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Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld

Erscheint Dienstag, Donnerstag und Gonnadeab. Der Bezugspreis beträgt monatlich 1 - Golömart. / / Anzeigenpreis für die einspaltige Betitzeile ober deren Raum 10 ist, für amtliche und auswärtige Anzeigen 15 Mg, Reklamezeile 50 Pfg. / / Druck u. Verlag von Ludwig Fants Buchdruckerei in Hersfeld,

Mitglied des Vereins Deutscher ZeltuagS-Derleger. / / Für die Schriftleitung verantwortlich Franz 3unT in HerSfeld. / / Fernsprecher Nr. 8.

Donnerstag den 17. Januar

1924

Der Reichskanzler hat dem bayerischen Gesandten v. Preger ein Antwortschreiben auf die bayerische Versassungsdenkschrift überreicht.

Währungskommissar Dr. Schacht ist vom Sachver­ständigenausschuß nach Paris berufen worden.

In Verfolg der politischen Verhaftung in Berlin ist ein in allen Einzelheiten ausgearbeiteter Attentats­plan gegen General v. S e e ck t aufgedeckt worden.

Zwischen Trotzki und der kommunistischen Zen­trale sind ernste Differenzen zum Ausbruch gekommen.

Die Regierung Venizelos ist durch England offiziell anerkannt worden.

Der Simz des französischen Frank.

Vom europäischen Währungschaos ist keine Währung vollkommen verschont geblieben. Nur der jeweilige Beginn eines stärkeren Zerfalls der Valuta ist verschieden. Nachdem der russische Rubel, die polnische Mark, die österreichische Krone, die Tschechenkrone, die ungarische Krone, mehrere Kleinvaluten und die italienische Lire ins Schwanken und Fallen gekommen waren, begann jetzt der französische Frank stärker zu zerbröckeln. Das englische Pfund, das in letzter Zeit ebenfalls zur Schwäche neigt, ist bisher etwas iso­liert geblieben und die sinkende Tendenz für dieses Zahlungs- mittel hat eher ihren Grund in erwarteten innerpolitischen und innerwirtschaftlichen Veränderungen, die durch die Ar­beiterpartei herbeigeführt werden sollen. Deren logische Folge ist eine Umwandlung von ausländischen Pfundguthaben in Dollarguthaben, und schon dieser Umwandlungsprozeß allein drückt auf den Pfundkurs. ber-November vorigen Jahres stärkere Formen angenommen hat, ist in erster Linie eine Folge der französischen Raubpolitik. Besonders deutlich zeigte sich dies, als mit dem Beginn der Ruhrbesetzung, von der Poincare ein Steigen des Frank erhoffte, der Frank ganz wesentlich im Kurse fiel und dann das ganze Jahr hindurch zwar in unter­brochenem, aber nicht aufzuhaltendem Sinken sich bewegte. Als gegen Ende des Jahres immer offenbarer wurde, welche Berlustwirtschaft Frankreich im Ruhrgebiet treibt, und man sich ungefähr errechnen konnte, welchen Zu­schuß allein der Betrieb der Regiebahnen erforderte, da be­gann die Bankwelt des Kontinents und Amerikas, allerdings auch im Zusammenhang mit politischen Schwankungen, den Kurs d^s Frank ständig Herabzuseßen. Der Eindruck der internationalen Finanzwelt ging dahin, daß Frankreich, das hohe Rüstungskredite an die befreundeten Länder der Kleinen Entente gab, für eigene Rüstungen und Spionage ebenfalls Summen in einem für ein kapitalschwaches Land hohem Aus­maß herauswarf, seinenFrankverpflichtungen nur noch dadurch nachkommen konnte, daß es die Notenpresse nach be­kannten Mustern schneller rotieren ließ. Für Frankreich kommt im Gegensatz zu Deutschland hinzu, daß die Zahl der Rentenempfänger und mit SMatspapieren Geseg­neten wesentlich größer ist als im Deutschen Reich, und daß die Steu er kra ft beinahe in d e m Maße er­lahmen muß, in dem das E i n k o m m e n der kleinen Rentner d ahi n s ch w i n d et. Wenn auch die Gruben in'den ehemals zerstörten Gebieten wiederhergestellt sind und die Schornsteine dort wieder rauchen, so darf man -rotzdem die Größe und Leistungsfähigkeit der französischen Industrie nicht allzu hoch als Aktivposten für die Währung ein «setzen. Die wirtschaftliche Struktur Frankreichs ist derart, daß das Wirtschaftsleben unserer westlichen Nachbarn auch von einer verhältnismäßig leichteren Frankentwerlung in no-h stärke­rem Maße erschüttert werden kann als das deutsche. Und deswegen sind die Gefahren, die selbst ein beginnender Frank- zerfall mit sich bringt, wohl stärker, als sie für Deutschland zu einer Zeit waren, da die Mark sich im selben Entwertunos» stadium befand.

Zur Illustration der Frankabschwächung darf man nicht allein den Berliner Devisenkurs für die Auszahlung Paris, der am 2. Januar noch mit 217 Milliarden festgesetzt wurde und bis zum 15. Januar bereits auf ISO Milliarden für den Frank gesunken war, heranziehen. Denn würde der Berliner Devisenkurs im freien Spiel von Nachfrage unÄ vorhandenein Material festgesetzt und so auch spekulativen Schwankung: n unterlegen sein, so ist wohl anzunehmen, daß er im An : - blick wesentlich niedriger läge. Die von Frankreich m?rbr< teten Gerüchte, daß in erster Linie d'e deutsche Bankweit a n Franksturz interessiert sei und ihn inszeniere, fallen in b i zusammen, wenn man in Betracht zieht, daß. w'e verlautet, die Reichsbank so uel Material au . 1

und das ist bei der schwachen Simmung für b'i durchaus möglich, daß sie d e n F r a n k i n B e r l i n o h r. -

weiteres wesentlich werfen könnte, dies aber schon aus eigenem Interesse, um spekulative Möglichkeiten auszu- schalten, nicht tut. Ein besseres und objektiveres Spiegel­bild der Frankbewegung gibt die Betrachtung des Wechsels London Paris. In der Mitte der ersten Januarwoche stellte sich dieser Wechsel auf 87 Frank pro englisches Pfund. In den letzten Tagen bemächtigte sich die internationale Spe­kulation mehr und mehr dieses Wechsels und trieb ihn bis über die 90-Frank-Grenze zum Pfund. Wenn letztens ein ge­wisser Stillstand in die Bewegung kam, so liegt das einmal offenbar an französischen Stützungsmanövern. Andererseits aber spielt auch die Tatsache eine Rolle, daß die französische Regierung eine Beschlagnahme der ausländischen Effekten angedroht hat, wovon die Folge war, daß die französischen Effektenbesitzer diese Ware zum Verkauf an den verschiedenen Börsen aufgaben, um sie in Franken umzuwandeln, wodurch eine stärkere Nachfrage nach Franken entstand. In Devisen wird der französische Effektenbesitzer seine Papiere deswegen nicht umwandeln, weil dann die abermalige Möglichkeit einer Beschlagnahme der für ausländische Effekten nach Frankreich fließenden ausländischen Zahlungsmittel gegeben ist.

So hat es den Anschein, als wenn auch in Frankreich die Periode des Sachwerteerwerbs und der Sucht nach Wert­beständigkeit anbricht. Denn das wird die erste Folge von Drohungen und Angstmaßnahn en zur Sanierung kein, daß Me Flucht aus dem Franken in die 'Sachwerte be- zinnt. Wie stark im übrigen schon die Wirkungen des Frank­kurzes auf die innerwirtschaftlichen Verhältnisse Frankreichs lind, wird dadurch illustriert, daß kürzlich eine Notierung von Warenpreisen an der Pariser Börse in Franken nicht vor- zeno innren wurde, offenbar um die Teuerung, die der Frank- sturz bringt, nicht allzu kraß vor Augen zu führen. Aehnlich wie in Deutschland gehen auch dort drüben schon Verkaufs- organisationen bei der Preisberechnung ihrer Ware zu ausländischen Währungen über.

Wenn auch als erstes Gemhl sich in deutschen Herzen W« me WWWMWWWWMtb es u^) sanw-MMN vorn Franksturz vorerst viel zu versprechen. Die einzige Hoffnung kann dahin gehen, daß in dem Maße, in dem der Frank stürzt, die augenblickliche Politik in Frankreich an Boden ver- siert, und daß auf diesem Wege möglicherweise für Deutsch­

land Erleichterungen zu erwarten sind.

A. Ltg.

Der WevtsiMst Wen Seeckt.

Am Dienstag nachmittg ist, wie bereits kurz gemeldet, in einem CafS am Potsdamer Platz in Berlin eine Person verhaftet worden, die unter dein dringenden Verdacht steht, ün Attentat gegen den General v. Seeckt angestiftet und in »llen Einzelheiten Dort« reitet zu haben. Es handelt sich um ven 1881 geborenen Alexander T h o r m a n n. Der Verhaftete ist nicht identisch mit dem Mitverschworenen Thor- mann in Sachen des Rathenau-Mordes, wohl aber ist er e i n Verwan dter dieses Mannes. Zurzeit finden mehrere Durchsuchungen von Wohnungen solcher Personen statt, die in Verdacht stehen, um diese jüngsten Attentatspläne gewußt zu haben. *

Ueber den Attentatsplan meldet derBerliner Lokal- Anzeiger" im einzelnen: Vor einigen Tagen kam Thormann nach Berlin und stieg in einem Hospiz in der Nähe des An- Halter Bahnhofes ab. Am nächsten Tag behob er sich in das Bureau der Deutschvölkischen Freiheitspartei uro verlangte von einem dort anwesenden Herrn die A d r e f s e eines Herrn D. Thermen erhielt diese Adresse und begab sich nun am verv an reuen Sm ^nd zu A Er legi­timierte sich ihm gegenüber und ernte u. «. auch einen Aus­weis des Wiking-Bundes, der bekanntlich dem Kapitän Ehr- hardt nahesteht.

Im Laufe der Unterhaltung erkinric er dann, er sei mit bet Absicht nach Berlin g-tommcn, ^rrn t on Seeckt zuerledigen".

Thormann bat, ihm eineng e e i g n e t e n a n n* zu nennen, der das Attentat ausführen sollte, m b bem VemertSu, die Sache müsse binnen zwei Tagen erledigt ein. Unmittel­bar nach dieser ersten Unterredung fuhr Herr D. ins Reichsministerium des Innern zu Oberst Kuenzer, dem Reichskomo r für die öffentliche Sicher­heit, und teilte diesem den W.. -'plan mit., Oberst Kuenzer, dem vor allen Dingen daran bw auch die Hintermänner Th- mans zu fassen, beauftragte D..

zum Schein auf alles einzilgehs«, auch den verlangten Helfer zu stellen und alle Eiinelhoueu mU Thormann festzulegen. Am Sonntag erschien Thormann w o verabredet, pünktlich in der Wohnung des verrn D und bn . soll ihm als der Mann, der die Ermüdung des Geoorols v. Seeckt auszuführen bereit sei, ein Herr £ . enr frnhrrer

Plan entwickelt. Er hatte in Erfahrung a:orächt, d g b;;

General jeden Morgen, bevor er sich zum Dienst begibt, in einem in der Dendlerstraße neben dem Reichswehrministerium gelegenen Tattersall zu reiten pflegt.

Hier sollte der Mord geschehen.

E. sollte, wenn General v. Seeckt auf der Bahn erschien, dicht an ihm vorbeireiten und aus unmittelbarer Nähe die tödlichen Schüsse auf den General ab­feuern.

Es ivurdc schliesslich verabredet, dass man sich am . Montag früh noch einmal treffen und dann n a ch Vollendung der Tat um 11 Uhr Montag vormittags imCafsJösty Wiedersehen wollte.

Um Thormamr ganz in Sicherheit zu wiegen, wurde Herr C. für die Begegnung am Montag früh e n t - sprechend kostümiert. Er erhielt einen Reitanzug, erne Karte für den Tatersall und einen Revolver. Thor- mann war der festen Ueberzeugung, daß alles in bester Ord- nung sei und erschien gegen 11 Uhr im Cafe Josty, wo er zu­nächst Herrn D. traf, der, um Thormann in Sicherheit zu wiegen, seine Frau mitgebracht hatte. Punkt 11 Uhr erschien jedoch nicht der"Attentäter C.", sondern Kriminalbeamte des Reichskommissars, die Thormann verhafteten.

Dr. SKacht nach Saris berufn.

Geheimverhandlungen der Sachverständigen.

Der Erste Sachverständigenausschuß hat beschlossen, den Reichsbankpräsidenten und Währungskommissar Dr. Schacht aufzufordern, einer der nächsten Sitzungen b e i - zuwohnen, um Auskunft über verschiedene auf die Wüh- rungsfrage bezügliche Fragen zu erteilen, die, wie der Bericht besagt, noch der Aufklärung bedürfen.

Der Ausschuß hat ferner beschlossen, dieProtokolle

seiner Be r h a ndst u ng e n weeeeeww

! i m zuhalten und

_ _________________ Mtr'-TTW ,,-lmiayw»,' bei» Presse keine Interviews und Mitteilungen zu geben. Jede

Mitteilung an die Presse wird durch den Generalsekretär er­folgen, der sie vorher dem Ausschuß unterbreiten wird.

Die Reichsregierung ist von dem Beschluß des Sach­verständigenausschusses durch die Reparationskommission direkt verständigt worden. Es ist noch nicht bekannt, über welche besonderen Fragen Dr. Schacht Auskunft geben soll. Der Michsbankpräsident wird der Ein- labung Folge leisten.

Die englische Thronrede.

Aus London vom 15. d. M. wird gemeldet:

Der König, begleitet von der Königin, begab sich heute b dem üblichen Prozessionszuge vom Buckinghampalast nad dem Parlamentsgebäude in Westnnnster zur feierlichen Ex Öffnung des Parlaments. Die Straßen, durch die der Zu, seinen Weg nahm, waren von' Menschenmengen dicht besetzt und das Königspaar wurde enchusiastisch begrüßt. De, Staatskarosse, die von acht Pferden gezogen wurde, folgte* fünf andere Wagen, in denen die höchsten Hofbeamten uni Hofdamen sowie die Offiziere des königlichen Haushaltei saßen. Ein Salut von 41 Kanonenschüssen verkündete da« Eintreffen des Königs im Oberhause an, wo Georg V., nach­dem er die Herrscherrobe ange.egt hatte, seinen Sitz aus dem Throne einnahm. Nach den üblichen Formalitäten verlas der König die Thronrede, die folgenden Inhalt hatte:

Meine Beziehungen zu fremben Mächten sind freund­schaftliche geblieben. Ich freue mich, in der Lage zu sein, einen endgültigen Fortschritt in den Fragen feststellen zu können, deren Lösung bisher den Weg zu einer gegenseitigen Verständigung versperrt hatten und die die Erholung der Welt hemmten. Die Reparationskommission hat zwei Komitss eingesetzt, in denen Sachverständige von den Vereinigten Staaten zusammenarbeiten werden mit denen von Großbritannien, Frankreich, Italien und Begien in der Prüfung sehr ernster Finanzfragen, die die Lage Deutschlands berühren."

Der König streifte dann kurz die übrigen außenpolitischen Probleine, wie Tanger, den Vertrag von Lausanne, die britische Reichskonferenz usw. Er wandte sich dann den inneren Affären zu und erklärte:Meine Minister haben kürzlich dein Lande Vorschläge unterbreitet, die nach ihrem Urteil wesent­lich zur Lösung dieses Problemes beigetragen hätten, dadurch, daß sie der Industrie Sicherheit in größerem Maße in den heimischen Märkten boten und die Ausfuhr unserer Erzeug­nisse nach den Dominions über See und in fremde Länder besserten. Aber diese Vorschläge wurden von d e m L a n d e nicht angenommen. Unter diesen Umständen wird Ihre Zustimmung zur Ausdehnung und Ergän­zung der ' H a rr d e I s m ö g l i ch k e i t e n rrachgesucht werden."