ja auch bereits durch wirtschaftliche und politische Gruppen proMammatisch angeschnitten, aber beide dürften noch Zeit und Kämpfe erfordern. Vor deren Dauer und Aus­gang und vor allem vom Ergebnis der Londoner Konferenz sowie von der Handhabung der dort schließlich erreichten Ab­machungen wird es in allererster Linie abhängen, wann man von einer Besserung der deutschen Wirtschaftslage wird sprechen können, ohne die Behebung von Symptomen mit der Heilung des Grundübels zu verwechseln.

Die Londoner Verhandlungen über die Ruhr.

Die klaren Erpressungsversuche der französi­schen Politik.

Nachdem die Dienstag-Vollkonferenz in London so ziem­lich ohne jedes tatsächliche Ergebnis verlaufen ist, ist nunmehr durch die für Mittwoch vormittag angesagte deutsch-französisch- belgische Besprechung über die militärische Ruhrräumung die Londoner Konferenz vor ihren wirklichen Entscheidungspunkt gestellt. Je weiter die Dinge laufen, enthüllt sich die ftanzö» sische Politik immer deutlicher als

eine reine Erpressung.

In alliierten Kreisen wird Pereics erznncr^ tmß mir ('«z?v t endgültigen Einigung über das Räumungsdat um gerechnet wird, und zwar wird dafür

.der 15. April 1925

genannt. Man kann nur hoffen, daß sich diese Information nicht bestätigen wird. Denn es ist kaum anzunehmen, daß die deutsche Oeffentlichkeit mit einersofortigen" Räumung ein­verstanden wäre, die in Wirklichkeit in acht Monaten statt* finden soll, wobei immer festzuhalten ist, daß es sich um keine unbedingte Verpflichtung handelt, da ja die Räumung von der Durchführung des Berichts abhängig sein soll und da weiterhin für dieses Zugeständnis von Deutschland Gegen­leistungen gefordert werden, die sich jeden Tag als größere ^Überraschungen erweisen. Das Ganze wäre in der Tat ein Geschäft, für das es nicht nötig gewesen wäre, eine Delegation nach London zu entsenden.

Die Sachlage stellt sich also im Augenblick so dar, daß

Frankreich und Beirren

Pir eine bedingte Räumung, die in acht Monaten erfolgen soll, folgende G e g e n f o r d e r u ugen stellen: Militärisch« Kontrolle, wirtsKastlikher Vertrag unter Einschluß der deut­schen chemischen Industrie ip die Sachlieferungen. Bon einer Gegenseitigkeit der von Frankreich verlangten Meist- begünstigung ist k e i n e R e d e , während Frankreich anderer- .feitg keines seiner Vorrechte aus dem Ver­trage a u f g e b? n will. Kurz, die französische PolitS enthüllt sich immer deutlicher als eine reine Erpressung. In der Form von Gegenleistungen für die militärische Räumung will sich Frankreich die seit langem an gestrebt« Kontrolle über das gesamte deutsche Wirtschaftsleben sichern. Es versteht sich von selbst, daß alle diese Bestrebungen Frankreichs von Eng- sand mit größtem Mißtrauen betrachtet werden, und di» Times" melden bereits, daß

England und Italien

der deutschen Regierung mitgeteilt haben, H; sie ebenso wie Frankreich und Belgien wirtschaftliche Abmachungen zu schlie- ßen wünschten. Also auch hier zeigt sich, daß die Verhand» Lungen mit der deutschen Delegation bisher im wesentlichen Mr Folge haben, daß die übrigen Alliierten hinter den fran- zösischen Forderungen herlaufen, weil sich jeder einen Anteil an der Beute sickern möchte.

Man kann sich der Befruchtung nm>t erwehren, daß diese ganze Entwicklung den deutschen Unterhändlern über den! Kopf gewachsen zu sein scheint, und die Frage liegt nahe ob es unter den gegebenen Umständen nicht in der Tat besser wäre, die Entscheidrug der wichtigsten Fragen auf später tU vertagen, als sie unter dem Druck zu regeln, der sich bei dem Londoner Tauschgeschäft entwickelt hat. Besonders ausreizend ist weiter das

Verfahren in der Amnestiefrage.

Die alliierten Juristen haben numehr schließlich heraus» gefunden, d. ß sämtliche beutfdjen Beamten, die am Wider- stand aktiv beteiligt waren, nicht wieder in ihre Aemter zu- rückkehren dürften. Als Beispiel wird der Oberpräsident von Düsseldorf, Grützner, angeführt Die Auswahl derjenigen Beamten, denen man die Rückkehr erlauben will, soll nicht

durch ein Schiedsgericht, sondern durch die alliierte Rheinland- kommission erfolgen. Diese

Karikatur einer Amnestie,

die offenbar darauf ausgeht, das Beamtentum im Rheinland in der Hand zu bestatten, spricht deutlich genug für die A b - sichten der französischen Rheinlandpolitik. Auch in der Eisenbahnerfrage, die man bereits er­ledigt glaubte, hält Frankreich nach wie vor an seinem alten Standpunkt fest, ebenso wie in der Transferierungs» frage, der Ausdehnung der Sachlieferungen und in den meisten andern Punkten.

Im Berliner Auswärtigen Amt fpricht man die Auffassung aus, daß es notwendig sein wird, die wirtschaftlichen Verhandlungen mit der französischen Delegation vollständig abzutrennen und sie nach Möglichkeit zurückzustellen, da sie langwierige Er­örterungen notwendig machen. Wenn es gelingt, die mili­tärische Räumungsfrage so zu regeln, daß die Durchführung des Sachverständigengutachtens gesichert ist, würde man deutscherseits ohne weiteres die Voraussetzung für die Lösung der wirtschaftlichen Probleme finden können.. Die Abmachungen zwischen den beteiligten Regierungen über die militärische Räumungsfrage sollen in einem Abkommen niedergelegt werden, das von den Parlamenten Deutschlands, Frankreichs und Belgiens ratifiziert werden muß. Die U n - terzeichnung des Abkommens, die wahrscheinlich am Freitag erfolgen wird, würde ftanzösischerseits wahr- ' cheinlich mit dem Vorbehalt geschehen, daß die wirt- chaftlichen Verhandlungen zu einem bei* >erfeittgen Einvernehmen führen.

Deuische Beunruhigung über die deutsch-'ran roNcken Verhandlungen.

In den deutschen Wirtschaftskreisen ist infolge bet ge­genwärtigen deutsch-französischen Verhandlungen über die ^^«^ M lebhafte Beunruhigung erfffanben. Man befürchtet, daß Reichsregierung sich unter dein Druck der französischen Po­litik dazu verleiten lassen könnte, wirtschaftliche Zugeständ­nisse an Frankreich zu machen, die die Interessen der deut­schen Industrie sehr gefährden. Wie von unterrichteter Seite verlautet, hat der Reichsverband der deutschen Industrie bereits eine maßgebende Persönlichkeit nach London entsandt, um mit der deutschen Delegation un­verzüglich in Fühlung zu treten. Von feiten der Berliner Regierungsstellen wird in Aussicht gestellt, daß Reichsfinanz- nnnister Dr. Luther alsbald nach seiner Rückkehr aus London dem Reichsverband der Deutschen Industrie in einer öffentlichen Sitzung eingehende Alitteilungen über den Ver­lauf der Verhandlungen mit Frankreich unterbreiten wird.

*

Die deutsche Delegation hat am Dienstag bei des Verhäng' lunge« der Londoner Konferenz einen Vorschlag der fron* zöüschen Delegation angenommen, wonach die Kohl«- und Kokslieferungen an Frankreich über das Jahr 1930 hinaus weiter geleistet werden sollen. Es handelt sich hierbei, wie nicht itberfeljen werden darf, um ein außerordentlich wichtige» Znaeständnis der deutschen Regierung. We»n man fich drst- feuerseits dazu entschließen könnte, sich mit einer fairen Lösung einverstanden zu erklären, so geht dabei die deutsche^ Delegation von dem Standpunkt aus, daß nsnmchr <mch so­fort das Bestellen der Micumverträge beseitigt werben mich. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren, hat sich die fron* zosifche Regierung insofern festlegen müssen, als die Mieun^ vertrage sofort nach Inkrafttreten des Dawes-GMacht^W WM beseitigt werden.

Französische Hetze.

DerMatin" hat das große Rätsel gelSst, weshalb W Deutschen sich in London so entschieden weigern, gewisse chemische Produkte und Farbstoffe auf die Liste Der Raturallieferune u zu setzen, nämlich: damit fie des Ä e vanchekrieg umso besser vorbereiten können. Denn ein Land, das Herr der chemischen Industrie fei, so schreibt das genannte Blatt, wäre auch Herr des Krieges. ©eine Luff- flotte baue Deutschland in Holland, Spanien, Stanbinani« und England. Wenn Deutschland jetzt aber in Losdo» auch seine chemischen Monopole erhalte, baun sänne m gM für feine Revanche rüsten.

Amerika denkt nicht an eine GtreichmtS der Schulden.

Dc'r New Park Herold teilt mit, daß die Regier«sa bar Präsidenten Eoolidge genau zwischen der Frage der inter- alliierten Schulden und der Reparationsftage unterscheid«. In Amerika däckte niemand ernstlich an eine Streichung ob« an eine Herabsetzung der Schulden. Die Schuldenkonferes» sei etwas ganz cubdes als die Zusammenkunft der alliierte»! Finanzmlnister, die sich mit der Frage der Verteilung bet, deutschen Zahlungen nach dem Dawesplan beschäftige. Hier­an hätten die Vereinigten Staaten ein direktes Interesse mit Rücksicht auf bie Besotzungsksten und die Verttiluns iM Summen für die Deckung der Kriegsschuld«.