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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Gonaabeab. Der Bezugspreis beträgt monatlich L Golbmark /, Anzeigenpreis für die einspaltige Detilzeile oder deren Raum 10 Mg für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Ma-, Reklamezeile 50 Ma. / / 9 n. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in HerSfeld, Mitglied des Vereins Deutscher ZeltoagS-Derleger. / / Für die Gchriftleitung m wörtlich Franz Funk in SerSfeld. / / Fernsprecher Rr. s.

Nr. 68 Sonnabend, den 7. Juni

1924

Im R e i ch s t a g verteidigte Außenminister Dr. <51 r e f e m 0 n n fe*ne Stellung zum Sachverständigengut­achten.

» Herriot hat es abgelehnt, ein Kabinett zu bilden, solange Milleranü Präsident bleibt.

Bei Kiew hat eine große Erdrutsch-Katastrophe stattgefunden.

Wochenrückblick.

Die Beschäftigung mit Herstellung eines ewigen Völker- friedens reizt einigermaßen die Spottlust, und man wäre ge- ueigt, in ein Gelächter auszubrechen über die von amerikani- uHen Ideologen betriebenen Abrüstungspläne, wenn nicht eine Reihe von Tatsachen zu ernster Auffassung der Sachlage zwänge. Ueberall ist in der verflossenen Woche Brand, g e r u ch zu spüren. So in Amerika. Schwarzseher erwarten nichts Gutes von der gegen Japan gerichteten Einwande- rungsbill, die durch irgend einen fatalen Zwischenfall zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, wozu die Abrufung der Botschafter in beiden Ländern das Vorspiel liefert, füh­ren könnte. Einstweilen ist die Heimreise dieser Diplomaten mit privaten Verhältnissen motiviert worden, nur will nie­mand recht daran glauben, und englische Politiker ^befürchten, falls Japan seine Beteiligung an der Eoolidge am. Herzen liegenden Abrüstungskonferenz verweigern sollte, eine Ver­schärfung des jetzt bereits bestehenden Konflikts. Für beii amerikanischen Jingo ist die durch das furchtbare Erdbeben hervorgerufene finanzielle Schwächung Japans ein Grund

die dort gelegentlich aufflackernde Kriegslust.

Weit mehr ist diese in Rußland in gefahrdrohende Nähe gerückt. Die Sowjets fühlen sich durch die rumänische Besetzung Bessarabiens herausgefordert; auf beiden Seiten haben Truppenbewegungen stattgefunden, die einer Mobili­sierung gleichen wie ein Ei dem andern. Es wäre eine Ironie des Schicksals, wenn der Rattenkönig, der von Herrn Dr. Benesch liebevoll gepflegten, in erster Linie gegen Deutschland gerichteten Schutz- und Trutzbündnisse der kleinen Entente zu­erst die Probe auf ihre Haltbarkeit durch einen Krieg gegen Rußland ablegen müßte. Polen wäre der erste Staat, der daran zu glauben hat, aber dann ist kein Halten mehr, und der ganze Balkan dürfte ins Rutschen geraten und die kleine Entente würde die Türkei auf ihrer Seite haben, da Trotzki unlängst mit dem Gedanken gespielt hat, den Halbmond auf der Hagia Sophia durch den fünfzackigen Sowjetstern zu ersetzen und Ansprüche auf Armenien und andere kleinasia- tische Gebiete angemeldet haben soll. Hinzugezogen könnte auch Italien werden, das nicht übel Lust bezeigt, mit den Angora-Türken ein Hühnchen in der Adana-Frage zu pflücken, während die Jugoslawen hinter den Unruhen in Albanien italienische Drahtzieher wittern. Zu allem Überfluß haben an der syrisch-anatolischen Grenze türkische Freischärler mit der französischen Besatzung des Gebiets von Alexandrette an­gebunden und erfreuen sich dabei, was in Paris mit Mißver- gütigen verfolgt wird, der inoffiziellen Begünstigung durch die dort zusammengezogenen Angora-Truppen und, was der Vollständigkeit halber noch erwähnt sei: die Türken haben ihr nie erloschenes Interesse am Dilajet Mossul wieder hervor- geholt und damit den vielen Zankäpfeln im Osten einen neuen hinzugefügt. Wieviel Schiedsrichter und wieviel Scharfsinn sind angesichts dieser Jnteressen-Verfilzung nötig, um zu einem annehmbaren Ausgleich zu gelangen! Wieviele und welche Großmächte können da in Versuchung geraten, das Kriegsglück zu probieren! Es scheint an der Zeit zu sein, eine Abrüstungskonferenz möglichst rasch einzuberufen, zmnal die Nächstliegende Frage der Reparationsregelung vor der Tür steht und latente Gegensätze zwischen England und Frankreich birgt. Welche Entwicklung das Schicksal Deutsch, lands nehmen kennte, falls der nahe Osten in Flammen auf. geht, entzieht sich jeder menschlichen Voraussicht; nur so viel ist gewiß, daß es in seiner Wchrlosigkeit ein Spielball aller Kri egf iih rcn den, ein Aufmarschgelände gegen Rußland sein wurde.

Dem Völkerbundrat liegt ein " rag der englischen Re­gierung vor, wonach eine genaue ß. ung der persönlichen Befugnisse und der Verantwortlichkeit der einzelnen Mitglie­der des Regicrungsaus chusses des Saargebiets vor­genommen werden soll. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese Teilnahme an dem Schicksal der Saar dahin deutet, daß England, wie es schon mehrmals geschehen ist, ine Hand schützend über das den annexionsgierigen r ntwortete Pfänderland halten will. Der bisherige Kultn. minister, der dänische Graf Moltke-Huitfeld, war ausgen rochener Fran.

zosenfreund und begünstigte demgemäß die Französierung des Schulgebiets, ließ französische sogenannte Domanialschulen mit laxer, d. h. Schulversäumnisse straffrei lassender Schul- aufsicht entstehen, plante den Abbau der deutschen Volksschule durch Heraufsetzung der Frequenzziffer auf 50, während für die französische 30 genügen sollte und schmuggelte in das Lehrerkollegium Luxemburger ein. Dem soll durch die Er­nennung eines neuen Völkerbundvertreters, des Spaniers Esginosa de los Montes ein Riegel vorgeschoben werden. Doch scheint man in England dem Frieden nicht ganz zu trauen und hat deshalb zu dem in jenem Antrag steckenden Mittel des Kleinkriegs gegriffen, nicht aus Liebe zu Deutschland freilich, sondern um für die nach Ablauf der fünfzehnjährigen Besetzungsfrist stattfindende Abstimmung der Bevölkerung so gerüstet zu sein, daß die Bodenschätze des Saargebiets nicht in die Hände der Franzosen fallen, die als Meister der Fälschung von Abstimmungen von jeher bekannt sind.

Gibt es ungeschriebene parlamentarische Gesetze? Das wurde bisher angenommen. Äber in seiner Donnerstagrede hat der Reichskanzler Marx eine Ausnahme von der Regel statuiert, indem er die Nötigung verneinte, daß der Reichs­präsident den Mann seines Vertrauens bei Neubildung des Kabinetts aus den Reihen der stärksten Reichstagsfraktion zu wählen habe. Formell war Herr Ebert im Recht, als er von dem bisherigen Brauch abwich und die Deutschnationalen ausschaltete, nur liegt darin eine Verleugnung des demokra- tischen Mehrheitsprinzips. ,nd.

Stresemann verteidigt sich.

Der Reichstag faitb sich am Freitag in der elften Stunde #m: arorneguna oer Weimar der um ytrong.«^" Es handelte sich darum, die z w e i t e R e d n e r g a r n i t ur zuWorle kommen zu lassen und zu den Anträgen, die von den verschiedenen Parteien eingebracht Jinb, Stellung zu nehmen. Die Nationalsozialisten wollen dem Reichs­kanzler und den Reichsministern das Vertrauen des Reichs­tages aussprechen, d. h. sie wollendasGegenteil, und mittelst der Abstimmung ein Mißtrauensvotum in- d i r eck t erzielen. Die Deutschnationalen gehen auf das Ziel lös und wollen der Regierung dös Vertrauen versagen, in derselben Richtung bewegt sich der kommunistische Antrag, und zur schleunigen Erledigung dieser Antragsserie bean- tragen die Mitteiparteien, über alle a n d e r e n A n - trägezurTagesordnung üherzugehen, und erkennen die Erklärung als praktische Grundlage für eine schnelle Lö­sung der Reparationsfrage an, wobei sie auf Beschleunigung der dazu gehörigen Gesetzentwürfe, die Befreiung der Ge­fangenen und die Rückkehr der Ausgewiesenen sowie auf die Räumung des Ruhrgebietes Wert legen.

Das ist der Kernpunkt der Verhandlungen. Allein be- vor in sie eingetreten wurde, fand sich der unvermeid­liche Scholem ein, um die Aufhebung des Verbots eines Roten Tages in Leipzig zu beantragen. Da Widerspruch da- gegen erhoben wurde, blieb es bei diesem Anlauf, und der Außenminister Dr. Stresemann konnte seine ein« stündige Rede beginnen. Zunächst polemisierte er gegen den Vorwurf des Abg. Grafen Westarp, der die Regierung der Unterwürfigkeit gegenüber dem Auslande bezichtigt hatte, während sich doch Poincarä gerade über die AbWehrreden des Reichskanzlers im Reichstage beschwert habe. Er berührte hierauf die K r i e g s s ch u l d l ü g e mit den schon vom Reichskanzler hervorgehobenen Argumenten und den Ab- lauf der Mieumverträge, die am 15. Juni verlängert werden sollen. Das erfordere die ganze Kraft, die nicht durch Be­schäftigung mit innerpolitischen Problemen absorbiert wer- den dürfe. Sodann man dte er sich den Angriffen des Abg. v. Gräfe zu mit dem Hinweis, daß sich die englische Re- gierung in der Ruhrfrage einbeutig gegen Frankreich fest- gelegt habe. Diese Ausführungen nahmen entsprechend der Wichtigkeit des Gegenstandes c.nen breiten Raum ein. Es wäre ein schwerer Fehler gewesen, wenn wan die Sachver­ständigengutachten nicht hätten benutzen wollen. Als wich, tiqsten Punkt bezeichnete der Redner die Wiederaus- h e b u n q d e r R u h r b c s e tz u n g unb verbreitete sich aus. führlich über das Gutachten, aus dem die Franzosen die Konsequenzen zu ziehen sich hüten würden. , Die Beschäf. tigung mit den Fragen der Gefangenenbesreiung und bei Rückkehr der Ausaewiesenen stünden außerhalb des Gut. achtenrabmens, und darüber stehe die Regierung mit den übrico ^ Regierungen in Verbindung und sei dabei bei an« beten anen auf Verstand'.: s gestoßen. Schließ. iich mm .e Dr. Stresemann, die Behandlung der Gutachten mit Sachlichkeit und Leiden'chastswsigkeit vorzunehmen. ,

er geendet hatte. spendeten ihm die Mittelparteien lebhaften Be fall, und Rl.ß^aüenstuuogebunaen blieben aus Der folgende Redner, Aba. Schlange- Stellingen, über, nahm d-e Verteidigung des deutschnastonalen Standpuntle« und meinte cinleffUG wenn ^:d?d):anb durch Reden ge- reitet werden konnte, wäre es schon lange gere.nt, u« erblickte in dem AuPnüMstcr einen v o m u n gehen e r - luchsten £ - m ii s getragenen Mann. Dement­

sprechend waren seine Ausfiihrungen recht pessimistisch ge färbt und aus den Ton einer starken nationale, Opposition gestimmt.

*

Die Deutschnationalen haben ihren bisherigen Mißtrauensantrag zurückgezogen und e i n e n n e u e n e i n - g e b r a ch t, der nach dem Muster des Antrags der Mittel­parteien, nur mit umgekehrter Tendenz, lautet:Unter Uebergang zur Tagesordnung über alle übrigen Anträge versagt der Reichstag der Regierung daq Vertrauen, dessen si.e nach Artikel 54 der Reichsp«rfas- jung behax^

Sitzungsbericht.

Deim -Eintritt in die Tagesordnung erhält als erster Redner das Wort Reichsaußenminister Stresemann und führt aus: Von einer Unterwürfigkeit gegenüber dem Aus- lande, wie Graf Westarp behauptet hat, kann wohl nicht die Rede sein. Das Wort von der Lüge von der deutschen Kriegs­schuld wurde gum erstenmal von dem Reichskanzler ge­sprochen, der seinerzeit zum erstenmal an der Spitze der Großen Koalition stand. Dr. Stresemann erklärt weiter, die Reichsregierung sei durchaus bereit, die amtliche Aufrollung der Kriegsschuldfrage in die Hand z u. n eh m e n , sobald sämtliche Dokumente der Oef- fentlichkert übergeben sind. Der Minister weist den Vorwurf zurück, daß die Regierung in ihrer Erklärung die innenpoli- tischen Probleme gar nicht berührt habe und entgegnet dar­auf: Wir haben vor allem ein Interesse an der außenpüli- tischen Entscheidung. Am 15. Juni laufen die Micumver- träge ab. Die rheinisch-westfälischen Industriellen haben be­reits erklärt, daß eine Verlängerung nur vorgenommen wer. den könne, in der Erwartung, daß die deuffche Regierung

das Gutachten annimmt.

-*^,«!Hiw>-m--ii'Mit^^ Enn-rmn, rM-PWCWM und die Anarchie, die sonst im eintreten würden.

In zehn Tagen stehen wir erneut vor der Frage, was werden soll. Eine Verlänaerung kann natürlich nur für sehr kurze Zeit in Frage kommen. Die Außenpolitik wird nicht aus Liebe gemacht. Sie wird aus eigenem weltwirt­schaftlichen Interesse gemacht. Es wäre ein totaler Fehler gewesen, dieses Interesse der Sachverständigen nicht zu be- nutzen. Wenn Sie, Herr v. Graefe, sich auf den einheitlichen nationalen Willen des deutschen Volkes über alle Parteien hinweg stützen wollen, der im gegebenen Moment Unerträg- Liebes zurückweist, dann dürfen Sie nicht anderen Parteien die politische Ehre absprechen. (Sehr wahr! bei der D.V.P.). Wir müssen diesen einheitlichen Willen in den Ehrenfragen zusammenfassen, um die wir kämpfen. Wir haben baburd) schon einmal dieNichtauslieferung der Kriegs- oerbrecher durchgesetzt. Wollen Sie den letzten Rest un» serer Volkskraft auch noch der Vernichtung anheimgeben? Un« sere Brüder dort haben sich in das Unvermeidliche gefügt in her festen Erwartung, daß die Reichsregierung alles tut, um diese Last so rasch wie möglich zu vermindern. Im Wahl- kampf wurde gesaat, wir hätten auch die Last der 380 Mil­lionen Besatzungskosten nicht auf uns nehmen sollen. Es ist doch klar, daß die ganzen Schläge dafür jene Bevölkerung aushalten müßte (Lebh. Zustimmung). Das Sachverständigen­gutachten mündet ja in dem Satze, daß Deutschland nicht zu» gemutet werden könne, gegenwärtig und im ersten Jahre

auch nur einen Pfennig

aus seinem Budget zu zahlen. Wenn jetzt anerkannt wird, daß Deutschland "nicht zahlen könne, dann bricht damit die moralische Grundlage für die Besetzung überhaupt zusam. men. Ich rücke daher die Frage der Wiederaus- Hebung der Besetzung als die wichtigste in den Vor- dergründ. Ich weiß, daß die Sachverständigen die deutschen Leistungen von. 1923 an wesentlich überschätzt^ haben. Ich bedauere, daß die anfängliche Ziffer von 1750 Millionen nicht an Stelle der heutigen stehengeblieben ist. Professor Hoetsch hat von dem Gutachten gesagt, daß es eine der großen Drehungen in der Konstellation der Weltmächte bedeute, die sich zu vollziehen beginnen. Die öffentliche Meinung sieht in dem Gutachten die wirt- schastliche Bibel der Gegenwart. Wer sich ihm entgegenstellt, muß damit rechnen, daß er die größte Macht gegen s i ch aufbringt. Eine Gefahr besteht dann, wenn di« ZM7 geseheneil Summen aus der Reichsbahn "

nicht Herausgewirffchastet

werden können. Die Regierung wird versuchen, Än« er­trägliche Aenderung dieser gefährlichen Bestimmung zu er- reichen. Ein jeder muß sich fragen, wie die weltpolitisch Situation aussehen würde, wenn wir diese ganze Konstel- lation gegen uns Hütten. Ls kann kein Zweifel bestehen, daß das Gutachten unteilbar ist. Das ist uns auch in allen Verhandlungen mit England erklärt worden. Angenommen haben wir den Bericht nur als Schema. Aber Richt» an nähme des unheilbare:! Ganzen würde bedeuten, daß sich jede Nation aus diesem Kuchen die ihr passenden Rosinen herauspickt. , , -

Als liier Strskmann -avon sprach, daß

wirtschaft R- -. ' en für uns eintreteM