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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erschein? Dienstag. Donnerstag und Gonnabenb. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1. Goldmark / / Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum 10 Mg., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg-, Reklamezeile 50 Pfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld,

Mitglied des Vereins Deutscher Zeltuags-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in HerSfeld. / / Fernsprecher Rr. 8.

Nr. 58

Donnerstag, den 15. Mai 1924

©ie Berliner Einigungsverhandlunge» irr Ruhrbergbau nehmen einen versprechenden Fort­gang.

Im englischen Unterhaus wurde ein Miß. trauensootum der Konservativen Kurückgewiesen.

Die sapanische Regierung wird infolge der er­littenen Wahlniederlage zurücktreten.

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Die Fortentwicklung

der französischen Krise.

Raymond Poincars macht Inventur; er hat seinen Rück­tritt zum 1. Juni angekündigt, und der Entschluß scheint un. widerruflich zu sein, so sehr man sonst geneigt sein möchte, an derAnwiderruflichkeit bei den Erklärungen eines Mannes zu zweifeln. der so oft mit advokatorischer Gewandtheit seinen Anhängern bewiesen hat, daß ein Kreis eigentlich viereckig und schwarz gleich weiß sei. Diesmal hat er jedoch eine so schwere Niederlage erlitten, daß man sich ernstlich mit der Umbildung des Kabinetts beschäftigen muß Verfassungs- niö^i<7 liegt es dem Staatspräsidenten Millerand ob aus der neuen Kammermehrheit neue Minister zu wählen, aber bevor dies gmchstht. wird er eine Vorfrage zu beantworten.haben, nämlich ob er in Verfolg seiner Erklärung vom 27. März die leisen Konsequenzen aus dem Zusammenbruch her Rechten ziehen und selber zurücktreten will Bisher ist er auf biete Androhung nicht zursickgekommen und hat sie augen­scheinlich als rethorische Geste der DergesieNheit anheimge­geben, wahrscheinlich um die Verwirrung der innen- und außennoUtiichen 5ene nicht zu steiaerst. Be? seZner sreiwilli- MtWWMiM»'MRM ^'^:'^4>»»^s«»<a^ - --. >->,» «:»«» Valais Bourbon und Lurembirrg einer vom SenatDräsi- deuten bestimmten Shtnbr ^usammssntreien und zur -Neuwahl des Staatspräsidenten schreiten Von einer derarflgen Ab­sicht hat man fedoch wenig gehört wenn auch die Linkspresse dem gestürzten Premier den Staatsvrösidenke" nachschicken möchte und so wird Misterand vermutlich den Vadikalsozia- listen Brian d , der schon unter Fallik-res und Vomcar4 von Oktober 1910 bis zum Mari 1913 ei.-. M!nisternräsideut kun- giert hat, oder 6 e r r 1 o f den Oberbüroermeister w Gnon mit der Neubilduna des Kabinetts beanttraaen Ganz leicht wird keinem von ihnen die Erkülluna des Austrooes werden, weil die Sozialisten angeblich sich nicht an der Nealernngs- bildung beteiligen wollen was immerhin die Festigkeit der eben geschaffenen Mehrheit in Rtaoe Besten könnte und so weist in dieser Beziehung der französische Sieg der L'nken eine fatale Ähnlichkeit mit dem deutschen Sieg der Rechten auf.

Noch sind indessen die innervolitischen Verhältnisse die den Sturz des Diktators bewirkt haben, nicht so geklärt, daß man sich ein Bild davon machen könnte. Nur ist davor zu warnen, von den kommenden Veränderungen für Deutschland viel zu erhoffen. Die Pountfünbc. die PoincarS vorgeworfen wurde, war das Ruhrabenteucr. aber nicht als solches. Hat doch Briand testier seinerzeit die Besetzung Frankfurts aebistigt, und hie Besetzung der Brückenköpfe Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort Mitgeheißen. Richt er­wartet hatte er. wie ganz Frankreich den totalen Miß­erfolg des Raubüberfolls der statt des Gewinns Verluste über Verluste brächte. eine Anleihe erforderte unb eine Iso­lierung nach sich zog, die sich in der Mißbilligung aller maß­gebenden Politiker des Auslandes äußerte. Das konnte die Wählerschaft nicht verschmerzen und dagegen iah sie sich nach einem Heilmittel um und findet dieses nicht in den, mit Gleich­gültigkeit oder Schadenfreude von der auswärtigen Presse aufgenommenen Sturz Poincares sondern in der Aussicht, Schadensersatz durch seinen Nachfolger zu erhalten.

Mag auch wie in einem englischen Blatt zu (eign war Poincares Niederlage zum S e g c n f ü r d i e g a n - e W e l i ausschlagen, der französische Kleinrentner erblickt diesen Segen nur in der Abbürdung der durch die Ruhrbeietzung vermehrten Steuerlast auf deutsche Schultern. Darauf hat sich auch die französische Presse eingestellt und es werden Stimmen laut die in den die Entschädigung und Sicherungen betreffenden Fragen erwarten, daß die Mitglieder der Ro- pubstkanischen Union sich wieder mit vielen Radikalen zusam­menfinden würden. Man versteigt sich sogar zu der Be­hauptung die Politik Poincares habe Deutschland gegenüber keine Niederlage zu bedeuten Das sollte uns nun NMHenken anregen. gu'rechter Zeit hat sich denn auch, um uns die Augen zu öffnen, Painleve der frühere Ministerprä!- dent und Führer einer Gruppe der Linken eingefunden und An dem englischen Blatte ^ceffior" in Sachen des Gutachten planes erklärt, Frankreich wolle den ^neae',, den gerecht r.

und vollständigen Frieden. Was er unter gerecht und voll­ständig versteht, ist nichts weiter als das Festhalten an den von Poincars stets vertretenen Entschä­digung sforderun gen. Vor 1914 hätte Frankreich dem Frieden das größte Opfer gebracht, indem es allein vom Recht die Wiedergutmachung der 1871 erlittenen Unbill er­wartet habe. Aber Deutschland hätte diese Rücksicht auf ein Versagen der französischen Raffe gehalten. Damit ist in die alte Revanche-Trompete gestoßen: auch PairrlevS ist, wie die Mehrzahl der Franzosen dem Chauvinismus mit Haut und Haar verschrieben und scheut sich nicht, die Kundgebung in Halle als einen Mißton zu bezeichnen, bestimmt zur Aufhetzung der kriegerischen Leidenschaften, als besorgniserregendes Symptom einer Gemütsverfassung, die überwacht werden müsse. Von wem? Etwa von einer Militärkontrollkommissio«?

Wenn wir uns in die Gemütsverfassung des Herrn Pain- leve und seines großen Anhangs auf der Linken hineinver­setzen und danebenhalten, was seit Jahr und Tag in der Re- parationsfrage gegen Deutschland vorgebracht ist, werden wir den richtigen Standpunkt zur Beurteilung des neuen Kabi­netts einnehmen: es wird schwerlich von den bisherigen Richt­linien mit Zugeständnissen abweichen, das würde ihm die Wählerstimmung abspenstig machen, und erst, wenn eine inter­nationale Konferenz die Entscheidung über Ruhr und Rhein und was damit zusammenhängt, in die Hand nimmt, wird die neue Regierung, sich auf den von der Entente ausgeübten Druck berufend, nachgeben. Bis dahin wird noch viel Wasser die Seine abwärtslaufen. M. B.

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Die Kabinettsbildung in Frankreich

Die gesamte Presse bespricht nunmehr eingehend den Rücktritt Poinearös. Wenn die Sozialisten sich an der Re­gierung beteiligen, so müssen sie auch über ^^^ Budget ab- etKntttme Linksblock konnte erst geb, ldeiwer^n, wenn dies e Zusage oer Sozialisten vorläge. Zwischen den Kommunisten und Radikalsozialisten hätten die Vereinigten Sozialisten jedenfalls keinen leichten Stand, zumal die Kommunisten be­reits offiziell erklärt hatten, daß sie so schnell wie möglich von der neuen Kammer die Abstimmung über folgende drei wichtige Punkte verlangen werden:

1. Zurückziehung der französischen Trup­pen aus dem Ruhrgebiet;

2. Wiederaufnahme der Beziehungen z u S v w j e t- rußland;

3. Allgemeine Amnestie für politische Ge­fangene, folglich auch für C a i l l e a u x.

Je nachdem die Sozialdemokratie an der Regierungs­bildung teilnimmt oder nicht, würde also die zukünftige Re­gierung ein Ministerium des Blocks - der Linken oder ein sinks gerichtetes Konzantrationsministeriuni sein. Daraus ergebe sich auch die Wahl des Kammerpräsidenten. Saint Brie meint im Journal, daß durch die französischen Wahlen die Entwicklung der internationalen Lage sich um vierzehn Tage verschoben habe. Irgendeine Entscheidung darüber, wer der neue Ministerpräsident wird, ob Herriot, Briand oder PainlewS oder sonst jemand, ist auch bis jetzt nicht ge­fallen. Poincarg wird am 1. Juni, abgesehen von einer fernen Unterbrechung vom 26. bis 30. März d. J., vier Jahre, zwei Monate und 16 Tage Minister­präsidentgewesen sein. Eine besonders charakteristische Folge des französischen Wahlausgangs ist die, daß Tar- dieu sich vom öffentlichen Leben zurückziehen will und sehr bald nach Amerika reisen wird. Das Echo Ratio­nal, dessen Leiter er ist, stellt am 16. Mai sein Gr- ffeinen ein.

Der taube Mitterand.

In der französischen Linkspresse wird zurzeit ein heftiger Ägegen Millerand geführt, der seinen Prüsidentemessel r nicht ohne weiteres räumen will. Nach dem Petit Parisien soll Präsident Millerand die Absicht haben, erst zurückzutreten, wenn der neue französische Ministerpräsident ihm ein Programm unterbreite, das für ihn unannehmbar wäre. Im Oeuvre schreibt Robert be Iouvenel, es verlaute, hrt6 <m;nprnnh froh der ein gegangenen Ver­

m Elyföezu

büß 'Millerand trotz der eingegang pflichtungen entschlossen (er, im bleiben. Er wäre entschlossen, im Elysee die Opposition zu organisieren gegen die Regierung, die die Meinung des Landes vertreten werde. . .

Im Populaire schreibt der Führer der sozialistischen Partei 86on Blum, Millerand habe seinerzeit unumwunden erklärt: Entweder ihr wählt meine Leute wieder in die Kammer ober ich gehe." Das Land habe bie Leute Millerands baoon* gejagt. Wie sollte unter diesen Umständen Millerand «n Elysee bleiben sönnen? Es scheine indessen: bay der Präsident der Republik sich heute taubst c l l e

Das Gewerkschaftsblatt Le Peuple etU cbcmaHo. bei Präsident der Republik habe sich riufbaif ' den Kamp: bet Parteien gestürzt und jetzt möchte er be--^uc wi ent gehen. Das würde unzulässig sein.

Unterbrochene Verhandlungen.

Havas teilt mit, es werbe Sache des Nachfolgers von Poincare sein, die für den Augenblick unterbräche, neu Verhandlungen mit den alliierten Regierungen wieder aufzunehmen. Diese erneute Fühlungnahme werde erst Anfang Juni erfolgen können, da erst nach dem Zusam- . mentritt der neuen Kammer und nach Einrichtung ihrer Büros der Präsident der Republik in der Lage sein werde, die Vorsitzenden von Kammer und Senat wegen der Lösung der Ministerkrise zu Rate zu ziehen. Ihre Angaben würden ihm die Möglichkeit bieten, denjenigen Politiker zu berufen, der für die Nachfolge Poincares am geeignetsten erscheine unter Berücksichtigung der ausgesprochenen Neuorientierung infolge der Wahlen. . ......

poincars in der Wüste.

Wie Matin berichtet, soll Poincare die Absicht haben, sich für eine gewisse Zeit vomöffentlichenLebenzurück- z u z i e h e n; vielleicht werde er vom Senat eine Beurlaubung verlangen. Poincare erhalte von allen Seiten, besonders aber von Amerika Angebote zur Mitarbeit an Zeitungen. Man ersuche ihn, seine Ansichten über die zukünftigen Probleme der europäischen Politik kundzugeben und das niederzuschreiben, was sich in den zwei Jahren und vier Monaten- seiner Ministerpräsidentschaft in Frankreich ereignet hat.

Die Hoffnungen Anaiole Frances.

Anatole France schreibt imOeuvre" zu den Er­gebnissen der Wahlen:Ich begrüße diesen großen Sieg Frank­reichs. Frankreich hat seinen Friedenswillen bekundet. Ich habe oft gesagt, daß ich nicht glaube, daß der Krieg eine ewige menschliche Notwendigkeit ist. Ich wünsche, ich hoffe, ich ahne eine Zukunft des Friedens und der Gin» iäMiaäjjÄÄ alten Sprichwort: Si vis pacem, para bellum. In Wirklich­keit muß man den Frieden vorbereiten, wenn man den Frieden will. Das ist unser Wunsch, das ist unser Ideal, das muß unser Werk sein! Arbeiten wir am Welt, stieben! Ist das nicht eine Aufgabe, würdig der größten Seele und des stolzesten Mutes? Das Rom der Cäsaren hat sie unternommen, als es das Weltall beherrschte, möge sie das Europa von heute vollenden!"

parlamentarische Möglichkeiten.

Auf Grund der offiziellen Liste über die Wahlergebnisse ergibt sich folgende Gruppierung der neuen Kammer: 212 früherer Block national, 318 Linksblock, 29 Kommunisten. Schon vor der offiziellen Veröffentlichung der Gesamtresultate und auch seither sind über die politische Gruppierung der nächsten Kammer mehr als 100 Listen in Paris durch die Presse veröffentlicht worden, die je nach der Auffassung der Blocks fast um 5060 Stimmen nach rechts ober links variierten. Die obige Zusammenstellung ist auf Grund der offiziellen Wahlergebnisse gemacht und wird, obwohl in sFrank» reich die Deputierten oft im Parlament verschiedenen poli- tischen Gruppen beitreten als jene, denen sie in ihren Wahl­listen zugehören, der Wahrheit am nächsten kommen. Zwei Möglichkeiten bestehen: 1. Im Falle einer gemäßigten Links- politik hat die Regierung 116120 Stimmen mehr; 2. Für den Fall einer radikalen Linkspolitik wird sich bic Regierungs­mehrheit um die 5255 Linksrepublikaner, die den rechten Flügel der Linksparteien bilden, verringern. Aus den Kolonien liegen zwei Wahlergebnisse vor: In Guayana ist der Cheftedakteur des Homme Libre Lautier, der sich als Linksrepublikaner bezeichnet, gewühli worden, im Senegal- Sebiet der der Partei Briand zuzuzählende Abgeordnete der alten Summer Diagne.

llnterhaussieg der englischen Heoterung.

Im Unterhause wurde d^s von den Konservativen eingebrachte M i tz t r a u e » 0 V o t u m wegen der Ab. schaffung der MacKenna-Ginfuhrzölle aus Automobile, Musikinstrumente und Uhren mit 3 17 gegen 252 Stimmen abgelehnt. Der Schatzkanzler Snowden erklärte, die Regierung stehe oder falle mit dex Aufhebung dieser Zölle im Einklang mit dem Urteil, das das Land bei der letzten aUßcmeinen Wahl abgegeben hatte.

Minisierkonferenz im Boot.

Die Information meldet aus B e lgrad, daß der tschecho- slowakische Außenminister Dr. Ben e s ch in einem Sonder- zuge in Detdes eiligetroffen sei und mit dem jugoslawpchen Außenminister R i n t sch' eine wichtige Besprechung ge. habt habe. Damit jede I.b'shxHon vermieden wurde, be­stiegen beide Staatsmänner ein'Boot auf dem uelbeiee, um völlig unter s i cb zu sein. Mär, nimmt an, daß Minister sich über den D e i t r i t i g o s l a w r e n s z u ni frank o - t s ch e ch o j l o w a k i s ö B ü ndni s und den

Beitritt der Tschechoslowakei zum irnisch-iugoflawlichen