Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
Erscheint Dienstaa. Donnerstag and Gonnabeav. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1.— Golbmark / / Auzetaeu preis für die einspaltige Betilzelle ober deren Raum 10 Bfa., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Pfg-, Reklamezeile 50 Mg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in HerSfeld, Mitglied des Vereins Deutscher Ieituags-Derleger. / / Für die Gchriftleitung verantwortlich Franz Funk in Hersfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. 51 Dienstag, den 29. April 1924
— Die Reichsregierung hat mit einem W a h l a u f r u! in den Wahlkampf eingegriffen.
— Ueber das Wirken der kommunistischen Tscheka verlauten weitere Einzelheiten.
— Aue Rumänien werden vorbereitende Maßnahmen für eine Mobilisierung gemeldet.
— Morgan hat sich bereit erklärt einen wesentlichen Teil der Goldbankkredite für Deutschland zu zeichnen.
Der Wahlaufruf der Neichsregierung.
Die Reichsregierung hat mit folgendem Aufruf in den Wahlkampf eingegriffen:
An das deutsche Volk!
Der Wahltag am 4. Mai ist Schicksalstag für das deutsche Volk. Der neue Reichstag wird über Gedeih und Verderb unseres Reiches die Entscheidung fällen müssen. Als Reichsregierung ist es unsere Pflicht,allen Volksgenossen die Bedeutung gerade dieser Reichstagswahl »indringlichst vor Augen zu führen.
Wir vergessen zu schnell! Denkt zurück an die Seit der wahnwitzigen Geldentwertung! Erinnert euch an die Lage des vergangenen Jahres, wo aus den Tausenden die Millionen, aus den Millionen die Milliarden und aus den Milliarden die Billionen wurden. Da war das Ende nahe! Da standen wir wirklich vor dem Verderben. Wehe, wenn damals der drohende Umsturz von rechts und links die Ober- »and gewonnen hätte!
Große Opfer hat die Rettung vor dem Untergang gefor- »ert, und wir werden noch weiter schwere Lasten auf uns nehmen müssen, ehe wir wieder ganz gesicherten Boden unter Zen Füßen haben.
sei es gesagt/ I e d es A b - r r e n von dem von uns beschrlttenen Wege »er Ordnung und Vernunft wird das Ende »es Reiches, das Verderben des Volkes fein. Nur durch Arbeit und Opfer werden wir den Weg aus dem LIend in die Freiheit finden.
Durch die von ausländischen Sachverständigen im Auf- Lage ihrer Regierungen erstatteten Gutachten wollen wir zu : i n er Lösung der Reparationsfrage, zur B e - ireiung unserer Brüder an Rhein und Ruhr gelangen. Auch die Vorschläge der Sachverständigen fordern jon uns die allergrößten Opfer. Aber sie wollen die uns be. »rückende militärische Gewalt ersetzen durch Grundsätze und Forderungen wirtschaftlicher Vernunft. Das bedeutet für uns Us wehrloses Volk einen Fortichritt. Zeigen die Gegner tiefer Politik einen anderen Ausweg aus der Be- »rängnis? Rein, sie beschränken sich darauf, die Arbeit der Neichsregierung herabuietzen und gegen die Gutachten der Sachverständigen die Volksleidenschaften aufzupeitschen. Was oäre die Folge, wenn ihnen die Möglichkeit geboten würde, hre Worte wahr zu machen und nach ihren Methoden das »rutsche Volk zu regieren? Die Folge könnte nur sein: bedingungslose Unterwerfung mit Hinnahme neuer lch w er er DemLt i g u n ge n oder der Krieg gegen die zanze Welt.
Wer unser deutsches Volk wirklich liebt, der wird alles »aran setzen um es vor diesem Schicksal zu bewahren. Nur mk ist wahrhaft nationale Politik!
Darum, deutsche Männer und Frauen, gebt nicht den Leuten eure Stimme, die unter den 23 verschiedenen Parteien »uch die größten Versprechungen machen und euch ln der Stunde der Gefahr im Stiche lassen! Prüft sorgsam, »b ihr eure Stimme einem Bewerber gebt, der. von Berant- wortungsgefühl durchdrungen, die Gewähr für die Erhaltung des Friedens bietet. Nur dann wird die Währung vor neuem Verfall und die Wirtschaft vor endgültigen: Zusammenbruch gesichert sein. Nur dann werdet ihr einen Reichstag bekom- men, der den Frieden bewahrt und Arbeit schafft, der Freiheit erringt und das Reich erhält.
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Wahlversammlungsteilnahme
als Ausweisungsgrund.
। In Ruhrort haben am Sonntag vormittag Wahlversammlungen stattgefunden, denen auch höhere Kriegsteilnehmer beiwohnten. Diese sämtlichen Kriegsteil, nehmer, ob verheiratet oder ledig, sind in der darauffolgenden Nacht um ^l Uhr aus ihren Bette '-'lt unb von den Franzosen i oser 1 ausge en worden. Es handelt sich um F e i en mit Kindern und ungefähr 36 Ledigen. Alle konnten sich nur notdürftig an- Neiden. Es war ihnen nicht gestattet, andere Gegenstände mitzunehmen. Die Ausweisungen erfolgten, nur weil sie an den Wahlversammlungen teilgenommen hatten.
Kommunisten gegen Völkische.
Wahlkampf mit Messer und Schlagring.
Während der Wahlversammlungen am letzten Sonntag in Berlin ist es zu unerhörten Ruhestörungen gekommen. Die Deutschvölkische Freiheitspartei hatte ihre Mitglieder zu einer großen völkischen Kund- gebung um 11 Uhr vormittags im Blüthner-Saal eingeladen. Schon eine Stunde vor Beginn der Kundgebung sperrten kommunistische Trupps sämtliche zum Blüthner-Saal führenden Straßen ab und lauerten hrer den einzelnen Teilnehmern auf. Mit wildem Geheul stürzten sich die kommunistischen Rowdies jedesmal dann, wenn ein Hitlermann kam, über ihn und hieben mit
Stöcken, Schlagringen und Gummiknüppeln blindwütig auf ihn ein. Wo sich Völkische mit Abzeichen sehen ließen, wurden sie sofort umringt und niedergeschla- gen. Aus der Elektrischen holte man sie heraus, von Fahr- und Motorrädern riß man sie und — selbst eine Autodroschke wurde angehalten, auf deren Insassen man dann wahllos einhieb. Die Schutzpolizei war zunächst zu schwach, um die Ausschreitungen verhindern zu können. Erst gegen 11 Uhr rückte Verstärkung heran, die dann die Straßen säuberte. In der Kleiderablage des Blüthner-Saales war ein provisorischer Verbandplatz eingerichtet worden, in dem
etwa 40 Verletzte
verbunden wurden. Die Zahl der insgesamt Verletzten dürste aber höher sein, da viele der Ueberfallenen das Versammlungslokal gar nicht erreichen konnten. Auch nach Schluß der Versammlung kam es zu erneuten Zusammenstößen. Leider wurde bei der Schlägerei ein Herr Willi Ehlers aus der Magdeburger Straße 12 durch Messerstiche so schwer ver- letzt, daß er in das Elisabethkrankenhaus gebracht werden mußte. Zwei weitere Teilnehmer der Versammlung wurden ebenfalls durch Messerstiche verletzt. Gin
weiterer Zwischenfall ereignete sich auf dem Lützowplatz. Gegen %12 Uhr passierte nn Trupp Pfadfinder auf einem Spaziergange den Platz. Die
.'vy Hundert Kommunisten umringt, die mit Gummiknüppeln um> Messern auf die friedlichen Wanderer losstürmten. Ein kleichswehroffizier, der vorüberkam, wurde ebenfalls bedroht tnb mußte blankziehen. Eine starke Polizei-Radfahrerstreife zriff rechtzeitig ein und vertrieb die Kommunisten.
Die Mordplane der Tscheka.
Zu der von uns bereits berichteten Aufdeckung der kommunistischen Mordorganisation in Stuttgart, deren Fäden über das ganze Reich ausgespannt waren, haben die polizeilichen Ermittlungen inzwischen weitere Einzelheiten über die Tätigkeit dieser kommunistischen Mordbande festgestellt. Der erste Auftrag, welcher der Tscheka erteilt wurde, war die Ermordung des Generals v. Seeckt. Er sollte ermordet verden, wxil er als
der gefährlichste Gegner der K. P. D.
galt und für das Verbot der Partei verantwortlich gemacht wurde. Anfang Dezember 1924 bekamen Poege und Szon von Neumann den Auftrag, General n. Seeckt zu beobachten. Die Beobachtung dauerte etwa eine Woche lang. Es wurde nun der Entschluß gefaßt, den General im Tiergarten während des Spazierritts vom Pferde zu schießen. Nach der Tat wollte Neumann einige mit Buntstift geschriebene Eam Tatort zurücklassen des Inhalts: „So rächt die Revolution!" Bei den in Berlin vorgefun- Geheimdokumenten befanden sich in der Tat o^er solcher Zettel. Der Plan ist nur daran gescheitert, daß General v. Seeckt an dem betreffenden Morgen nicht ausgeritten ist, vermutlich, weil damals Glatteis war. Ebenso mißlang der Plan ein zweitesmal, weil o. Seeckt nicht kam. — Außer diesen Anschlägen wurde Margies der Vorschlag gemacht, den General v. Sera
durch eine Bombe
zu erledigen, die in den Kraftwagen des Generals v. Seeckt geworfen werden sollte. Margies hat dann tatsächlich zur Probe eine Bombe konstruiert, indem er eine Mannesmannstahlröhre mit dem der Tscheka zur Verfügung stehenden Sprengstoff füllte. Diese Versuchsbombe wurde dann auf freiem Gelände in der Nähe von Tempelhof ausprobiert. Die Wirkung war außerordentlich tark. Als Mitte Dezember 1923 in einer Wirtschaft, in »er die Tschekamitglieder verkehrten, einige Festnahmen er- olgten,' wurde der Plan zur Ermordung des Generals v. Seeckt in der Befürchtung, die Polizei habe davon er- fahren und sehe sie, vorläufig a u f g e g e b e n.
Die zweite Ausgabe, die der Tscheka gestellt wurde, war die Ermordung des von der Partei als Spitzel bezeichneten Friseurs Johann Rausch in Berlin. In diesem Fall hat die Tscheka bewiesen, dass es ihr mit der Durchführung ihrer Aufträge e r n st w a r.
Am 7. Januar 1924 gn gen Neumann und Poege in die Wohnung des Rauich S ön stand mit r >rm Kraftwagen, in dem die Flucht deweTsteüigl kerben sollte, in der Nähe
bereit, während Margies Posten stand und die Papiere des Neumann in Verwahrung nahm. Auf Einladung des Rauich trank Poege in dessen Wohnung noch eine Tasse Kaffee und spielte mit dem Kinde des Rausch. Nach ungefähr einer Viertelstunde ging er mit Rausch weg. Der Verabredung gemäß ging Poege einige Schritte vor Rausch, und als dieser im Torbogen angekommen war, feuerte Neumann rasch hintereinander zwei Schüsse aus Rausch ab, von denen der erste ihn von der Seite traf, die Lunge verletzte, am Herz vorbeiging und die Niere zerriß, während der zweite Schuß im Oberschenkel stecken blieb. Neumann und Poege eilten zu dem Kraftwagen, den Szon bereithielt, und flüchteten in demselben. Rausch brach sofort, als er den ersten Schuß bekam, zusammen und wurde ins Lazaruskrankenhaus gebracht, wo er am 17. März 1924 seinen schweren Verletzungen erlegen ist, nachdem er zuvor zu seiner Genugtuung erfahren hatte, daß die Festnahme der Täter gelungen war und die Tat nicht ungesühnt bleiben wird. , -•..,,
Mobilisierung in Rumänien?
Aus Budapest wird gemeldet, daß infolge von Reibungen zwischen Südslawiern und Rumänen in Rumänien eine Verfügung erlassen wurde, nach der sich alle Männer unter 4 2 Jahren für eine Mobilisierung bereithalte« müsse«. , ^ ^- ,
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Tardieu verprügelt.
In einer Wahlversammlung in Versaillles wurde der bekannte rechtsstehende Abgeordnete Andre Tardieu angegriffen und nicht unerheblich verwundet. Es kam in dieser Wahlversammlung zu Streitigkeiten dadurch, daß Kommunisten diese Versammlung zu sprengen versuchten. Ein Kommunist namens Tirand wollte Tardieu das Wort entziehen. Dieser weigerte sich indessen. Darauf drangen von allen Seiten Kommunisten auf ihn ein. Tardieu wurde mit Faustschlägen und Fußtritten traktiert und hierbei ziemlich erheblich ver- . lekt, , Seine Kleid er wurden ihm in Stücke ge - rissen. Bereits am u-WM- t»ten»«iy u<ut «»MMWLLMk legentlich einer Wahlversammlung in Versailles durch An. griffe der Kommunisten zu lebhaften Tumulten gekommen.
Die belgischen Minister in Paris.
Ministerpräsident Theunis und Außenminister Hymanr sind Sonntag abend, kurz nach 6 Uhr, mit dem Brüsseler Schnellzug auf dem Pariser Nordbahnhof eingetroffen. Sie wurden von dem belgischen Botschafter Baron d'Hestroy, einem Vertreter der französischen Regierung, und dem zweiten Vertreter Belgiens in der Reparationskommission empfangen. Poincare veranstaltete Montag mittag zu Ehren der beiden Minister ein Frühstück. Die erste Besprechung zwischen dem französischen und dem belgischen Ministerpräsidenten fand früh um 10 Uhr am Quay d'Orsay statt. Die gesamte Presse befaßt sich mit dieser Zusammenkunft in Verbindung mit der Kommentierung der Antworten an die Reparationskommission. Die Regierungspresse in Paris und Brüssel spricht natürlich von dem Vertrauen u n d d e m g r o ß e n O p t i m i s m u s, der sich in offiziösen Kreisen bemerkbar mache.
Morgan ze chnei.
Morgan hat nach Verhandlungen mit der Repa- rations.omniission sich bereit erklärt, die Hälfte de» von den Sachverständigen geforderten 8 0 0 Millionen lS ol d ma rk - A nl eihe zu zeichne«, aber nur unter der Bedingung, daß die Sachverständi- gengutachten ohne jede politische Rücksicht durchgeführt werden.
D. R. M o r r o w , ein Mitglied der Firma I. P. Morgan, wird in Washington als finanzieller Beirat der R e p a r a t i o n sk o m m i s s i o n und Kommissar ge- müß Dawes' Reparationsplan genannt. Dies wäre gleichbedeutend mit einer Diktatur Pierpont Morgan s, als dessen Stellvertreter Morrow anzusehen ist. Die Meinungen, die Pierpont Morgan bei seinen Pariser Konferenzen geäußert haben soll, unb die der „New Pork Herald* gestern in einem vielbeachteten Artikel zusammen gefaßt hat, der in amerikanischen Kreisen als in den großen Linien den Tatsachen entsprechend bezeichnet wird, erregen in der fran« zösischen Presse ziemliche AufmerMmkeit. Die Auffassungen Morgans könnten in folgenden drei Punkten zusammengefaßt werden:
1. Das amerikanische Publikum würde für eine An- leihe an Deutschland kein Vertrauen haben, wenn es nicht die Ueberzeugung hat, daß zwischen den Alliierten und Deutschland ein aufrichtiger Wunsch nach Verkündigung besteht. 2. Morgan verlangt eine Gene- : alhypothek auf alle deutschen Einnahme- , u e l l e n für die Anleihegläubiger. 3. Zur völligen Eiche-