Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 84
Dienstag, den 15. Juli
1924
— Der Amerikaner Koung ist in London eta- getroffen.
— Die Golbnotenbankentwürfe wurden i u P a r i S überreicht.
— Der Amnestie für Cailla « x u » dMalvy stimmi» die französische Kammer zu.
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Reichskanzlei Marx über die Londoner Konfererrk.
ist fein. Es ist
Reichskanzler Diarx hat am Sonnabend vor der in- und ausländischen Presse Berlins sich über die Londoner Konfe- renz ausgelassen. Die voin Reichskanzler Marx beim Presse-
*m Palais Prinz Leopold abgegebenen Erklärungen beschäftigten sich zum kleineren Teil mit den inneren Derhült- ni|fen. Die dem Reichsrat zugegangene Schutzzollvor- l a g e wird voraussichtlich, worüber sich der Redner keiner Täuschung hingab, innerpolitische Parteikänipfe entfesseln mit dem Feldgeschrei: „Hie Schutzzoll, hie Freihan'dol!", doch dürfte der Ausgang des Streits nicht zwei fei' " " * *
ausgeschlossen, daß sich angesichts der volkswirtschaftlichen Lage Deutschlands eine Mehrheit für den Uebergang zum Freihandel finden könnte. Weder der heute doppelt schütz- bedürftigen Industrie wäre damit gedient, noch der vom Untergang bedrohten Landwirtschaft. Der Reichskanzler verinied es, auf diesen Punkt näher einzugehen, er hätte stundenlang sich in die Argumente vertiefen müssen, mit denen in der Bismarckischen Jnaugurierung der Schutzzoll- politik in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gearbeitet wurde, und er begnügte sich mit den: Hinweis, daß die " Herabsetzung der Umsatzsteuer von 2'/- auf 2 v. H. das Brot mehr verbillig
bet tragen kann. Die Sozialdemokvakie wird selbstverständlich sich bamit nicht zufrieden geben, und macht schon jetzt gegen Getreibezölle inobil, aber wenn der Arbeiterschaft meist Der- dienstmöglichkeiten eröffnet werden durch die Belebung l nt von Zöllen geschützten Industrie, sst sie instand gesetzt, ü ves Brot zu bezahlen und sich wirtschaftlich zu heben. Diesen Tatbestand zu verdunkeln, wird auf die Dauer der sozial- demokratischen Agitation nicht gelingen, aber die Mahnung des Reichskanzlers, nationale Disziplin und Geschlossenheit an den Tag zu legen, m- ) leider auf taube Ohren stoßen.
Das ist zu versteh: , Das deutsche Volk steht vor der Frage, wie es sich außenpolitisch orientieren soll, und der Reichskanzler hat sich nach dieser Richtung recht ausführlich vernehmest lassen unter dem Eindruck ernster Sorge und Befürchtungen, die durch die Haltung Frankreichs gegenüber dem Sachverständigengutachten entstanden sind. §at es doch den Anschein, als wenn der Poincarismus auf der ganzen Linie triumphiert und das Leitmotiv für die Londoner Konferenz abzugeben bestimmt ist. Herr Marx kann nicht ww hehlen, daß bis jetzt an Deutschland noch keine Ein- lad ung zur Konferenz ergangen sst, und zu dieser Unter* lasum a stimmt ci e Feststellung, „daß durch die P« riser Wmachungen zwischen den Ministerpräsidenten Franb- reichs und Englands nkmebe auf die Londoner Konferenz gesetzten Hoffnungen ernstlich bedroht erscheinen". Wenn der Leiter der deutschen Reichspolitik sich so pessimistisch äußert und das Verlangen betont, Deutschland als gleichberechtigten Partner am Konferenztisch zu sehen, wenn er an die bisher nutzlos gebr ühten Opfer erinnert, ist es da nicht begreiflich daß sich weitester Volkskreise dumpfe Resignation bemächtigt und man es nicht versteht, wenn die Regierung sich mit der vollen Inkraftsetzung des Versailler Vertrages und des Rheinlandabkommens begnügen will, anstatt auf einest Schelm anderthalbe zu setzen und den vielfach verletzten und gebrochenen Vertrag für null und nichtig zu erklären, wie es des öfteren längst in der englischen- Presse, soweit diese sich den Sinn für Gerechtigkeit bewahrt hat, geschehen ist. Was hilft einem zur Verzweiflung getriebenen Volk die Beteue
zu dieser Unter« iß durch die Pa-
rung, daß mir endlich unsere nationale Freiheit und Gleichberechtigung mit den anderen Völkern wollen, wenn auch noch jetzt, wo die Konferenz vor der Tür steht,, kein Protest gegen die Vernachlässigung Deutschlands in Sachen der Ein
der Ein-
ladung laut wird. Das heißt doch freiwillig die Rolle des zur Vivisektion bestimmten, auf das Sezierbrett geschnallten Kaninchens übernehmen! Deutschland stellt, wie Herr Marx erklärt, einzig und allein die Bedingung, „daß das (butachten von allen Beteiligten seinem Inhalt und seinem Geiste gemäß aufrichtig angenommen und durchgeführt wird. Aber mie kann jemand im Ernst diese Durchführung von einer Konferenz erwarten, die i in Leiste des Diktats handelt! Die Wenigsten werden den Glauben aufbringen, daß das Kabinett imstande wäre, die Durchführung des Dawesschen Bs- richts „baldigst sicherzustellen^. Kein richtiger Deutscher wird ihm dazu seine Unterstützung versagen, aber erst muß es wissen, zu welchen Schritten sich die Regierung «rtschlossech hat, nachdem sie mit der Nichteinlösung vor den Kopf Ap stoßen worden ist. . i
Den Pressevertretern ist mitgeteilt worden, DerrkschlanK werde in den Völkerbund eintreten, wofern sein Wohl «nid seine Ehre dabei in uollftem Maße gewahrt bleiben. Der Beginn der Konferenz, der unsere Vertretung in London M,
feite als Aschenputtel beiwohnen soll, gibt einen Vorgeschmack dieser Wahrung und legt den Gedanken nahe, aus die Wohltat, Völkerbundsmitglied zu werden, lieber zu verzichten, als sich schnöder Behandlung auszusetzen. So hat die Marxsche Rede nicht aufklärend gewirkt, denn das, was er gesagt hat, waren Selbstverständlichkeiten, die mit Pessimismus schwärzester Art getränkt, den berühmten Silberstreifen am Horizont in dieselbe Farbe tauchten und uns auf das Schlimmste vorbereiten. Wenn das der Zweck dieser E r - äff»ung war, ist er vollständig erreicht.
Londons Standpunkt zur Konferenz.
In Londoner politischen Kreisen sieht man mit außergewöhnlicher Spannung der Debatte über die auswärtigen Angelegenheiten im Unterhause entgegen. Die Debatte wird sich ausschließlich auf die europäische Lage beschränken und desolvders auf Angelegenheiten, die mit der am Mittwoch be- ginnggden Konferenz in Ä^erbindung stehen.
Die Zeitungen erklären, eine der Hauptaufgaben der Aussprache ist, von MacDonald weitere Informationen über gewisse Vorgänge bei seinem Besuch in Paris zu erhalten und über das gemeinsame Kommunique Einzelheiten zu erfahren, das nach der Pariser Besprechung veröffentlicht wurde. Es wird erklärt, daß fre Opposition nicht den Wunsch habe, MacDonald am Vorabend der Londoner Konferenz Schwierigkeiten zu bereiten. Doch zahlreiche Mitglieder des Parlaments sind bestrebt, zu erfahren, ob MacDonald festen Grund für die Annahme hat, daß die Vereinigten Staaten der Ernennung eines amerikanischen Vertreters zur Reparationskommis- sionbeistimmen werden, um dadurch sicherzustellen, daß der Dawesbericht zur Ausführung gelangt. Die Zeitungen weisen mit ihren Kommentaren darauf hin, daß, wenn der Dawesplan durchgeführt werden soll, es notwendig Willensbereiter Partner ist". Diese Tatsache ist hier immer anerkannt worden trotz der Meinungsverschiedenheiten, die darüber entstanden, welche Autorität eventuelle Pritsche Verfehlungen feftfteHen sollte. Ein anderer Punkt, der allgemeine Anerkennung findet, ist der, daß der Plan nur ein Stück Papier ist, wenn nicht Deutschlands wirtschaftliche Sicherheit vollständig garantiert werde, da ohne diese die Mitarbett ausländischer Kapitalisten bestimmt nicht
zu erhalten wäre.
. Vor dem Zusammeniritt der
Londoner Konferenz.
Owen D. Bonng, der hervorragende amerikanisch c Jurist und Bankier, traf in London ein, um an der Konferenz als „uninteressierter Zuschauer" teilzu- nehmen. Es heißt, daß Poung bei seiner Ankunft er- klärte, wenn die Alliierten und Deutschland sich mit. ganzem Herzen an der Durchführung des Dawes-Berich- teä begeben lvürden, so sei die moralische uud finanzielle Mitarbeit Amerikas sichergestellt.
Daily Riail veröffentlicht an hervorragender Stelle einen Artikel eines „befonbesen amerikanischen Korrespondenten", in dem es heißt: Omen Poung, der heute in London eintrifft, fei vor seiner Abreise nach Europa in Unterredungen mit Präsident Coolidge, Staatssekretär Hughes, Schatz- sekretär Mellon und General Dawes über die Instruktionen Kelloggs und Logans dahin informiert worden, die Der- einigten Staaten wünschten, daß alle politischen oder nrilitä. rischen Maßnahmen vermieden würden, die den rein wirt- schaftlichen Wert des Dames-Planes zerstören körurten.
Amerikanische Anleihen. *
Der Korrespondent der United Preß in Washington will von einer den amerikanischen Sachverständigen im Dawes- Komitee und den amerikanisck)en Finanzkreisen nahestehenden Persönlichkeit erfahren haben, daß die Forderung Frankreichs ein eventuelles Verfehlen Deutschlands bürste nur von der Reparationskommifsion festgestellt werden, den ganzen Dawes-Plan gefährden würde. Die amerikanischen Geschäftsleute würden sich an der Anleihe für Deutschland nur beteiligen, wenn folgende Bedingungen erfüllt würden:
1. Die Anleihe muß zum Golbknrs ausgegebe« Verse::. Sie muß vor allen andere« deutschen Set» psti htungen Priorität haben;
2. Die Reparationszahlungen müssen elastisch sein, das heißt, sich genau der jetneiligen deutschen Zahlungsfähigkeit anpassen. Die Reparationskom- mission muß von den Beschlüssen über diese Frage ausgeschlossen werden.
Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt würden, so wLs. den.'wahrscheinlich nicht nur die amerikanischen, sondern auch die Kapitalisten der anderes I . über sich m- der Anleihe fernhalten. Da der
Dawes-Plan ein unabänderliches Ganzes darstelle und die Anleihe gewissermaßen das Schlußstück dazu sei, so würde das Mißlingen der Anleihe den Zusammen- bruch des gesamten Planes zur Folge haben und nicht nur Frankreich, sondern auch Deutschland und ganz Europa in Mitleidenschaft ziehen. Die Beteiligung Amerikas an den Beschlüssen derRepara- tionskommission, wie sie von MacDonald und Herriot vorgeschlagen werde, sei wahrscheinlich nicht durchführbar, insbesondere wenn die Vollmachten der .Kommission unverändert aufrecht erhalten blieben.
Herriois Gesolqe
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Herriot werden nach London begleiten: Kriegsminister Rollet, Finanzminister Elemente!, Peretti - ella Rocca, der Direktor der politischen Abteilung des Quai d'Orsay, General F o ch und mehrere Offiziere des Generalstabes, ferner General Degoutte, General D e st i ck e r, weiter der französische Oberkommissar in Rheinland. Tirard, der Direktor der Handelsabteilung im Quai d'Orsay, Seydoux, die juristischen Sachverständigen Fromageot und Bargerie sowie der Kabinettschef des Außenministers Mauclaire. v
Die GoLdtwienbankentwürfe in Paris überreicht.
Das Organisations komitee fürdleKold« Notenbank hat die Berliner Beratungen über die in dem Komitee bearbeiteten Gesetz- und Statuteneutwürfe am 10. Juli abgeschlossen. Das aus dem Präsidenten des Reichsbankdirektoriums Dr. Schacht und dem englischen Bankier Sir Robert Kindersleh b<-
stehende Kvmitee hat die Entwürfe kommission »itff einen» Begleitschreiben vorgelegt.
Die Entwürfe und das Begleitschreiben sind der Reparationskommission am 12. Juli in Paris übergeben worden. Die beiden Mitgliedar des .Komitees befinden sich zurzeit in Paris, um dc^ Reparatronskommissio« etwa notwendige Aufklärungen zu geben. >,
Die in EngiaKd' beschlagnahmten ।
KeniMen Vermögen. s \
Zur Frage der tKlmeisen Freigabe vonin England beschlagnahmtem deutschem Vermöge!: aus B i i l i g l e i t s g r ü n d e n teilt der Bund der Ausländsdeutschen mit, daß auf eine Verlängerung der Anmeldefrist über den 1. A na ust 1924 hinaus nicht zu soffen ist.
Anträge, die bis zu diesem Termin bei dem Secretary of Lord Blanesburgh's Committ^, Board of Trade, Great George Street. London SW 1, ein,zureichen sind, haben nur Aussicht auf Erfolg, wenn bestimmte Voraussetzungen aeaebeill sind. Es finden Berücksichtigung: >
l. Britisch geborene Frauen, die durch Heirat Deutsch» geworden sind, ,
. Personen mit doppelter (bitischer und deutscher) Staatsangehörigkeit,
:>. vor dem Krieg in Groß Britannien oder den britischen Kolonien ansässig Gew. ene,
4. Ansprüche aus letztmilligen Verfügungen oder Schew- kungen in England am ssig gervewner Personen. — Es mu^ ausdrüMch hervorgehoben werden, daß eine Freigabe ntd)t mehr in Betracht kommt, wenn bereits eine Gutschrift auf Reparationskonto zugunsten des Deuffchen Reiches statt- gefunderr hat.
Der Bund der Ausländsdeutschen, Berlin C 2, Kloster- straße 75, erteilt Antragstellern bereitwilligst Auskunft.
„Heiß Flagge und W mpeft."
< Zum Gedruktag der Flaggenhissung in >
- Kamerun.
Erinnerungsworte, dem Tag gewidmet, da vor 40 Jahren, am 14. Juli 1884, die deutschen Farben in Kamerun am Mast hochgingen, wurden am Montag in Berlin durch den Radio-Sendeapparat im Berliner Fox-Haus gesprochen:
„Heute vor vierzig Jahren hißte in Dual« in Kamerun der Generalkonsul N a ch t ig a l l nach Abschluß von Ver- träaen mit den dortigen Eingeborenenhäuptlingen die deutsche Flagge. Dem Grundsatz getreu: „Die Flagge folgt dem Haw- del", hat Bismarck den dringenden Bitten hanseatücher Kaufleute, die an der Kameruner Küste schon seit 1868 Harr- delsniederlassungen unterhielten, entsprockren uni> durch Nachtigall diese Niederlassllugen und das Gebiet südlich undj nördlich von Duala unter deutschen Schutz gestellt. Etwas über 30 Jahre h at Deutschland diese reichste tropische Kolonie besessen. Deuffch-,