Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld
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Nr. 9 Dienstag den 22. Januar 1924
— Der englische Eisenbahner streik ist nach der Scheitern der Verhandlungen zum Ausbruch gekommen.
— Zwischen Paris und London findet eine ernst, Auseinandersetzung wegen der Regie-Blockade Maßnahmen gegen dieKölnerZone statt.
— Ein amerikanischer K r e u z e r ist vor Veracruz n ein Feuergefecht mit den mexikanischen Stuf, ständischen geraten.
Wandlungen im Mofotiomw.
Als noch die „Rote Fahne" ihr Wesen trieb, konnte man aus ihren Meldungen über die Vorgänge im russischen Sowjetparadies die Wahrheit, ungefähr wenigstens, ermitteln, indem man das Gegenteil der Meldungen als richtig annahm. Seitdem das Ermächtigungsgesetz diese Lügenquelle verschüttet hat, sind wir auf zerstreute, meist sich widersprechende Nachrichten angewiesen, die hie und da auftauchen, und aus denen nur das eine mit Bestimmtheit hervorgeht, daß die Telegraphenzensur in Rußland nach wie vor ihres Amtes waltet und nichts durchläßt, was das Bild der Re- gierungsherrlichkeit trüben könnte. Das hat indessen nicht verhindert, daß aus Trotzkis, durch ärztliche Atteste beglaubigter Krankheit Umsturzgerüchte entstanden. Dem Diktator und Nebenbuhler des als „gebessert" bezeichneten Lenins werden Umsturzgelüste nachgesagt: er habe die Besetzung des Kremls aufheben, den Privathandel unterdrücken und alle Ausländer ausweisen wollen. Das wäre ein Staatsstreich gewesen, der pariert sein soll durch das Oberhaupt der Tscheka Budjenny. Wie dem auch sei, der offizielle und offiziöse Draht schweigt sich darüber aus, ünv'wrr-kommen der MuhrlM 'kkMjl" imyrr, weim» mir w nehmen, daß die Gärung in der Sowjetpartei hervorgerufen ist durch den Wunsch, eine Beschränkung des das ganze Land beherrschenden Zentralkomitees herbeizufi'bren. Man möchte deren Diktatur verwässern, um endlich zu der nur auf dem Papier stehenden Diktatur des Proletariats zu gelangen, deren Existenz den deutschen Kommunisten vorgetäuscht wird. In Wirklichkeit hat diese Diktatur niemals bestanden; die Zügel der Regierung lagen in der Hand einiger weniger Gewaltmenschen, von denen jede Demokratie mit Füßen getreten wurde.
Als im Februar 1917 die russische Revolution begann, entwickelte sie sich wie die große französische vom Kon- stitutionalismus zum Radikalismus. Das Bürgertum wurde nicht mit einem Schlage zu Boden gestreckt, sondern aufgeknabbert, bis es auf den letzten Rest von der Bildfläche verschwand und der Kommunismus sich mit ülufljebung des staatlichen und privaten Eigentums nach allen Richtungen hin sich austoben konnte. Alles wurde sozialisiert und das Chaos in Vollendung geschaffen. Die „zeitweilige Regierung" der K e r e n s k i und ®en offen wurden in der Peter-Pauls-Feste untergebracht, und im November 1917 ging das Doppelgestirn Lenin-Trotzki über dem russischen Nachthimmel auf. Ein Jahr später, fast an demselben Monatstag, setzte die deutsche Revolution ein, die sich zu- -nächst radikal absurd gebärdete, die Spartakus-Bewegung überstehen mußte und nach einer Regierung der Volks- beauftragten allmählich über Weimar in ein bürgerliches Fahrwasser glitt, nachdem sie drei sozialdemokratische Reichskanzler über sich hatte ergehen müssen.
Schon in ihren Anfängen zeigte sich's, wie wenig Berührungspunkte zwischen der deutschen und der russischen Revolution vorhanden waren. Der weitaus größere Teil des deutschen Proletariats war dem Bolschewismus auch in feiner gemilderten Form des deutschen Kommunismus ab- qeneigt und wollte nichts von einer Diktatur des Proletariats wissen, geschreckt durch die unter ihr sich vollziehend^ wirt- schaftliche Niederlage des konsequent durchgeführten Marxismus in Rußland. So gewann die deutsche Revolution eine andere Physiognomie, als die Kommunisten sie ihr zu geben gedachten, obschon sie es an Termitenarbeit nicht fehlen ließen. Sie verschweigen ihren Anhängern ängstlich, welchen Verlauf die Dinge im Osten genommen haben, vor allem daß die Wirtschaftspolitik dort sich kapitalistisch um- gestellt hat unter dem Zwang der Verhältnisse. Es ist von Sozialisierung aller Erwerbszweige nicht mehr die Rede. Aus der seit dem 16. d. M. taaendeü Konferenz der Sowietumon in Moskau steht ein Wirtichaftsbündnis zwischen Stadt uni L^d im Vordergrund, unb wir erfahren, daß die im not. irrigen Herbst ausgetretene Absatzkrise ihren Krund m den die Kaufkraft des Bauern beeinträchtigenden Getrerdeuber gehabt hat, der den Absatz der Industrie-Erzeugnis verschlechterte Man beabsichtigt dieSchaffung eurer mcrt beständigen Valuta und den Ausbau einer Goldre
Mitte 1924 soll ein Silhergeld von bO-Kopekenstücken u
Umlauf gesetzt werden mit der auf dem Revers zu lesenden Devise „Proletarier aller Länder vereinigt euch", und wir werden diese Münze wohl auch durch die bolschewistischen Kanäle in deutsche Kommunistenhände geleitet, in Deutschland zu Gesicht bekommen. Als die wichtigste Aufgabe der Außenpolitik wurde die konsequente Ausgestaltung der Handesbilanz bezeichnet. An bigfer Bilanz haben alle Staaten ein Interesse; aus ihr nicht ausgeschaltet zu werden, ist das Ziel auch der Mächte, die sich bisher nicht zur de jure-Anerkennung der Sowjetregierung haben verstehen wollen. Aber an ihr, die de facto den Kommunismus alten Gepräges abzuschütteln bemüht ist, werden weitsichtige Politiker keinen Anstoß nehmen. Das gelegentliche Hervorholen der 3. kommunistischen Internationale ist eine Geste, um die Radikalen bei guter Laune zu halten, ein Eisen mehr im Feuer gegen die in den Sowjets selbst sich regende Opposition. Doch soll die Gefahr, die für andere Staaten, namentlich für Deutschland, in dieser latenten Agitation liegt, nicht unterschätzt werden. Die deutsche Mehrheitssozialdemokratie hat viele ihrer aus der Partei der Unabhängigen hervorgegangenen Genossen an die Kommunistische Partei abgeben müssen, und diese ist eifrig dabei, die langsam verglimmende Revolutionsstimmung bei den Reichstagsneuwahlen zu Hellen Flammen anzublasen.
Wir dürfen nicht hoffen, daß die Bolschewisten dem Radikalismus in Deutschland die Temporalien sperren und damit ihren Standpunkt verleugnen werden. Sie werden wie bisher die Politik mit dem doppelten Boden treiben, nach außen jede Unterstützung staatsfeindlicher Umtriebe in allen Staaten abstreiten und doch unter der Hand die Zersetzung der unteren Bevölkerungsschichten mit allen Mitteln begünstigen. Keine Regierung, besonders die deutsche nicht, darf dieser Schwächung ihrer Autorität ruhig zuschen, und jede muß darauf bedacht sein, den ^mpf gegen den Kom- miimw wm cfttfqr^PWi^^en^ im er- nationale Verträge gegen ' den staatsfeindlichen Internationalismus. Leider scheint die Zeit dafür noch nicht angebrochen zu sein, aber die Neuwahlen im Reich werden sich unter diesem Zeichen zu vollziehen haben. H. P.
Wirtschaftskrieg der Regie gegen die Kölner Zone.
Wie aus Köln gemeldet wird, hat die französische Regie den britischen Behörden einen förmliche« Krieg erklärt durch Berhängung einer Blockade gegen alle Einfuhr, ausgenommen Lebensrnittel und Militärtransporte. Dies stelle eine.unverhohlene Anstrengung dar, den Handel und die Industrie auszu- hungern, damit sich Widerstand gegen die feste britische Haltung bezüglich der Verwaltung der Eisenbahn erhebe. Die Frage entstehe jetzt, ob britische Kohle noch länger nach der französischen und der belgischen Zone gesandt werden solle, solange diese Blockade andauere. Der englische Botschafter in Paris, Lord Crewe, hat bereits den Auftrag erhalten, bei Poincars einen Schritt zu unternehmen, der sich auf die von der französisch-belgischen Regie getroffenen An- ordnungen gegen die Kölner Zone bezieht.
Der diplomatische Berichterstatter des Observer schreibt zur Blockade der britischen Rheinzone durch die französische Eisenbahnregie, die schon seit einiger Zeit bestehende Spannung zwischen den Franzosen und den englischen Behörden im Rheinland habe sich jetzt durch das Versagen jeglichen Entgegenkommens seitens der französischen Regie verschlimmert. Die Haltung der Franzosen sei hervorgerufen worden durch die feste Weigerung Lord Kilmarnocks, den französischen Behörden zu gestatten, die britische Zone als Werkzeug zur Zerstückelung Deutschlands zu benutzen. Der Widerstand Lord Kilmarnocks gegenüber dem französischen Versuch, die Mission des Generalkonsuls Clive in der Pfalz zu verhindern, habe erneut die Entschlossenheit der britischen Regierung bewiesen, nicht an dem vollkommen ungesetzlichen Versuch der Errichtung einer autonomen Regierung teilzunehmen. Daher die offenbare Feindschaft der französischen Behörden gegen die britische Zone. persönliche Berichierftalüntg Mives m London.
Nach einer Havas-Meldung aus Koblenz ist der britische Generalkonsul Clive car Berichterstattung nach London abgereist. Der biplo.. .. .Am Berichterstatter des Daily Sde« grapy schreibt: Clivec Bericht über seinen Besuch in der Pfalz werde offenbaren, d^ . der britische Generalkonsul keineswegs den Eindruck gewonnen habe, daß «die separatistische Bewegung in der Pfalz eine spontane und eine starke fei. übrigen werde die britische Regierung d'e Ansichten des britischen Generalkonsuls wohl kaum der Oesseict- li$feit vorenthalten. _ x
Eine GEmittiarde zur endgültigen Mark-Stabilisierung?
Ueber die offiziösen Verhandlungen zwischen den Mitgliedern des Sachverständigenkomitees will „Chicago Tribune" erfahren haben, daß die Sachverständigen als Grundlage die sogenannten technischen Studien der Belgier benutzen, die bekanntlich seinerzeit einem Unter- ausschuß der Reparationskommission zugewiesen worden sind. Es habe sich nun herausgestellt, daß angesichts der völligen Veränderung der Währungsverhältnisse in Deutschland die belgischen Vorschläge einer umfassenden Revision bedürften. General Dawes sei, wie verlautet, für die Fortsetzung der Arbeiten in Berlin in einem möglichst nahen Zeitpunkt; das würde eine Revision der belgischen Pläne fördern.
Das Sachverständigenkomilee soll dem Blatte zufolge weiter der Auffassung sein, dass eine Aus- landsanleihe, und zwar in Höhe von einer Milliarde Goldmark genügen werde, die deutsche Währung endgültig zu stabilisieren.
Nach Ansicht der amerikanischen Sachverständigen schreiten, wie die „Chicago Tribune" zum Schlüsse erklärt, die Arbeiten zu langsam fort. Nach einer Meldung des „New Pork Herald" wird vielfach erwartet, daß die
Besprechungen mit Dr. Schacht
zu der Frage führen werden, wieweit das Sachverständigenkomitee in der Aufstellung seines künftigen Arbeitsprogramms gehen könnte. Poincare habe keinen Zweifel darüber gelassen, daß er den französischen Sachver- ständigen gewisse Instruktionen erteilt habe. Im Gegensatz zu den Amerikanern seien also die französi- schen Sachverständigen nicht unabhängig von i h r e r R e g i e r u n g.
In einer längeren Rede vor den in Berlin anwesenden ausländischen Pressevertretern führte Dr. Stresemann am Sonnabend u. a. folgendes aus: „Ich verate wohl kein Geheimnis, wenn ich sage, daß die französische und die belgische Antwort auf die von uns angeschnittenen technischen Fragen tfns manche Enttäuschung bereitet haben. Gleichwohl halten wir an der Hoffnung fest, daß die Fort- setzung der im Gange befindlichen Diskussion doch noch zu einem Ergebnis führen kann. Die Politik des Gene- r a l s d e Metz hat die treudeutsche Bevölkerung der Pfalz der Herrschaft einer separatistischen Räuber« bände ausgeliefert, deren Treiben eine
europäische Kulturschande bedeutet. Das Ergebnis der interalliierten Enquete, auf die sich der französische Herr Mnisterpräsident in seiner Kammerrede bezogen hat, dürfte auch ihm nunmehr vorliegen. Ich kann es mir daher ersparen, hier auf das erdrückende Beweismaterial einzugehen, das in allen Punkten zugunsten der deutschen Sache spricht. Die Rede des französischen Ministerpräsidenten stellt es als den A n g e l p u n k t der französischen Politik gegen Deutschland hin,'daß Deutschland ohne Fest Haltung des Pfandes an Rhein und Ruhr zu keinerlei Reparationsleistung zu bewegen sei. Das Gegenteil ist der Fall! Solange die deutsche Wirtschaftseinheit nicht wieder her gestellt ist, ist auch eine deutsche Reparationsfähig- keit nicht gegeben. Ich komme damit auf den Grund- gedanken der deutschen Politik zurück, der tein anderer fein kann, als in den uns vom Versailler Vertrag belassenen Grenzen die deutsche Souveränität ungeschmälert zu er- halten. Würde dieser Grundgedanke verlassen, so wäre die Folge nicht nur die weitere Zerstörung Deutschlands, sondern zwangsläufig auch eine schwere Zerrüttung des französischen Wirtschaftslebens."
Der englischeEisenbaylmiireik ausgebrochen.
Zwei Wochen Dauer?
Nach einer amtlichen Meldungaus London ist der Eisenbahnerstreik in England Sonntag um Mit- t lacht ausgebrochen, nachdem die letzten Verhandlungen ergebnislos verlaufen sind.
Laut „Daily Chronicle" werden fast 60 000 Eisenbahner unmittelbar davon berührt. Der Vorsitzende des streikenden Verbandes erklärte in einer Rede, der Ausstand werde uieI- e i ch t «ei Wochen dauern. Westminster Gazette zu- folge : offiziell mitgeteilt, daß in zahlreichen Bezirken bie Mitglu... des Nationalverbandes der Eisenbahner ihrer Ab- sicht Ausdruck verliehen hätten, die Arbeit einzustellen, tatsächlich haben sie sich mit wenigen Ausnahmen den ausständigen Mitgliedern des Lokomotivführer-Verbandes während der Nacht noch nicht angeschlossen. Die Blätter tadeln im allgemeinen ohne Unterschied der Parte« den Streik.
Die ersten Nachrichten aus der Provinz besagen, daß vor Dem Zentrum Doncaster keine Züge a b g e h e n. Ir Brighton sind die Lokomotivführro ebenfalls ausständig. Ir Eardiff beträgt die Zahl der Streift« :n 3000. Bisher laufex