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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Gounabenb. Der Bezugspreis beträgt monatlich L Golbmark / / Anzeigen preis für die einspaltige Detitzetle ober deren Raum 10 Ma., fir amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Ma. Reklamezeile 50 Ma. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Versfeld,

Mitglied des Vereins Deutscher IeitnagS-Derleger. / / Für die Schriftleitnng verantwortlich Franz Funk in versfelb. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 93

Die Deutsche Delegation hat ihre Reise nach London angetreten.

Temps" berichtet über einen ernsten Zwischenfall in Athen mit dem deutschen Gesandten. Der amt­lichen Aufklärung bliÄN es überlassen, ob es sich um eine Heh-Ente des PariserSemps* oder um einen un­erhörten Vorstoß gegen Deutschland handelt.

Der kommunistische A bgeordnete Hölleiu erntete in Vervier» für die von ihm beliebte Kultur- propaganda» Prügel und wurde vorläufig ine Polizeigefängnis gesteckt. - -

ICH en

Hughes Europareife.

Kaum ist der Staatssekretär der Bereinigten Staaten, Hughes, in Berlin eingetroffen, von den Vertretern der Reichsregierung bewillkommnet und vom Reichspräsidenten b ert empfangen worden, wobei nicht nur der amerikanische Botschafter Houghton, sondern auch Mr. Bak, der Privat- sekretär Hughes' zugegen waren, als uns versichert wird, der Besuch trage keinen amtlichen Charakter. Damit soll aus- gedrückt werden, daß der amerikanische Staatsmann äußerlich die Rolle weiterspielt, die sein Staat als uninteressierter Zu­schauer gegenüber den europäischen Wirren e'mzunehmen für gut befunden hat. Aber niemand zweifelt daran, daß er in London nwhr getan hat, als zuzuschauen. Wie er den Gang der Konferenzverhandlungen durch sein nicht amtlich abgestempel­tes Eingreifen beeinflußt hat, wird schwer festzustellen sein, aber schon sein Entschluß, sich persönlich mit den ausschlag- igebenden Kabinettsmitgliedern der verschiedenen Länder in Verbindung zu setzen, hat als Druckmittel gewirkt, um Jür die Erledigung des Dawesschen Berichts die Bahn frei- ^umachen. Man vergleiche die Reife des Staatssekretärs und seinen Berliner Empfang, den Austausch von Höflichkeitzn ^y^^^^^^^^|^^w*^*^w*ttreetgmigen*imr oer~Brutalen Haltung der Franzosen gegenüber Deutschland, um den Unterschied zu ermessen. Hier in Berlin wurde durch kon- kludente Handlungen die Gleichberechtigung des Deutschen Reiches anerkannt, unb damit ist den Herren in Paris ein Hinweis auf den diplomatischen Knigge im Verkehr der Na- Honen erteilt worden, der nicht unbeachtet bleiben kann.

Dementsprechend hat Hughes auch dem Vertreter eines belgischen Blattes zu verstehen gegeben, daß die politische Lage ernst und ein Mißerfolg der Konferenz wahrhaft furcht­bare Wirkungen nach sich ziehen würde. Diese Warnung ist -nicht so sehr an die Brüsseler als an die Pariser Adresse ge­dichtet, und die daran geknüpfte Hoffnung, daß es gelingt 8ie endgültige Formel für die Verständigung bei bi Beratungen zu finden, scheint inzwischen, was die itglieder betrifft, in Erfüllung gegangen zu ngeklärt ist noch die offizielle Stellung der schen Regierung zu dem von Deutschlands abhängenden Endergebnis, denn noch hat a g r e ß in Washington nicht gesprochen, nzunehmen, daß seine Mitglieder sich den von den vorgezeichneten Richtlinien anpassen werden. Jeden» pughes durch seinen Berliner Aufenthalt zwar nicht e das wäre zu viel gesagt-aber wohlwollende it zu erkennen gegeben, die die Vereinigten Staaten on in dem Augenblick bekundeten, als sie den Der- irtrag nicht ratifizierten. Daß diese Weigerung gleichzeitig eine Absage an die von Wilson befolgte blamable' Holitik bedeutete, verringert nicht den Wert der neutralen Haltung. Jetzt sind die deutschen Unterhändler auf dem Wege nach London und werden aus dem amerikanischen Boffchafts- Hotel wenn auch nicht Ratschläge, so doch Anregungen mit« genommen haben. Ihre Aufgabe ist schwer, denn an un­gelösten Fragen ist kein Ölangel, und besonders die Ruhr- -entsetzung ist so verklausuliert, daß sie die Gefahr des Schei- lterns der Verhandlungen in sich birgt. An diesem Punkt Begegnen sich die Interessen Deutschlands und der angel- -sächsischen Hochfinanz, aber wie weit wir dabei auf ameri­kanischen Beistand rechnen können, wenn auch nur in in* Direkter Form, läßt sich nicht bestimmen. Ein Eingreifen des amerikanischen Staatssekretärs ist undenkbar: bestenfalls kann versuchen, einem Diktat vorzubeugen, wenn der deutschen 'Nachgiebigkeit zu viel zugemutet werden sollte. Das ist zu befürchten, denn MacDcmald hat sich nn Verlauf der Kon- «erenz als ein Virtuose im Kleinbeigeben erwiesen, so daß wir auf das Schlimmste gefaßt sein müssen, und Herriot schätzt offenbar die von Hughes so stark betonten furchtbaren Folgen für die Weltwirtschaft gering und will kein Verständnis für die Bedeutung der Curopareise des Staatssekretärs auf­bringen. B. L. |

j Vor der Ankunft der Deuffchen. i

Fast sämtliche Londoner und Pariser Zeitungen benutzen B Wiederkehr des zehnjährigen Jahrestages der Haupt- egserklarungen zu Angriffen gegen Deutschland und gegen frühere deutsche Regierung. Besonders tut sich hierbei Pariser Presse hervor. ,

Dienstag, den 5. August

Angesichts der Erwartung der Deutschen in London schreibt der PariserMatin" ganz unverfroren.

Wenn die Deutschen gerecht sein sollen, bann hätten sie nur ein einziges Wort in London zu sagen: danke. Aber alles deute darauf hin, daß ihre Haltung eine ganz andere sein werde. Niemals hätte ein besiegtes Land fünf Jahre nach seiner Niederlage ein so günstiges Abkonunen finden können."

Die Kontrolle der deuffchen Einkünfte.

Pettt Parisien" veröffentlicht nähere Einzelhetten über die Arbeiten des Juristenkomitees unter Poung, das einen Plan ausarbeiten sollte zurKontrollederdeutschen Einkünfte nach dem Dawesplan. Die Sachverständigen sind im Laufe einer Beratung zu einer Einigung über fol­gende drei Möglichkeiten gekommen:

1. Wenn die Einkünfte 120 Prozent der budgetmäßigen Steuereinkünfte darstellen, so ist natürlich die Kontrolle möglich, da man ja noch einen Spielraum von 20 Prozent hat.

2. Wenn die Einkünfte unter 120 Prozent der Steuereinkünfte fallen, aber immer noch über 100 Prozent bleiben, so wird es nötig sein, die Kontrolle zu verstärken, da man befürchten muß, daß die Zahlungen dann nicht mehr gewährleistet werden. In diesem Falle sollen die Kommissare das Recht haben, die deutsche Verwaltung einer genauen Inspektion zu unterziehen, und sie sollen jede Maßnahme vorschreiben können, die die Einkünfte der Steuer beschleunigen, besonders durch Aufhebung der Zahlungsfristen, die die deutsche Regierung ihren Steuerzahlern eingeräumt hat.

3. Wenn die Einkünfte unter 100 Prozent fallen, dann mag sofort eine umfangreiche Kontrolle einsetzen. In diesem Falle können die Komissare eine gründliche Steuerreform verlangen. Sie können die Kommissare eine gründliche Steuerreform verlangen. Sie währleisten, und können sogar bestimmte Steuern mehr oder weniger in eigene Regie nehmen.

Ueber diesen drätteir Punkt ist also, wie gesagt, schon eine Einigung erzielt. Indessen sind folgende Punkte noch nicht völlig geklärt:

Man hat sich noch nicht einigen können über den Index der wirtschaftlichen BlüteDeutschlands, wo­von die Höhe der jährlichen Zahlungen mehr oder weniger abhangt. Auch die Machtbefugnisse ber Kommissare sind noch nicht aenau besttn v-t _. fotm ü?-- - ->-^ »'^c; ^- h.-^-. ^, cc. ..-,^_

tat schroffen Gegensatz zu der Ansicht der Alliierten. Auch die Befugns der Kommissare, in das Budget einzugreifen, steh« noch nicht genau fest. Die Deutschen wollen diese Befugnis nur auf steuerlichem Gebiet anerkennen, aber nicht in zoll- tariflicher Hinsicht. Schließlich weiß man noch nicht, wie die Kosten aufgebracht werden sollen, die durch die evü. Ber^ stärkung der Kontrolle nötig werden.

Das bisherige Ergebnis von London.

Der erste Teil der Londoner Konferenz, der durch die -Einladung der deuffchen Delegation zum Abschluß gelangt ist, hat zu folgenden Ergebnissen geführt:

L Künftige Abänderung des Finanzberichts durch Ver­einbarungen zwischen der Reparationskom- imiffton unb bet deutschen Regierun-g.

2. Regelung der Verfehlung» f r a g e durch die - Aufnahme eines Amerikaners in die Reparationskommission und die Einsetzung eines dreiköpfigen Schiedsgerichts.

3. Bestimmungen über d i e Sanktionen, die je* doch den französischen Anspruch auf Sonderaktione«, j«i cht ansfAalten.

4. Sachlieferungen über die im Vertrage festgesetzte« ^Termin-e hinaus, mit Einsetzung eines Schiedsgerichts im Falle deutscher Verfehlungen.

5. Einsetzung eines besonderen Komitees von drei deutschen und drei alliierten Mitgliedern zur Organisierung der Sachlieferungen. |

6. Einsetzung eines S ch i c d s g e r i-ch t s betreffend Streitig­keiten zwischen der deutschen Regierung und dem Transferierungs» 'komitee in bezug auf Erwerb deutschen Eigentums durch da» Komitee.

7. Einsetzung eines Komitees zur Kontrolle derWirk- >4«mkeit d es F i n an zb e r i ch t s. Das Komitee hat über etwaige Mängel an die Reparationskommission zu berichten.

8. Einsetzung eines Schiedsgerichts über das Trans- ferierungskomitee für Zweifelsfälle, a) wenn das Komitee in gleiche Teile gespalten ist, b) wenn nicht eine Stimmenmehrheit darüber herrscht, ob durch deutsche Manöver die Höchstgrenze des Transferfonds erreicht wordeil ist. Im letzten Falle genügt der Eingriff eines einzelnen Staates, um die Entscheidung des Schied», gerichts herbeizuführen.

9. Der wirtschaftliche Raumungsplan für da» R u h r g e b i e t einschließlich der Amnestiefrage. .(

-Folgende Punkte bleiben nochzuerledigen: 4

1. Einsetzung einer Auwriätä für die Auslegung des Finan-- berichts bei Streitigkeiten.

2. Entscheiduna über die Frage eines Protokolls und die Ab- iaffung des Protokolls durch das juristische Komitee.

3, Feststellung derjenigen Punkte, über welche die Repa- rationstommiffion mit den deutschen Vertretern verhandeln wird.

4. Das Verbleiben der französischen Eisenbahner im Rhein- ; land gebiet.

Schließlich werden durch VerhandlungLn zwischen den deutschen Delegierten und der Reparationskommission und andererseits den französischen Vertretern die Bedingmrgen für die 800-Millionen-Anleihe festzusetzen sein.

Die Abrezse -er -eu A en Oelegaiwn.

Die deutsche Delegation hat Montag früh kurz nach L Uhr von Berlin, Bahnhof Friedrichstraße, aus die Reise nach London angetreten. Auf dem Bahnhof hatten sich zahlreiche Politiker und Vertreter der Presse eingefundeh, um den beut*

1924

scheu Delegierten das Geleit zur Reise z-u geben. Kurz vor H Uhr trafen die Mitglieder der deutschen Delegation in meh­reren Automobilen am Bahnhof ein, wurden dort erkannt und stürmisch begrüßt.

Wie man aus dem Auswärtigen Amt erfährt, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß in den ersten Tagen der Woche die deutschen Delegierten nur die Fühlungnahme mit den anderen Hauptdelegierten der Konferenz anbahnen werden. Wahrscheinlich ist allerdings, daß Reichskanzler Dr. Marx und der Außenminister Besprechungen mit dem französischen Ministerpräsidenten Herriot haben werden. Die e n t s ch e i - d e n d e n Verhandlungen mit den deutschen Delegierten wer­den jedoch nach den in Berlin vorliegenden Mitteilungen kaum vorDonnerstag beginnen können. Man ist der Auffassung, daß es noch sehr unbestimmt ist, ob die Konferenz bereits Ende dieser Woche abgeschlossen werden kann.

Die Erwartungen, die man in den Berliner diplomati­schen Kreisen auf die nunmehr bevorstehenden Entscheidungen in London setzt, sind keineswegs sehr zu verficht- . kich. Man ist in Berlin durch die letzten Beschlüsse der Lon­doner Konferenz und insbesondere durch das Zustandekom­men eines bindenden Kompromisses unter den Alliierten stark beunruhigt. Im Auswärtigen Amt wird ver­sichert, daß die maßgebenden Entscheidungen zum größten Teil bei der englischen Regierung liegen. Insbesondere er­hebt sich die Frage, ob die englische Regierung bereit sein wird, sich an Aer Aussprache über die bisherige Räumung der Ruhr zu beteiligen oder ob sie es vor- E wird, sich der Erörterung dieser Frage aus Rück- nähme gegenüber Frankreich fernzuhalten.

das letztere der Fall ist, so wäre damit die Position der deutschen Regierung außerordentlich erschwert. Jedenfalls will der Außenminister so schnell «wie möglich mit MacDonald Fühlung nehmen, um über die Haltung der englischen Regierung Klarheit zu gewinnen.

-er deutschen Auseinander sehungerr.

k« London wird die Räumungsklage fein, die bis­her bekanntlich völlig ausgeschaltet war. Erst wenn in dieser wichtigen Frage sowie über die vollständige Befreiung aller Gefangenen, ferner über die französisch-belgische Eisenbahner- frage und ähnliche Angelegenheiten in den Besprechungen der ventschen Delegation und den Vertretern der an diesen Problemen speziell beteiligten Mächte eine zufriedenstellende Klärung herbeigeführt ist, kann daran gedacht werden, in weiteren Verhandlungen mit der eigentlichen Konferenz bzw. mit der Reparationskommission die Fragen in Angriff yt nehmen, die zur Inkraftsetzung des Gutachtens im enger« Sinne gehören. Die Hoffnung der Delegation auf eine schnelle und vollständige Einigung in London scheint sehr gerin g zu sein. Sobald die Delegation nach Berlin zurück­gekehrt sein wird, werden der düichskanzler und der Außen­minister den Führern der Reichstagsparteren Bericht erstatten. Der Auswärtige Ausschuß soll dann alle mit der Londoner Konferenz und mit dem Sachverständige«- antachben zusammenhängenden Fragen und Gesetze behandeln. Wir d ie A b st i m m u n g e n i m R e i ch s t a g ist von vorn­herein die Tatsache maßgebend, dich alle wichtigen Gesetze «ine* g wei drittelmehrheit erfordern. ]

i Erklärungen Hughes an die deutsche Presse

Der ameri&nifdje Staatssekretär Hughes empfing am Montag die Vertreter der Berliner Presse in der amerika- Nischen Botschaft und gab ihnen folgende Erklärung ab:

Ich bin sehr erfreut, für die vielen Höflichkeiten danken zu können, die mir hier erwiesen worden sind. Berlin- ist mir schon von früheren Jahren her vertraut, und ich be»; daure, daß ich diesmal nur kurzen Aufenthalt nehmen kann; aber ich muß plötzlich in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Ich fahre Dienstag von Bremen aus mit demPräsident Harding" ab. Es hat mir zur besonderen Genugtuung ge- reicht, in einem Augenblick hier anwesend zu sein, an dem so glänzende Aussichten für die Grundlegung des wirtschaft- Lchen Wiederaufbaues Deutschlands entstanden sind. Wir i« Amerika haben das tiefste Interesse an den zu diesem Zweck beschlossenen Maßnahmen, und ich bin des festen Glaubens,! daß der Dawes-Plan den Beginn einer neuen Aera vom Frieden und Wohlstand in Europa bedeutet. Es ist unsere ernsteste Hoffnung, daß dieser Plan so schnell wie möglich verwirklicht wirb."

Weiter erklärte Staatssekretär Hughes auf Befragen, « erblicke in der Abreise der deutschen ©elegatiom pach London die letzte und triftigste Bestätigung für die Berechtigung dieser amerikanischen Hoffnung. %tfi vie Frage ,ob er das in London zustande gekommene K o » &r o m i ß über die militärische Räumung it uhrgebiets für geeignet halte, die Verwirklichung be^ Sachverständigengutachtens dem Sinne und dem Buchstaben pach zu erleichtern, verwies Staatssekretär Hughes wieder««: stuf jenen Passus in seiner Erklärung, daß das Sachverstän-^