Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 47
Sonnabend, den 19. April
1924
In Mainz begann vor dem französischen Kriegsgericht ein Deutsche^^" 32 ^r Spionage und Sabotage angeklagte
. Entsprechend dem Vorgehen der Vereinigten Staaten beab. sichtlgt auch Kanada, die japanische Einwanderung Zu sperren.
- ~ Zwischen Frankreich und Jugoslawien wird ein Desensrovertrag vorbereitet.
G
Deutsche Welt-Ostern.
Immer aufs neue verjüngt sich, sobald die Frühlings, sehnsucht der Erde das Leichentuch des Winters abgeworfen hat, mit ihr die Menschheit im Auferstehungsglauben. Das Erwachen der Natur aus dem winterlichen Scheintod, ein Symbol ihrer Unzerstörbarkeit, erfüllt auch den deutschen Menschen mit Hoffnungen auf eine sonnigere Zukunft, und so trügerisch sie sein mögen, so viel Enttäuschungen in ihrem Schoß auch verborgen sind, ohne diese Vorspiegelungen erscheint dein flüchtigen Sohn der Stunde das Leben nicht lebenswert. Versinkt ein Volk in Hoffnungslosigkeit, dann tritt es vom Schauplatz der Geschichte ab; es verwirkt seine Daseinsberechtigung und wird zu einem aus Kreuz geschlagenen Schacher, dem keine Erlösung winkt.
Ist Deutschland von diesem Schicksal bedroht? Mehrfach ist es im Laufe der Jahrhunderte von der glänzendsten Höhe in den finsteren Abgrund des Elends hinabgestürzt worden, und jedesmal hat es den Sturz überdauert vermöge seiner Lebenskraft. Auf die Entartung ganzer Geschlechter folgte nach einer Zeit der Selbstbesinnung die geistige Auf- erstehung, nicht ohne Opfer der Entsagung, nicht ohne
Welken in der deutschen Geisteskultur aus: Wenn ihre von Idealismus getragene Weltanschauung vom Materialismus überwunden war, setzte zwar eine Epoche äußerlichen Wohllebens ein, Handel und Wandel gedieh, und diese unerhörte Entwicklung schärte die Mißgunst und den Neid der umwohnenden Staaten. Bei der Mittellagr des Deutschen Reiches ein gefährlicher Zustand, der ein unablässiges Posten- stehen erfordert. Daran hat es in der jüngeren Vergangenheit ein Bismarck nicht fehlen lassen, wenn auch das Reich zuweilen zu leiden hatte unter einem kurzsichtigen Feilschen um die Stärke der Wehrmacht. Das wäre selbst in der Folgezeit zu ertragen gewesen, wenn die Richtlinien seiner Politik innegehalten worden wären. Als das Verhängnis von 1914 über Deutschland hereinbrach, hielt wohl die ideale Begeisterung in allen Volksklaffen eine Zeitlang vor, aber sie erlahmte, als dies Heldenvolk einer zehnfachen Uebermacht unterlag. Tief und unverdient war dieser Sturz, aber er würde nicht so schmerzen, wenn sich nicht die grinsende Fratze des Materialismus und ihr Begleiter, der Pazifismus, zum Tröster und Helfer in dem unsagbaren Leid aufgeworfen hätten.
Was Deutschland die Osterbotschaft der Auferstehung glaubhaft machen kann, sind wahrlich nicht diese wortreichen tatarmen Retter, die des Klassenkampfes Fahne schwingen und von unfern Feinden mit Hohn und Spott zurückgewiesene Heilmittel anpreisen. Nichts hören wir vom Ausland seit Jahren als ein fortwährendes „Kreuzige!" Es sind Völker, die sich zum Christentum bekennen, aber ihre Führer haben kaum einen Ton des Widerspruchs gegen die von den Franzosen und Belgiern verübten Greueltaten gegen Deutsche vernehmen lassen, geschweige denn einen Finger zur Abwehr gerührt. Das ungeheure Verbrechen des Weltkrieges, das sie auf dem Gewissen haben, wird heuchlerisch mit der deutschen Schuldlüge bemäntelt, und sechzig Millionen Wehrloser werden kaltblütig der Aussaugung überantwortet. Es wäre ein lächerliches Unterfangen, religiösen Grundsätzen in der Politik einen Platz einräumen zu wollen. Das ist niemals geschehen, besonders nicht in den sogenannten Religionskriegen. Dennoch dürfen wir hoffen, daß die in deutschen Landen sichtlich erstarkende Religiosität allmählich auch die Gleichgültigen in-ihren Bann zieht und die Einwirkungen des materialistischen Denkens aushebt. Mit marxistischen Lehren, mit dem Internationalismus, werden die Völker nicht sich nähergebracht, sondern auseinandergetrieben, wohl aber besitzt die Religion völkerverbindende Kraft, wie das Eingreifen der amerikanischen Quäker gur Linderung unserer Not gezeigt hat.
Leider ist diese tatkräftige Hilfsbereit!chaft vereinzelt ge blieben, denn noch roh :- : > Welt vom Haß regiert, und von versöhnlicher Gesinnung ist nichts zu spüren. Wir sind in diesen Ostertagem auf uns selbst gestellt und gehen idpcfials trächtigen Entscheidungen entgegen :rlich geschwächt und zerrissen, ein beklageirswertes Bild . es Deutschland zu seinem Schaden nur zu oft geboten h - tu l iniei ■ knechten, die um den Mantel würfeln. So ist das einst >o
mächtige Reich von Leidensstation zu Leidensstation geschleppt worden. Soll es verzweifeln und den Glauben an seine Er- Hebung aus tiefstem Fall verlieren? Nein! Schon bereitet sich eine innerliche Wandlung im Volke vor, eine Absage an dieSchwärmgeister, und die Erinnerung an unsere tausend Siege als Beweis unserer Widerstandskraft wird wieder lebendig. Unwiderstehlich wie ein Frühlingssturm wird ein neuer Geist Einzug halten, und in dieser Hoffnung wollen wir das Fest der Auferstehung begehen. nd.
Deutschlands Bedingungen.
Forderungen des Reichskanzlers. — Frciheit des Rheinlands und Ruhrgebiets.
Reichskanzler Marx hat dem Berliner Berichterstatter des „ M a t i n " eine Unterredung gewährt. Er erklärte, die Antwort an die Reparationskommission bedeute, daß wir den Grundsätzen z u st i m m e n, die zu dem Bericht des Komitees Dawes geführt haben. Dieser Bericht beruht auf einer tiefgründigen Studie, und wir betrachten hn als eine praktische Grundlage. Es versteht sich »on selbst, daß eine Anzahl Punkte aufgeklärt werden nuß, denn wir glauben, gewisse Dunkelheiten und selbst Widersprüche entdeckt zu haben. Wir glauben, daß wir gegebenenfalls Vertreter nach Paris zu entsenden zaben, um im Einvernehmen mit der Reparationskommission bie Einzelheiten des Planes zu präzisieren. Auf die Frage, ob die deutsche Regierung sich die Kritiken zu eigen nachs, die ein großer Teil der öffentlichen Meinung Hinsichtich der Annuitäten mache und über die Unsicherheit der Ge- amffchulden, antwortete der Reichskanzler, die Anwendungen schienen ihm
r nicht unüberwindbar.
Die Grenze der Zahlungen, die Deutschland zu leisten habe, -ange nutp^nuT von »einer ZaHlum^MpgWM ao, MHAgHL mch von der Haltung der Gläubiger Deutschlands gegenüber 1er deutschen Konkurrenz. Wenn man erkläre, Deutschland sönne von 198 ab 2,5 Milliarden Goldmark zahlen, so könnten liefe Zahlungen doch nur geleistet werden von dem Ueber- chuß der deutschen Produktion, ^tefe Voraussetzung schließe in sich eine enorme Entwicklung der deutschen Ausfuhr, vorunter die neutralen Märkte leiden könnten. Man müsse »uf alle Fälle die Durchführung der in dem Bericht festgesetzten Bedingungen verlangen:
Deutschland müsse seine wirtschaftliche, finan- ' zielte und politische Hoheit in den besetzten Gebieten wiedererlangen. Es müsse wieder in den Besitz seiner Verwaltung und seiner Eisen- ! bahnen treten. Die Begnadigung der politisch Verurteilten und die N ückkchr der Ausgewiesenen werde, wie die deutsche Regierung hoffe, eine automatische Folge des neuen Zustandes der Dinge sein. Für die deutsche Regierung sei es eine notwendige moralische Forderung.
Sie könne unmöglich vom deutschen Volke die Lasten, die man ihm auferlegen wolle, sanktionieren lassen, wenn man ihm keine Gegenleistung dafür biete. Es komme darauf an, daß das Volk sich darüber klar werde, daß die Opfer einen Zweck hätten, und war den, das Rhe inland und das Ruhrgebiet freizumachen, eine Befreiung, die kein leeres Wort sein dürfe. Die Besetzung des Ruhrg^biets habe den Zweck gehabt, ein lokales Pfand aus- tubeuten. Der Plan der Sachverständigen sehe jedoch den Austausch lokaler Pfänder gegen Ga ranti en allgemeiner Art vor. Im Anschluß an diesen Austausch würde die Besetzung des Ruhrgebiets keine Berechtigung mehr hcchenl 4
Der Wmilaui her deutschen Antwort.
Der Wortlaut der deutschen Antwortnote, die der Reparationskommission, wie gemeldet, überreicht worden ist, wird jetzt veröffentlicht. Er lautet:
„Die deutsche Regierung beehrt sich, den Empfang der Note der Reparationskommission vom 11. April über die von den Sarl,verständigen erstatteten Gutachten zu bestätigen. Auch die deutsche Re- gierung sieht in diesem Gutachten eine ^praktische Grundlage für die schnelle WLösung des Reparationsproblems. Sie i' ?ift deshalb bereit, ihre Äk i t a r b e i 1 an den Plä- , | ■ nett der Sachverständigen zuzusichern."
Havas wie - dazu: „Es ist wahrscheinlich, daß die Kommission diese An s b e f r i e d i g e n d b e tr a ch t e n wird inbezug auf Übungen, die die Kommission in ihrer Entscheidung vor 11. 'ril gestellt hat, in der sie bekanntlich die Annahme des ichts der Sachverständigen durch die Reichsregierung als Vorbedingung dafür aufgestellt hat, die Annahme der Schlußfolgerungen der beiden Komitees den alliertcit Regierungen anzuempfehlen. Unter diesen Umständen könnte die Reparationskommission den alliierten Re- gierungn die S a ch v e r st ü n d i g e n b e r i ch t e o f fi z i e I t über geben, damit sie so in den Stand gesetzt werden,
die Fragen zu prüfen, die sie ausschließlich angehen, wie bü Wiederherstellung der wirtschaftlichen Ein. Heit Deutschlands."
Ein Zahlungsplan der Repko.
Aus französischer Quelle wird gemeldet: „Innerhalb der letzten 48 Stunden hat ein lebhafter Meinungsaustausch zwischen den Kanzleien der alliierten Mächte über die Dawes- berichte stattgefunden. Die Vorbehalte Frankreichs sind bekannt und werden mit jedem Tage neu bestätigt. Brüssel scheint sich der Ansicht Londons zu nähern, daß der Bericht ein unteilbares Ganzes darstelle. Es wird also Sache der Reparationskommission sein (I), jetzt die von den Alliierten gemeinsam festzustellenden „Sanktionen" für Deuffchland im Falle neuer Verfehlungen auszarbeiten. Die Kommission wird den Regierungen vorschlagen, was Deuffchland zu tun und zu lassen hat, und nach dem Bericht einen festen Zahlungsplan aufstellen. Die Ausführung dieser Bestimmungen bleibe dann den Regierungen vorbehalten. Erleichterungen irgendwelcher Art für Deutschland sind natürlich (!) erst zu erwarten, wenn das Deuffchland neu aufzuerlegende Zwangsprogramm erst wirklich ausgeführt ist. Bis dahin wären, so heißt es, rwch sehr viele Etappen zu durchlaufen."
Ein zweiter Genatsbeschluß gegen Japan.
Nach einer Havasmeldung aus Washington hat der Senat am Mittwoch mit 71 gegen 4 Stimmen von neuem beschlossen, die japanische Einwanderung durch das neue Einwanderungssperrgesetz zu u n - ter binden. Die zweite Abstimmung war darauf zu- rückzuführen, daß verschiedene Senatoren den Wunsch ge- autzert hatten, sie möchten ihre Namen ebenfalls auf der Liste der Abstimmenden stehen sehen.
Auch Kanada sperrt die Einwanderung.
Aus Otava (Kanada) wird gemeldet: Neill, der britische . Abgeordnete von Kolumbien, hat im kanadischen Parlament eine vielbeachtete Rede gehalten, die angesichts des Zwischen- falles zwischen Amerika und Japan von besonderer Bedeutung ist. Mill verlangte die völlige Aussperrung der Iap-üner aus Kanada. Diese Maßregel ist notwendig, sagte er, namentlich jetzt, wo die Ausweisung von den Vereinigten Staaten beschlossen ist, wird sich ein großer A usw a n d e r e r st r o in nach Kanada ergießen. Neill wünscht weiter, daß man gegen die Japaner dieselben drakonischen Maßnahmen ergreife wie gegen die Chinesen.
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Chicago Tribune berichtet aus New Park, daß japanisch e Werte an -der Börse von New York in der ersten halben Stunde ziemlich e i n b ü ß t e n. Es wurde über eine Halbe Million Dollar japanischer Werte verkauft. Die 6liprozentige japanische Anleihen gingen auf 91% herunter, 4 prozentige verloren einen ganzep Punkt, und der Wechselkurs des Pen verlor 41 Cents in New Dock. Er erreichte damit seinen tiefsten Stand in diesem Jahre.
Matko — Borgis.
etauning« Programm.
Vermöge nskonfiskation in Dänemark?
Die Regierung wird aller Voraussicht nach bald nach Ostern fertig gebildet sein. Ueber das Programm des neuen sozialistischen Ministeriums in Dänemark verlautet in Kopen- Hagen: Der Minister Stauning hat, wie schon bekannt, einen Gesetzentwurf zur Stabilis lcrung der däni- schen Krone ausgearbeitet. Weiter ist ein Gesetzentwurf in Vorbereitung zur Einschränkung der bisherigen Heeres- macht. Im Herbste soll dann die Armee völlig a b gerüstet werden. Ferner ist ein Gesetzentwurf in Borberei- hing über die Trennung zwls ch e n Staat und Kirche. Eine Kommission von neun Regierungsbeamten soll neue Steuern ausarbeiten, und man spricht in Kopen. Hagen allgemein von einer K o n fi .s k at i o-n der großen Vermögen. Schließlich toll bezüglich der nord- schleswigschen Grenze ein neues M t n d erheitsa b k o m - wen mit der deutschen Regierung abgeschloffe» werden.
Stauning und der König.
Vor Pressevertretern erklärte Stauiiing in einem Interview, sein Ministeriuni stehe dem König loyal gegenüber. Er e r ke n n e d i e b e st e kh e n d e O r d n u n g als gesetzlich
Grund der Verwaltung a n und erblicke in dem ^Körng den obersten Beanitcn des Reiches. Der dänische König, mit dem er von jeher gute Beziehungen "^Frhalten habe, hege für die soziale Frage das größte Interesse. Das sozialdemokratische Kabinett werde auch an den StaatSTütH- tagungen teilnehmen.