Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 66
Dienstag, den 3. Juni
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- Auf den österreichischen Bundeskanzler Dr. eeipelift ein Revolverattentat verübt worden.
- Die Verhandlungen über die Bildung des neuen ^eiäiskabinetts haben noch immer nicht zu einer Losung geführt.
— 3n dem sogenannten belgischen De po r ta ti on s - Prozeß sind die Ansprüche der 100 000 belgischen Deportierten abgewiesen worden.
Die Schöffe auf dem Südbahnhof.
Das Attentat auf den österreichischen Bundeskanzler Dr. Seipel reiht sich vielen anderen Verdammung swerten Schandtaten dieser Art an und erregt Abscheu und Entsetzen. Im vorliegenden Falle besonders deshalb, weil sein Opfer ein Mann ist, dem selbst feine politischen Gegner das Zeugnis nicht versagen können, daß sein Wirken vom Geiste der Veriöhnung und des Friedens getrogen war. Dieser Prälat, ehemalige Wiener Universitätsprofessor der Moraltheologie, Protonotar des Papstes, war schon vermöge eines geistlichen Standes gegen ben Verdacht geschützt, eine andere als rein völkeDierbindende Politik treiben zu wollen, aber nicht dagegen, daß ihn ein aufgehetzter Mordbube aufs Ziel nahm. Dieser, ein Kommunist, soll sich als Vollstrecker eines Parteibefehls bezeichnet haben und hat, anders wie der Mörder des Grafen Stürgkh, der Sozialdemokrat Adler, ßch mit einem Revolverschuß selber gerichtet und ist somit der Verdächttgung durch seine Genossen entgangen,'als Spitzel für seine Tat Spießruten laufen zu müssen. Noch hat der .Kommunismus in Oesterreich nennensw- ^n Boden nickt ae- '-'iiSiÄW^W
tentote, in seinen Folgen auf die Urheber zurückfallen und sie Polizei zu vermehrter Vorsicht anspornen. „ Aber leider ist damit erfahrüngsmäßig nicht viel gewonnen; denn die im tiefsten Dunkel des Hintergrundes unter der Tarnkappe der Verschwörung arbeitenden Anstifter pflegen ihren Werkzeugen unbekannt zu sein.
Das Lebensbild Dr. Seipels weist viele sympa- tische Züge auf, die es begreifen lassen, wenn er namentlich von seinen Landsleuten als Retter des Vaterlands gepriesen wurde. Als er, der nach dem Zusammenbruch des Donaustaates im letzten kaiserlichen Kabinett Tammasch den Posten des Ministers für soziale Fürsorge bekleitet hatte, obr die Frage gestellt war, zu resignieren oder durch Mitarbeit den Staat vor völliger Auflösung zu bewahren, entschied er sich für das Oder dieser Alternative und bequemte sich als klerikaler Monarchist zur Anerkennung der Republik.
Seine Zeit kam bald. Nachdem seine Vorgänger abge- wirtschaftet hatten, stand er vor mancherlei Aufgaben, deren schwierigste die Stabilisierung der Krone war, die *1922 gelang. Nicht ohne Schwierigkeiten. Die Entscheidung fiel ta Genf im Oktober durch die Unterwerfung Seipels unter die drei vom Völkerbundrat aufgesetzten Protokolle. Im ersten Protokoll ist von ben Ententestaaten England, Frankreich, Italien und der Tschechoslowakei die politische Unabhängigkeit, territoriale Unantastbarkeit und Souveränität Oesterreichs garanttert, und im zweiten Protokoll verpflichtet stch die österreichische Regierung gemäß Artikel 88 des Vertrages von St. Germain, feine Unabhängigkeit nicht aufzu- geben. Damit bestätigte der Bundeskanzler das gegen Deutschland gerichtete An sch l ußv erb o t und richtete unter dem Druck der Not einen Damm gegen den Bruderstaat auf, was ihm auf deutscher Seite vielfach verdacht wurde und auch in Oesterreich Widerspruch fand. Aber unter den obwaltenden Umständen war die Nachgiebigkeit Seipels zu verstehen, und die Bewilligung einer Goldanleihe von 650 Millionen Kronen war ein Pflaster auf die schmer- -ende Wunde und setzte die österreichische Finanz in den Stand, die Valuta zu regeln.
Neben diese Fmanzdiktatur. dargestellt durch die Pfän- «der von Zöllen und eines Tabakmonopols, trat der Kon- trollausschuß der Mächte und die Ernennung des Schweizers Zimmermann als Generalkommissar des Völkerbundes, Maßregeln die auf die gewährleistete Unab- !hängigkeit wie die Faust aufs Auge passen. Es gab jedoch Hemen anderen Ausweg, und so fand sich die Bevölkerung mit Sytefer Tatsache ob Die Wahlen im November 1923 lieferten dafür den Beweis. Dr. Seipel verfügte danach über eine absolute Majorität m Parlament, bestehend aus dem Gros cher Christlich'oziaie und einer Anzahl von Großdeutschen. Das setzte das Siege, unter den vorher stark umstrittenen Erfolg bei.dem Konventionshandel und stärkte die Position des Bundeskanzlers.
Er verfehlte nicht, ihn weiter auszubauen durch Handels- politische Abkommen mit Italien und Frankreich in Gestalt
von Tarifverträgen, suchte Fühlung mit Ungarn und Polen und schaffte eine Atmosphäre des Vertrauens. Unvergessen bleibt ihm die tatkräftige Unterstützung der notleidenden Bevölkerung Deutschlands durch Nahrungsmittelspenden, die erkennen ließ, daß Staatsverträge nicht das geistige Band zwischen stammesgleichen Stationen zu zerstören vermögen. Dem entsprechend blicken auch alle Deutschen mit banger Sorge auf das Leidenslager des Mannes, der in schwerer Zeit uns seine Hand hilfreich bot. Daß gerade er von meuchlerischen Kommunisten dahingestreckt werden mußte, ist eine der Un- begreiflichkeiten des blind waltenden Schicksals, ein Schlag in das Gesicht der Menschlichkeit, und kann die Erbitterung gegen die in allen Ländern Terror verbreitende Verbrecherbande nur spüren und zum Apell gegen ihr Treiben auffordern. Mit der von Theorettkern vertretenen Unter- scheidung zwischen polittschen und unpolitischen Morden muß aufgeräumt werden; die Praxis hat sie zwar niemals bei der Anwendung der Gesetzesparagraphen anerkannt, wohl aber die auf den Bestimmungen der Auslieferungsverträge fußenden Regierungsstellen. Als abschreckendes Beispiel sei an den Fall Dato erinnert, wo sich das Auswärttge Amt in Berlin dazu verstehen konnte, die an dem Attentat beteiligten Spanier Matheo und Nikolaus nur unter der Bedingung aus. zuliefern, daß sie nicht hingerichtet würden. Jedes neue Attentat mahnt daran, diese Materie international zu regeln; denn die kommunistische Anarchie wächst überall, auch in Oesterreich, das von dieser Pest bisher ziemlich verschont geblieben war. —nd,
Attentat auf den österreichischen Vnndeskanzler Dr. Seipel.
Dr. Seipel schwer verletzt. — Die Tat eines
AuS Wien totrt. B^ttrwrtr Stuf den Bundes- I kanzler Dr. Seipel wurde Sonntag abend bei seiner Ankunft auf dem Wiener Südbahnhof von einem mit demselben Zug reffenden Passagier ein Revolverattentat verübt. Der Bundeskanzler wurde durch einen Lungenschutz schwer verletzt. Der Täter gab kurz vor seiner Verhaftung einen Schuh aus stch selbst ab und verletzte sich ebenfalls schwer. Er heisst Ja- wo rek und ist ein Spinner aus Pottendorf.
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Zu dem Attentat werden die folgenden Einzelheiten gemeldet: Um 7 Uhr abends traf Dr. Seipel auf dem Südbahn- Hof mit dem Zug, der von Wiener Neustadt kommt, ein. Er verweilte auf dem Perron noch einen Augenblick im Gespräch mit dem Polizeikommissar und dem Bahnhofsvorstand. Während dieser kurzen Unterhaltung fielen a u s n a ch st e r Nähe zwei Schüsse. Der Bundeskanzler Dr. Seipel fragte Re bei ihm stehenden Herren:
& hat wohl eben geknallt?
Sft etwa jemand von Ihnen getroffen worden? Ich spüre nichts. — Unmittelbar darauf erbleichte er und w u r d e ohnmächtig. Die Herren der Umgebung fingen ihn auf und brachten ihn sofort in das in der Nähe gelegene Wiener Krankenhaus. Bon den zwei Schüssen, die auf den Bundeskanzler abgegeben wurden, ist der eine ein Streifschuß, der andere einLungenschuß. Bei dem Lungenschuß ist das Geschoß im Körper steckengeblieben. Die Verwundung ist sehr sch wer, wenn auch nicht tödlich. Der Täter, der etwa 30 Jahre alt und verheiratet ist, gab bei seiner ersten Vernehmung an, um 5 Uhr nachmittags in Wiener Neustadt von dm: Fahrt des Bundeskanzlers mit dem Schnellzuge nach Wen erfahren und sogleich den Entschluß gefaßt zu haben, mit ihm zur gleichen Zeit nach Wien zu fahren, um hier das Attentat z« verübe».
Widersprechende Aussagen b^ Täters
Wie d« Blätter weiter melden, wurde bei der Leibes- irifitatiott des Täters Jaworek ein Dolch zutage gefördert, so- wie mehrere Photographien, die Iaworet in österreichischer Marineunfform darstellen. Bei der Vernehmung gab er an daß er mit niemanden nach Wien gekommen sei und ihn: e i n Beamter des Südbahnhofes gesagt habe, daß er Dr. Seipel ob tun solle. Auf die Frage, wer dieser Aufttaggeber gewesen sei, antwortete er nur: „I ch bin b e - aufträgt? Er habe auch nie Waffen getragen und sich nur zur Ausführung der Tat einen Trommelrevolver und zum äußersten Notfall den Dolch sugetegt. Wen- man von ihm mehr erfahren wolle, dann solle man
seine Mutter nach Wien kommen lassen, er werde dann alles sagen. Nach wer- reu ldu. en würden bei Jaworek außer den Waffen noch ein. „ . . in
unb eine Mitgliedskarte der Sozialdemokratischen Partei, Ortsgruppe Ottensheim, vorgefunden. Bei der Vernehmung sprach Jaworek auch von einem Brief, der Auskunft über die Ursachen der Täterschaft geben werde. Nach Mitternacht wurde dieser Brief auch gefunden. Er war an die Frau des Arbeiters gerichtet und enthielt das Geständnis, daß er in seiner Fabrik eine Veruntreuung begangen hätte. Infolgedessen habe er sich entschlossen, aus dem Leben zu scheiden. Wenn er ober aus dem Leben gehe, so wolle er noch eine zweite Person, und zwar den, dem dieArbeiter ihr Elend verdankten, mitnehmen. Alles nähere werde in den Morgenblättern zu lesen sein. Die Blätter vermuten, daß Jaworek in der kommunistischen Partei organisiert war. Ueber die Vorgänge auf dem Wiener Südbahnhof melden die Blätter noch^ daß, nachdem der Täter verhaftet war, und das Volk sich auf ihn stürzte, Dr. Seipel mit beiden Händen abgewehrt und gerufen habe: „Nicht f d) l crgen !" _ ______ . .
Dr. Se'pels Befinden günstig.
Ein zufällig auf dem Bahnhof weilender Münchener klrzt leistete Dr. Seipel die erste Hilfe. Gleich darauf rrfchienen zwei Bahnärzte, die die Wund« wuschen und -inen Notverband anlegten. Dr. Seipel war die ganze Zeit über bei vollem Bewusstsein und wurde im Auto nach dem Spital des vierten Stadtbezirks gebracht. Die Aerzte des Krankenhauses hoffen, den Schwerverletzten, obwohl er zuckerkrank ist, zu retten. Zur Be- haudlung sind sofort die bekannten Wiener Chirurgen ProfeLvr Dr. Eiselsberg und Profeffor Dr. Schnitz» [ e r, ein Bruder des Schriftstellers, hinzugezogen. Montag um 1 Uhr mittags wird das Befinden des Bundeskanzlers als sehr g ü n st i g bezeichnet. Es ist keine Komplikation eingetreten. Die Aerzte hoffen da» Reste. Eine t>et«Hot ist nicht notwendig. Wg^OTWSWlIUBlWIllli^^ tert; er fiebert. Vizekanzler Frank hat die Vertretung des schwerverletzten Bundeskanzlers Seipel übernommen. Eine Haussuchung in der Wohnung des Att«»- täters ist ergebnislos verlaufen.
Der Benchi eines Augenzeugen.
Der Bahnhofsinspektor des Südbahnhofes Stöckl gab einem Berichterstatter der Sonn- und Montagszeitung fot zende Darstellung über den Verlauf des Attentats auf Dr. Seipel: Auf dem Perron war vorher nichts von einem geplanten Attentat zu merken, die Sicherheitsbeamten befanden sich auf dem Posten. Dr. Seipel, dem im letzten Waggon ein Abteil 1. Klaffe reserviert war, stieg in guter Laune und ge- wohnter Freundlichkeit aus dem Coupee und begrüßte die Anwesenden. Hofrat S e e m a n n und der Prälat L a v a t i begleiteten Dr. Seipel nach dem Mittelperron, während ich ungefähr zwei Schritte vor ging. Ich bemerkte plötzlich, daß ein Mann in Zivil über die Gleise kam, dachte jedoch,- daß dies, wie es an Sonntagen meist der Fall ist, ein Postbeamter war, der zum Zuge wollte, um die Postsachen abzuholen. Der Mann blieb jedoch ungefähr drei Schritte von Dr. Seipel entfernt stehen,
, hob blitzschnell einen Revolver
und gab drei Schüsse auf den Bundeskanzler ab, ehe es jemand verhindern konnte. Ich sprang sofort auf den Attentäter zu und packte ihn am rechten Arm, um ihm den Revolver zu entwinden, konnte jedoch nicht verhindern, daß er zwei Schüsse gegen sich abgab. Der Vorfall hatte auf dem Bahnhof große'Erreguna hervorqerufen, und die vorhandene Menge d ra n g auf den Attentäter ein , jedoch gelana es den anwesenden Sicherheitsbeamten, die Menge zu- rückzudrängen. Dr. Seipel, der augenscheinlich sehr litt und leichenblaß war, begab sich dann, gestützt auf Hofrat Seemann und den Prälaten Lavati, zum Polizeibureau, wo er auf das hergerichtete Lage niedergelegt wurde. Der Attentäter ist ein nicht gerade sehr kräftiger Mann. Er gab an, daß er Dr. Seipel vorher nie gesehen habe.
Das Beileid der Beichsregierung
Der Reä' zpräsideni hat an den österreichischen Bundespräsidenten Hämisch folgendes Telegramm gerichtet:
„Tieferschüttert durch die Nachricht von dem ruchlosen Anschlag auf den um Oesterreich hochverdienten, auch von mir sehr geschätzten Bundeskanzler Seipel versichere ich Sie und das österreichische Brudervolk m e iner Herz- l i ch st e n Teil n a h in e. Dem verletzten Bundeskanzler bitte ich meine' herzlichsten Wünsche für seine baldige Mederhr --.ülung:u übermittelnd
ReichsMnzler Murr hat an Bundeskanzler Dr. Seipel das folccn \ Tc e amm gerichtet: „Mit tiefster Bestürzung erhielt ich . ? n ande von dem furchtbaren Anschlag auf das Leben E ' " Ich stelze zu Gott, daß Sie bald ge
nesen u ' 's reiche Arbeit 3 um Wohl« Oesterreichs ta vollem ^er können?