Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis HerSfeld
Erscheint Dienstag, Donnerstag und Sonnabend. Der Bezugspreis beträgt monatlich I.— Goldmark. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Petitzelle oder deren Raum 10 Pf« , für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Vts, Retlamezeile 50 Via. / / Druck u. Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei in HerSfeld,
Mitglied des Vereins Deutscher ZeitungS-Verleger. / / Für Sie Gchrtftleitung verantwortlich Franz Funk in HerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.
Nr. S
Sonnabend den 19. Januar
1954
— Der englische Generalkonsul C l i v e hat sich auf Grund seiner Feststellungen in der Pfalz gegen die sogenannte „autonome Regierung" ausgesprochen.
— Reichsbankpräsident Dr. Schacht ist am Donnerstag abend nach Paris abgereist.
— Die Revision im Düsseldorfer Schupoprozetz ist verworfen worden.
—
Wochenrückblick.
Indessen die Aufregung des Gemeindewahlkampfs in Sachsen noch nachzitterte, stellte der Ministerpräsident H e l d t dem Landtag sein Koalitonskabinett vor als erstes K a b i. nett d e r M i t t e, das im Freistaat Sachsen gebildet wurde. Er versicherte, die Regierung werde pflichtgemäß nach den gesetzlichen Bestimmungen verfahren, falls ein Volksbegehren Auflösung und Neuwahlen in Szene setzen wolle. Dies Damoklesschwert schwebt allerdings noch immer über dem Landtag, und so klang auch die Rede ziemlich kleinlaut, enthielt sich aller Angriffe auf die Reichsregierung und gab der Hoffnung Ausdruck, daß wenigstens die Härten des Ausnahmezustandes auf ein Mindestmaß herabgedrückt werden würden. Das sind u n g e w o h n t e T ö n e , die, früher angeschlagen, mehr Eindruck gemacht hätten. Jetzt sind sie als Folge des geglückten Bändigungsversuchs und als dessen Berechtigung zu werten.
Dem sächsischen Radikalismus ist der Daumen aufs Auge gedrückt worden; das gleiche ist der Thüringischen Staatsregierur^g zugestoßen, die in ihrer Zusammen- setzung nicht den Vorschriften ihrer Landesverfassung entspricht. Sie will das zwar nicht Wort V*^K-w cmb tsibt daß ihre Mitgliederzahl der Verfassung nicht ganz genüge, trotzdem hat sie es nicht auf die Einsetzung eines Reichskommissars ankommen lassen, sondern hat sich zum Erlaß folgender Maßregeln bequemt. Erstens zur Bildung eines Aus- schusses, dem die Oberaufsicht über das staatliche (jetzt be- kanntlich kriminell anrüchige) Beförderungs- und Entlassungs- wesen obliegt. Die Aufsichtsbehörde besteht aus je zwei Bürgerlichen und Sozialdemokraten unter der Oberleitung des Präsidenten des Oberlandesgerichts in Jena. Zweitens unterwirft die thüringische Regierung ihr Land der Reichsfinanz- kontrolle. Wie notwendig das an Exekutive streifende Vorgehen des Reichskabinetts war, wird sich bei der Erledigung der wegen qualifizierter, von Beamten begangenen Urkundenfälschungen erhobenen Anklagen herausstellen.
Der pfälzische Separatistenrummel mit seinem blutigen Ausgang in Speyer hat die in den letzten Zügen liegende Regierung Baldwins aus ihrer Lethargie aufgeschreckt und zur Entsendung des englischen Generalkonsuls C l i v e veranlaßt. Er soll Bericht erstatten, nachdem er sich mit eigenen Augen über die wahre Sachlage unterrichtet hat. Darin liegt ganz unverhohlen ein Mißtrauen gegen die aus französischen Quellen stammenden Darstellungen, und was bis jetzt über das Untersuchungsergebnis bekannt. geworden ist, bedeutet eine unschätzbare Unterstützung der Schilderung, die der Unterstaatssekretär Mae Neill von dem Verhalten der Franzosen in der Pfalz und der dabei von. der britischen Regierung beobachtetenPolitik gemacht hat. Die seist zu dem Schluß gelangt, daß die separatistische Bewegung jetzt nicht spontan sei und zusammenbrechen werde, wenn sie sich selb st überlassen bleibe. Das zielt auf Frankreich und seine Regierung, der bei dieser Gelegenheit gesagt wird, sie hätte aus Gründen, die die britische Regierung nicht verstehe und die töricht seien, gegen die Entsendung Elives CG- wände erhoben. Zu anderen Zeiten würde Poincare gegen diese Bemerkung und Handlungsweise als eine uufteund- liche Handlung protestiert haben, heute hat er sich mit dem Gegenzug begnügt, eine französische Offiziersmission in das von englischen Truppen besetzte kölnische Gebiet zu senden, was von der Londoner Presse mit beißendem Hohn als eine Verstärkung der französischen Spionage glossiert wird.
PoincarL hat größere Sorgen. Ganz unerwartet hat die Belgrader Konferenz mit einem Fehlschlag für keine Einkreisungspolttik geendet. Richt nur hat sich die Kluft zwischen Polen und der Tschechochslowakei nicht geschlossen, sondern mich die Jugoslawen und Rumänen waren, so gern sie den ftanzösischen Frank trotz seiner Minderwertig keit in ihre Tasche gleiten lassen, nicht für ein militärisch gefärbtes Bündnis mit Frankreich zu haben. Dagegen schafften Jugoslawien und Italien den AdriakÄchfnkt aus der Welt durch die Abtretung Fiumes an Italien und bekräftigten diesen Akt durch eine weitere politische, r; i 111ü ■ r i sche un d wirts chaftttche Annäherung, die einen Bündnischarakter trägt. Offiziell ist der Bestand der Kleinen Entente unangetastet, nur hat der serbo-kroatische Staat nun
mehr zwei Eisen im Feuer und ist von dem einseitigen Va- sallenverhältnis zu Frankreich befreit. Da inzwischen auch Venizelos und seine Regierung, wie es heißt, von England de jure anerkannt worden ist, hat die Physiognomie des Balkans einen Ausdruck erhalten, der den Machthabern an der Seine wenig gefallen wird- Allerdings stellt sich ihre Presse so an, als nähme sie die Verschiebungen im Südosten auf die leichte Schulter, und auch Herr L o u ch e u r spielt in einem vom „Observer" in der „Revue de Paris" angekündeten Artikel den Optimisten, indem er die Lösung der Re- parationsfrage als leicht möglich hinstellt, falls sich England und Frankreich auf folgender Grundlage einigen: Bezahlung der Reparationssumme für die in Frankreich und Belgien verwüsteten Gebiete, vollständige Streichung der interalliierten Schulden, ausgenommen die an Amerika; Belastung Deutschlands mit den von Amerika beanspruchten Beträgen. Eine Sicherheit für diese Summe erblickt der große Finanz- mann, man höre und staune, in dem Niederbruch des deutschen passiven Widerstandes, der Frankreich Trümpfe in die Hand gegeben habe. Teils sind jedoch diese Vorschläge olle,, längst beiseite geworfene Kamellen, teils denkt die Welt über die finanzielle Wirkung des Ruhrsieges anders als Herr Loucheur, dessen Presse jede bestellte Arbeit liefert. Zur rechten Zeit hat die „Humanite" die Maske der Unabhängigkeit abgerissen und ihre Käuflichkeit aktenmäßig nachgewiesen, und zwar dermaßen, daß der darein verwickelte Poincare die Interpellation über diese Enthüllung in der Kammer hinter alle anderen Interpellationen setzen ließ, was einer Vertagung ad calendas graecas gleichkommt. Gegen Bestechungsaffä- ren ist das Pariser Publikum abgebrüht und verhilst selbst einem Panamisten wie Elemenceau zu politischer Geltung, allein der moralische Kredit eines Landes wird dadurch nicht gehoben im Auslande, wo man seit der Ruhrbesetzung trotz aller ftanzösischen Preßma-e sich ein eigenes Urteil
Aive gegen die „Autonome Regierung".
Umfangreiche Berichterstattung an Kilmar- nock. — DasErgebnisderUntersuchungen. — Ber- richtendes Urteil des pfälzischen Volkes.
Der Sonderberichterstatter des Daily Telegraph in Speyer drahtet, Generalkonsul Clive habe ihm mitgeteilt, dass seine Untersuchung der Lage in der Pfalz zu Ende gehe, und daß er sich dann nach Koblenz be- geben werde, um Lord Kklrnarnock Bericht zu er st alten; er hoffe, am Sonntag nach München zu- rückkehren zu können. In G e r m e r s h e i m und L a n d a u habe Clive nicht weniger als 37 Reden angehört, auch in Neustadt und Kaiserslautern sei er über die Lage ausführlich informiert worden. Es könne gesagt werde«, daß seine Untersuchung
eine allgemeine Ab ehnung
der sogenannten „Autonomen Regierung" ergeben habe. Die Geistlichkeit, die Industriellen, die Landbesitzer und die Bürgerschaft hatten nicht gezögert, sich darüber frei vor Clive auszusprechen. Gleichzeitig aber habe der britische Generalkonsul bemerkt, daß es unzufriedene Elemente in der Pfalz gebe. Eine Lage sei dort entstanden, die nicht fortdauern könne. Es sei jedoch nicht seine Sache, Anempfehlungen zu machen, er habe nur die Tatsache», die er festgestellt habe, zu unterbreiten. Sein
Bericht werde sehr umfsngkeich sein. Nicht nur Clive selbst habe sich Notizen gemacht, auch seine Sekretäre hätten eifrig Erklärungen nieder- geschrieben, die von Männern und Frauen aus allen Teilen des Volkes der Pfalz abgegeben worden seien. Und das Hauptergebnis sei, soweit man sehen könne, daß die sogenannte „Autonome N e g i e r u n g" nicht daraus hoffen k ö n n e, sortzudauern.
Triumphzug des englischen Beauftragten.
Rohe» Einschreiten der französischen
G e n d a r m i e r i e.
In Erwartung des englischen Generalkonsuls hatte sich vor dem Rathaufe in S p e y e r eine große Menschenmenge angesammelt, um dem G e ne ra l k o n s u l Huldigungen darzub ringen. Sie wurde von französischer Gendar- merie bis zur Hauptstraße zurückgetrieben. Während der "Anwesenheit des britischen Generalkonsuls hasten die separa- tistischen Wachposten in Speyer ihre Wessen abgelegt. Am nächsten Tage erschienen sie jedoch wieder in voller Bewaffnung.
In Kaiserslautern war die ganze Bevölkerung aus den Beinen, um den englischen Generalkonsul Clive als
Reiher aus d er s ch weren N ot, die durch den separa- tistischen Terror und die Haltung der Besatzungsbehörden über die ganze Pfalz gekommen ist, zu begrüßen. Die fran- zösische Gendarmerie schritt gegen die Masse ein und schlug auf sie los. Zwei Personen wurden dabei erheb- l i ch verletzt.
♦
Offensichtlich haben die ftanzösischen Bezirksdelegierten von General de Metz Weisung erhalten, die Landbürger- meisterzurAbgabevonBeileidskundgebun- gen für den erschossenen Landesverräter Heinz-Orbis zu veranlassen. Derartige Aufforderungen richteten bisher an die Gemeinden ihrer Bezirke der ftanzösische Bezirksdelegierte in Bergzabern Fabre und der ftanzösische Bezirksdelegierte in Kirchheimbolanden Morel.
Die blamierten Franzosen.
Wie Havas aus Düsseldorf meldet, ist der französische Oberstleutnant Richieu, der in der englischen Besatzungs- zone „Untersuchungen" über das Treiben der rheinischen Nationalisten und Antiseparatisten anstellen wollte, mit seinem Begleiter Mallot ergebnislos nach Koblenz zurückgekehrt. Havas führt das Scheitern der Mission darauf zurück, daß den deutschen Behörden Tag und Stunde der Untersuchung bekanntgeworden sei und daß sie somit Gelegenheit gehabt hätten, „kompromittierende Dokumente" rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.
Die Revision im Schupo-Prozeß verworfen.
Das französische Revisionsgericht in Mainz hat die Revision hn Düsseldorfer Schnpo-Prozest nach kurzer Verhandlung unter Bejahung seiner Zuständigkeit verworfen.
*
Aus der Revisionsverhandlung seien die folgenden Ein- «iiüfa&^^ die . AllfMMgrpkk'% ftcMMftfüM Kriegsgerichtes hauptsächlich damit, daß die Handlung der Schutzpolizei am 80. September 1923 nur eine Fortsetzung der ständig widerspenstigen Haltung der Polizei gegenüber der französischen Besetzungsbe- - hörde sei. die General Degoutte gezwungen habe, die ganze Schutzvolizei aus dem Ruhrgebiet auszuweisen (!). Die Tatsache, daß die Schutzpolizei entgegen einem französischen Befehl aus ihren Quartieren ausgerückt sei, rechtfertige schon allein Me Zuständigkeit, denn ohne das Verlassen der Kaserne wäre es an jenem Tage, nach französischer Auffassung zu keinem Zrvischenfall gekommen. In dem Urteil wurden im wesentlichen «e Argumente des Anklagevertreters wiederholt. — Mt einigen Worten wurde die von Regierungspräsident Grützner, der in Abwesenheit zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, durch ein Telegramm eingelegte Revision erwähnt, die nach dem französischen Strafrecht unbeachtlich sei, da ein wegen eines Verbrechens in Abwesenheit Verurteilter nur, wenn er sich freiwillig stellt, Revision einlegen könne.
poincare erhatt ein Vsrirauensvoium.
Zur Begründung der in der Kammersitzung vom Don- nerstag eingebrachien Steuergesetze ergriff Poincare dar Wort. Er erklärte u. a.: Deutschland habe ein Moral o r i u m für mehrere Jahre verlangt- Deshalb wären bte Lasten Frankreichs gestiegen (!). Die Hilfsquelle Frankreichs wären ungeheuer, und da er nicht daran denke, sie durch politische Abenteuer zu kompromittieren (!), da es aufrichtig pazifistisch und sehr arbeitsam sei (1), müsse sich seine Lage verbessern. Poincare wies noch auf die günstige HandeIsbilanz. hin und auf die Tatsache, daß man den Banknoteu.um.iauf um l Milliarde 800 Millionen verringert habe. Die Kammer müsse, wenn sie spätestens im Monat Mai vor die Wähler trete, dies mit einem
stabilisierten Frank und mit der niedergekampften Lebensteuerung tun können. Die Regierung werde auch Maßnahmen g e g e n d i e Steuerhinterziehungen treffen. Bei der Abstimmung über die Verschiebung der Interpellation B o u y s s o u an das Ende der Sitzung erhielt das Kabinett Poincare, der, wie angekündigt, die Ve r t ra u e n s - frage gestellt hatte, ein Vertrauensvotum von 3 94 gegen 180 Stimmen.
Oeutfchnaüonaler Antrag auf Auslösung des Reichstags.
Im Rainen der beutfdjnationalen Reichstagsfraition hat der Fraktionsvorsitzende Hergt einen Antrag auf Auslösung des Reichstags eingebracht, in bem es u. a. heißt: Es liegt kein Aylaß vor, die Neuwahl für ben ausgeschalteten, überalterten, der Stimmung im Volks nicht mehr entsprechenden Reichstag weiter auszuschiebeu. Die Vornahme der Neuwahl muß im Gegeuteil früher als vor dem nach der Reichs- verfassung zulässigen FälltKeitskerÜssn .erfolgen. Der m i I i - t arische A usnähme zIr statt: b ist zum Schutze der Wahlen — bei vollster Sicherung der Wahlfreiheit für alle