Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 15 Dienstag, den 5. Februar 1924
Die Ueberreste des Präsidenten W i l s o n werden iv Washington neben dem Grabe des unbekannten Soldaten beigesetzt werden.
— Der Briefwechsel zwischen MacDonald und P o i n c a r e wird jetzt i m W o r t l a u t veröffentlicht.
— Ein Unterausschuß des ersten Sachverständigenkomi t e e s behandelt die Frage des neuen Reichsetats.
Woodrow Wilson t
Aus New York wird gemeldet: Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten W o o d r o w W i l s o n ist am Sonntag früh 10 Uhr nach kurzem Todeskampf gestorben.
Der deutsche Bürger von Normalmaß verschließt sich nicht gern den Aeußerungen des Mitgefühls; er tut lieber zu viel als zu wenig in dieser Beziehung und überträgt diese Neigung auch auf politische Dinge, wobei ihm seine sentimental gefärbte Anschauungsweise zuweilen einen üblen Streich spielt. „Sei nicht allzu gerecht", hat ein Klopstock Deutschland gewarnt, ohne verhindern zu können, daß bei der Bewunderung fremder, deutschfeindlicher Staatsmänner das Verdienst der deutschen in den Schatten gestellt wurde. Bei dem von der Weltbühne abgetretenen Woodrow Wilson liegt jedoch die Gefahr seiner Ueberschätzung nicht vor; er hat zu viel auf dem Kerbholz, als daß nicht die Beurteilung seiner Tätigkeit als Politiker leicht in Gehässigkeit Umschlägen könnte. Indessen davor wollen wir uns hüten. Es genügt zunächst, das Urteil einer eigenen
Er war in der langen Reihe der amerikanischen Präsiden- ten der erste Professor, und als er am 4. März 1913 in das Weiße Haus eintrat, war er vermöge seines Gelehrtenberufs der ungeeignetste Mann zur Bewahrung des Weltfriedens. Europa war, was auch Laien nicht verborgen blieb, seit Jahren elektrisch mit Kriegsgefahr geladen, und da wäre ein General oder ein mit allen Wassern gewaschener Diplomat mehr am Platz gewesen als Wilson. Die Politiker in Washington hielten ihn für einen der größten Ge- lehrten, die amerikanischen Gelehrten für einen der größten Politiker und variierten damit das von Moritz Hartmann auf den General und Diplomaten von Nadowitz geprägte Epigramm. Wilson, der Pazifist, verletzte nach dem Kriegs- rusbruch die Neutralität Deutschland gegenüber und glitt imnn in den Strudel des Krieges hinein, ein Werkzeug der Finanz- und Industrie magnaten von Wallstreet. Diese krasse Verleugnung seiner pazifistischen Grundanschauung rächte p.^ an ihm, als der Friede geschlossen wurde. Sein Lieblingsgedanke war die Schaffung eines Völkerbundes, und er wurde als Kaminschirm oor das fressende, jede Friedfertigkeit verzehrende Feuer des Versailler Vertrages gestellt. Aber was war das Ergebnis? Weder wurde der Vertrag von Amerika ratifiziert (ein Ein- geständnis dafür, daß Wilson der von Clemenceau und Lloyd George Düpierte war), noch wollten die Amerikaner etwas von dem schmalbrüstigen Völkerbund wissen, desavouierten ihren Urheber und traten aus. Das geschah, als Wilson zum zweitem: r den Präsidentenstuhl bestieg, um den Rest seiner Amtsjahre unter dem Druck einer unauslöschlichen Blamage , u verbringen während die Kriegsgewinn einer Oberschicht Lurch die steigendeste losigkeit der unteren Schichten paralysiert wurden. Rühmlos verschwand er vom politischen Schauplatz, und sein Nachfolger H a r d i n g nahm ihm mühelos die Zügel der Regierung aus der Hand. Um diesen Mann wurde, als er mitten in seiner Laufbahn verschied, getrauert; was jetzt das amerikanische Volk an Beileidsbezeugungen aufbringt, ist nichts weiter als Erfüllung einer Anstandspflicht.
Für Deutschland ist Wilson mit seiner, die berüchtigten vierzehn Punkte enthaltenen Botschaft vom 8. Januar 1918 belastet. Sie wurden anfangs viel bespöttelt, aber „kurz vor dem Abschluß des Waffenstillstandes" — wie es in der Note des Grafen Brockdorff-Rantzau vom 24. Mai 1919 an Clemenceau heißt — „wurde d-m deutschen Volke versprochen, daß Deutschlands Schick, al eine grundlegende Aenderung erfahren würde, wenn man es von seinem Herrscher trennte". Bei diesem Versprechen schlug der Spott in Vertrauensseligkeit um, und man erwartete von dem Eingehen auf die feierlich verkündeten Punkte einen Friedensschluß, wie er bei Kulturnationen üblich ist. Aber diese Erwartung wurde schmählich enttäuscht und die in Versailles im Mai 1919 gepflogenen Verhandlungen ließen das Schlimmste be- fürchten, f» daß Graf Rantzau sich zu der Erklärung an Clemenceau genötigt sah: „Die deutsche Delegation möchte hü, Myri» E er Exzellenx nicht dahin verstehen, daß die
Zusage der alliierten und assoziierten Regierungen damr-s nur eine Kriegslist ivar, um den Widerstand des dentsche:- Dolkes zu lähmen, und daß diese Zusage zurückgenommen, werden soll."
Und doch wurde sie zurückgenommen! Die Schmach von Versailles bürste einsetzen und sich austoben: das wehrlos gewordene Deutschland stand jedem feindlien Zugriff offen. Aber wo war Wilson, der sich für die Zusage der vierzehn Punkte verbürgt hatte? Er ließ dem Verderben seinen Lauf, ließ sich als unbeachtlich beiseiteschieben und brächte nicht die geringste Wider- standsfähigkeit auf. Ueber ihn als dem Mitschuldigen eines unerhörten Frevels häufte sich derFluch eines be-trogenen Volkes auf, dem wie einem Simson der beste Teil seiner Kraft heimtückisch abgelistet war. Die Geschichte wird Wilson richten, weil er sich zu diesem Betrüge mißbrauchen ließ und in keinem Kodex der Moral wird eine Rechtfertigung für ihn zu finden sein.
Wie ein Hohn klingt die Verteidigung dieses Staats- mannes durch den polnischen Reichstagsabgeordneten Stychel, der behauptete, „Wilson ist der Wohltäter der Menschheit". Das war am 23. Oktober 1918. Seitdem hat sich die. Menschheit eine andere Ansicht über diese Wohltat gebildet und je länger sie darunter zu leiden hat, um so stärker schwillt der Sturm der Verwünschungen über den Versailler Schandvertrag an. Das ist der richtige Nachruf für Woodrow Wilson und er wird nur gemildert durch den Umstand, daß das deutsche Volk in seiner Kriegsmüdigkeit einem Schwächling Glauben schenkte und die Waffen niederlegte. Gegen diese Anklage kann nur der Ein- wand erhoben werden, daß niemand auf ein Zurücknehmen, wie es Wilson gezeigt hat, gefaßt sein durfte. Er war eben nicht am richtigen Platze, ein ehrlicher amerikanischer Gene-
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Wilsons letzte Stunden.
Nach dem Krankheitsbericht aus Washington wurde Wilson am Sonnabend immer schwächer. Er hat in der letzten Nacht in keinem Augenblick das Bewußtsein verloren, noch hat er phantasiert. Er antwortet kurz auf Fragen, die an ihn gerichtet werden. Sonntag früh um 8 Uhr verlor er das Bewußtsein.
New Park World veröffentlicht eine von dem ftüheren amerikanischen Botschafter in Berlin, Gerard, am Freitag abend abgesandte Mitteilung, nach der Gerard am Freitag einen Brief des Sekretärs Wilsons erhalten hat, der besagt, daß Wilson Mitglied des von Gerard gebildeten Komitees zu werden wünsche, das Gelder für deutsche Schriftsteller, Aerzte, Künstler und andere Intellektuelle aufbringen will. Gerard bezeichnet es als charakteristisch, daß der schwer leidende Wilson von seinem Krankenlager aus den Willen bekundet, Notleidenden zu helfen und Haß zum Verschwinden zu bringen.
Beisetzung neben dem unbekannten Soldaten.
Wie aus Washington gemeldet wird, hat Präsident Coolidge anläßlich des Todes Wilsons eine große Pro- klamation erlassen, in der er der Trauer des aniertta« Nischen Volkes Ausdruck gibt und die Verdienste Wilsons feiert. Coolidge hat angeordnet, daß zum Zeichen der Trauer alle Fahnen einen Monat lang auf Halb- m a st gesetzt werden. An der Leiche sollen nnlitarsiche Ehrenwachen aufgestellt werden und Wilson soll Washington ein Staatsbegräbnis bereitet werden. Die Ver» setzung soll unter großer Feierlichkeit auf dem .tirchyos Arlington neben dem unbekannten Soldaten erfolgen. Aus Anlaß des Todes des früheren Präsidenten Wilson hat die amerikanische Botschaft in Berlin die F agge auf halbmast gesetzt. Eine offizielle Kundgebung aus dieses Todesfalles kommt nicht in Frage, da Wilson nicht mehr aktives Oberhaupt der Vereinigten Staaten war. P o in car L und Clemenceau haben sofort nach dem Bekanntwerden vorn Tode Wilsons seiner Witwe ^erleus- telegramme übermittelt. Auch MacDonald hat ein sehr warm gehaltenes Telegramm an die Regierung der bereinigten Staaten gesandt.
»Ein nationaler Trauertag für Frankreich."
Die Pariser Presse kommt ücrt den Tod Wilsons wenig einheitlich. Während einige V.atter besonders rühmend die Rolle Wilsons für die Herbeiführung der Entscheidung im Weltkriege hervorheben, gedenken andere nur der Enttäuschung, die Frankreich bei der Ausarbeitung des ^sr- sailler Vertrages Wilson verdanken zu müssen glaubt. vic= toire dagegen schreibt, daß der Tod Wilsons für Frankreich ein nationaler Trauertag fei- Man sage allerdings, daß Wilson ein Jdeologe und hohler Träumer gewesen sei. -hart habe dies aber nicht gesagt, als im Jahre 191 < die französi
sche Front ins Wanken gekomnzen und Amerika zu Hilfe geeilt sei. Der Matin holt zu einem scharfen Hiebe auf Eng. land aus, inbem er erklärt, Wilson habe wenigstens seine ftüheren WSierten nicht verlästert und deutschen Kot zu. sanimengerafft, um ihn Frankreich ins Gesicht zu werfen. Sein Körper sei als Ruine, aber seineSeeleinSchön- heit gestorben. Einen gehässigen Nachruf dringt der Eclair. Er schreibt: Trotzdem er den Schmerz seiner Der- wandten achte, könne er es nicht unterlassen, das Schicksal zu verfluchen, das es dem kläglichsten allerIdeolo- gen, dem unfähigsten aller Politiker gestattete, das Weltgeschehen in einem Moment souverän zu regieren.
Nykow Nachfolger Lenins.
Die von der neugebildeten Zentralexekutive der Sowjetunion gewählte Unionregierung setzt sich wie folgt zusammen: Präsident des Rates der Volkskommissare: Rykow, Stellvertreter: Kamenew, gleichzeitig Vorsitzender des Rates der Arbeit und der Verteidigung, Z j u - rupa, gleichzeitig Vorsitzender der Planwirtschaftskommff- fion, ferner Orachelaschwili und Tschubar, Aeuße- res: Tschitscherin, Krieg: Trotzki, Außeichandel: Krassin, Verkehr: Rudsutak, Post: Smirnow, Inspektion: Kujbyschew, Arbeit: Schmidt, Lrnäh- Brjuchanow, Finanzen: Sokolnikow, Präsident des Obersten Volkswirtschaftsrates: Dfcherfchinski.
Rußlands Antwort an England.
Aus Moskau wird gemeldet: Die englische Rate an Rußland wurde Sonnabend nachmittag auf dem Sowjet- kongreß von Litwinow verlesen, und in dieser Sitzung wurde mit iSenu^tlSt^Ixn)^
Schritt eine der ersten Handlungen der ersten englische» Regierung fei, die von der arbeitenden Klasse erwählt worden sei. Weiter wird in dieser Entschließung erklärt: Angesichts der mit Gefahren neuer Weltkonflikte ge- ladenen Atmosphäre der internationalen Beziehungen, die mit Recht die, arbeitenden Klassen aller Länder in einem Alarmzustand erhalten müsse, lomme diesem Schritt der eng- lischen Arbeiterregiernug erhöhte Bedeutung zu. Die Zusammenarbeit mit dein englischen Volke werde nunmehr eine der ersten Sorgen der Regierung der ‘Bereinigten Sowjetrepublikn sein, die im Einklang mit ihrer bisher verfolgten Friedenspolitik alle erdenklichen Anstrengungen machen werde, um alle noch ungelösten Konflikts, fragen und Mißverständnisse zwischen den beiden Völkern zu beseitigen.
Der Briefwechsel Macdonald - Potmare.
Veröffentlichung des Wortlautes.
Der Briefwechsel zwischen MacDonald unb Poincarö anläßlich des Amtsantritts des englischen Premierministers ist nunmehr von Paris aus im Wortlaut veröffentlicht rooxdM,; In seinem Brief sagt MacDonald:
„Mein lieber Ministerpräsident!
Unsere beiden Länder haben Seite an Seite derartige Zeiten der Prüfung erlebt und haben zusammen für eine gemeinsame Sache derartige Opfer gebracht, daß ich bei Ueber-: nähme meines Amtes einen persönlichen Brief an Sie richte,! nicht nur, um Sie von dem Kabinettswechsel zu unterrichten, sondern auch, um Ihnen meine Grüße und meine besten Wünsche zu senden. Es ist mir peinlich, daß ich so viele Fragen u n g e l ö st v o r f i n d e, die uns Sorge I nungsverschiedenheiten geregelt werden können, und daß es meine tifgliche Aufgabe fein wird, zu einer Regelung zu unserem Vorteil beizutragen. Sie haben mit Syrer; öffentlichen Meinung zu rechnen, ich mit der meinigen. Sie i haben Ihre nationalen Interessen zu wahren und zu verteidigen und ich die meinen. Manchmal können sie im ersten; Augenblick im Widerstreit sein, aber ich bin dessen sicher,daß i hurch eine kräftige Anstrengung guten Willens derartige Mer- mungsverschiedenheiten geregelt werden können, und das es möglich ist, politische Mittel zu finden, die Frankreich und Großbritannien gestatten, eine herzliche Z usam men -, arbeit untereinander aufrechtzuerhalten. Wir können, offen miteinander se'n, ohne Feindseligkeit, und die Inter»! essen unserer Länder ohne Unfreuiidlichkeit vertreten. So wird die Entente viel nrehr sein als ein leeres Wort, und Frankreich und Großbritannien können zusammen gehen, um i den Frieden und die Sicherheit in Europa herzustellen."
Darauf antwortete Poincarö 11
unterm 28. Januar 1924 mit folgendem Briefe:
„Mein lieber Premierminister!
hin sehr gerührt von dein liebenswürdigen Brief den Sie mir geschrieben haben. Ich wünsche von ■ 'ganzem Herzen, daß der Erfolg Are Bemühungen zum- grössten Wohl Ihres Vaterlandes kröne. Ich bedauere gleich-