Hersfelder Kreisblatt
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Nr. SS Sonnabend, den S. August 1924
Auf der Londoner Konferenz bereitet die Schwierigkeiten der Anleihe und die militärische Ruhrräumung arge Verlegenheiten. Reichskanzler Marx bleibt in London.
— Der französische Kommunist Barbusse, der äußeren Anlaß zu den Vorgängen in Greifswald bot, hat in Berlin eine aufreizende Red« sondergleichen gehalten und die Kommunisten zu offenen Gewalttaten angefeuert.
— Die Zigeuner sollen nach Beschlüssen der Präger Regierung seßhaft gemacht werden.
Wochenrückblick.
-, 5n N e w P orkhat eine von Mar kus G arv ey, der sich zum Präsidenten einer im Gotha unauffindbaren afri- tam^chen Republik ernannt zu haben scheint, einberufene i n - ternatlonale Konferenz derschwarzenRasse statt- gefunden. Lln dreißigtausend Farbige, Neger aller Schattie- Zungen aus aller Welt, selbst ausstralische Papuas, waren der Einladung gefolgt, um als Vertreter von 400 Millionen Rassegenossen diesen die Gleichberechtigung zu erkämpferr. Ern Ausschuß soll bis zum nächsten Weltkongreß den Or« göTttiötionspIan eines Neger staates aus« arbeiten. Einstweilen liegt dieser noch im Monde, Und nie« inano' wird es den Schwarzen verwehren, dort ihre rot« iqwar^grüne Flagge zu hissen, aber für Europa selber ist Me Bewegung gegenstandslos, nur die europäischen H o lonialvölker werden sie verfolgen müssen, wenn sie Pch vor Ueberraschungen schützen wollen. England und 'Frankreich haben farbigeTruppen ausgebildet, die eines Tages die Waffen gegen ihre weißen Befehlshaber richten könnten, und besonders den Franzosen war es vor- *S*eÄ
des Rassenbewußtseins hat ein Vorbild im P a n - Islamismus, der auch viele Negerstämme umfaßt, und wenn ,es Agitatoren vom Schlage eines Garvey gelingen sollte, das ihnen zur Verfügung stehende Rohmaterial an Menschenkraft unter dem Zeichen der Gleichberechtigung zu organisieren, ist der Weg nickst weit, die mit der modernen Kriegführung vertrauten, militärisch geschulten schwarzen Elemente als Drillmeister zu verwenden. Die darin steckende Gefahr liegt für Frankreich am nächsten. Der Rückgangderfranzösi- s ch e n B e v ö I k e r u n g scheint unaufhaltsam und erfordert zur Auffüllung der Kaders die Rekrufferung aus Marokkanern und Senegalesen, die sich keineswegs durch Botmäßigkeit auszeichnen, und je mehr das Heer von ihnen durchsetzt wird, um so schwieriger wird es für die französische Heeresleitung sein, zunächst bei Kämpfen gegen eingeborene Stämme, deren Landsleute erfolgreich an die Front zu schicken. In ähnlicher Lage befindet sich England mit seinem indischen Kolonialbesitz, wenn einmal das unter der Hand betriebene 9i u s f p i e l e n der Hind us und d e r M o h a m m e d a n e r sein Ende erreicht. Am wenigsten sind die Vereinigten Staaten durch diese Entwicklung bedroht, obwohl die Amerikaner ihre Reger als Menschen zweiter Klasse behandeln, und Richter Lynch mit -seiner Unmenfdjlidjteit immer wieder die Wunde der Rassen- gegensätze aufrAßt. Die weißen Amerikaner sind rassenstolzer als die Franzosen. Das ist ihr natürlicher Schutz.
Die latente r u s s i s ch - p o I n i -. e Verstimmung droht in offene Feindschaft umzusckssagen. Der Ueber- fall bewaffneter Sowjetbanden auf die Stadt Stolbice hat ^14 polnischen Soldaten und Polizisten und 10 Zivilpersonen das Leben gekostet. Daraus ließe sich mühelos ein Kriegsfall ableiten, aber Polen, das mehr als die Hälfte feiner Staats, ant gaben auf sein Heer verwenden muß, kann einen Krieg zur Ablenkung der inneren Schwierigkeiten nicht brauchen. Es muß befürchten, von seinen Bundesgenossen im Stich« gelassen zu werden, und außerdem machen ihm die kommunistt» säten Streikhetzen in Warschau unb in Oberschlesien zu schassen; es leidet, wie die zahlreichen Verhaftungen von Kommunisten beweisen, an innerer Zersetzung, und diese Tatsach« bestätigte unlängst der WarnuNgsruf des Führers des linken ^Flügels der nationalpolnischen Parteien, Thu gu t t, der die Verschlimmerung der Wirtschaftslage, des Hungersterben« der Bauern, das Anwachsen der bolschewistischen Agitation, mit einem Wort: den Zustand der Anarchie wie zur Zeit des allen Adelsrepublik festste« lie.
Die Deutschland auferlegten Bandes chränkungen für den L u f t v e r k e h r haben in E n g l a n d zu eines Aussprache im Unterhaus geführt, nachdem Deutschland bekanntlich den Flugzeugen der englischen Jmperial-Flugzeug^ Gesellschaft das Befliegon deutschen Gebietes untersagen« rot lte, soweit diese Flugzeuge nicht den Deutschland aitfy erlegten Bedingungen entsprechen. Das Haus war darin«, , einig daß die lästigen Bestimmungen des Versailler Vertrage« aufgehoben werden müßten, und die Regierung erhob kein«, -Einwendung. Einer Reise des cnglifdjcn Luftministers Thon»; Fon nach Paris und seine Besprechung mit General Rollet -wird von der französiscl-en Presse ein Erfolg im Sinne de? -englischen Wünsche nachgesagt. i, nd. <
d Die mililärMe Ruhttämuung im Vordergründe.
Die Lösung der Frage der militarffchen Räumung des Ruhrgebietes gestaltet sich nach Berichte« aus London außerordentlich schwierig. Wie in Berliner politischen Kreisen verlautet, ist es bisher noch nicht möglich gewesen, eine Verhand- - lungsgrundlage zu finden, auf der zwischen Deutschland, i Frankreich und Belgien eine Diskussion möglich gewesen i wäre. Deutschland fordert, daß die militärische Räumung im Anschluß an die wi^schaftlich« Räumung stattfiudeu soll, «und zwar ohne irgendwelche Bedingungen. Frankreich und , Belgien halten dagegen an der Auffassung fest, daß bestimmt« I Vorbedingungen, die restlose Durchführung der abschließenden, ' Militärkontrolle, der Abschluß eines deutsch-französischen j Handelsvertrages usw. erfüllt werde« müßten. Die internen * Verhandlungen, die bisher zwischen den Hauptdelegierten ! der beteiligten Regierungen stattgefunden haben, wurden j streng vertraulich geführt. Ein Lommunique soll erst dann aufgegeben werben, wenn eine Verhandlungsgrundlage ge» schaffen ist. Man nimmt an, daß die eigentlichen entscheidenden Verhandlungen nunmehr am Sonntag stattfinden . werden.
Marx bleibt in London.
Von unterrichteter Seite wird weiter mitgeteilt, daß ; Reichskanzler Dr. Marx seine Absicht, noch vor Schluß der -Londoner Verhandlungen nach Berlin zurückzukehren, end- 'gültig aufgeben mußte. Der Reichskanzler wird eine Reihe ' wichtiger Verhandlungen führen müssen, und es hat sich her- ausgestellt, daß die Anwesenheit des Kanzlers in London dringend erforderlich ist, da die Verhandlungen deutscherseits «gemeinsam von Dr. Marx und dem Außenminister geführt «werden müssen.
D Das bisherige Ergebnis der Konferenz.
Nach den Berichten der.Londoner Presse ergibt sich _als Folge der ^erfianblunger den^DepFchen folgen? Des bisheriges Ergebnis'der ;4 onrcre^RPlan^’fn folgenserr Punkten M einer g I a t m Der st an digung gekommen:
1. Der Dawesplan wird zehn Tage früher zur Ausführung gebracht, als zuerst beabsichtigt (5. Oktober statt am 15).
2. Die Deutschen haben eine frühere ökono- ,mische Räumung der Ruhr durchgesetzt.
Nach einer besonderen Meldung aus London soll die wirtschaftliche Räumung der Ruhr innerhalb 35 Tagen erfolgen.
3. Der erste Teil (Zölle) wird innerhalb fünf Wochen statt sechs Wochen zur Ausführung kommen, d. h. ibis 24. September statt 1. Oktober. Der zweite Teil (Berg- (bau) wird in sechs statt in acht Wochen ausgeführt (am 1. Oktober statt am 15).
4. Nichterfüllung in Reparationszahlungen können nur festgesetzt werden, wenn sie absichtlich (wilfull), sonst offen« «sichtlich (evident) ist. Ferner ist man zu einer Abmachung ' über politische Ruhr- und Rheinverräter im deutschen Sinne gekommen. Die Alliierten schließen aus der Amnestie all« aus, die für Totschlag oder Sabotage oder für Taten verurteilt sind, die mit Todesfall enden; die Deuffchen schließe» alle Separatisten aus. In der Frage der N i ch t e r f ü l - :I u n g kam es gleichfalls zu einer Verständigung, doch wurde ;die Frage der Sanktionen dabei nicht berührt. Es «ist aber klar, daß die deutschen Delegierten das Appella- «tiansrecht an ein Schiedsgericht auch auf die Deuts ch c n a u s d e b c 5 n t sehen wollen, nanrentlich in allen Streitfragen über Sachlieferungen, Bartransfer, bestehen die Deutschen darauf.
Die Reparatronskommisfion
- ;hat den Entwurf un Gründung der neuen deut- scheu Goldbank angenommen und mit Zustimmung der Deutschen das' Protokoll über die Kontrolle des Dawesplanes gutgeheißen,
Frankreich und Belgiens Haltung wird in der Londoner maßgebenden Presse so dargestellt, daß ' be'de bereit sind, ein d c fi n i t i v e - Da t u n- f ü r d ie mist i t ä r i s ch e Rüu mung der R uhr festzusetzen, nachher aber gewisse Konzessionen von Deutsch, land verlangen. Die Franzosen verlangen in erster Linie, .„baß die Entwaffnung Deutschlands sich na ch den Wünschen der Alliierten richte" (also militärische Kontrolle über Deutschland), und ferner, daß Deutsch la n d die interalliierten Reso- lui i » nen über b ie Fortsetzung der Kohle«, und F a r b st o f f l t e f c r u n g e n über die Grenz« de s Versai ll er Bert r.a.^is hinaus befolge. Hiermit erklärte sich Deutschland einverstanden, unter der Bedingung, daß die Abmachungul privatim zwischen den Industriellen der beiden L ä n d er getroffen werden und nicht eine Ucbcremtimft der beiden Regierungen darstelle.
Ueber die Verhandlungen der Bankiers, mit denen Reichsbankpräsident IE. Schacht seit Mittwoch verhandelt, liegen abschließende Ergebnisse noch nicht vor. ;
Eine amerikanische Bewertung der Konferenz.
Ein hochstehender Amerikaner faßte die Lage in folgende Worte zusammen: „Dieses ist eine Konferenz von Vertretern von drei Regierungen, die politisch wach find. Jede Delegation weiß, daß sie etwas Positives für ihr Land erreichen muß oder von ihrem Land desavouiert wird. Wenn H e c r i o t bei ferner Rückkehr nach Paris beweisen kann, daß er für Frankreich wirkliche Reparationsgelder und Sachlieferungen erreicht hat, und wenn Ma r x bei seiner Rückkehr nach Berlin bewei- .fen kann, daß er sein Land von der Gegenwart fremderTruppenbefreit hat, so werden beide Männer einen persönlichen Triumph erreicht haben und ihre Stellung wird sicherer sein denn je. Folglich legen beide größtes (bewicht darauf, zu einem Handel zu kom- m e n. Keiner von beiden hat Lust, die Konferenz beendet zu sehen, ohne etwas Positives erreicht zu haben."
Marx uud Strefemann bei Herriot.
Die Führer der deutschen Delegation in London, Reichskanzler Marx und Außenminister Strefemann, starteten am Dounerstagnachmittag Herriot einen Besuch haben, der von Herriot erwidert wurde. Nach dem offiziösen Wolff-Bureau kennzeichnet sich dieser Besuch der Führer der deuffchen Delegation beim französischen Ministerpräsidenten als ein Akt reiner Höflichkeit, ebenso wie der Gegenbesuch Herriots. Wie es heißt, werden nunmehr auch die belgischen Minister Besuche mit den deuffchen Delegationsführeru anstauscherr.
Das voraussichtliche Eude der Koufereuz.
In Konferenzkreisen rechnet man damit, daß frühestens Mitte nächster Woche das Schlußprotokoll wird unterzeichnet werden können.
Der deutsche Sanktiousvorschlag abgelehni.
Die in der Presse voreilig gemeldete Einigung in ber brüten Kommission ist auf Kosten der Deutschen erfolgt. Der dMffche Vorschlag, der die Hinzuziehung eines deutschen Mit- liebes zur Repko »erlangte, wurde also abgelehnt.
Konferenz-Erfolge.
’ ■ W ra^r^e^rbrnT^Tc» M' Konr- mtfftohsberantngen stehen vor ihrem Ende. Die vier strittigen Punkte, von denen zuletzt nur noch zwei übrig waren, sönnen als geklärt gelten:
1. Die Sanktioneufraae in bezug auf Artikel 22, in der eine deutsche Rechtsverwahrung eingelegt wurde, ist angenommen worden. «
2. Der Begriff der deuffchen Verfehlung ist auf deutschen Wunsch ganz ausführlich redigiert worden, so daß ohne Zweifelsmöglichkeiten es sich nur um böswillige Verfehlungen handeln kann. Bei der Amnestiefrage ist der Satz gestrichen worden „soweit nicht die Sicherheit' der Be- satzungstruppen gefährdet wird", das heißt, daß a I l e A u s - gewiesenen zurückkehren können. Als deutsche Gegenleistung wurde Freilassung der während des Ruhr- kampses deutscherseits Bestraften verlangt. Soweit es sich um H och verrat handelt, wird Deutschland auch auf diese Be- bingungen nur eingehen, wenn die deuffche Iustizoberhoheit »in vollem Umfange wieder hergestellt wird. Von diesem Augenblick an würden dann diese hochverräterischen Handlungen, die dem deuffchen Strafgesetz unterstellt seien, bei der Frage der Zeichnung des Vertrages mit den Banken als selbstverständlich anerkannt werden, daß nicht etwa eine Verpflich. tung für Deutschland besteht, den Vertrag seinerseits durchzu- bringen. Kommt er nicht zustande, so ist ebenso selbstverständlich, daß kein Verschulden Deutschlands vorliegt, sobald es bereit ist, den Dawesbericht in Tätigkeit zu setzen.
In der dritten Kommission ist allein noch die Frage der Sachlieferungen zurückgeblieben, die auf die Tagesordnung der Dollkonferenz kommen wird. Snowden verlangt bis 1930 Kohlenlieferungen und vor allem auch nach dem Jahre 1925 die Lieferung chemischer Produkte. Im Vertrag der Lieferungen chemischer Produkte wird Deutschland nicht nachgeben, über die Lieferungen von Kohle ließe sich sprechen.
Ueber die Räumung des Ruhrgebietes herrscht nach Auffassung der deutschen Delegation kein Zweifel mehr. Die Franzose« sind bereit, herauszugehen, und haben unter diesen Umftanben auch zuge standen, daß die Termine zur Uebergabe der Regiebergwerke, Fabriken usw. verkürzt werde«. j Finanzminister Dr. Luther hatte angefragt, ob er Einzelheiten über die Frage der Anleihe haben könne, da er doch als deutscher Finanzminister daran interessiert fei. Eine Antwort besam Dr. Luther aber nicht. Jedenfalls dürfte diese Unterbringungsfrage evenso große Schwierigkeiten, wie die der militärischen Räumung bereiten. Hier steht der deuffche Standpunkt fest:
1. Es wird von keiner Seite Deutschlands Recht bestritte«, die militärische Räumung zu fordern. Deuffcherseits wird jede Verbindung von kommerziellen Fragen mit der Räumung als undiskutabel verzeichnet.
Die amerikanische Regierung will die Anleihe nicht garantieren.
Nach Meldungen aus Washington erklärte Prafident E o o l i d g e, daß die amerikanische Regierung nicht in der Lage sei, die G a r a n t i e für die DeutschlanL zu gewährende Anleihe zu übernehmen, sondern daß dies ausschließlich Sache der die Anleihe zur Emission bringenden Banken feL ^