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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1. Golbmark. , / Anreisen preis für die einspaltige Detitrelle oder beren Raum 10 Via., für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Ms , Reklamereile 50 Dfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in Hersfeld,

Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungs-Verleger. / / Für die Schriflleituag verantwortlich Franr Funk in HerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Nr. 16 Donnerstag, den 7. Februar 1924

Anläßlich der amerikanischen Nationaltreuer um Wilsm ist die Flagge auf der deutschen Botschaft nicht au Halbmast gesetzt worden. Dieser Umstand hat besonders in deutschfeindlichen Amerika große Erregung hervor gerufen.

Die französische Regierung soll sich England ge- genüber zur Wiederherstellung des status q u o in der Pfalz vor Einsetzung der Separatistenbewegung bereit erklärt haben.

Zn München ist seitens eines höheren Beamten die Be­hauptung aufgestellt worden, daß M a ch h a u s als unbequemer Zeuge beseitigt worden sei und Pöhnex dasselbe Schick- sal bevor st eh«.

Befatzungskofienreform?

Der Reichsminister des Auswärtigen Dr. Stresemann in Stettin eine Rede gehalten, worin er die Ueberreichung einer Denkschrift an die Sachverständigenausschüsse über die Besatzungskosten in Aussicht stellte, um darin die bereits in einer Note an die Besaßungsmächte gerichtete Ankündigung zu wiederholen, daß das Reich, am Ende seiner finanziellen Kraft angelangt, keineWeiterzahlungderBesaßungs- kosten leisten könne.

Hierbei ist zu beachten, daß in ihnen die ftanzösischen Kosten für die Ruhrbeseßung nicht enthalten sind. Das ist ein Kapitel für sich, und die Beschäftigung mit dieser Frage scheidet hier aus. Nur so viel sei gesagt, daß die Forderung Frankreichs jeder Rechtsgrundlage entbehrt und die Ententemächte sich schwerlich dazu herbeilassen werden, den Franzosen zu gestatten, sich von den eingelaufenen Re- -yäWÄtiSHSßUyVuu^tu vorweg

widrigen Handlungen können keine Ansprüche für den Rechts­brecher hergeleitet werden, nur dem Geschädigten steht dies Recht zu, und dieproduktiven Pfänder", womit den Fran- zosen der Mund wässerig gemacht wurde, werden sich als ungenießbar erweisen. Ein belgisches Blatt hat nämlich bereits erklärt, die Mitglieder des Sachverständigen- ausschusses seien darin übereingekommen, daß ihre Arbeit unfruchtbar bleiben müßte, wenn sie nicht zwecks der deutschen Budgetausgleichung und der Markstabilisierung die Einkünfte aus dem Ruhrgebiet dem deutschen Budget zuzählen dürften. Das heißt nichts anderes, als die Beendigung der Ruhrbesetzung verlangen. Damit wäre man bem Stadium französischer Konzessionen näher gerückt, ohne die eine Lösung der Ruhrfrage unmöglich erscheint.

Sollten aber die Sanierungsversuche überhaupt einen Sinn haben, dann muß das Gesamtgebiet der B e - satzungskosten von Grund aus einer Reform unterzogen werden. Man hat zu untersuchen, in welchem Maße die Be­legung deutschen Landes mit fremden Truppen zur Siche­rung der Ententeforderungen nötig ist. Vor dem Ruhrüber- fall standen im Rheinland 96 000 Franzosen, 11000 Englän­der, 13 500 Belgier. Jetzt befinden sich dort 103 000 Fran- ! zosen und im Ruhrgebiet 40 000 und an Belgiern 17 000 resp. 5000 Mann. Ganz Deutschland verfügt aber nur über ein Heer von 100 000 Mann. Ein Heer ohne schwere Ge­schütze, ohne Tanks, ohne Luftstreitkräfte, ohne irgendwelche Mittel zu einer modernen Kriegführung, ohne Aussicht auf irgendeine fremdländische Bundesgenossenschaft. Seit dem Waffenstillstand bis Ende März 1922 sind die Kosten für die Besatzungstruppen auf fast sechs Milliarden Goldmark an- ; gelaufen. Diese ungeheuerliche Ziffer ist durch die s i n n - sloseVerschwendungderFranzosen und Belgier entstanden, nicht allein für ihre Löhnung, sondern auch für ^prunkvolle Wohnungseinrichtungen, Einrichtung von Ka­vernen, Truppenübungsplätzen, Flughäfen, Schieß- und Reitplätzen und von Bordellen.

Alles war und ist auf den finanziellen Ruin Deutsch­lands angelegt. In deutschen Denkschriften und Reichstags- Verhandlungen ist diese Erpresserpolitik angeprangert wor- fden und hat bei dem ausgeplünderten Volk Derzweiflungs- fichreie und Wutausbrüche hervorgerufen. Am Anfang dieses Monats wurde amtlich mitgeteilt, vom 1. Januar bis Ende Oktober 1923 hätten die unmittelbaren Kosten Deutschlands im altbesetzten Gebiet 207 Millionen Goldmark betragen, im Ruhrgebiet für die Besatzung allein über 30 Millionen Gold- mark. Dazu kommen noch angeforderte 25 Millionen Gold­mark für Kasernen, Familienwohnungen, Kasinos, Ställe, Schuppen. Und alles das ist unproduktive Arbeit, geleistet für Unnütze Fresser. Und nicht zur Niederhaltung eines deutschen Widerstandes wird dieser Aufwand vertan, sondern zur Befesti­gung der ftanzösischen Hegemonie über Europa. Darüber werden sich die Mitglieder der Sachverständigenausschüsse ebenso klar fein, wie die Politiker aller Länder. Und sie werden zu er- kwägen haben, ob diesem unerhörten Zustande Dauer verliehen Herden soll. Das deutsche Reich ist nicht mehr imstande, für

diese Besatzung aufzukommen. Nur wenn es von der Bürde befreit, sich ungestört seinem Aufbau widmen darf, wird es möglich sein, die Bedingungen des Friedensschlusses bis zu einem gewissen Grade zu erfüllen. Die Besatzungskosten sind in ihrer ungeheuerlichen Höhe ein Krebsgeschwür nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa; hat sich diese An­sicht erst bei den Sachverständigen durchgeseßt, dann werden sie auch Heilmittel gegen dieses Uebel zu finden wissen. Die Sprache der Ziffern, die über die Besatzungskosten authentisch vorliegen, ist laut genug, um nicht überhört zu werden.

G. M. H.

Ein Wilson-Zwischenfall.

Muß die deutsche Botschaft an der Wilson-Trauer teilnehmend Die nicht auf Halbmast gesetzte Fahne. Die Erregung in Amerika und Weisun­gen aus Berlin.

Nach Meldungen aus New York hat der Washing­toner deutsche Botschafter anläßlich des Todes von Wil- son das Einziehen der Botschaftsfahne auf Halbmast abgelehnt. Aus Berlin wäre Weisung ergangen, an der Nationaltrauer nicht teilzunehmen. Die deutschfeindlichen amerikanischen Zeitungen berich­ten, daß sich in Amerika ein großer Unmut über das Nichtflaggen der deutschen Botschaft bemerk­bar mache. Die französische Radioagentur verbreitet im Anschluß daran weitere tendenziöse Berichte aus Washington, in denen u. a. gesagt wird: Wenn die deutsche Botschaft nicht im letzten Augenblick ihre Ent- fcheidung ändert, dann wird der Unwille in ganz Amerika gegen Deutschland ungeheuer

Ankauf von Rohmaterialien und Nahrungsmitteln ein­gestellt werden, die Amerikaner werden niemals die ihnen zugefügte Beleidigung vergessen können.

Der Standpunkt des Auswärtigen Amtes.

Wie aus Washington gemeldet wird, hat die deutsche Botschaft eine Erklärung veröffentlicht, wonach die Reichs­regierung bereit ist, der Erregung der öffentlichen Meinung über das Nichtflaggen anläßlich der Wilson-Trauer Rechnung zu tragen, indem während der Dauer des B e.- gräbniffes des Expräsidenten die deutsche Flagge auf Halbmast gesetzt wird. Von Berliner amtlicher Stelle wird jetzt folgende Darstellung ausgegeben:Auf Anfrage des deutschen Botschafters in Walhington, ob er das Beileid der deutschen Regierung anläßlich des Todes des früheren Prä- sidenten Wodrow Wilson offiziell zum Ausdruck bringen solle, hat die deutsche Regierung ihren Standpunkt dahin präzisiert, daß von einer offiziellen Beileidskundgebung der deutschen Regierung abzusehen sei, daß es aber dem deutschen Botschafter überlassen bleibe, ob und in welcher Form er sich p e r s ö n l i ch an den dortigen National-Trauer- feierlichkeiten beteiligen wolle."

Befreiung der Pfalz?

Nach geben der Franzosen auf englischen Druck. Rückkehrerlaubnis für die ausgewiesenen Be- a m t e n.

Die Agenee Havas glaubt zu wissen, daß die Ver­handlungen, die zwischen der englischen und der fran- zöfischen Regierung über die Pfalz geführt werden, höchstwahrscheinlich eine Lösung auf der Grund- läge des etatus quo vor der Einsetzung der Separatistenregierung bringen werden. Da die Separatistenregierung nicht anerkannt sei, könnten alle Beamten, die von ihr ausgewiesen seien, zu- rückkehren. Was die von den Besatzungsbehörden ausgesprochenen Anweisungen betreffe, so werde man jedenfalls jeden einzelnen Fall besonders prüfen.

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Petit Perisien bestätigt, daß das For eign Office in der Frage der Wiederherstellung einer gesetzlichen Ord­nung in der Pfalz ben Status quoverlangt. Die französische Regierung ihrerseits sei bereit, die Rückkehr der von den Separatisten ausgewiesenen Beamten zuzulassen, aber sie widersetze sich der Wiederzulassung der Beamten, die durch die RH ein lan d ko mmi s si o n ausgewiesen wor- den seien. Es sei die Hoffnung gestattet, daß diese Ver­ständigung der Vorbote werde für weiter gehende Abkommen über die großen Probleme, die in der letzten Zeit so bedauernswerte Meinungsverschieden- heibm Wochen London und Paris geschaffen hätten.

Kurzbeinige Lügen.

Eins amtlich» Auslassung d«r Sachverständige»

Gewisse ausländische Blätter hatten, wie gemeldet, db Nachricht verbreitet, daß sich bei den Untersuchungen bei Sachverständigen in Berlin technische Schwierigkeiten heraus gestellt haben. Der zweite Sachverständigenausschuß vev öffentlicht demgegenüber folgendes Kommunique:

Die Aufmerksamkeit des Zweiten Sachverständigenaus schusse« ist auf Presseäußerungen gelenkt worden, und welchen die Ende dieser Woche erfolgende Abreise des Aus schusses aus Berlin dadurch verursacht sei, daß die deutsche Regierung nicht imstande gewesen sei, Fragen, die die deut, schen Auslandsguthaben betreffen, zu beantworten. Diest Mitteilungen entsprechen in keiner Weise den Tatsachen. Der Ausschuß hatte ursprünglich gehofft, daß er seine Ber- liner Untersuchungen gegen Mitte dieser Woche beendigen könne. Ein Teil des vorzubeveitenden Informations- Materials erforderte jedoch unvermeidlicherweiss längere Zeit als man erwartet.

Tatsächlich hat der Ausschuß sowohl seitens der deutschen Regierung als auch seitens der Banken jede nur mögliche Unterstützung gefunden.

Der Ausschuß benutzt gleichzeitig diese Gelegenheit, zu erklären, daß in demvon den Banken übrigens freiwil­lig zur Verfügung gestellten Zahlenmaterial die Namen auswärtiger Kunden weder erbeten noch bekanntgeworden sind. Der Ausschuß hat es nicht für nötig befunden, irgend­welche Untersuchungen anzustellen, die das Bankgeheim­nis verletzen".

parmentiers Notenbank-Platt.

Nach einer Meldung des Echo be Paris ist bestimmt da­mit zu rechnen, daß der Plan des Franzosen Par - m e n t i e r s für eine neue deutsche Goldnotenbank von den Berliner Sachverständigen angenommen wird. Es wäre sehr wahrscheinlich, daß auch die deut­sche Regierung diesem Plane zustimmen merbe.^

einer Goldnotenbank sind noch nicht abgeschlossen. Am Dienstag wurde zwar den Sachverständigen ein Projekt vorgelegt, das von den ftanzösischen Delegierten Parmentier und Franqui aus­gearbeitet worden ist, die deutsche Regierung hat aber zu diesen Vorschlägen noch nicht endgültig Stellung genommen, sie unterliegen weiter der Prüfung. Die, vom Echo be Paris gebrachte Mitteilung, die deutsche Regie­rung werde dem Projekt zustimmen, eilt demnach zum nun« besten den Tatsachen voraus."

Macdonalds Völkerbundspolitik.

England wird nicht mehr beiseite stehen!"

Ramsay M a c D o n a I d sagte in einer Unterredung mit einem Vertreter des Manchester Daily Despatch, die An­erkennung Rußlands wäre unbedingt. Weiter erklärte Mae Donald, Rußland und Deutschland sollten in den Völkerbund eintreten. Deutschland werde volle und

vollständige Anerkennung

unter gleichen Bedingungen wie irgendein Mitglied des Völkerbundes erhalten. Auf die Frage, ob Frankreich dagegen Einwendungen erheben werde, erwiderte MacDonäld nach­drücklich:Nein. Ich glaube, daß Deutschland als ein Mit­glied des Völkerbundes angenommen werden und man keiner- fei unüberwindliche Schwierigkeiten finden wird."

MacDonald besprach darauf die britischen Beziehungen.' zur französischen Regierung und gab dabei der. Ansicht Ausdruck, daß die zögernde und negative Haltung der britischen Regierung hauptsächlich; für die letzten Mißverständnisse verantwortlich gewesen wäre. All dieses sei jetzt vorbei. Großbritannien werde sich nichts länger damit zufrieden geben, beiseite zu stehen und die Ereignisse abzuwarten. Das Ergebnis dieser' neuen Haltung scheine über Erwarten erfolgt ei $ zu sein.

Marsch roter Regimenter auf Moskau?

DieDaily Mail" veröffentlicht einen aufsehenerregenden Bericht über eine Revolte in derrussischen Armee, wonach sich eine russische Division gegen die bolschewistische Regierung in Moskau erhoben und wichtige strategische Punkte sii-dlich Moskaus besetzt habe und beabsichtige, im April den Vormarsch zu beginnen, Die bolschewistische Regierung setze alles daran, um Tar- taren mn d Mongolen so schnell wie möglich zur Hilft heranruziehen. Die rebellischen Garnisonen sind nach dem genannten Blatte. Brian k. Orel, YeIetz, Tamboff und Veroneß. Diese Division, die früher. Trotzki treu ergeben war, würde jetzt'von ehemaligen Zaren, Offizieren geführt und verweigere der bolschewistischen Regierung den Gehorsam. Die Revolte dehne sich auf die Garnisonen des U r ä I und auf K r o n st a d t aus, arbeite