Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 1T
Gonnabend, den 9. Februar
1924
— LloydGeorgehat in bezug auf seine „E n t h ü l l u n - ß en* über den angeblichen Geheimvertrag Wilfon-Clemenceau einen vollständigen Rückzug angetreten.
— Zn Rom ist der russisch-italienische Vertrag nun doch unterzeichnet worden.
— Die dritte Steuernotverordnung ist im Fünf- zehnerausschuß auch in Art. S und 4 auf sehr starken Wider st and gestoßen.
— Der anläßlich des Seeckt-Attentats vielgenannte Major Gilbert ist von dxr politischen Polizei verhaftet werden.
Wochenrückblick.
Eigenartig in der Tat mutet die Grabrede an, die Lloyd George seinem ehemaligen Mitstreiter Woodrow Wilson mit der Enthüllung eines Geheimabkommens über die Besetzung der Rheinlande gehalten hat. Es handelt sich um eine eminent wichtige, Deutschlands Zukunft betreffende Angelegenheit, um nichts anderes als um die V e r - ewigung der Rheinlandbesetzung, die, im letz, ten Absatz des Artikels 429 des Versailler Vertags enthalten, auf folgender Bestimmung beruht: „Sollten zu diesem Zeitpunkt (1935, nach Ablauf der 15jährigen Besetzungsfrist) die alliierten und assoziierten Regierungen die Bürgschaften gegen einen nicht provozierten Angriff von feiten Deutschlands nicht als hinreichend betrachten, so würde die Zurück- eung der Vesatzungstruppen in einem zur Erlangung genannten Bürgschaften für nötig erachteten Maße verzögert werden können." So der amtliche, männiglich be- kannte Text, den man weder als Geheimabkommen noch als Enthüllung anspvechen kann, weswegen er des längeren und ____ breiteren in seiner Gefährlichkeit von der deutschen Presse tDufffiettttcrt Wvvden isbr > ZilifNwiw « ' «« Lesart^^ Friedensverhandlungen durch das Einverständnis von Ele- inenoeau und Wilson, während Lloyd George gerade in London weilte, er wurde jedoch nach seiner Rückkehr sofort über diese Fassung unterrichtet und hat keinen Widerspruch laut werden lassen.
Wodurch ist nun die Beschäftigung mit dieser für Deuffch- land mißtzdustenden ollen Kamelie wieder ausgenommen wor. den? Lediglich durch einen von Lloyd George, im New- Dorker World veröffentlichten Auffatz oder Interview, worin er Elemenceau und Wilson eines Geheimabkommens über bigfen Punkt beschuldigt. Das wirkte sensationell und rief das französische Auswärtige Amt auf die Schanze mit einer strikten Ableugnung dieser Geheimdiplomatie, und zwar in Form einer an das Londoner Foreign Office gerichteten Note, in der zur Aufklärung des Sachverhalts um die Er- laubnis gebeten wurde, ein Gelbbuch zu veröffentlichen über die bei den Abhandlungen über die Artikel 1428—31 des Vertrages gepflogenen Unterredungen. Die englische Regierung setzte von diesem Ersuchen Lloyd George in Kenntnis mit der Anftage, ob er dagegen etwas einzuwenden habe. Wer sie erhielt keine Antwort. Die wurde dem Waliser durch Tardieu zuteil, der nicht nur alles abstritt, sondern die Behauptungen Lloyd Georges als „Frucht einer im Delirium befindlichen Einbildungskraft" bezeichnete, als eine „ungeschickte oder böswillige Handlung". Diese massive Abwehr würde an sich nichts beweisen, denn der ftanzösische Diplomat steht durchaus nicht in dem Ruf, mit der Misch der Wahrheit aufgezogen zu sein, aber wenn weiter nichts vor- liegt als das allen bekannte Zustandekommen des angefoch- tenen Vertragsartikels, dann hat Lloyd George nicht nur verspielt und sich wieder einmal als Vater und Virtuose aller Widersprüche herausgestellt. Richt Wilson, nicht Elemenceau, nur sich selbst hätte er etwas angehängt, und aus einer großen Sensation würde eine kleine, lächerliche Farce werden, wenn es ihm nicht gelingt, ein wirkliches D o k n - ment über einen Geheimvertrag zwischen Amerika imb Frankreich auszudecken.
Diese Beweisführung ist keine advokatorische Leistung, so haltlos und so wenig schlüssig, daß man vergeblich nach dem Grund des Vorstoßes fragt. Sollten etwa der englischen Arbeiterregierung Schwierigkeiten bereitet werden mit dem Anschneiden einer Frage, die erst nach einem Jahrzehnt spruchreif sein wird? Die Besetzung besteht vertragsmäßig zv „Recht", nur über Modalitäten kann verhandelt werden, um die werden durch die Enthüllung nicht berührt. ,MacDonali kann Frankreich mit seiner Zustimmung zur Verofsentlichum des Gelbbuches einen kleinen Dienst beweisen, und in Pari- wird man sich die Hände reiben über die Plumpheit des An griffs. So sehr wir Deutschen für jeden Versuch, den Verirrn ivon Versailles zu lockern, dankbar sein müssen, vor berarhacT !Hilfleistungen möge uns der Himmel bewahren. Die Ver ! drehungskunst unserer Feinde könnte uns damit in Ver bindung bringen und in ein Lügennetz verstricken. So weit e^ sich bis jetzt übersehen läßt, wird Lloyd George, der inzwischei den üblichen Rückzug auf das „Mißverständnis angetretei hat, nicht ernst genommen, und wenn ihm, wie es scheint, ten weiteres Anklagematerial zu Gebote steht, werden seine An Hänger sagen: Vor unserm Freunde schütze uns Gott, vo unseren Feinden werden wir uns selbst schützen.
In der f r a n z ö s i s ch e n Ka mm e r hat um das un Stern Vertrauensvotum für Potneorö verquickte Erwacht,
gungsgesetz ein erbitterter Kampf getobt, der mit einen» Sieg der Regierungsmehrheit von 333 gegen 205 Stimmen der Opposition endete. Ermächtigungsgesetze gehören zu den drastischen Mitteln eines stechen parlamentarischen Regimes, um das fliehende Leben aufzuhalten. Auch in Frankreich lassen sich schleunige Verwaltungsreformen und -Vereinfachungen zum Zwecke der Kostenersparung nicht mehr auf dem gewöhnlichen Wege über die Kammer und den Senat durchsetzen. Die Anhängerschaft Poincarös schmilzt von Abstimmung zu Abstimmung über innerpolitische Fragen zusammen, und er vermag seine Autorität nur durch Ausfälle auf außenpolitische Gegner zu wahren. Den letzten Streich dieser Art hat er mit seiner Antwortaufdiedeutsche Pfalznote verübt. Seine Bestreitung der deutschen Behauptung, Frankreich unterstütze die Separatistenbewegung, ist eine hahnebüchene Unverschämtheit und steht auf derselben Höhe wie die Versicherung, das Pariser Kabinett habe gewissenhaft den Buchstaben der Verträge respektiert. Deutschland ist ihm die Antwort nicht schuldig geblieben und hat nachdrücklich festgestellt, daß die deutschen Forderungen ((Entwaffnung der Separatisten, Rückkehr der Ausgewiesenen) mit Stillschweigen Übergängen ist. Dieses hochtrabende Auftreten richtet sich aber nicht so sehr gegen die deutsche Regierung, sondern ist als Auswirkung der von Clive angestellten Untersuchungen anzusehen, die nicht mit Redensarten abgefertigt werden können. Die englischfranzösische Spannung bleibt bestehen, und der Briefwechsel zwischen Poincars und MacDonald kennzeichnet mit seiner Inhaltlosigkeit am besten die Lage als eine Stille vor dem Sturm. Der Besuch des englischen Premiers, auf den man an der Seine gerechnet hatte, scheint nach den jüngsten Mel düngen ins Mass er gefallen zu sein.
In Zentralamerika beginnt der Vorhang über Huertas Rebellion zu fallen. Obregons Bundestruppen haben Eordoba genommen, der Rebellenführer, von einer Stelle bereits totgesagt, befindet sich auf der Flucht, die Aufständischen haben Veracruz geräumt, und so ist zu hoffen, daß in Mexiko endlich wieder Ruhe einkehrt. Es ist aufgefallen, daß Huerta seinen Kampf auck^mit diplomatischen und den Waffen betefjlgtwÄ Prozeß mit ihnen gemacht und für anderweitige Vertretung gesorgt, aber erstaunlich bleibt es immerhin, daß die kopflose Petroleum- und Ausfuhrpolitik Huertas, die von.vorneherein aus- sichtslos war, in Deutschland Befürworter finden konnte. Eine derartige Einmischung in die inneren Streitigkeiten der Mexikaner kann unmöglich die deutschen Interessen fördern.
—nd.
Frankreichs Animori aus die pfalzNote.
Lügnerische Ausflüchte Poincares.
Me ftanzösische Regierung hat nunmehr auf die Pfalz- Note der Reichsregierung eine Antwort zukommen lassen, die folgenden Wortlaut hat:
„Sie haben geglaubt, in einem Schreiben vom 2. Februar auf die von der deutschen Regierung be- reits früher gegen die französischen Behörden gerichteten Beschuldigungen, diese hätten die pfälzischen Separatisten unterstützt, zurückkommen zu müssen. Die französische Regierung hat in ihrem Schreiben vom 12. Dezember d i e s e B e r l c u m d u n g e n i u s rechte Licht gesetzt. Die Angaben, die sich auf die Borgänge beziehen, werden durch keine Spur eines Beweises belegt und sind nicht tiefer begründet als die früheren. Unser diesen Umstän- den wird die französische Regierung, wie sie bereits in dem vorerwähnten Schriftstück mitgeterlt hat, auf eine Beantwortung der von der deutschen Re- gieruug vorgebrachten nicht begründeten Klagen verzichten. Das Pariser Kabrnett, das ge- wissenhaft den Buchstaben der Verträge respektiert (I), ist wie in der Vergangenheit so auch jetzt entschlossen, in die Zwistigkeiten der Deut- schen untereinander nicht einzugreiseu, nnb wird sich dementsprechend auch in keine Unterhandlungen mit der deutschen Regierung über innerdeutsche Fragen einlassen."
Halbamtlich wird von deutscher Seite dazu bemerkt: Die französische Regierung glaubt mit einigen überheblichen Bemerkungen sich einer sachlichen Beantwortung der deutschen Note vom 2. Februar entliehen zu können. In der deutschen Note ist bereits fest gestellt worden. Laß die darin aufgeführten Tatsachen, die bie llnterftü^g der Separatisten durch die französischen Besatzungstruppen beweisen durch k e i n e A b l e u g n u n g a u s d e r W c l t g e s ch a f f t werden können. Diese Tatsachen sind ja nicht nur von deutscher Seite, sondern von einer großen Anzahl neutraler, ja sogar
hervorragender alliierter Zeugen einwandfrei festgestellt worden. Die französische Antwort vermeidet es, auf die in der deutschen Note gestellten Forderungen (Entwaffnung der Separatisten, Rückkehr der vertriebenen Einwohner usw.) irgend
wie einzugehen, sie versucht dagegen, es so darzustellen, als hätte die deutsche Regierung die ftanzösische Regierung um Unterhandlungen über innere deutsche Angelegenheiten ersucht, während tatsächlichdiedeutscheRegierung sie aufgefordert hat, sich jeder Einmischung indeutscheinnerpolitischeVerhältnisse, insbesondere jeder unmittelbaren oder mittelbaren Unterstützung aufrührerischer Elemente in den besetzten Gebieten zu enthalten. Wenn in der Antwort versichert wird, daß das Pariser Kabinett wie in der Vergangenheit so auch jetzt entschlossen sei, in die Zwistigkeiten der Deutschen untereinander nicht einzugreifen, so ist diese Versicherung bezüglich der Vergangenheit durch die Tatsachen widerlegt. Es bleibt demnach nur zu erwarten, daß es dem französischen Kabinett gelingt, in Zukunft das Verhalten der Besatzungstrup - pen in der Pfalz mit feinen Versicherungen in Einklangzu bringen.
Der russisch-italienische Vertrag unterzeichnet.
Wie aus Rom gemeldet wird, wurde der italienisch- russische Vertrag Donnerstag abend ^10 Uhr im italienischen Autzenministerium unterzeichnet, nachdem kurz vorher dahingehende Instruktionen aus Moskau ein- trafen. Die letzten Bedenken wurden durch eine längere Aussprache zwischen Mussolini und den russischen Agenten zerstreut. Die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern sind damit offiziell wieder ausgenommen worden.
Vollständiger Rückzug Lloyd Georges.
^»nlonti entseh n I dtat fi ch a m Hunt h ’ O rfnn.
In einem Briefe an die Presse verleugnet Lloyd George das Interview, das ein Vertreter der „New Pork World" in dieser Zeitung veröffentlichte. Lloyd George erklärte, Präsident Wilson habe vollkommen loyal gehandelt, und die Tatsache, daß Wilson und Ele- menceau zu einer Einigung gelangten, sei ihm sofort mitgeteilt worden, als Wilson von Paris zurückkehrte. Lloyd George fügte hinzu, die amtliche französische ErklärunZ sei im wesentlichen korrekt. Wie die Pariser Blätter melden, hat sich der b r i t i s ch e G e s ch ä f t s t r ä g e r zum Quai d'Orsay begeben, um das Bedauern seiner Regierung über das von „New Pork World" veröffentlichte Interview zum Ausdruck zu bringen. Am Quai d'Orsay wird bestätigt, daß wegen des Lloyd Georgeschen Interviews ein Brief des englischen Ministerpräsidenten eingegangen ist, worin dieser die Behauptung Lloyd Georges von sich weist und betont, daß die englische Regierung an diesem Zwischenfall unschuldig sei. Der Gedanken- austausch zwischen London und Paris in dieser Frage geht weiter. Man erwartet, daß Ramsay MacDonald eine Erklärung über die Beziehungen Eng- lands zu Frankreich abgeben und diese als ungetrübt bezeichnen werde.
Mac-onal-, der - „zweite Wilson".
Der Londoner Korrespondent des „Echo de Paris" gibt einige Eindrücke von einem dreiviertelstündigen Empfang von etwa hundert europäischen Zeitungs-Korespondenten wider, der beim Premierminister MacDonald stattgefunden hat. Wie ein zweiter Wilson, so heißt es darin u. a., ver- traue MacDonald blindlings auf Sie Güte der Menschen und setze große Hoffnungen auf den Völkerbund. Natürlich unterläßt es das Blatt nicht, recht beut- lich zu untersteichen, daß MacDonald namentlich größten Wert auf die Beziehungen zu Frankreich lege. Die englische Regierung schiene im übrigen nicht ganz richtige Vorstellungen von der R e g e l u n g d e S? R e'p a - rationsproblems (!), der Kriegsschulden und der Frage der Rrchrbesetzung zu haben. Allerdings erscheine ihr eine Gesamtregelung dieses großen Fragenkompleres dringend geboten. Me Üninöglichkeit einer sofortigen Abrüstung sei der neuen Regierung bereits klar geworden.
Vor -em Sturze Poincares?
Die Pariser Presse hält es für immer wahrscheinlicher, daß das Kabinett PoincarH wenn auch nicht vor der Kammer, so doch vor beut Senat zuFall kommen wird. Die „Action Francaise" schreibt unter der Ueberschrift „DemSturzentgegen", daß Poincare dazu durch seine Nervosität beitrage, die keinesfalls gerechtfertigt wäre. Es sei die Aufgabe einer Regierung, kaltes Blut zu bewahren. Die „Iournee Industriell" meint, wir wissen alle, daß es sich darum handelt, ob Poincarö gestürzt werden wird, oder nicht. Das Echo National" führt aus: D e r S c l b st m o r d geht fort. Das „Echo de Paris" schreibt: Das Kabinett Poin- catö das zwar in den Augen vieler schwankend geworden sei, lasse fuf) rasch aufrichten, wenn Poincarö feilten Getreuen